Andreas B. Arnold: 'S iss soweit (Kurzgeschichte)

Da biss das Mastschwein ihr in die Zitzen. Da riss die Alte, ihre Ferkel spänend, die Augen auf und grunzte, hob den Schädel, blickte träg aufs Gesäuge und legte sich dumpf wieder nieder. Ein Raum aus Beton. Ein Wartestall. Ausgelegt für ein bis zwei Schweine. Belegt mit einem dreiviertel Dutzend, das gierig aus verdreckten Trögen karges Futter verschlang. Einmal am Tag. Dann wurde es kalt im Stall. 


Da wurde das Kleinste der sieben Ferkel von der Alten an der Wand zerquetscht; da watete sie im schlüpfrigen Mist, rutschte aus, fiel – und noch eins hin. Zwei weitere wurden vom Mastschwein abgedrängt, das soff die freigewordenen Zitzen leer, bis auch die verendeten. Und still blieb die Alte. Still stehen. Tagelang, wochenlang, monatelang. Und endlich war das Mastschwein schlachtreif. Vier Monate alt, zwei Zentner schwer.

Irgendwann würde der Tag kommen: diesen Winter, in den kommenden Wochen, an einem Samstag, in der Früh. Mehr wusste Kathie nicht. Kathie, das Mädchen mit dem verschämt rotfleckigen Hals. Sie lebte, seit sie denken konnte, bei den Adoptiveltern. Und seit sie denken konnte, wurde an und für sie gedacht. „Tu dies“, „Aber du musst noch …“, „So etwas macht man nicht“, „Haltung, Kathrin! Haltung!“, und Kathie fügte sich. Sie tat, was die Adoptiveltern von ihr verlangten, um jemand zu werden, den man lieben konnte. Ein gutes Gefühl, Dankbarkeit zu beweisen und ein schlechtes, sich nicht selbst finden zu dürfen. Kathie wurde die Beste in der Schule und gleichzeitig von Mitschülern aus der Gemeinschaft ausgegrenzt.

Vater:   „’S wird Zeit! ’S Mastschwein iss so weit!“
Mutter: „Awer es muss no ä weng fetter wern!“
Vater:   „’S hinkt scho!“
Mutter: „Ja, awer trotzdem isses no zu macher. Morche kriechts ä weng
            mehr zu fresse.“
Vater:   „Awer so lang warte mer nimmer mit dere, gell?“
Mutter: „Nä, nimmer so lang!“

Und eines Tages kam Melli in Kathies Klasse. Sie war so anders. Rasierte Glatze, langer schwarzer Mantel, Piercings oben, mittig und („das ist mein Geheimnis, aber ich verrat’s dir, weil du meine beste Freundin bist“:) unten. Punk, Reggae, alles was knallt. Der Roller knallrot, ihr Vater knallte sie, wenn er besoffen war, ihr Lover knallte sie auch, aber das war etwas anderes; ihre Hand knallte aufs Knie, wenn sie laut lachte, und es knallte in ihrem Kopf, wenn sie sich was einpfiff.
Und dann war da Joe, Mellis Kumpel. Kathie wusste, dass er sie gesehen hatte.

Joe:      „Ein kleines Näschen?“
Kathie: „Ich weiß nicht. Was meinst du denn?
Joe:     „Koks.“
Kathie: „Ich nehm normalerweise keine Drogen.“
Joe:      „Noch nie was genommen?“
Kathie: „Nee!“
Joe:      „Fotze!“

Es machte mit ihr. Er machte in ihr etwas mit ihr. Sie wollte mehr davon. Natürlich machte sie mit. Bravsein lief aus. Er knallte sie und sie wollte geknallt werden.

Der Anfang war gemacht, die neue Straße fuhr sich gut, es wurde beschleunigt. Speed auf dem High-way, Benzos zum Runterfahren. Kathie blieb auf der Überholspur und das Versteckspiel begann. Es war teuer. Der Vater gab der bettelnden Mutter Geld, die Mutter gab es Kathrin, wenn er nicht hinsah, und die Mücken flogen gedankenlos an die weiter, welche Kathie das gaben, was sie wirklich brauchte.

Kathie: „Nein, ich bin nicht mit diesen Leuten zusammen.“
Mutter: „Aber du bist doch gesehen worden.“
Kathie: „Das war Nadine. Die sieht genauso aus wie ich.“
Mutter: „Kathrin! Dass du unserer Familie keine Schande machst!“
Kathie: „Ja, Mama.“

Aber das Mastschwein hörte nicht auf, der Alten in die Zitzen zu beißen. Immer wieder. Täglich und öfter. Die Alte brummte, wand sich, rekelte, schmierte herum, aber dennoch ertrug sie es. Stoisch. Die Zitzen fingen an zu bluten. Und die blutige Milch schmeckte dem Mastschwein nicht mehr. Da versuchte das Mastschwein, der Alten aus dem Weg zu gehen. Doch die Alte blieb stehen. Und das Mastschwein fing an, sie fester zu beißen. Die Alte konnte nicht fort. Sie stand da. Stand einfach nur da.

Joe:      „Hey, wir machen`n Bruch. Biste am Start?“
Kathie: „Was?!“
Joe:      „Weißt schon. Knack-knack. Komm schon, Fotze!“
Kathie: „… aber?“
Joe:      „Crazy shit!“

Die Nachbarn tuschelten. Der Ruf der Familie stand auf dem Spiel. Die Eltern mussten auf Kathrins schlechtes Benehmen reagieren. Kathrin bekam Hausarrest. Vorerst. Dann würde man weitersehen. Und sie fügte sich. Zumindest, solange die Alten wach blieben. Aber die waren alt und Joe pfiff gegen halb zwei. Ein abenteuerlicher Abstieg am Fallrohr begann. Geräucherte Zungen. Heiß. Verboten. Geil. Der erste Bruch. Unentdeckt. Es wurde gefeiert, geknallt. Und endlich bekam Kathie von Melli die Pille. Die Eltern hoben den Hausarrest nach drei Tagen wieder auf; wegen guter Führung.

Vater:    „Wie geht’s dir denn, Kathrin?“    
Kathie:  „Es geht mir gut.“
Vater:    „Na dann ist’s ja gut. Sieh zu, dass du auf dich aufpasst.“
Kathie:  „Natürlich, Papa.“
Vater:    „Pass wirklich auf dich auf, hörst du? Ich will nicht, dass wir in
             Schwierigkeiten geraten.“
Kathie:  „Ja, Papa! Ist ja gut.“

Und das Mastschwein fiel weiter auf. Es bewegte sich zu viel, war zu laut, zu aggressiv und biss unermüdlich die Alte und die Ferkel.

Vater:   „Da, guck ämal des Mastschwein. Wie frech des scho widder iss.
            Des beißt dere Alte die Zitze noch ab.“
Mutter: „Des ghört halt gschlacht!“
Vater:   „Ja! Da sach endlich ämol em Metzger bescheid! S’ iss so
            weit.“
Mutter: „Morche. Morche sach ichs.“
Vater:   „Awer denk dro, gell?“
Mutter: „Morche. Bestimmt morche. Ich vergess’ nit.“

Und Kathies Haare fielen wie ihre Schulleistungen und die Bereitschaft, sich etwas sagen zu lassen. Alles fiel in ein tiefes Loch und fiel noch weiter.

Mutter: „Mensch, Kathrin, komm …“
Kathie: „Jetzt lasst mich endlich in Ruhe!“
Mutter: „Kathrin, wir müssen mit dir sprechen …“
Kathie: „Ihr sollt mich in Ruhe lassen! Ich hab’ genug von euren
            dummen Sprüchen!“
Mutter: „Kathrin, bitte! Wir wollen dir nur helfen!“
Kathie: „Raus! Raus aus meinem Zimmer! Ihr könnt mich alle mal!“
 
Wie Zündhölzer, so rot, standen die Zitzen vom weißen Leib der Alten ab. Rot brannten sie, wenn sie sich hingab, rot, wenn das Mastschwein biss, und rot bluteten sie. Und trotzdem säugte sie weiter.

Mutter: „Es Mastschwein macht die annern Ferkel no kaputt. Scho wieder ens wenicher.“
Vater:   „Ach, des iss bloß ä bissle uffgeweckt. Des fücht sich scho wieder.“
Mutter: „Und wenn nit?“
Vater:   „Dann kommt der Metzger. Des hömmer gleich. Der kommt sofort, wenn mers wolle. Du wirst sänn.“

Kathies Blick wurde müd’, ihr Körper träge und lustlos. Das Sprechen ging langsam. Es fiel ihr schwer, sich auszudrücken. Und die Eltern klagten: Wo bist du, Kathrin? Wo ist unser fleißiges, artiges, liebes Mädchen?

Joe:     „Haste noch was?“
Kathie: „Näh!“
Joe:     „Müsse mer was besorch.“
Kathie: „So eine Scheiße! Wer hat noch was?“
Joe:     „Vielleicht der Don.“
Kathie: „Fahrmer.“

Man kannte Kathie. Im Schulhof vercheckte sie. Ihre Haare wuchsen, überwuchsen und verdrillerten zu einem Freedom-In-Style. Glöckchen bimmelten an den Ringen und Ringe hingen in jedem Loch. Kathie wurde „Cat“, ein Raubtier, das in der Nacht Beute machte. Sie schlich durch die Straßen, suchte nach Möglichkeiten, und war bereit, alles zu tun. Dabei fraß sie die eine und verkaufte die andere Hälfte. So konnte sie leben. Doch der Hunger ließ nicht nach.

Vater:   „Jetzt reicht’s! Des Mastschwein iss zu fett!“
Mutter: „Ja, Alter. Hast ja Recht.“
Vater:   „Des säuft immer no an der Zitze. Wo soll des hieführ’? Was
               issen jetz? Haste’n Metzger scho bestellt?“
Mutter: „Ich mach ja scho. Ich mach ja …“
Vater:   „Jetzt säh awer zu! Die fette Sau muss endlich fort!“

Und Cat wusste, dass der Direx ihres Gymis sie fest im Blick hatte. Eine Aufwieglerin war sie, ein Störfall für die Schule. Und immer, wenn etwas passierte, war sie es. Aber Cat beherrschte die Unterschrift ihrer Mutter. Und die Eltern wiegelten ab: „Nein, nicht unsere Tochter!“ Trotzdem bat der Schulleiter sie zum Gespräch, und die Eltern kamen.

Schulleiter: „Kathie, wir wissen, dass du …“
Cat:             „Ich will, dass sie mich siezen!“
Schulleiter: „Gut. Kathrin, wir wissen, dass sie …, dass manchmal … in
                      der Pause Geschäfte laufen - mit Drogen. Aber wir werden
                      Denjenigen finden, der das macht. Und glauben sie mir:
                      Derjenige wird nichts zu lachen haben. Dem hetzen wir die
                      Polizei auf den Hals. Drogen zu dealen ist eine Straftat!
                Wissen sie das überhaupt, Kathrin?“
Cat:             „Wen meinen sie denn, Herr Direktor?“
Schulleiter: „Ich meine nur …“
Cat:             „Wenn sie mir etwas unterstellen, zeig’ ich sie an und
                      dann haben sie ihren Posten los! Versuchen sie es! Mir
                      können sie gar nichts nachweisen!“
Vater:             „Aber Kathrin! Wie redest denn du mit deinem Schulleiter?“
Cat:             „Halt’s Maul, Dad!“

Die Alte ließ das Mastschwein in allem gewähren. Aber das Mastschwein wurde des ewigen Fressens überdrüssig.

Mutter: „Bald isse dran!“
Vater:   „Die wird ä paar schöne Würscht gäb …“
Mutter: „Iss längst überfällich!“
Vater:   „Also? Morche?“
Mutter: „Ja! Morche früh!“
Vater:   „Gottseidank dass mer die mal los wern.“
Mutter: „Hast Recht, Alter. Länger hätte mers wirklich nimmer
               ausghalte mit der!“

Am nächsten Morgen lagen drei kleine Schweinsleiber blutverbissen auf dem Betonboden, während die Alte und das Mastschwein Stücke aus den Toten rissen, Saft schlabberten und Knorpel und Knochen knusperten.


Mutter: „Was iss passiert?“
Vater:   „’S Mastschwein hatt unner Ferkel all dot gebisse!“
Mutter: „Des gibt’s doch nit! Die Sau! Die Elendiche! Die elendiche
               Dreckssau! Jetzt gibt’s kein Pardon mehr. Die wird gschlacht.
               Heut no!“
Vater:   „Aber Alte, woher solle mer denn jetz no für heut en Metzger
               herkriech?“
Mutter: „Des iss mir egal. Die muss wech. Die hatts nit anners
               verdient!“

Und der Metzger kam am selben Abend, zog das Mastschwein an den Ohren und mit Tritten aus dem Stall, nahm den Schussapparat, setzte ihn an. Zwischen die Ohren. Genau zwischen die Ohren. Das Mastschwein ruckte ein paar Mal. Dann wurde es ruhig. Es krachte. Der Schusskolben sauste abwärts, bohrte sich durch seine Haut, bohrte sich durch seinen Schädel, bohrte sich in sein Hirn und ein kurzes Leben erlosch, während die Hinterläufe zuckten. Die Kehle aufgeschnitten und das Blut floss in eine Schüssel, die gerührt werden musste, unentwegt gerührt, denn nichts sollte verloren gehen. Dann das Mastschwein in die heiße Wanne gesteckt, enthaart, die Läufe durchbohrt, an einem Flaschenzug der bleiche, mit Blut bespritzte Körper aufgehängt, ausgenommen, in zwei Hälften gehauen, die Fleischstücke portioniert und der Rest verwurstet.

Das gemästete, großrahmige, mittellange, Deutsche Edelschwein, mit seinen weißen Borsten auf weißer Haut, einem breiten Kopf mit eingedellter Nasenlinie und Stehohren, war nicht mehr.

Cat sah es, sah, dass es nicht mehr war, sah, dass sie ausbrechen musste, brach aus, verschwand und blieb verschwunden. Die Eltern waren erleichtert. Die Schule meldete sich nicht. Und die Polizei suchte sie auch nicht.

Mutter:  „Wo iss nur unner Kathrin?“
Vater:    „Die soll blei, wo der Pfeffer wächst!“
Mutter:  „Awer, was iss, wenn dere was passiert iss?“
Vater:    „Was soll sei? Die iss halt abgstürzt! En Junkie iss die worn!“
Mutter:  „Ja unn? Wolle mer ihr nit helf?“
Vater:    „Des Dreckmensch stammt nit von uns! Dere is nimmer zu
          helfe!“
Mutter:  „Du lieber Gott! Warum muss unner Familie nur so viel Leid auf
                sich nemm! Warum? Mir hömm doch alles getan.“
Vater:   „Beruhich dich, Alte. Des mit unnerer Kathrin iss scho längst   
vorbei. Des wird a nimmerm mit dere. Die müsse mer efach  vergess!       
Mutter: „Des koste doch nit gemach. Die Leut! Was denke die Leut  
               von uns?“
Vater:   „Des ist mir jetz ah wurscht!“

Da hing Cat an der Nadel. Sie drückte mehrmals täglich Gift in ihren Körper: in den Handrücken, den Oberschenkeln, zwischen die Zehen, überall hin. Ihr Fleisch ließ sich martern und blutig reißen. Die Wunden vernarbten. Und Cat nahm, was immer man ihr gab und kriegte doch nie genug. Sie sah sich gezwungen, mehr Fleisch zu geben. Da bekam sie Mike. Der nahm ihr Fleisch, legte es auf eine Waage, wog es und verkaufte es an Denny. Denny klopfte es tüchtig, grün und blau, und bestimmte, was es zu leiden imstande sein musste. Aber immer noch gingen die göttlichen Nadeln weich in die Haut und der Saft betäubte sie sanft und schenkte Cat Vergessen.

Dann kam der Tag, an dem Zufälle einen Zeitpunkt formten. Er kam im Winter an einem Samstag in der Früh. Noch diese eine Nadel, dachte sich Cat. Die Allerletzte. Immerhin ist es mein Leben, dachte sie, und deshalb entscheide ich darüber. Und warme Flüssigkeit drang in sie ein, breitete sich aus, erhitzte ihre Glieder, löste ihre verhärteten Gesichtszüge und zauberte ein Lächeln auf ihren Mund.

Da lag Cats Leiche in einem Park. In der Zeitung erkannten die Eltern sie, meldeten sich aber nicht. Ihr Körper kam in die Pathologie, wurde ausgenommen, wieder zusammengesetzt und verbrannt, die Asche anonym in einer Urne beigesetzt. Keiner dabei, der sie kannte. Kein Grabzeichen. Nichts, das bezeugte, dass hier Cat, Kathie und Kathrin lagen.

`S war so weit.

Der Autor:

Andreas B. Arnold ist ausgebildeter Fachkrankenpfleger für Psychiatrie, Praxisanleiter, Heilpraktiker für Psychotherapie, Entspannungstrainer, Dozent für Gesundheitsberufe sowie selbstständiger psychologischer Berater in eigener Praxis. Aktuell schreibt er Kurzgeschichten und an einem Roman. www.andreas-b-arnold.de