Anne Müller

Anne Müller, geboren 1963 in Flensburg, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Studium der Theaterwissenschaften und Literatur in Erlangen, München, Bologna, danach freie Radiojournalistin. Arbeit als Drehbuchautorin u.a. für ARD und ZDF und lebt in Berlin.


Die Sehnsucht der Fische (Roman)


Ein kinderleichter Sonntagmorgen, ganz früh. Die Ostsee ist noch verschlafener als wir. Weit und breit nur unser Peugeot auf der Strandkoppel. Im Gänsemarsch auf dem schmalen Weg durch Strandhafer und Heckenrosen an den Strand, zuerst den Windschutz aufbauen. Warum war damals alles orange oder beige, orange und braun gemustert? Dann ab ins Wasser. War Mutter beim ersten Schwimmen überhaupt dabei? Während ich mich langsam mit dem Ostseewasser nass mache, sehe ich ihre Badekappe nicht, die mit den bunten Plastikblumen, ja genau die, die sie so alt macht und die wir alle deswegen nicht mögen. Vielleicht, ich tauche langsam ins Wasser ein, sitzt sie am Strand und raucht gerade „Lord extra“ oder  bereitet für uns alle auf der karierten Decke im Sand das Frühstück vor.

Das Wasser ist sonntags anders als sonst. Keiner kann mir erzählen, dass die Ostsee nicht weiß, dass Sonntag ist. Selbst der Militärhafen am Ende der Bucht wirkt heute verlassen. Wenn der Russe schlau ist, denke ich, dann kommt er an einem Sonntag. Gemeinsam mit den anderen und doch allein schwimme ich hinaus Richtung Horizont. Ich finde meine drei Brüder schön, wenn sie nass sind, ihre glänzenden Augen umrahmt von verklebten Wimpern, die Haare liegen zurück am Kopf und sie haben auf einmal eine Stirn. Vater lässt sich seit neuestem einen Bart wachsen und der Friseur hat ihm einen Pony geschnitten. Seine sonst weiße Schuppenflechte leuchtet im Wasser rot durch das Haar.

Vielleicht war, ist Mutter doch dabei, korrigiert unseren Schwimmstil oder liegt auf dem Rücken und schlägt die Beine mit dem Muttermal im Wasser, während Vater rauskrault Richtung Dänemark und ich immer Angst habe, dass er nicht mehr zurückkehrt.

Nach dem Schwimmen laufen wir fünf Kinder der Größe nach hinter Vati am Ufer her, ich den Blick auf die Waden meiner Schwester, ein kleiner Dauerlauf zum Trocknen über Kiesel und Sand. Wer uns so sieht, muss uns für eine glückliche Familie halten.

Hungrig sind wir jetzt und nun kommt das Allerbeste: Belegte Brote, hart gekochte Eier, Kaffee für die Eltern aus der Thermoskanne.

Während ich nach dem Schwimmen ein Frotteeshirt über die Gänsehaut ziehe, schmecke ich den ganz besonderen Duft: Nach Kaffee, Salami, Graubrot und nach Familie riecht es, nach Delial, Faktor zwei, nach Strandhafer, dem Stoff des Windschutzes, ja sogar leicht nach dem Dachboden, auf dem er überwintert und nach Süd-Ostwind riecht es und nach Glück.

1.

Alles Wichtige in meinem Leben ist an einem Mittwoch passiert. Es war noch Mittwoch, spät abends, als ich geboren wurde, an einem Aschermittwoch bekam ich meinen ersten richtigen Kuss, wenn auch ganz anders, als erwartet, und die dumme Sache mit Vater ist auch an einem Mittwoch passiert. Und mittwochs kam früher immer der Fischmann. Er fuhr mit seinem graublauen Lieferwagen über die Dörfer, klingelte mit einer Glocke in den Straßen, rief: "Der Fischmann ist da! Fiiiiische, frische Fiiiische!" Und immer schnappte meine Mutter ihr Einkaufsnetz, das Portemonnaie - und mich. Am Mittwoch habe ich schulfrei. Am Mittwoch essen wir Fisch. Butt, Heringe, Makrelen, Dorsche liegen in den Holzkisten, im Eis. Tot, ganze Fische mit ihren Köpfen, von denen man nur eine schuppige Hälfte sieht mit einem Fischauge - die eine Pupille fixiert einen Punkt im Irgendwo, die andere starrt ins Eis. Das sehe ich mir jeden Mittwoch an, während meine Mutter mit kritischem Blick wählt. Mutter sieht den Fisch als unsere Nahrung für diesen Tag, mit dem sie vor allem meinen ewig hungrigen Vater satt kriegen muss. Es gibt - je nach Jahreszeit - Butt mit Béchamelkartoffeln oder Kartoffelsalat, gebratene Heringe, gekochten Dorsch mit Salzkartoffeln. Für Mutter ist heute Fischtag, für mich ist der Mittwoch der Tag, an dem ich den Tod studiere.

Der Fischmann in seinem Kittel ist klein und trägt ein Toupet. Ich mag den Fischmann, er ist immer nett. Wenn er Schlachter wäre, würde er mir eine Scheibe Jagdwurst oder ein Wiener Würstchen schenken. Aber als Fischmann hat er nichts, was er mir geben könnte. So ködert er mich jedes Mal mit einem Lächeln, bei dem seine hellblauen Augen im Mürbeteiggesicht blitzen. Es ist ein gütiges Lächeln. Ich verpasse daher nie den Moment am Mittwoch und laufe immer mit meiner Mutter, dem Einkaufsnetz und dem Portemonnaie mit. Während meine Mutter gemeinsam mit den Nachbarinnen wartet, auswählt und bezahlt, stehe ich vor der offenen Lieferwagentür. Ich könnte die Fische stundenlang betrachten. Ich habe nämlich das Gefühl, dass sie noch gar nicht wirklich tot sind, sondern nachdenken während sie auf dem Eis liegen. Ich bin mir sicher, dass den Fischen in den Holzkisten zwischen den Eisstücken sehr kalt ist und sie sich nach dem Meer zurücksehnen.

Mittwochs ist Fischtag. Ich folge meiner Mutter in die Küche, wo sie die Fische mit einem scharfen Messer an der Unterseite aufschlitzt, den Butts zuerst die Köpfe abschneidet. Manchmal springen auch noch Fische auf unserem gekachelten Küchenboden herum, die meiner Mutter aus den Händen geglitten sind. Sie schreit dann auf. Erst wenn meine Mutter die Fische ausnimmt, alles aus ihnen herausreißt, ihre Leber, Laiche, Nieren, Gedärme, erst dann bin ich überzeugt, dass die Fische wirklich tot sind.

Ich schaue Mutter gern dabei zu, wenn sie ganz selbstverständlich grausame Dinge tut, nur um uns zu ernähren. Sie hat ihre weiße Schürze dabei an, ein Verlobungsgeschenk von Vati. In dieser Schürze tötet sie und nimmt die Fische aus, wäscht, salzt sie, füllt die Heringe mit Dill, zwischendrin raucht sie im Wohnzimmer eine Zigarette, dann werden die Fische gemehlt und in viel Butter gebraten. Manchmal biegen sich ihre Schwänze noch in der Pfanne nach oben, ein letzter Gruß aus dem Jenseits, und meine Mutter muss sie mit dem Pfannenfreund wieder herunterdrücken. Jetzt bittet sie mich, mit ihrer weichen, rauchigen Stimme, den Tisch zu decken. Ich liebe meine Mutter. Mutter wurde selten laut. Wenn Mutter böse auf jemanden war, dann schwieg sie. Wie ein Fisch.