Annette Wieners: Platz (Roman)
1.
Der Flur im Hause moderte. Montags war Putztag, zum Heulen, die Frau wischte am Ende nie trocken. Ich warf die Haustür ins Schloss und drückte den Lichtschalter. Auf dem Boden vor den Briefkästen verdunstete Wasser aus einer Lache. Fliederaroma durchzog das faulende Holz. Nur alte Weiber stehen auf Flieder.
Ich selbst hatte den Tag über drei Fichten gefällt (Picea abies), das Herbe der frischen Scheite genossen, die harzige Luft. Vielleicht hingen noch Späne in meinen Haaren, oder Nadeln und Erde, denn ich hatte am Ende sogar einen Wurzelstock gefräst und damit den Seniorchef überrascht. Noch nie hatte in unserer Firma eine Frau an der Fräse gestanden. Meine Muskeln vibrierten, als ich die Messer durch den Boden jagte. Und hier im Hausflur sollten mir die Knie weich werden? Lächerlich.
Ich schob meine Füße bis an den Rand der Lache und klaubte meine Post aus dem Kasten. Dann beeilte ich mich auf der Treppe nach oben.
Bis zur ersten Etage atmete ich aus, hoffte, die Luft werde besser, doch ab der zweiten Etage schon roch es nach Essen, roch immer stärker, je höher ich kam, und das bei meinem leeren Magen. Keiner machte hier mal sein Fenster auf, alles zog ins Treppenhaus. Und ich schlich mittendurch, anstatt mich zu beschweren.
Es war kein Wunder, dass alle, die damals lauschten, mich so grob unterschätzten. Nicht einmal ich konnte ahnen, wozu ich später im Jahr noch in der Lage sein würde. Ich hatte an diesem Abend, wie eigentlich immer, nur den einen Wunsch, unbehelligt nach Hause zu kommen, und so huschte ich auf Zehenspitzen an Frau Rockmanns Wohnung vorbei. Endlich erreichte ich die vierte, meine, Etage. Auf der Fußmatte vor meiner Tür stand Frau Rockmanns Kochtopf.
Ich biss die Zähne zusammen, schloss meine Wohnung auf, möglichst leise, stieg über den Topf und brachte meine Post nach drinnen. Dann ging ich zurück und hob den Deckel. Deftiger Kohl mit Knödeln und Würstchen, die irre Sorge der Rockmann, ich fiele vom Fleisch. Das Licht im Treppenhaus erlosch mit einem Klack.
Ich nahm den Topf hoch und trug ihn in meine Küche. Ich zog meine Jacke aus und wusch mir die Hände über der Spüle. Meine Wohnungstür blieb offen dabei. Für höchstens eine Minute. Aber als ich zurückkam, lag ein Mensch auf meiner Schwelle.
Den Kopf voran, Schultern und Brust drinnen auf meinem Teppich, Hüfte und Beine draußen auf dem Flur. Lag auf dem Bauch im Eingang, das Gesicht hochgereckt zu mir.
Eine Frau mit weißem Gesicht, fremd, wie durch Milch schaute sie mich an. Eine alte Frau.
Ich schrie, wich zurück, streckte meine Hände zwar der Frau entgegen, wich aber trotzdem weiter zurück, denn etwas in ihren Augen schaffte es, mich wegzustoßen. Die alte Frau spitzte die Lippen, drehte das Gesicht fort von mir und musterte den Boden vor ihrer Nase. Ich hielt mir den Mund zu. Sie ließ ihren Kopf fallen und drückte ihre Wange auf meinen Teppich. Deutlich hörte ich sie seufzen. Meine Hände sackten nach unten, doch ich bückte mich nicht und wusste dabei, ich müsste es eigentlich tun: mich zusammenreißen, mich auf den Boden knien, der Frau auf die Beine helfen. Mich normal verhalten! Wenn sie nur eine Spur sanfter gewirkt hätte. Knallrot lief ich an.
Ich erreichte mein Telefon und stakste damit durch meinen Flur. Ich drückte die Eins, die Telefontaste piepte, die alte Frau riss ihre Milchaugen hoch. Noch eine Eins, Piep, da langte die Frau an die Wand neben dem Eingang und zog mit einem Ruck das Kabel aus der Telefonbuchse. Plastik splitterte. Ich stand da mit brennendem Gesicht. Sie lächelte. Sie krallte ihre Hände an den Türrahmen und drückte sich voran, tiefer in meine Wohnung. Ein Knopf ihrer Strickjacke verfing sich an der Kante meines Teppichs, die Frau schlängelte sich los. Ihre Hüften rutschten schon über meine Schwelle. Da endlich hatte ich genug vom Glotzen.
Ich hockte mich hin und wollte die Alte packen. Sie schlug nach mir mit knochigen Fingern. Meine Hände wischten durch und klatschten gegen ihr Gesicht, nicht laut, nicht fest, aber ich zuckte zurück. Sie hingegen drehte und schob sich unablässig weiter, zog ihre Knie an, stemmte ihre Füße an den Türrahmen und drückte ihren Körper komplett in meine Wohnung hinein. Das Schaben von Nylonstrümpfen. Ich sprang auf, das Telefon fiel, traf auf den Hintern der Frau und federte fort auf den Teppich.
Da lag die Alte, lag da ohne Schuhe. Meine Wohnung mit alter Frau sperrangelweit geöffnet. Und von unten im Haus hörte ich Schritte.
Ich lief nach hinten in meine Küche, schnappte mein Handy, spähte um die Ecke rüber zur Alten, bewegte mich aber nicht mehr vom Fleck. Ich versuchte, mein Handy zu aktivieren, guckte hin und her zwischen der Alten, der Wohnungstür, der Tastatur, und vertippte mich natürlich. Vertippte mich sogar noch ein zweites Mal.
Die Schritte draußen kamen immer näher. Atmen, Räuspern, ein Schlurfen auf dem Absatz der Treppe, dann ein Rufen:
„Cosma?“
„Ja! Hier bin ich!“
Ich schrie fast schon wieder: Die Rockmann tauchte auf, in der Hand einen Teller mit Keksen. Aber sie schaute nicht zu mir, sie starrte auf die Frau am Boden.
Ich fuchtelte von meiner Ecke aus mit den Armen:
„Keine Ahnung, wer das ist. Ich wollte gerade die Polizei rufen. Oder einen Arzt!“
Doch die Rockmann kreischte schon fürchterlich und musste sich abstützen am Rahmen der Tür. Teller und Kekse zerbarsten. Ich hastete hin, sie schubste mich zurück, ging in die Knie und schüttelte die Alte.
„Hilde!“
Die Alte gaffte nur. Braune Augen eingefasst in Gelb und Weiß. Frau Rockmann schüttelte immer weiter, die Alte gaffte trotzdem bloß meine Hand an, die das Handy hielt. Ich verbarg das Display an meinem Bein. Dringend musste ich die PIN eingeben, aber in Ruhe, wie sollte das gehen!
Die Alte rollte sich auf den Rücken, ich musste zur Seite hüpfen, hüpfte zu kurz, ihre Strickjacke puffte gegen meine Fußgelenke. Mein Blick sank auf ihren faltigen Hals. Falten und Geknitter bis in die Jacke hinein.
Ich quetschte mich an Frau Rockmann vorbei aus der Wohnung, Kekse krümelten unter meinen Schuhen. Nur ein einziger Versuch blieb mir noch mit der PIN, wenn ich mich wieder vertippte, würde alles gesperrt.
Ich drückte mich an die Wand direkt gegenüber meinem Wohnungseingang. Um meine Beine zog Wind, fast kühl. Die Tür zum Dachboden stand offen, Licht brannte dort. Ich stolperte hin, knipste es aus, wollte die Tür schließen, aber sie klemmte. Ich stellte mich wieder an die Wand und äugte.
Drinnen in meiner Wohnung schob und zog Frau Rockmann an der Alten, damit sie sich setzte. Die Alte ließ es geschehen und wurde mit dem Rücken an meine Flurkommode gelehnt. Ein Viertel Keks lag zu ihren Füßen. Frau Rockmann kniete knapp daneben.
„Hilde, was machst du denn, wie kommst du hierher. Cosma, wie kommt sie denn hierher. Ach sie spricht doch nicht.“
„Was hat sie denn“, fragte ich vom Hausflur aus, aufgesetzt sachlich.
„Eigentlich lebt sie ja in der Schweiz. Meine Schwester ist das doch. Wo sind ihre Schuhe?“
Die Alte krümmte ihre Zehen und streckte sie. Frau Rockmann streichelte Hildes Nylonstrümpfe, ihren Rock und ihre Strickjacke. Ich machte Licht im Treppenhaus und gab die PIN ein. Richtig.
„Also ich rufe jetzt einen Arzt an“, verkündete ich. Frau Rockmann nickte dazu. Hilde jedoch schien die Augen zu verdrehen. Dann kippte sie um.
Die Autorin:
Annette Wieners studierte Publizistik, Germanistik und Ethnologie. Sie arbeitet seit vielen Jahren als freie Journalistin beim WDR-Hörfunk. Außerdem hat sie zahlreiche Drehbücher für ARD und ZDF geschrieben.
2006 erschien ihr erster Roman „Die Beerdigung ihrer Mutter“. Ihr Roman „Platz“ greift in die Zukunft unserer demografischen Entwicklung.
