BC Just: Der Tote (Roman)
Sie räkelte sich im blauen Schatten eines Sonnenschirms auf einer in blauem Nylon bezogenen Liege. Ihre Zehen meldeten einen stechenden Schmerz. Sie hob den Kopf und sah, dass Zehen und Fußende der Liege aus dem Schattenkreis hinausragten. Die Sonne war gewandert und stach punktförmig wie ein Laser auf ihre Haut ein, als wollte sie Zehen und Fuß mittels einer perforierten Linie voneinander trennen. Sie zog die Knie zum Körper heran, stellte die Füße auf und ließ den Kopf auf die Unterlage zurücksinken.
Gerade begannen sie, wie immer gegen sechs, den Strand aufzuräumen, den Abschnitt am Spiaggia del Maronti, der von Giovanni Uomo und seiner Familie bewirtschaftet wurde. Dazu gehörte auch das noble, in den Fels gebaute Hotel über dem Meer, in dem sie seit zehn Tagen wohnten. Tagelang hatte sie den Vorgang immer wieder beobachtet. Zuerst drehte Giovanni die Musik in der Strandbar laut auf. Das Signal für alle. Dann wurden Liegen geradegerückt, parallel ausgerichtet und die Rückenlehnen nach vorn auf die Liegeflächen geklappt, als wenn man ein aufgeschlagenes Buch zuklappte. Der zehn Jahre alte Sohn von Paolo sammelte benutztes Geschirr ein, das auf den kreisrunden, zu jedem Sonnenschirm gehörenden Tischchen stand, und trug es auf einem Tablett über den Holzsteg in die Hütte, in der sich Küche und Strandbar befanden. Giovanni schloss die Sonnenschirme, die alle blau waren und den weißen Aufdruck „Uomo“ trugen, einen nach dem andern. Hinter ihm her ging der kleine Junge mit einem überbreiten Rechen, dessen Stiel ihn um einen knappen Meter überragte, und mühte sich, den Sand zwischen den Liegen und auf den großen Flächen glatt zu streichen, jedes Mal so lange, bis der Onkel ihm zu Hilfe kam und die restlichen Bahnen für ihn zog.
In stiller Faszination hatte sie den Vorgang fast jeden Abend von ihrer Liege aus beobachtet. Sie selbst wäre weniger systematisch vorgegangen, aber wahrscheinlich stellte sich das im Laufe der Zeit ganz von allein ein; jeder schien zu wissen, wann er was zu tun hatte, so dass ihre Tätigkeiten ineinander griffen wie Zahnrädchen einer Uhr. Giovanni Uomo drehte in der kleinen Hütte, die auf Holzpfählen am oberen Ende des Strands in den Sand gebaut stand, als Auftakt das „O sole mio“ für fünf Minuten auf volle Lautstärke. Jeden Abend um diese Zeit. Uomo schien entweder diesen Schlager zu lieben, oder er sang deshalb so überschwänglich mit, weil sein Feierabend immer mit dem O sole mio einsetzte. (Jedenfalls sein Feierabend hier am Strand; denn später half er bei seinem Bruder in der Hotelküche). Die Musik und sein lautes Gesinge beschallten den ganzen Strand. Er stellte sicher, dass alle Gäste ihn hörten und das ultimative Signal, spätestens ab dem zweiten Tag, verstanden. Sie sammelten brav ihre Badesachen ein und verließen den Strand. (Sie musste an die Metropolis’schen Arbeiter denken, schwarzweiß auf zittrigem Zelluloid, die robotergleich, mit ausdruckslosen Gesichtern, gleichzeitig auf den Alarm hin losmarschierten). Vielleicht schien es nur ihr so, aber sie hatte den Eindruck, erst wenn der letzte Gast den Strand verlassen hatte, konnte sich Giovanni mit entspannter Miene und in höchster Konzentration seinen Aufräumarbeiten widmen und diese dann sogar genießen. Sie raffte ihre sieben Sachen zusammen und verließ auf Zehenspitzen, bis sie den Holzsteg erreichte, den Strand in Richtung Hotel.
Der Aufenthalt auf der Insel, würde sie zu Hause erzählen, war großartig gewesen. Auf ihrer Liste der Highlights rangierten die langen Spaziergänge am Strand, die sie gemeinsam abends in der Sonne unternahmen – außer heute, ausgerechnet!, weil er schon zum Hotel zurückgegangen war – ganz oben, auf Platz 1. Der Muskelkater in den Waden, der von dem ungewohnten Gehen im Sand kam, war nach den ersten Tagen wieder verschwunden. Anfangs war sie mit geschlossenen Stoff-Schuhen gegangen, in denen sich schnell der Sand gesammelte hatte; Sandalen dagegen mutierten zu Sandschaufeln, mit denen sie größere Portionen Schritt für Schritt vor sich her schippte, dass es sie zum Lachen brachte. (Der ältere Herr, den sie mit einer Ladung Sand am Kopf getroffen und aus seinem Nickerchen aufgestört hatte, lachte nicht, sondern drehte sich mit ärgerlich-schläfrigem Gesichtsausdruck auf die andere Seite, um weiterzuschlafen). Schließlich ging sie einfach barfuß im nassen Sand, direkt an der Wasserlinie entlang.
Sie mochte es außerdem, und das bedeutete auf ihrer Liste Platz 2, mit dem feinen Duschgel zu duschen, welches das Hotelpersonal in den Bädern täglich in kleinen Alutütchen neu auslegte. Ein Faible der Hotelchefin Rosa – das Ergebnis: ein ungewöhnlicher Service. Jeden Tag eine andere Duftnote: Jasmin, Rosmarin-Lavendel, Olive, Lilie, Rose, Ingwer-Orange und Buttermilch-Zitrone, Malve, Honig-Milch und Moschus. Ein bisschen gesponnen, aufwändig, aber auch irgendwie schön. Wie viele Tage das dauerte, bis der Zyklus von vorn begann? Sie war auf den letzten Morgen gespannt. Noch vor dem Frühstück würde sie duschen und das letzte Mal einen der Düfte genießen. Zeit, zum Strand zu gehen, hatten sie am Abreisetag nicht mehr. Die Fähre fuhr gegen 12.00 und sie mussten erst noch nach Ischia Porto zur Anlegestelle. Auf Platz 3 – und hier würde er vehement widersprechen, denn dies belegte auf seiner Liste unbestritten den ersten Platz – setzte sie die italienische Küche, die „mehr als Pizza und Pasta“ zu bieten hatte (wie einer seiner Geschäftspartner, der aus Italien stammte, zu sagen pflegte, woraufhin er wiederum mit schöner Regelmäßigkeit mit „Eh, senza dubbio!“ antwortete). Paolo servierte Abend für Abend drei Gänge und dazu passenden, inseltypischen Wein. Jeder Ischitaner, der ein Stückchen Land bewirtschaften konnte, baute Wein an. Auch Paolo und Giovanni.
Von der Restaurantterrasse auf dem Felsen genossen sie den Blick aufs Meer, der nicht nur sie, auch andere Hotelgäste dazu verleitete, ausschließlich im Hotelrestaurant, nie aber im Ort zum Essen zu gehen, und zwar während des gesamten Aufenthalts. Sie trank Limoncello zum Abschluss. Er fand ihn zu süßlich. Nach ihrem Gusto war der Limoncello sogar ein bisschen herb, ölig-limonig-herb, süßbitter, so was in der Richtung. Keinesfalls nur süßlich. Er sagte das aber, um sie zu ärgern. Wer das Getränk mochte, machte sich in seinen Augen eines schlechten Geschmacks allgemein verdächtig. Sie bestellte Abend für Abend einen Limoncello – manchmal auch einen zweiten – unter seinen skeptischen, aber beherrschten Blicken. Er trank meistens einen Espresso. Sonst bestellten sie immer das Gleiche. In Ischia Porto fand sich am nächsten Tag bestimmt ein Geschäft, in dem sie eine Flasche für Zuhause besorgen konnte.
Als sie ihr Hotelzimmer betrat, ihre camera doppia con vista mare, hörte sie ihn im Bad. Er duschte. Sie ließ die Badetasche neben dem Tischchen fallen und legte sich aufs Bett. Es war eines Abends gewesen, genau in der O-sole-mio-Phase, als die anderen Gäste sich gerade vom Strand verzogen, dass sie sich zusammen auf den Weg machten, ins nächste Dorf, einem alten Fischerdorf. Nachdem sie vom Fischerstrand aus den Felsen erreicht hatten, kletterten sie über größere Felsbrocken und setzten sich in den schroffen, unbequemen Stein, wenige Meter über dem Wasser. Für etwa eine Stunde saßen sie nur schweigend da, mit angespannten Po-Muskeln, und schauten hinaus aufs Meer. In einiger Entfernung zogen Motorboote vorbei, die beim Ansteuern der Bucht weiße Schaumlinien hinter sich zeichneten, die sie an papierne Drachenschwänze erinnerten. Das leise Tuckern wehte herüber. Zeitlich versetzt konnte sie die Ankunft kleiner Wellen auf den unteren Steinen beobachten. Der schönste Augenblick ihrer Reise.
Am fünften, darauffolgenden Tag waren sie bestimmt schon eine Stunde vor dem O sole mio losgelaufen, wieder in dieselbe Richtung, um vor dem Abendessen etwas mehr Zeit für den höheren Aufstieg zu haben. Bei klarer Sicht konnte man südöstlich in 20-25 Kilometern Entfernung Capri erkennen. Sie hatten Glück, es war ein klarer Tag (im Gegensatz zum Tag zuvor), und sie witzelten, dass sie leider, wegen der falschen Position zur Himmelsrichtung, nie die rote Sonne bei Capri im Meer versinken sehen würden. Den halben Kraxel-Aufstieg hatten sie hinter sich gebracht, als sie plötzlich heftig gestolpert war, weil irgendetwas sie im Kreuz vorwärts gedrängt hatte. Der Wind? Es ging kein Wind. Sie trug einen kleinen, leinenen Wanderrucksack auf dem Rücken, in dem sie für sie beide, noch vom Mittag, etwas Aqua minerale und ein paar Panini und Salami aufbewahrte. Die Begebenheit erschien ihr aus heutiger Perspektive eigenartig, unwirklich. Sie hatte sich umgesehen, nur um sicher zu gehen, dass sie sich nicht doch täuschte, aber auf jener Höhe wuchsen keine Bäume oder Sträucher mehr, deren Zweige sich in ihrem Rucksack verfangen und am Gehen gehindert haben könnten, sie hatten die bewachsene Zone schon vor einiger Zeit hinter sich gelassen, und die lag auch mehr zum Ort hin als direkt zur Meerseite. Ihr Mann war nur ein paar Schritte hinter ihr gegangen, aber doch so weit entfernt, dass er nichts bemerkt haben wollte, er lächelte geduldig. Es war doch Geduld, oder? Außer ihm und dem fraglichen Lächeln war da war wirklich nichts und niemand gewesen. An dem Abend waren sie dann kürzer dort oben geblieben, als ursprünglich geplant, und das Schweigen, das tags zuvor diese verbindende Qualität besessen hatte, summte ihr jetzt fremd in den Ohren.
Am nächsten Morgen hatte sie den Vorfall vergessen. Es wartete wie immer ein opulentes Frühstücksbuffet auf sie. Danach, gegen halbelf, gingen sie wie gewohnt zum Strand hinunter, und nahmen ihre Plätze auf den Liegen ein. Er studierte die Tageszeitung, die sie ihm von zuhause nachschickten (das Zeitunglesen belegte seinen Platz 2, denn er genoss es, die Zeitung einmal in Ruhe von Anfang bis Ende lesen zu können, ohne dabei auf die Uhr sehen zu müssen. Platz 3 vergab er an die fliegenden Händler, die täglich durch die Reihen gingen und frische Stücke Kokosnuss und Früchte an die Strandgäste verkauften. Er liebte Kokosnuss). Nach seiner Zeitungslektüre döste er dann im Schatten. Er schwamm nicht gern im Meer. Sie badete mehrmals und ausgiebig im Meer, später las sie in einem ihrer Bücher, aß ein klebriges Babà, das sie vom Frühstücksbuffet hatte mitgehen lassen, und sonnte sich. Am späten Nachmittag unterhielten sie sich mit anderen Gästen, die von einem Ausflug zurückkehrten und lebhaft berichteten. Ein sorgloser Tag. Sonnensatt.
Zehn vollkommene Tage, wenn sie von der minimalen Irritation am fünften Tag absah. Eine selbstvergessene Zeit. Eine schöne Zeit, die sie sogar ein wenig traurig und einsam stimmte, weil Vollkommenheit, wenn sie sich von ihr berühren ließ, bei ihr immer Traurigkeit und Einsamkeit auslöste. Vollkommenheit machte einen einsam, klein und beschämte. So war das. Vielleicht war es diese Art von Einsamkeit, vielleicht auch eine andere, nicht genauer zu fassende, unbegründete Einsamkeit, die sie mit kleinen, tröstlichen Ritualen bekämpften, alle beide, jeder auf seine Weise. Ihr Mann, indem er seine Batterie von Hygieneartikeln in genau derselben Manier von links nach rechts auf der Ablage am Waschbecken aufreihte wie im heimischen Badezimmer. (Zuhause, wenn sie die Ablage geputzt und seine Ordnung aus Versehen durcheinander gebracht hatte, bemerkte und behob er das Malheur noch am selben Abend, bevor er schlafen ging.) Sie selbst legte sich abends die frische Wäsche für den nächsten Tag auf einem Stuhl zurecht, so wie sie sich das vor langer Zeit angewöhnt hatte, um morgens Zeit zu sparen. Der Anblick seiner Rasierpinsel, Seife und Bürsten im Bad und ihren gefalteten Wäschestücken auf dem Stuhl im Schlafzimmer vermittelten ihr das Gefühl, dass, egal wohin sie auf dieser Welt auch gingen, sie in der Lage waren, gemeinsam eine mentale Stabilität zu schaffen, eine Art schützendes Kraftfeld, aus dem sie ein enormes Gefühl von Macht über ihr Leben, ihrer beider Zukunft schöpfte. Sie berauschte sich an diesem Machtgefühl, wurde regelrecht betrunken davon. (Gestern Abend zum Beispiel wieder, aber vielleicht war es da auch nur ein Limoncello zuviel gewesen. In der Tat hatte sie sich ein wenig weinerlich gefühlt, was sie von sich kannte, wenn sie ein bisschen zuviel getrunken hatte.)
Später, am gestrigen Abend, hatten sie im Bett nebeneinander gelegen, vor dem Einschlafen noch jeder ein Buch vor der Nase. Sie schwebte zwischen Wachen und Schlafen, und in ihrer Vorstellung baute sie aus den Buchstaben des Romans, den sie mit immer wieder zufallenden Lidern zu lesen versuchte, imaginäre Wortbrücken und Satzstraßen. So reihten sich allmählich über hunderte von Kilometern Brücken und Straßen aus Buchstaben und Worten aneinander, und in ihrer Phantasie konnte sie über diese Wortbrücken und Satzstraßen laufen, den ganzen Weg zurück, über den Golf von Neapel, den italienischen Stiefel, die Schweiz, durch Deutschland in ihren Heimatort im Hessischen, bis direkt vor ihre Haustür. Aber die Brücken und Straßen hatten nicht bis auf die andere Seite des Betts gereicht.
Die Badezimmertür öffnete sich. Eine feuchte Wolke, die nach seiner Seife roch – er benutzte im Gegensatz zu ihr seine eigene, die er von zuhause mitgebracht hatte –, schob sich in den Raum. Er warf ihr einen Blick zu und verriet mit einem Zucken, dass er sie zwar bemerkt hatte, jetzt aber nicht sprechen wollte. Um seine Hüften war ein weißes Frottiertuch geschlungen. Auf seinem hell gebräunten Rücken schimmerten ein paar vergessene Wassertropfen. Sie wartete einen Moment, dann, als er vor dem Schrank stand und frische Kleidung heraussuchte, stand sie auf und ging ins Bad. Eine halbe Stunde später gingen sie gemeinsam zum Essen.
Morgen endete die Reise. Ciao. Arrividerci. Sie saßen zum letzten Mal auf der Hotelterrasse über dem Meer. Die Brandung summte leise unter ihnen, als sie gegen das Felsmassiv traf. Hier oben wehte ein leichter, warmer Wind, der die Geräusche davon trug. Fast alle Tische waren besetzt. Nach dem Coniglio all’Ischitana waren sie beim dritten Gang angekommen. Heute gab es nur Obst zum Abschluss. Ihr Limoncello war bereits geordert. Er bestellte seinen Espresso.
„Das Kaninchen war hervorragend, nur etwas Öl, ein paar Kräuter und Salz dazu – perfekt!“ Er reagierte nicht. Sie spießte mit der Gabel ein Stück Honig-Melone auf. „Wo bist du denn heute mit deinen Gedanken?“ Unter ihrem forschenden Blick schlug er seine Augen nieder. Sie lächelte ihm vorsichtig zu, damit es nicht nach einem Vorwurf klang.
Er setzte sich aufrechter auf seinen Stuhl, seine rechte Hand spielte mit der geknüllten Serviette auf dem Tisch. „Ach nichts, ich dachte an Mertners und was sie uns von ihrem Ausflug nach Forio berichtet haben, vielleicht hätten wir doch auch dorthin fahren sollen. Die Chiesa della Santa Maria del ...“
„... del Soccorso.“
„Santa Maria del Soccorso. Ich bereue es etwas, dass wir uns soviel ausgeruht und so wenig besichtigt haben.“
„Mach dir deswegen keine Gedanken, du brauchtest dringend die Erholung. Wir können irgendwann wieder kommen.“ Sie hatte sich unter Flitterwochen, auch nach einem halben Jahr Ehe, etwas anderes vorgestellt. In dieser Vorstellung besaßen Besichtigungen allerdings nicht die oberste Priorität.
Er hatte einen undefinierten, zustimmenden Laut von sich gegeben, danach war ihre Konversation erneut erstorben. Der Kellner servierte ihren Limoncello, den sie mit zwei Schlucken leerte. Das Gläschen stellte sie seitlich von ihrem Gedeck ab und langte nach ihrem immer noch halb gefüllten Rotweinglas, das zweite Viertel Wein heute Abend, das neben dem Windlicht in der Tischmitte stand. Sie saßen an einem quadratischen Tisch für zwei Personen, auf dem für das ganze Glas- und Porzellanpanorama, das ihnen Abend für Abend geboten wurde, viel zu wenig Platz war. Sie wusste, es missfiel ihm, dass sie nach dem abschließenden Likör wieder zum Weinglas griff.
„Warum kneifst du heute eigentlich permanent deine Augen so zusammen?“ Den ganzen Tag über schon war ihr das aufgefallen, dass er die Augen zusammenkniff, so sehr, dass sie Mühe hatte, seine Augenfarbe zu erkennen. Es machte sie aggressiv.
„Du meinst, ich kneife die Augen zusammen? Ich merke das gar nicht. Vielleicht die Sonne?“
„Du merkst das gar nicht?!“
„Nicht wirklich, nein. Es könnte ein Sonnenstich sein, was meinst du?“
„Ein Sonnenstich? Kneift man beim Sonnenstich die Augen zusammen?“
„Nein, vermutlich nicht, ich meinte ja nur ... die Sonne ist eine große Anstrengung für den Organismus. Ich bin die viele Sonne einfach nicht gewohnt. Und du weißt, dass ich vor zwei Tagen meine Sonnenbrille verloren habe.“
„Aber jetzt ist es schon nach neun, es wird gleich dunkel.“ Sie nippte kurz an ihrem Montepulciano. An diesem Abend hatte sie auf einem Montepulciano bestanden, auch wenn der nicht inseltypisch war, und sich damit gegen Paolos gerunzelte Stirn durchgesetzt. Sie schwenkte das Glas kreisend in der Hand, der Wein zog seine ölige Spur an der bauchigen Wölbung. Sie mochte ihre kräftigen Handgelenke, mochte es, ihrer Hand bei dieser Bewegung zuzusehen. Sie blickte auf seine gebräunte Hand, die jetzt auf der weißen Tischdecke neben seinem Glas ruhte. Er trank heute nur Mineralwasser.
„Sei mir nicht böse, aber ich möchte heute früh ins Bett gehen.“
Aber sicher doch, mein Lieber. Hab ich nicht immer Verständnis? Er schob seinen Stuhl zurück und erhob sich. „In Ordnung. Gehen wir.“ Er hatte ihre Antwort gar nicht abgewartet. Der Ober brachte gerade seinen Espresso, aber er winkte ihm im Vorbeigehen ab und ließ den Mann verdutzt zurück.
Es war die letzte Nacht, bevor sie zurück zu den getrennten Ehebetten fuhren, die in dem großen Haus mit den beiden Schlafzimmern auf sie warteten, und sie fragte sich, ob er sie anfassen würde, oder ob es wäre wie jede Nacht seit der ersten, seit der er sie nicht mehr anfasste. Sie leerte den Wein in einem Zug, stellte das Glas hart auf dem weißen Tischtuch ab und ging ihm hinterher.
Der Alkohol machte ihre Beine schwer, als sie hinter ihm die schmale, steile, mit rotem Teppich bespannte Treppe zu ihrem Zimmer hinaufstieg. Er schritt mit Kraft voran, sie mühte sich, aufzuschließen, aber oben angekommen hatte er seinen Vorsprung auf etwa drei Meter vergrößert. Sie rang nach Atem. Im engen Flur hing eine feuchtwarme Wolke. Er nestelte mit dem Schlüssel im Schloss, das offensichtlich klemmte. Sie holte ihn ein und gab ihm einen verunglückten Kuss in den Nacken, denn er öffnete die Tür im selben Moment mit einem lauten Klack und ungehaltenem „na endlich“ und stürzte unter ihrem Kuss fort, hinein ins Zimmer. Sie fühlte sich mehr wegen der missglückten zärtlichen Geste als wegen des Promillegehalts im Blut betrunken und verstört. Ein erschöpfter Jäger, dem sämtliche Rehe entwischt waren. Er war schnurstracks zum Balkon gegangen und hatte die beiden Türflügel weit aufgerissen. Die Mücken strömten herein. Sie machte ihn darauf aufmerksam, aber er erwiderte nur, er brauche frische Luft. So stickig sei die Luft im Raum. Sie widersprach nicht. Er ging ins Bad und sie wartete liegend auf dem Bett, starrte an die Decke. In einer Ecke des Raums hing eine Spinnwebe. Als er zurück kam, war sie an der Reihe. Sie überlegte, ob sie noch ein Bad nehmen solle, wie sie jeden Abend überlegt hatte, ob sie in dieser barocken Wanne mit den goldenen, verschnörkelten Armaturen ein Bad nehmen solle, anstatt zu duschen, und heute wäre die letzte Gelegenheit, bevor sie abreisten. Aber sie badete tagsüber schon ständig im Meer und brauste sich unter der Stranddusche warm ab. Wenn sie vor dem Abendessen duschte, dann um der wohlriechenden Seife wegen und um die klebrigen Reste von Sonnencreme zu entfernen. Es wäre schön, eines Tages im Herbst an diesen Ort zurückzukehren, allein der schönen Armaturen wegen, wenn es im Meer nicht mehr so warm war, das wäre der geeignete Moment für ein Vollbad. Kerzenlicht, schwimmende Rosenblätter, heißer Wasserdampf.
Sie putzte sich die Zähne, wusch sich das Gesicht und cremte sich ein. Sie bürstete sich die Haare, wie sie es als Kind gelernt hatte, auch wenn es ja eigentlich albern war, sich die Haare zu bürsten, wenn man sich direkt danach hinlegte und das Licht löschte und niemand einen zu sehen bekam. Aber ohne die Haare gebürstet zu haben, konnte sie nicht einschlafen. Es fehlte dann der entscheidende Abschluss des Zubettgeh-Rituals, ohne den sich die nötige Entspannung zum Einschlafen nicht einstellte, also konnte sie nicht darauf verzichten, selbst wenn sie leicht angetrunken war, wie heute. Darüber nachzudenken, war schon fast genauso zwanghafter Bestandteil des Rituals geworden, wie das Haare bürsten selbst.
Als sie in ihrem Nachthemd die Lampe über dem Spiegel ausgeknipst hatte und die Tür zum Zimmer öffnete, stand sie im Dunkeln. Er hatte das Licht schon gelöscht. Sie erschrak ein wenig, das hatte er noch nie getan, das Licht löschen, ohne ihr zuvor eine gute Nacht zu wünschen. Sie horchte auf seinen Atem und meinte, diesen regelmäßig ein- und ausströmen zu hören. Sie tastete sich vor zum Bett, krabbelte auf ihre Seite und zog das Laken bis zum Kinn hoch. Die Wirkung des Weines war jetzt wie verflogen und eine Wachheit legte sich streng und kühl wie ein Ring um ihre Stirn, reichte rundherum wie ein metallener Kranz um den Hinterkopf. Eine plötzliche Klarheit im Geist, die in krassem Gegensatz zu der Schwere ihrer Gliedmaßen stand. Ein Zustand, den sie noch nie erlebt hatte. Sie wollte ein Gutenacht auf Verdacht in die Dunkelheit sprechen, doch ihr Mund war trocken. Er würde es noch aussprechen, oder nicht? Erste Mücken zogen surrend heran, umkreisten ihr Gesicht in gebührlichem Abstand. Im Treppenflur hörte sie die italienischen Tisch- und Zimmernachbarn die Treppe hinaufpoltern. Nur eine Tür trennte sie von der knarzenden Holztreppe, die das ältere Paar gerade eben nach oben stieg. Laut und kräftig sprach die alte Italienerin, mit dem dunklen Timbre südlicher Frauen, und er brummte irgendwas zur Antwort. Ein Türschloss schnappte, eine Tür sprang auf und schloss. Jetzt hörte sie sie dumpfer sprechen, aber immer noch erkennbar.
Langsam müssten sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, aber der Raum blieb finster. Sie konnte die Umrisse der Möbel nicht einmal erahnen, weil er die Übervorhänge zugezogen hatte. Sie erinnerte sich an den ungewöhnlich dichten Stoff, etwas Brokatartiges, mit dem dunkelroten, großflächigen Blumenmuster, das jetzt genausowenig wie irgendetwas anderes im Raum zu erkennen war, das sie aber gut vor ihrem inneren Auge sehen konnte. Sie hatte einen Blick für Muster. Es war nicht der geringste Luftzug zu spüren.
Nebenan war es still geworden, wie es im ganzen Hotel nach und nach still geworden war. Das Meer lag weit unter ihnen, sie hörte es wohl mehr in ihrer Phantasie rauschen, als es hier oben real möglich sein konnte. Vielleicht war es auch ihr Blut, das sie rauschen hörte. So würde sie unmöglich einschlafen können. Die Mücken waren wenigstens irgendwo anders abgeblieben, vielleicht waren sie durch das Badezimmerfenster zum Nachbarn geflogen oder sie stachen den leblos wirkenden Körper ihres Mannes auf der andern Seite des Betts, während sie völlig unbehelligt blieb. Es lag jedenfalls nicht an den Mücken, weswegen sie wach lag.
Es war ein quietschendes Geräusch, als wenn Metall-Seile auf Metall rieben und ein Ächzen, wie das, das ein nachgebender Baumstamm unter dem finalen Schlag einer Axt von sich gibt, – jedenfalls stellte sie sich diese Geräusche so vor – , einen unseligen Moment bevor sie von der Duftwolke erreicht wurde, die von frisch gewaschener Bettwäsche stammte, und weniger als eine Sekunde später den schmerzhaften Druck einer weichen Masse spürte, die ihr hart die Nase verbog und die Luft zum Atmen nahm. Auf ihrem Körper lag ein mannsschweres Gewicht und in dem Moment, in dem sie diesen Gedanken dachte, wurde ihr klar, dass tatsächlich jemand auf ihr lag und ihr ein Kissen auf das Gesicht presste. Sie riss die Knie hoch, während sie gleichzeitig mit dem linken Arm, der auf wundersame Weise frei geblieben war, wild in der Gegend ruderte und einen Gegenstand laut polternd zu Boden riss. Das musste die riesige Tischlampe mit dem grünen Porzellanfuß gewesen sein, gleich nebenan auf dem Nachttisch. Sie bekam auch den rechten Arm frei, weil sie unaufhörlich strampelte und sich zu bewegen versuchte, das Rückteil des Bettes polterte mehrmals gegen die Wand. Sie stieß mit dem Ellenbogen nach rechts, darauf folgte ein dumpfes Stöhnen. An der Tür wurde jetzt geklopft und gerüttelt, man rief nach ihnen und sie schrie, als sich nur ein winziger Spalt zwischen Mund und Kissen auftat und ihre Frequenz freigab, sie schrie einen vollen Ton aus dem Unterbauch, den sie warm hervorquellen spürte, und der sie selbst überraschte. Sie fand, sie klang wie ein wildes Tier in der Oper, auch wenn sie noch nie gehört hatte, dass je ein wildes Tier an einer Opernaufführung teilgenommen hätte. Sie roch ihren eigenen, alkoholisierten Atem und sie hörte Holz splittern. Diesmal splitterte wirklich Holz. Sie brachen die Tür auf. Ein Streifen Helligkeit stach ins Zimmer. Das gelbe Flurlicht besaß eine graue Nuance, als wenn jemand mit Wasserfarbe und schmutzigem Wasser gearbeitet hatte, das Gelb mit Grau verschmiert.
Die Autorin:
BC Just: Jg. 1968. Aufenthalt in Kanada/ USA, Germanistik/ Anglistik für das Lehramt, dann Sozialpädagogik studiert. Seit 2000 hauptberuflich in der Sozialen Arbeit tätig, dort in leitender Funktion seit 2008. Schreibt Gedichte, Kurzgeschichten (davon eine in einer Anthologie veröffentlicht) und arbeitet am zweiten Roman.
