Carola Ottenburg: Hinnerk und Hanne (Roman)

Hinnerk – Hamburg – Nächtliches Erwachen

Verdammte Hitze. Anfangs hatte sich Johanna über die Wärme gefreut, aber langsam sehnte sie sich wieder nach dem typischen Hamburger Schmuddelwetter. Die Dachschindeln hatten sich so mit Hitze vollgesogen, dass die Luft in der Kammer auch nachts noch warm und stickig war. Nur hier, am offenen Fenster sorgte der Wind für ein bisschen Frische. Johanna lehnte sich hinaus und genoss die flüchtige Berührung mit der er ihr über Gesicht und Haare fuhr.

Vor ihr ragten Dächer Hamburgs wie scharfe Klippen aus Schindeln und Schornsteinen gegen den Maihimmel. So klar und voller Sterne hatte sie ihn lange nicht mehr gesehen. Gewöhnlich verbargen ihn die Rauchschwaden, die aus den unzähligen Kaminen und Schornsteinen aufstiegen. Aber in den letzten Tagen hatte niemand heizen müssen, und der Wind tat sein Übriges, so dass die Sterne nun wie frisch poliert funkelten.
Irgendwo rief ein Käuzchen. Jemand würde in dieser Nacht sterben. Unbeschrien! Rasch spuckte Johanna dreimal aus, um das Unheil abzuwehren.
Sie sollte das Fenster schließen, schlafen. Wie Magda, das andere Dienstmädchen, mit dem sie die Kammer teilte und deren Atem schwer in der Luft hing.

Aber es war nicht nur die Wärme, sondern vor allem Hunger, der sie nicht schlafen ließ. Alles nur wegen der Bügelwäsche. Weil sie dafür zu lange gebraucht hatte, war ihr Abendessen spärlich ausgefallen. Erst die Arbeit, dann das Essen; das war einer der unverrückbaren Grundsätze von Frl. Besemann, der Hauswirtschafterin.
Abgesehen davon brauchte ihre Dienstherrin das Kleid am anderen Tag. Ein Daguerreograph aus Paris bot seine Dienste in einem der Landhäuser but'n Dammtor an und die feine Hamburger Gesellschaft stand Schlange, um sich ablichten zu lassen. Da wollte auch ihr Dienstherr Alexander Siever nicht zurück stehen – obwohl die Kosten horrend waren. „Genau so viel, wie für ein großes Gemälde, denken Sie nur!“, hatte er zu seiner Mutter gesagt, während Johanna im Salon Kaffee servierte. „Dabei sind diese Bilder geradezu winzig und nicht einmal farbig.“
„Aber es ist sehr schick.“ Anna Siever goss sich etwas von dem Kaffee in die Untertasse und stippte ein Biskuit ein, bevor sie weiter sprach. „Außerdem habe ich gehört, dass man die Bilder auch nachträglich noch kolorieren lassen kann.“
Louise Siever, die Ehefrau von Alexander Siever, ließ das Buch sinken, in dem sie gelesen hatte. „Diese Farben wirken aufgesetzt; die Noblesse der Daguerrographie offenbart sich gerade im Verzicht,“ wandte sie mit ihrer leisen Stimme ein, die immer ein wenig leidend klang.
„Man muss natürlich mit der Zeit gehen. Und es ist zweifelsohne eine wunderbare Technik,“ nahm Alexander Siever den Faden wieder auf. „Man vergeudet keine Zeit mit endlosen Sitzungen, wie beim Maler, sondern investiert einen Vormittag, hält ein paar Minuten still und schon sind die Bilder fertig.“
Mehr wurde zunächst nicht besprochen. Aber die Erwähnung des Daguerreographen hatte Johanna seltsam erregt. Sie bewunderte regelmäßig die Gemälde von Landschaften und Schiffen, die überall im Siever'schen Haushalt hingen. Ihr Lieblingsbild zeigte eine junge Frau, die von einer schattigen Terasse hinab auf das Meer blickte. Die Frau hatte ebenso dunkle Haare, wie sie und manchmal stellte Johanna sich vor, dass sie selber dort säße und mit der Hand die Augen beschirmte, während sie den Schiffen nachsah, deren Segel in der Sonne blitzten. An den Porträts fand sie nur den Schmuck bemerkenswert, den einige der Damen trugen. Trotzdem hätte sie gerne die Zauberapparate gesehen, mit denen es möglich sein sollte, binnen weniger Minuten lebensechte Bilder zu machen. Deshalb war ihre Freude groß, als Anna Siever das Thema noch einmal aufgriff, indem sie sagte: „Wir sollten übrigens Hanne mitnehmen. Magda ist in letzter Zeit ein wenig träge. Sie kann inzwischen das Silber putzen. Das macht sie recht gut.“
Johanna hatte den Salon beschwingt verlassen und sich vorgenommen, das Kleid von Anna Siever besonders sorgfältig zu bügeln. Jede Biese sollte messerscharf sein, jeder Volant sitzen. Aber diese guten Vorsätze verhinderten nicht, dass sie das Eisen immer wieder ruhen ließ, weil sie in Träumereien von dem bevorstehenden Ausflug versank.
Als sie in die Küche kam, hatten die anderen Dienstboten das Abendessen fast beendet. Niemand sprach, als sie sich hastig setzte und die Suppenschüssel zu sich zog. Der Schöpflöffel klapperte überlaut. Drinnen war nur noch ein kleiner Rest und vom Brot gab es bloß noch den Knust. Johanna goss die Suppe in den Teller und brockte das Brot hinein, um es weich zu machen. Immer noch sprach niemand. Johannas Ohren begannen zu glühen. Hastig murmelte sie ein Tischgebet.
Sie aß rasch und bemühte sich, gerade zu sitzen und weder zu kleckern, noch Geräusche zu machen. Wenn es ihr gelang, anständig zu essen, würde Frl. Besemann vielleicht ein Einsehen haben und ihr einen Nachschlag gewähren.
Sie hätte es besser wissen müssen. „Wer nicht kommt zur rechten Zeit, muss nehmen, was noch übrig bleibt“, war ein anderer unverrückbarer Grundsatz der Haushälterin. Schlimmer, als ihre Ablehnung hatte Johanna der Spott von Herrmann, dem Hausknecht getroffen. „Wo willst du denn mehr unterbringen? 'n spilleriges Ding, wie du bist!“
Nur in Emmas Augen meinte Johanna, Mitgefühl zu lesen. Aber was half das. Von Mitgefühl wurde man nicht satt.

Johanna stellte sich auf die Zehenspitzen und lehnte sich aus dem Fenster. Unten auf der Straße versprühte eine Öllaterne ihr dunstiges Licht. Ein Betrunkener torkelte durch die Lichtpfütze und wurde gleich darauf von der Dunkelheit verschluckt. Nur sein Lallen klang noch eine Weile nach. Eine Kirchenglocke erwachte. Ihr Ruf, zuerst noch schläfrig, wurde schnell fester und drängender. Irgendwo brannte es. Das war nichts ungewöhnliches. Brände gab es fast täglich und nur Fremde regten sich deshalb auf. Die Hamburger vertrauten auf die Tüchtigkeit der Weißkittel, ihrer Feuerwehr. Auch Johanna zählte die Schläge ohne große Anteilnahme. Nach je fünfmaligem Läuten kam eine Pause. Bei einem so kleinen Feuer würden allenfalls die direkten Nachbarn aufstehen, um zu verhindern, dass das Feuer auf das eigene Haus übergriff.
Von unten schallte der Ruf des Nachtwächters zu ihr herauf: „De Klock hat een slan – een is de Klock!“ Johanna gähnte. Höchste Zeit, sich wieder schlafen zu legen.
Als sie sich zum Bett tastete, meldete sich ihr Magen erneut. Johanna strich mit der Hand fest über den Bauch, aber das nagende Gefühl ließ sich nicht vertreiben. Ärger über die anderen Dienstboten stieg in ihr auf. Sie hätten wirklich etwas mehr übrig lassen können. Wenigstens Magda. Oder Emma. Dann hätte sie mich auch nicht so mitleidig ansehen müssen.
Plötzlich kam Johanna ein neuer Gedanke. Was, wenn Emma genau das getan hätte? Eine Scheibe Brot beiseite gelegt, vielleicht auch ein Stück Wurst oder Käse. Oder einen Bratenrest. Für Emma wäre das ein Leichtes. Sie musste nur mit der Besemann'schen rausgehen und dann vorgeben, etwas vergessen zu haben. Zum Beispiel, das Fenster zu verriegeln oder die Speisekammer abzuschließen. Plötzlich war sich Johanna sicher, dass sie Emmas Blick falsch verstanden hatte. Nicht Mitleid hatte darin gelegen, sondern Komplizenschaft. Emma hatte ihr Hilfe zusichern wollen! Was für ein Schatz sie doch war. Jetzt musste sie sich nur noch in die Küche schleichen und holen, was Emma ihr zurück gelegt hatte.

Aber der große Tisch in der Küchenmitte war leer und die Tür zur Speisekammer verschlossen. Auch in den Schränken und hinter der Ofenklappe warteten weder Brot noch Käse und schon gar kein Braten.
Unfähig, sich den Irrtum einzugestehen, durchsuchte Johanna die Küche ein zweites Mal, als sie die Stimme der Besemann'schen hörte. „Wollen Sie nicht lieber nach der Polizei schicken, gnädiger Herr? Denn, wenn es wirklich ein Dieb ist...“
„Bis ein Wachtmeister kommt, ist er weg – und mit ihm das, was auch immer er gesucht hat.“ Alexander Siever klang gelassen, wie immer. „Wenn es überhaupt ein Dieb ist und nicht die Katze.“
Johanna erstarrte. Man durfte sie nicht finden. Siever würde glauben, dass sie stehlen wollte. Dienstmädchen wurde aus weit geringeren Gründen gekündigt. Sie musste verschwinden. Aber die aufgeräumte Küche bot kein Versteck. Was, wenn sie durch eines der Fenster nach draußen kletterte? Nein, die würden sie zuerst überprüfen. Sie würden sie finden. Wie sollte sie erklären, was sie draußen tat? Um diese Zeit. Im Nachthemd. Aber auch wenn man sie nicht bemerkte, steckte sie in Schwierigkeiten. Dann gab es keinen Weg zurück ins Haus. Sie drehte sich wieder und wieder um die eigene Achse auf der Suche nach einem Versteck, das sie bisher übersehen hatte. Es gab keines. Sie saß in der Falle.
Draußen war es jetzt ganz ruhig. Wahrscheinlich standen Siever und die Besemann'sche direkt vor der Küche und horchten auf Geräusche. In diesem Moment kam Johanna ein Einfall. Rasch setzte sie sich auf die Bank am großen Tisch, faltete die Hände und senkte den Kopf.
Ein leises Knirschen verriet ihr, dass jemand die Küchentür öffnete. Johannas Nackenhaare stellten sich auf und sie begann zu zittern.
Stoff raschelte. Schritte kamen näher. Johanna zwang sich, ruhig zu atmen, obwohl sie das Gefühl hatte, ihr würde die Brust platzen. Sie begann halblaut zu beten: „Dein Wille geschehe, wie im...“.
Jemand packte sie grob an der Schulter, zog sie hoch und drehte sie herum. Johanna machte sich schlaff und ließ sich fallen. Sie prellte sich Rippen und Ellenbogen, als sie auf der Bank aufschlug. Aber der Sturz gab ihr den Vorwand, die Augen zu öffnen. Vor ihr wogte der rotsamtene Morgenrock ihres Dienstherren. Hinter ihm stand die Besemann'sche mit einem Kerzenleuchter in der erhobenen Rechten.
Johanna riss die Augen weit auf. „Aber Pastor Hage! Sie müssen doch nicht... Ich war mit dem Gebet noch nicht fertig.“ Sie blickte an Siever empor „Sie sind nicht Pastor Hage!“
Dann, als habe sie erst jetzt begriffen, wo sie sich befand, rappelte sie sich hastig auf und knickste. „Entschuldigen sie bitte vielmals, Herr Siever! Ich dachte, ich sei in der Kirche und nun finde ich mich in ihrer Küche wieder und ich weiß wirklich nicht, wie...“ Sie schlang die Arme um sich. „Es ist mir entsetzlich peinlich. Bitte halten Sie mich nicht für verrückt!“ Sie knickste nochmals, während sie vergeblich versuchte, Sievers Ausdruck zu deuten.
Frl. Besemann schnaubte. „So eine Frechheit. Sie werden ihr doch nicht glauben.“
Siever kniff die Augen zusammen und als er ihr antwortete, klang seine Stimme gereizt: „Ich vermute, dass sie einen Anfall von Somnambulismus erlitten hat. So etwas kommt bei überspannten jungen Mädchen gelegentlich vor.“
Er wandte sich an Johanna. „Das mag dich für dieses Mal entschuldigen. Aber sieh zu, dass sich ein derartiger Vorfall nicht wiederholt. Noch einmal werde ich dir so etwas nicht durchgehen lassen. Und nun mach, dass du ins Bett kommst.“

Die Autorin:

Geboren 1967 in Hamburg. Arbeitete nach dem Jurastudium als Rechtsanwältin. Lebt heute mit Mann und zwei Söhnen in Frankfurt. Hinnerk und Hanne ist ihr erster Roman.