Christian Stahl: "Vorwärts, rückwärts & hinunter" (Kurzgeschichte)



Wir waren jung und wir sausten dahin – hinaus aus der Stadt und hinein in einen Frühsommersamstag, hinein in die Hügel und Wälder und Weinberge, ich in meinem Zweitkürzestenrock, Walter mit einer Lederkappe auf dem Kopf, die ihn beinahe erwachsen aussehen ließ. Mein neuer Süßer, wie ein Herrenfahrer alter Schule in seinem Cabriolet, meine Hand auf seinem Bein, die seine auf dem Schaltknüppel, diese Kurven hügelauf wollten hochtourig angegangen sein.
Wälderwärts sausten wir, und unser Sausen war schon fast ein Wirbeln, ein Preschen, ein Dahinjagen, so jung und unvergänglich fühlten wir uns.

Der Fahrtwind zauste und zupfte an meinen Haaren, als wir immer tiefer in den Wald hineinfuhren und meine Hand Walters Schenkel hinauf krabbelte wie ein kleines Tier. Ich legte den Kopf in den Nacken und sah über uns das Blau des Himmels und davor die Äste mit den noch jungen Blättern, die so rasend vorbeiwischten wie irre gewordene grüne Pinsel auf einer blauen Leinwand. Walter sagte etwas, er schrie es, aber ich verstand nicht, lächelte aber und strich mir zum tausendsten Mal die Haare aus dem Gesicht.

Ich lächelte, dachte aber gleichzeitig daran, wie groß dieser Wald war und dass gerade jetzt, das konnte nicht anders sein, vielleicht gar nicht weit von der Straße, ein Vogelkind aus dem Nest fällt, dort noch eines, da hinten ein drittes, die Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach schneiden, die Wärme auch, lassen die Nesthocker übermütig werden. Ein Fliegenwollen vor der Zeit, das zu einem Fallen wird. Ein Chor verzweifelten Fiepens, den man hören müsste, hätte man Ohren dafür und wäre der Wind nicht so laut. Walter, hörst du nicht, mit leichter Hand könnten wir sie wieder hineinheben in ihre Nester.

Ein Mittagstisch mit Vater, Mutter und Schwester, Schlag zwölf an diesem Samstag, ein Mittagstisch bei Familie Weisgram, darauf rasten wir zu. Musst du mich gleich zu deinen Eltern bringen, hatte ich gefragt. Wir kannten uns erst seit Wochen. Wir kennen uns noch gar nicht, dachte ich. Wir haben noch nicht einmal gefickt. Hier in seinem Cabriolet gab er Gas, dort aber trat er auf die Bremse. Vielleicht braucht er eine Fickerlaubnis, dachte ich, für jene simple, aber nicht unerhebliche Betätigung, bei der sich theoretisch, aber auch praktisch, weil ja nichts zu 100 Prozent zu verhindern ist, das Weisgramsche Erbgut mit meinem obskuren vermischen könnte.

Ich war jung und wusste nichts, war aber neugierig, was noch kommen mochte. Fremde Familientische waren mir lieber als eigene, auch wenn ich damals dachte, dass mir Verwandtschaft schon als Prinzip zuwider sei. Verwandte, das sind Leute, mit denen du nicht Schluss machen kannst, die dir bleiben, wie eine unheilbare Krankheit. Die Weisgrams sahen das sicher anders, weshalb sie sich Samstagmittags gemeinsam an eine weißbetuchte Tafel setzten und aus den Augenwinkeln Walters neue Flamme beobachteten: Wie sie das Weinglas in die Hand nähme. Wie sie Messer und Gabel handzuhaben wüsste. Ob sie sich mit der Stoffserviette das Mündchen tupfte.

Ich war jung, ich war entspannt, es war nichts passiert.

Wir kannten uns seit 33 Tagen und hatten noch nicht gefickt, aber ich würde die Weisgrams glauben lassen, dass ihr Familienerbgut bei mir im Fall des Falles gut aufgehoben wäre.
Ich war entspannt. Das einzige was mich nervös machte, als wir den Wald hinter uns ließen, waren die Gedanken an verlorene Vogelkinder.
Ich überlegte, wie es wäre, wenn irgendwann eine Horde neuartiger Menschen durch die Wälder streifte, sie hätten schnellere Beine und bessere Ohren, ihre Hände wären über Generationen hin immer größer geworden, und die Handflächen wären mit einem weichen Pelz besetzt - schon dutzende Meter entfernt würden diese neuen Menschenwesen hören und spüren, wo sich gerade ein Vogelkind etwas zu weit über den Nestrand beugt...

Na gut, ich sollte die Geschichte jetzt auf den Weg bringen und die Vogelkinder ihrem Schicksal überlassen, das denken Sie doch?

Es war nämlich so, dass Mutter Weisgram es nicht leiden konnte, wenn ihre Tischgäste zu spät kamen, weshalb wir uns auch so pfeilartig durch diese Landschaft bewegten. Noch mehr aber, erzählte Walter, missfielen ihr Überpünktlichkeit und Gäste, die in ihre Kochbemühungen hineinplatzten.
Um die schmale Brücke von der Überpünktlichkeit bis zur Pünktlichkeit zu überqueren, stoppte Walter den Wagen mit heißem Motor kurz vor dem Ziel am Straßenrand. Wir küssten uns mit gesundem Appetit, während meine Hand auf seinem Schenkel ihren einmal begonnenen Weg fortsetzte und Walters Hand, weil sie nicht mehr die Gänge wechseln musste, die Kürze meines Rockes prüfte, dann aber hob er diese Hand hinter meinen Kopf, um, das spürte ich noch mit halbgeschlossenen Augen, während des Kusses auf seine Armbanduhr zu schauen.

Der Kuss hatte offenbar genau die richtige Länge. Ich weiß noch, dass wir tatsächlich aus dem Wagen stiegen als die Kirchturmuhr zu schlagen begann, dass wir – wie penibel choreographiert – während der zwölf Glockenschläge auf das Haus zuschritten und auf der Terrasse begrüßt wurden, Vater Weisgram drückte meine Hand viel zu fest, Mutter Weisgram sagte, sie freue sich außerordentlich, und Schwester Geneviève küsste mich auf meine vom Fahrtwind kühlen Wangen.
Dann dampften auf dem Tisch Knödel in einer Porzellanschale, auf der sich gelb und rosa blühende Pflanzen rankten, und Braten wurde verteilt, im Schatten eines Baums, schwere Holzstühle mit Armlehnen und gelben Polstern, Geneviève reichte die Salatschüssel weiter, Mutter Weisgram sagte: „Wer hat, fängt an.“

Es interessierte die Weisgrams überhaupt nicht, mich wie eine potenzielle Genpanscherin auszufragen. Wer ich sei, was ich mache. Nein, bloß legeres Terrassengeplauder, das an mir vorbeiplätscherte, während ich mir die Freiheit nahm, die Ausprägungen des Familienerbguts zu betrachten. Die Ähnlichkeit der Gesichtszüge von Walter und Geneviève, deren zierliche Nasen von mütterlicher Seite stammen mussten. Vater Weisgram schenkte mir schon zum zweiten Mal vom Weißwein nach, dessen jugendliche Frische er lobte und mir ungefragt erklärte, wie man zu dem Weingut weiter unten im Tal komme. Mehr hätte mich interessiert, wie Herr Weisgram es geschafft hatte, diese hervorragende Nase aus dem Familiengenpool herauszuhalten.
Stattdessen fragte er mich, ob ich wüsste, dass der Heilige Walter der Schutzpatron der Winzer sei. Und, er deutete mit erhobenem Glas in Richtung seiner Kinder, dass beide Namen, was gemeinhin niemand ahnen würde, alle beide, vraiment, von französischen Heiligen stammten. Walter von Pontoise und die Heilige Geneviève oder Genoveva, die, und jetzt lachte er so übers ganze Gesicht, dass auch die prominente Nase breit mitzulachen schien, neben der Patronin der Stadt Paris ebenfalls die Schutzpatronin der Winzer sei. Und darauf, Herr Weisgram stand jetzt sogar auf, müsse man doch unbedingt trinken, zum Wohl!
Unter dem Tisch stupste mich Geneviève mit nackten Zehen und lachte. Ich lachte zurück und dachte, dass sie nicht nur Walters Nase hat, auch den Mund, wenn sie so lächelte, die Wangenknochen, die zierlichen, aber leicht abstehenden Ohren. Ich hielt mir die Gabel vors Auge, schaute durch die Zinken und stellte mir Walters Schwester mit kurzen Haaren vor. Vielleicht waren sie sogar Zwillinge und es hatte mir nur keiner gesagt.

Der Nachmittag trieb vorüber wie in einem dieser französischen Filme, in denen nichts passiert, dieses Nichts aber auf sehr hübsche Weise in Szene gesetzt ist.
Aber bevor das hübsche Nichts und der Nachmittag beginnen konnten, kam nach dem Essen noch mein Fauxpas.

War es der Wein oder meine gute Erziehung, aber Frau Weisgram begann unter dem Ausruf „Alle bleiben sitzen“ abzuservieren, und weil tatsächlich alle sitzen blieben, ergriff ich die halbvolle Knödel-Schale, mit der ich ihr ins Haus und in die Küche folgen wollte.
Aber ich kam einfach nicht weg von diesem Tisch. Ich weiß nicht, was los war mit mir. Bin ich gestolpert, versagten mit beim Aufstehen die Beine, oder war mein Zweitkürzesterrock nicht kurz genug, um nicht doch irgendwo damit hängenzubleiben?
Die Schale in beiden Händen, und auf der anderen Tischseite Walter und Geneviève, an deren Gesichtszügen ich verfolgen konnte, wie es um mich stand, mein Oberkörper war schon Richtung Haus unterwegs, meine Beine aber waren noch nicht so weit, lass endlich diese Schale los, stütz dich mit den Händen irgendwo ab, wie man das so macht, wenn man auf die Schnauze zu fallen droht.
Aber nein, meine Finger lassen nicht los, jetzt reiße ich auch noch die Arme samt Schale in die Höhe, was wiederum den Knödeln zu schaffen macht, wie beim Parabelflug verabschieden sie sich und schweben, nur um nicht viel später mit dem Sinkflug zu beginnen und auf den Terrassenplatten mit einem schmatzenden Geräusch zu landen.
Ob meine Landung geräuschvoll war, kann ich nicht sagen. Ein Klirren war jedenfalls nicht zu hören. Mit Schmerzen lag ich da, allerdings mit stolz emporgereckten Unterarmen, in den Händen die leere, aber unversehrte Porzellanschüssel, vermeintliches Erbstück und kostbares Erzeugnis einer der ältesten Porzellanmanufakturen Europas.

Minuten später lag ich bequemer, in einem Liegestuhl am Weisgramschen Pool, alles tat mir weh, aber ich fühlte mich wie eine Heldin nach großer Tat.
Alle standen um mich herum bis ich versicherte, dass ich nicht lebensgefährlich verletzt und bereits auf dem Wege der Besserung sei. Vater Weisgram brachte mir noch ein Glas Wein, Mutter Weisgram schob mir Kissen unter Kopf und Kniekehlen und Geneviève kam mit einem Erste-Hilfe-Köfferchen. Bloß Walter schaute, als schämte er sich, küsste mich trocken auf den Mund und flüsterte, er müsse mit seinem Vater etwas besprechen.
Geneviève setzte sich zu mir und verarztete meine Schürfwunden, behandelte zart Knie und Ellenbogen, schüttelte den Kopf und zwitscherte „Du Dummchen, du dummes Dummchen“.
Die Schale sei ein hässliches Geschenk einer Großtante, das nur deshalb ständig in Gebrauch sei, weil das die Chance erhöhe, dass sie endlich doch einmal zu Bruch ginge. „Und heute wäre der Tag gewesen, mein Dummchen“. Es brannte, als sie mir den transparenten Verband aufsprühte.

Ich war jung, ich war ein Dummchen und ich lag mit lädierten Gelenken in diesem fremden Garten, in dem die Weisgrams dem Nachmittag mit Aktivitäten zu Leibe rückten als gäbe es kein Morgen.
Frau Weisgram machte sich mit Sonnenhut, Arbeitshandschuhen und einem Eimerchen an den Blumenbeeten zu schaffen. Walter und sein Vater hatten eine Tischtennisplatte auf die Terrasse gerollt, anscheinend ihre ganz eigene Art etwas zu „besprechen“, so zwischen Ping und Pong.
Geneviève hatte sich im Haus einen Badeanzug angezogen und setzte sich wieder zu mir. „Kann sein, dass du hierbleiben musst. Walter verspielt gerade das Cabrio.“ Nach drei Gläsern Wein sei Papi unschlagbar. Mit dieser Vorhand.
Wer gewinne, dürfe den Wagen nächste Woche fahren. Und da Papi das Cabrio bezahlt habe, müsse Walter mitspielen.
„Keine Angst“, zwinkerte sie, „Montagmorgen fährt ein Bus zurück in die Stadt. Bis dahin werd ich dich gesundpflegen.“
Dann beugte sie sich noch näher. „Muss jetzt trainieren. Magst du meine Sprungrichterin sein? Mein Auerbach ist eine Katastrophe, wirst sehen.“

Mir war aufgefallen, dass der Pool seltsam aussah, quadratisch und klein, aber mit einem Sprungbrett in einer großen metallenen Verankerung und einer Kurbel, mit der Geneviève jetzt das Brett in die Höhe kurbelte, immer höher.
Dann stieg sie die Leiter hinauf, die wundersamerweise auch mitgewachsen war, nahm Aufstellung, drei Schritte bis zum Brettende, ein Federn, der Körper gespannt und vollkommen, eine Bewegung wie gemalt vor dem Blau des Himmels, das Drehen und Eintauchen fast im gleichen Augenblick, zum Verlieben schön.

Jedes Mal, wenn sie tropfend aus dem Becken stieg, strahlte sie: „Eine Katastrophe, hab ich doch gesagt.“ Und nach jedem Sprung sagte sie mir ein paar Sätze zur Technik, wie man eine Schraube einleitet, wie man Sekundärspritzer vermeidet, und worauf ich sonst achten müsse, jetzt wo ich Sprungrichterin sei. Auerbach Salto mit halber Schraube gestreckt. Eineinhalb Auerbach Salto gehechtet. Zweifach Auerbach Salto gehockt.
Es sei im Jahre 1871 gewesen, als ein Wilhelm Auerbach diesen Stil beschrieben habe, scheinbar war er als erster auf die verrückte Idee gekommen, vorwärts abzuspringen, sich aber dabei nach hinten zu drehen.

Als Geneviève gerade wieder einmal nach oben federte und sich zu drehen begann, schossen aus dem Himmel zwei Schwalben herab und zeichneten ein paar wirre Kurven in die Luft, von meiner Position aus wirkte es fast so, als würden die Vögel ihren Körper für einen Augenblick umschwirren, bevor sie auch schon wieder in rasendem Tempo davonstoben und Geneviève ins Wasser tauchte.
Und einmal kam der Tischtennisball in unsere Richtung geflogen, weil ihn Herrn Weisgrams formidable Vorhand vielleicht so hart geschmettert hatte. Bevor Walter sich nach dem Ball bückte, sah er zu mir herüber mit einem müden, traurigen Blick. Ich hob meine Hand und winkte, aber ich konnte ihm nicht helfen, vom Tischtennis hatte ich noch weniger Ahnung als von Auerbach-Kunstsprüngen.

Und irgendwann, als Geneviève weiter übte und sprang und an der Tischtennisplatte noch immer das Cabrio auf dem Spiel stand, muss ich eingeschlafen sein, zwischen dem ewigen Ping, dem ständigen Pong und dem Plätschern des Wassers, und ich träumte von einem drahtigen Turnlehrer mit Schnauzbart und gestreiftem Trikot und wie er nach langen Jahren endlich einen neuen Weg gefunden hatte, sich elegant in die Tiefe zu stürzen: vorwärts, rückwärts & hinunter.
Träumend stieg ich dann selbst die Leiter hinauf, alle Weisgrams standen am Beckenrand und klatschten, während der kleine, immer noch kleiner werdende Herr Auerbach unten die Kurbel bediente und schwitzte und mich mitsamt dem Brett immer höher in den Himmel kurbelte und bei jeder Umdrehung „Jawollja“ schrie. Immer höher stieg ich und sah über den First des Hauses hinweg weit ins Land hinein, über die Wipfel der alten Bäume, ich sah in der Ferne den Wald wie er am Horizont dunkel dahinrollte, sah das Quadrat des Beckens unter mir nur noch klein wie ein Löschblatt. Herr Auerbach hörte nicht auf zu kurbeln, aber ich war jung und auf dem Wege der Besserung, ich lief einfach los, drei Schritte, ein Sprung, das Brett schleuderte mich hinaus in die Leere, ich flog und warf die Arme nach hinten, um eine perfekte Drehung einzuleiten. Ich war ein junger Vogel und hatte keine Angst, ich wusste, mir kann nichts geschehen – gleich kommt von irgendwo her eine sehr große, bepelzte, weiche Hand, in der ich lande wie in einem Bett voller Daunen…



Autor



Christian Stahl arbeitete nach einem Studium der Philosophie und Psychologie als Buchhändler, Übersetzer, Sachbuch-Autor, Rezensent und Online-Redakteur. Vereinzelte Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. Lebt in Wien und schreibt gerade an einem Roman.