Christina Leicht
Christina Leicht, Jahrgang 1968, aufgewachsen in Düsseldorf, hat Anglistik, Politik und Rechtswissenschaften studiert. Diverse Jobs von Zeitarbeit und Rechtsanwältin über Ghostwriterin bis zur wissenschaftlichen Mitarbeiterin an der Universität Düsseldorf. Nach einem längeren Auslandsaufenthalt in Boston, USA, lebt sie nun wieder in Düsseldorf. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, mehre Literaturpreise, zuletzt den Förderpreis zum Literaturpreis Ruhr 2011.
Kommando Krausnick (Roman)
Er denkt sich nichts, als Heine ihn zu sich ruft. Heine ruft ihn dauernd zu sich, vor allem in letzter Zeit, vor allem freitags. Dass Heine die langen Wochenenden nicht mag, weiß Krausnick ganz instinktiv, das haben sie gemeinsam, dieses Unbehagen, was die arbeitsfreien Tage angeht. Es ist, als könnten sie die Leere des frühen Feierabends hinauszögern, indem sie sich in Heines Büro zurückziehen. Die Zeit scheint sich zu dehnen, während Heine ihm Beleidigungen an den Kopf wirft oder ins Telefon poltert und er, Krausnick, sich jeder noch so willkürlichen Anweisung eifrig unterwirft.
Heute ist es anders. Heine sitzt stumm im thronartigen Lehnstuhl, das Gesicht grau und als er anfängt zu sprechen, redet er so leise, dass Krausnick ihn kaum versteht. Selbst dann braucht er einen Moment, bis er begreift. „Bringen Sie es Ihren Leuten bei“, sagt Heine, „ich kann nichts für sie tun, für keinen von ihnen und auch nicht für Sie“. Dabei rührt er in einer Tasse, deren weiße Ränder vom abgestandenen Tee belegt sind. Er lässt den Tee vom einen Tassenrand zum anderen schwappen, als gelte es, einem geheimnisvollen Muster auf die Spur zu kommen, Zeichen zu deuten, die es nicht gibt, nicht im Teesatz und nicht in der Entscheidung der vorgesetzten Behörde.
„Herr Heine, das können Sie doch nicht machen mit uns“, ruft Krausnick, er springt auf, wie immer, wenn er erregt ist und läuft über das glänzende Parkett. „Ich bin seit sechzehn Jahren hier“, seine Stimme überschlägt sich, er ist so schrecklich aufgeregt. Sein Körper hat bereits begriffen und sendet Notstandssignale, Herzklopfen, Blut, das ihm ins Gesicht schießt, schweißnasse Hände. Er muss an diese Hühner denken, die weiterrennen, auch nachdem man ihnen den Kopf abgeschlagen hat, sie geben die Hoffnung nicht auf und wollen das Leben einfach nicht lassen, zu dumm, um einzusehen, wann ein Kampf verloren ist. „Das geht doch nicht“, ruft er, „nicht mit mir, mein ganzes Leben gebe ich für die Agentur, da können Sie mich doch nicht einfach rausschmeißen“. Heine lehnt sich zurück ohne den Blick aus seiner Tasse zu heben. „Fachaufsicht, politische Entscheidung“, murmelt er. „Und ich“, schreit Krausnick. Es ist nicht richtig, einen Vorgesetzten anzuschreien, doch die Verantwortung dafür wird er übernehmen, falls es dazu überhaupt noch kommt. Heine schweigt. Kein: Mäßigen Sie sich oder: was fällt Ihnen denn ein, sind Sie verrückt geworden, Mann. Es ist beängstigend, seinen Vorgesetzten so kraftlos zu erleben. Als gäbe es nichts Wichtigeres, wiegt er weiter die Tasse in seinen Händen. Schwapp. Schwapp. „Umsetzung“, sagt er schließlich matt. Und dann, wie nebenbei: „Dorsten.“ Dorsten? Was in aller Welt soll er in Dorsten? Nichts wird ihn dazu bringen dorthin zu gehen, in diese verschlafene Kleinstadt, die ihn an die Enge seines Heimatdorfes erinnert, dieser Welt, der er doch zumindest tagsüber entkommen ist. Langsam wird ihm klar, was gerade geschieht: sein Leben, sein wohlgeordnetes Dasein, das aus den beiden untrennbar miteinander verbundenen Teilen Agentur und Dorf besteht, ist dabei auseinanderzubrechen. In Stücke gesprengt von einer Kraft, der er nichts entgegen zu setzen hat, er nicht und seine Abteilung nicht, nicht einmal Heine, der endlich aufhört, seinen Tee zu schwenken und nun auf den Grund der Tasse starrt, als liege dort ertrunken seine ganze Welt.
Und nicht nur seine. Krausnick weiß nicht, wie er es den anderen sagen soll. Zurück im Büro, verbarrikadiert er sich im Kabuff und lässt sie warten. Hört die Bässe im Foyer wummern und Jennys Maulen vor seiner Tür. Es ist längst Feierabend. Irgendwann hält er es nicht länger aus. Er glättet die Haare und knöpft die Strickweste zu. Räuspert sich ausgiebig. Nimmt die Schultern zurück, wie er es geübt hat für den zukünftigen Amtsantritt. Weiß immer noch nicht, was er sagen soll. Reißt die Tür auf und stellt sich vor sie. Wie sie ihn anglotzen. Nicht zum Aushalten. Jetzt sachlich bleiben.
„Machen wir es kurz, Leute“, sagt er, „ich habe schlechte Nachrichten.“ Er räuspert sich noch einmal. Hoffentlich merken sie nicht, wie er krächzt. „Die Abteilung Krausnick wird aufgelöst. Personalleiter Heine geht in vorzeitigen Ruhestand. Rainer und Jenny – man wird euch kündigen. Für dich, Dohle will man eine Stelle in der Registratur finden. Mir hat man die Dienststelle in meinem Heimatort angeboten.“ Nun versagt ihm doch die Stimme. Er schaut zur Dohle, deren Augen sich mit Tränen gefüllt haben. „Es ist unglaublich, ich weiß“, sagt er. Er ist nicht sicher, ob sie ihn versteht. Mit seiner Kehle stimmt etwas nicht. Die Worte klingen wie zerbrochen. Er schaut weg. Die Dohle beginnt leise zu weinen. Dabei zieht sie die Nase hoch und er wünscht, jemand würde sich erbarmen und ihr ein Taschentuch reichen. Er selbst blickt starr in die andere Richtung. Fürsorgepflicht, das war einmal.
Jetzt wirft Rainer den Kopf in den Nacken. Er schiebt sich die unvermeidliche Haarsträhne aus der Stirn und sieht Krausnick unverwandt an. In seinem Blick liegt eher Neugier als Schreck, kühles wissenschaftliches Interesse anstelle von Erschütterung, und so sehr Krausnick diesem Blick auch standhalten will, er schafft es nicht. Mit einem Ruck blickt er zur Seite. Führungsschwäche, denkt er, ein Vorgesetzter, der seinen Mitarbeitern nicht in die Augen sehen kann, geht zu Recht unter. Absaufen wird er mit Mann und Maus, nichts wird übrig bleiben von seiner Abteilung, seinen Idealen, seinen Weiterbildungsseminaren und der Vision einer Agentur 2.0.
Gute Nacht, Leadership, tschüss, ihr Personaltrainer. Wehmütig denkt er an Michi Groß, den vor Energie sprühenden Trainer im letzten Workshop, der ihnen befahl, sich hinzustellen und die Arme wie Flügel auszubreiten. Michi Groß‘ Haar war licht, sein Gesicht verlebt und dennoch besaß er mehr Vitalität als alle versammelten Abteilungsleiter zusammen. Visionäre wären sie, rief er, kletterte auf den Tisch und machte ihnen vor, wie sie mit den Armen flattern mussten, damit auch sie ihre Kraft spürten. Gehorsam hoben und senkten sie ihre untrainierten Büroarme, bis ihnen die Schultern schmerzten und die Energie vielleicht zu fließen begann. „Von wegen Verwaltung, ihr seid Manager! Vergesst das Organisieren und die perfekte Kontrolle“, Michi Groß‘ Flügelschlag war mächtig, er war kurz davor abzuheben, „ihr müsst mitreißen, vertraut auf euer Charisma, das sitzt hier.“ Er hatte sich auf einen Punkt in der Körpermitte geschlagen, an dem Krausnicks Wissen nach das untere Brustbein lag, ein unbeweglicher Knochen ohne jede Ausstrahlung und nun sollte er glauben, dass sich genau unterhalb dieser Stelle ein magisches Kraftzentrum befand, das den Namen Sonnengeflecht trug. Er nahm es zur Kenntnis und wunderte sich nicht lange. Er wunderte sich nie. Stattdessen tat er wie befohlen. Er übte den Flügelschlag, lernte alle ausgeteilten Fotokopien über Performance, Work-Life-Balance und Talent Management auswendig, versuchte, den Überblick zu bewahren und vor allem die anderen zu inspirieren mit den verordneten Visionen. Agentur 2.0, sein höchstpersönliches Motto, das alle belächeln, seit er es auf seiner Fahne trägt. Das hat er in Kauf genommen. Er ist Verwaltungsmensch, aber er kann auch anders. Die Agenturgrundsätze sind schließlich nicht alles. Innovation, Sinnerfüllung und Kreativität hat er darüber hinaus schaffen wollen, für den Agenturleiter, für die Fachaufsichtsbehörde. Er versteht nicht, was er falsch gemacht hat. Wie kann es sein, dass nun andere den Wandel, den behutsam einzuleiten doch seine oberste Aufgabe ist, jählings herbeiführen, einen Wandel, der ihn kopfüber und ohne Ansehen von Leadership, Talent oder Work-Life in denselben Abgrund stürzt wie alle anderen. Kündigung statt kometenhafter Aufstieg, Fata Morgana statt Vision, Fallen statt Fliegen.
Er strafft sich und zieht den Hosenbund seiner Jeans hoch, eine Angewohnheit, über die sowohl hier als auch im Dorf gelacht wird und die er auf der letzten Weihnachtsfeier im Pfarrheim bei einer Parodie auf seine Person einmal selbst hat mitansehen dürfen. Da hat er auch lachen müssen. So ist es ja nicht, dass er nicht gerne lacht, noch dazu kann er über sich selbst lachen, was nach seiner Kenntnis nicht auf viele zutrifft. Im Grunde allerdings versteht er nicht, was an hängenden Hosenböden so lustig sein soll, Hosen sitzen nun einmal nicht bei ihm, sondern hängen gleich durch, da hilft kein Gürtel und nicht einmal Hosenträger. Er kann sich nicht vorstellen, dass dies ein Grund ist, ihn nicht gerne zu haben, genauso wenig wie er sich vorstellen kann, dass es sich bei der Auflösung seiner Abteilung um ein abgekartetes Spiel handelt, beschlossen zwar von oben, doch unter umfänglicher Einbeziehung des Betriebsrates, wie Heine behauptet. Krausnick will es nicht in den Kopf, dass Marko Welz, mit dem er noch beim letzten Betriebsfest Arm in Arm stand und ganz gegen seine Gewohnheit mit einem Bier angestoßen hat, hinter seinem Rücken um Köpfe schachert und ihn insgeheim kaltstellt. Doch Heine hat gesagt, genauso sei es gewesen. Es gibt keinen Anlass, an Heines Worten zu zweifeln, zumal auch dessen Einfluss endgültig dahin ist, gekündigt, Aufhebungsvertrag, Abfindung. Bei der Vorstellung läuft es Krausnick kalt über den Rücken. Was Welz sich traut. Jede Wette hätte er gemacht, dass es so niemals kommen würde. Welz als heimtückischer Ränkeschmied, der Heine dahinmeuchelt. Es ist nicht zu fassen.
Krausnick macht einen Schritt nach vorn im engen Raum, stößt fast gegen Jennys Schreibtisch. An der Enge ihres Büros hat er sich nie gestört, im Gegenteil, heimelig findet er sie. Wie gerne hat er immer vom Kabuff aus seinen Blick über die anderen gleiten lassen, im Bewusstsein, dass er es ist, der ihr Geschick lenkt, mit fester Hand, in Kenntnis all ihrer Schwächen und unendlich gütig zugleich. Nichts von all dem ist je wahr gewesen, wird ihm klar und sogleich überkommt ihn wieder die alte Zappeligkeit, er tritt zurück und prallt mit der Hüfte gegen den Aktenschrank, den Giftschrank, wie sie ihn nennen, weil er gut verschlossen die Beurteilungen und Bewertungen derer enthält, über die sie bisher gewacht haben. Andere werden es in Zukunft sein, die Zeugnisse abheften und zu Personalgesprächen bitten, in einem anderen Raum, in einer anderen Zeit. Er reibt sich die schmerzende Hüfte. Das gibt einen Bluterguss, er bekommt schnell Blutergüsse, unter seiner bleichen Haut drängt sich das zerlaufene Blut beim leichtesten Stoß an die Oberfläche als wolle etwas ans Tageslicht, das dort zu Unrecht gefangen sitzt. Hektisch blickt er um sich, doch alles bleibt wie es ist. Totenstille, vom rhythmischen Schluchzen der Dohle in trostlose Intervalle gehackt. Er wünscht sich weit weg, im Grunde könnte er gehen nun, es ist alles gesagt und nichts mehr zu tun, doch er bleibt stehen und wartet, sieht hinab auf Jennys Haar, das sie auch heute wieder zu einer irgendwie bizarren Krone aufgesteckt hat. Jenny, ungekrönte Königin der Frischgekündigten, bald schon Aschenputtel in der langen Schlange vor den Büros der staatlichen Grundsicherung. Sie sieht nicht auf zu ihm, sondern betrachtet ihre Fingernägel, die auf einmal braun sind, während er sich sicher ist, dass sie heute Morgen bei ihrem Zusammenstoß mit Heine noch farblos waren. Chamäleon, denkt er, sie wechselt die Farben je nach Gemütslage. Der Farbe nach muss sie sich scheußlich fühlen. Geistesabwesend greift sie in die Tasche ihres Mantels, den sie in Erwartung des Feierabends über den Schreibtisch gelegt hat. Was sie sich in den Mund steckt, sieht aus wie ein Geleefrosch, knallgrün und mit Zuckerkristallen bestreut, saure Frösche, erinnert er sich, früher hat er sie selbst gemocht. Auch wenn er weit davon entfernt ist, zu verstehen, wie sie jetzt essen kann, hat er sich mit ihren befremdlichen Essgewohnheiten abgefunden. Einen Moment lang kann er sich nicht vorstellen, wie er weiterleben soll, es kommt ihm vor, als sei sein Dasein ohne eine manisch Gummifrösche kauende Mitarbeiterin nicht mehr lebenswert. Verzweifelt sieht er zu, wie Jennys Kiefer weitermalmen, als gelte es, Fleißpunkte für eine besonders schwierige Aufgabe zusammenzukauen, während sie an ihm vorbeiblickt zum Fenster, vor dem das Blassblau des Himmels allmählich verdunkelt.
