Claas Cordes

(Foto: Stephanie Neumann)

Claas Cordes studierte „Drama, Theater, Medien“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er lebt in Berlin und ist Kanzler der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde.


Die Freiheit der Ameisen (Roman)



„1. Das Bedürfnis nach Luft ist das beherrschendste von allen.
2. Ohne Luft geht jedes Tier zugrunde.
3. In einem begrenzten Luftvolumen kann das Leben nicht andauern.“
Jean-Henri Fabre


    
     „Gucken Sie nicht so fröhlich!“
     „Wie soll ich sonst gucken?“
     „Trüb.“
     Michael Voigt winkte mit dem linken Arm in Richtung seines Oberkörpers:
     „Und kommen Sie noch einen Schritt näher.“
     Ibrahim Klostermann blickte etwas unwillig, tat aber, was von ihm verlangt wurde.
     „Sie müssen wissen, ich tue das nicht jeden Tag“, brummte er.
     „Trotzdem: Wenn Sie so fröhlich gucken, glaubt Ihnen kein Mensch.“
     Voigt prüfte das Bild auf dem Display der Kamera.
     „Jetzt noch ein kleines Stück nach links. Sonst verdecken Sie das Gebäude zu sehr. Perfekt. Also: Bitte nicht lächeln!“
     Er löste aus. Der Apparat imitierte das Geräusch einer Spiegelreflexkamera.
     „Und noch einmal: Bitte nicht lächeln!“
     Wieder das vermeintliche Ratschen eines mechanischen Verschlusses. Für einen kurzen Moment dachte Voigt an die alte Minolta, die ihm seine Eltern vor über dreißig Jahren geschenkt hatten, damals, als er ihnen erzählt hatte, dass er künftig bei der Schülerzeitung mitmachen würde. Nach den ersten Probeaufnahmen, die seine Eltern, das Reihenhaus, ihre Straße, den Schäfersee, einen fremden Hund zeigten, hatte er das Objektiv schnell auf sein Hauptmotiv gerichtet: Auf die Schuhe in den Auslagen der Schaufenster, die unteren Hälften von Frauenkörpern, bald, als er die Eltern überredet hatte, ihm auch ein Teleobjektiv zu kaufen, nur noch auf Füße, nackte Füße am Tegeler See, Füße in Sandalen, Stiefeln und High Heels, auf Fersen, Knöchel, Zehen und Nägel hatte er sich konzentriert.
     Eine bemerkenswerte Sammlung hatte er so über die Jahre zusammengetragen, drei Reihen Schuhkartons im Regal seines Arbeitszimmers, in denen die Abzüge chronologisch sortiert und verzeichnet einen Teil seines Lebens, seiner Leidenschaft konservierten, beinahe fünfzehn Jahre, eine Kette, die irgendwann Anfang 1992 abriss. Kurz zuvor war er nach der Trennung von Anne zu Johanna gezogen. Johanna war Mitte der Achtziger Jahre nach West-Berlin gekommen, Physiotherapeutin, Verächterin von Fotos und kam aus der früheren DDR wie der Mann, dessen Bild er gerade auf dem Display betrachtete.
     „Sehr gut!“ lachte Voigt. „Ich sehe schon die Schlagzeile.“
     Er zeichnete mit der Hand eine Linie in der Luft:
     „UNI DROHT ZWEI MILLIONEN MIT OBDACHLOSIGKEIT!“
     „Ist das nicht zu dick aufgetragen?“ wandte Klostermann ein.
     „Blödsinn. Darunter das Foto. Wenigstens fünf Spalten breit.“
     Er hielt die Kamerarückseite zu Klostermann hin, der sich vorbeugte.
     „Dann die ersten Zeilen: ,Ibrahim Klostermann ist einer von ihnen. Der -‘ Wie alt sind Sie?“
     „Siebenundfünfzig.“
     „,Der siebenundfünfzigjährige Ostberliner ist Direktor des überaus beliebten Deutschen Museums für Insektenkunde -‘“
     „- Entomologie“, korrigierte Klostermann.
     „Das versteht niemand. ,- Insektenkunde. Jetzt will die Universität ihn auf die Straße setzen. Und mit ihm seine zwei Millionen Schützlinge.‘ Und so weiter. Das wird die Leute packen.“
     „Ist das nicht doch zu reißerisch?“
     „Fliegen Sie raus oder nicht?“
     „Doch.“
     „Na also. Ich dachte, das hätten Sie im Osten in der Zwischenzeit gelernt. Dass Bescheidenheit dumm ist und letztendlich unehrlich.“
     Klostermann war anzumerken, dass es in ihm zu brodeln begann. Voigt ging darüber hinweg:
     „Dieser Unischnösel will doch... - Wie hieß der noch mal?“
     „Stürmer.“
     „Felix Stürmer?“ Voigt hatte überrascht die erste Silbe des Vornamens gedehnt.
     „Ja, richtig. Sie kennen ihn also?“
     „Nicht direkt, aber ich habe von ihm gehört.“
     „In welchem Zusammenhang?“
     „Das tut hier nichts zur Sache. Auf jeden Fall fackelt der ja auch nicht lange und hetzt den Senat auf Sie. Jetzt werden wir mal die Öffentlichkeit auf ihn hetzen.“
     „Aber es sollte auch deutlich werden, was für eine Arbeit wir hier seit vierzig Jahren leisten. Am besten zeige ich Ihnen noch etwas von der Sammlung.“
     Klostermann griff in die ausgebeulte rechte Tasche seines Jacketts.
     Voigt hatte schon mehr als genug gesehen und wehrte den Vorschlag ab: „Lassen Sie uns besser in Ihr Büro gehen, und Sie erzählen mir noch etwas von Ihren Mitarbeitern.“
     „Was haben die denn damit zu tun?“
     „Die werden doch auch entwurzelt.“
     „Ach so.“
     „Irgend etwas Herzzerreißendes.“
     Voigt folgte Klostermann das Treppenhaus nach oben:
     „Welcher Kollege ist am längsten hier? Welche Opfer haben Ihre Mitarbeiter für das Museum erbracht?“
     „Ich bin mir nicht sicher, ob das Ihre Leser mehr interessiert als die Schätze, die es hier zu entdecken gibt. Und die bald auseinander gerissen werden.“
     In der Zwischenzeit waren sie in Klostermanns Büro eingetroffen, und Sonja Linke brachte eine frische Thermoskanne Kaffee. Beim Einschenken zwinkerte sie Klostermann zu.
     „Danke, Frau Linke. Sie haben wie immer das Gespür für den rechten Augenblick. Und für den rechten Gast.“
     Sonja Linke grinste. Sie konnte sich noch gut an Felix Stürmers Besuch vor zwei Monaten erinnern. Den hatten sie nicht so verwöhnt. Klostermann griff nach einem Keks in der Dose auf dem schräg ausgerichteten Tischdeckchen.
     „Herr Klostermann, das war Ihnen doch anzusehen, dass Sie das jetzt brauchen.“
     Voigt starrte ihr hinterher, als sie den Raum verließ. Er gab sich keine Mühe, vor Klostermann zu verbergen, wie sein Blick bewundernd nach unten, auf ihre Waden und noch tiefer, auf die dunkelblauen Pumps mit den halbhohen Absätzen sank.
     „Tolle Frau“, stellte er fest.
     „Ja, sie ist eine hervorragende Sekretärin. Absolut zuverlässig.“
     „Und äußerst attraktiv.“
     „Die ganzen zweiundzwanzig Jahre, die ich jetzt schon hier bin, ist sie kein einziges Mal krank gewesen.“
     „Wie alt ist sie denn?“
     „Siebenundfünfzig.“
     Voigt pfiff durch die Zähne.
     „Wie ich“, fügte Klostermann hinzu.
     „Und?“
     „Und was?“
     Voigt grinste:
     „Sie sind ein guter Schauspieler. Das sieht doch jeder, dass da etwas zwischen Ihnen läuft.“
     „Was soll da laufen?“
     „Also wie Frau Linke Ihnen gerade zugeblinzelt hat, da wollen Sie mir doch nicht erzählen, dass Sie noch nie -“
     „Doch.“
     „Noch nicht einmal daran gedacht?“
     „Nein.“
     „Dann wird es aber Zeit.“
     „Sie ist meine Sekretärin. Außerdem bin ich verheiratet.“
     „Das tut doch nichts zur Sache“, schmunzelte Voigt.
     „Ich würde nie etwas mit einer Kollegin anfangen. Und ich würde das auch bei meinen Mitarbeitern nicht dulden. Das ist bei uns eherner Grundsatz.“
     „Ich finde das falsch. Und bei ihr“, Voigt nickte zur Tür, „ist es geradezu eine Sünde.“
     „Ausschweifungen sind aber nicht das angemessene Thema, wenn Sie über meine Mitarbeiter in der Zeitung etwas schreiben.“
     „Warum eigentlich nicht? Das macht doch menschlich. Jeder hat doch so seine Geheimnisse. Sie doch bestimmt auch.“
     „Was soll denn das jetzt?“
     „Kommen Sie! Haben Sie nie jemanden zu Unrecht rausgeschmissen? Oder die Stelle, die er verdient hätte, verweigert?“
     Klostermann verschränkte die Arme:
     „Es geht doch darum, die Universität ins Unrecht zu setzen. Nicht mich.“
     Voigt gab auf:
     „Selbstverständlich. Ich wollte Sie nur ein wenig aus der Reserve locken.“
     „Warum?“
     „Das ist mein Job.“
     „Doch wenn wir schon über Unrecht reden, -“
     „Ich hätte lieber noch etwas Human Interest.“
     „Aber vor dem Krieg -“
     „Hören Sie auf mit vor dem Krieg. Wer will das lesen?“
     „Die Universität hat in diesem Gebäude für die Faschisten -“
     „Kommen Sie mir nicht mit diesem Nazischeiß. Was ist denn daran herzzerreißend? Lassen Sie mal. Wir sollten da nichts vermischen. Bleiben wir dabei, dass man Sie dicht macht.“
     „Wann wird denn der Artikel erscheinen?“
     „ Übermorgen. Ich muss noch die Uni und den Senat um Stellungnahme bitten.“
     „Müssen Sie das wirklich?“
     „Es ist üblich, die andere Seite zu hören.“
     „Das ist doch klar, was die sagen werden. Der Senat wird dafür sorgen, dass Ihr Bericht nicht erscheint.“
     „Blödsinn. Das war vielleicht in der DDR so.“
     „Da hatten wir einen Magistrat.“
     „Senat oder Magistrat, ist doch egal. Meiner Zeitung sagt niemand, was sie drucken soll oder nicht.“ Er lachte: „Das kenne ich nur aus der Schule. Da hatten wir immer Stress mit dem Direktor, ob der die Schülerzeitung so freigeben würde.“
     „An der Schule, an der ich bis 1987 gearbeitet habe, habe ich auch einmal eine Zeitung verbieten müssen. Eine Wandzeitung. Die hatten einige Schüler unerlaubt aufgehängt.“
     Voigt stand auf:
     „Also Herr Klostermann, denken Sie daran, sich in zwei Tagen die Zeitung zu kaufen.“
     Klostermann machte keine Anstalten aufzustehen. Regungslos sah er auf die Schrankwand hinter seinem Schreibtisch.
     „Herr Klostermann?“
     „Ja? Ach so, entschuldigen Sie. Herr Voigt, vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Ich bin gespannt, was Sie schreiben werden. Sehe ich den Bericht vorher?“
     „Sie sehen ihn am Freitag gedruckt. Wir werden es denen gründlich zeigen.“
     „Gut, dass es die Pressefreiheit gibt!“
     Mit diesem letzten Satz reichte Klostermann Voigt die Hand:
     „Bis bald.“
     „Auf Wiedersehen“, sagte Voigt mit einem zweifelnden Unterton und verschwand.
     Klostermann ging langsam zum Fenster. Er schob die Gardine zur Seite. Nach drei Minuten erschien Voigt auf der Straße, drehte sich um, sah kurz nach oben und lief in Richtung S-Bahn.
     Lange nachdem Voigt um die Ecke gebogen war, starrte Klostermann noch immer auf die leere Straße, die Gardine in der rechten Hand. Er dachte an die größte Enttäuschung, die er in seinem früheren Beruf als Lehrer, die er in seiner ganzen beruflichen Laufbahn erfahren hatte.