01.07.09/ Lektorin Gesa Jung im Interview
2009-07-01 18:00 (Kommentare: 0)
Gesa Jung, Junior-Lektorin bei Goldmann Sachbuch sowie Mitgründerin des Vereins der Jungen Verlagmenschen, im Gespräch.
Du bist Sachbuchlektorin in der großen Verlagsgruppe Random House, wie werden Manuskripte an dich herangetragen?
Auf ganz unterschiedlichen Wegen. Zum einen natürlich über die Autoren selbst, die ihr Manuskript oder eine Leseprobe direkt an unseren Verlag schicken. Dann gibt es die Literaturagenten, die uns Buchprojekte anbieten. Diese Vermittlung hat für uns als Verlag den Vorteil, dass die Agenten für uns vorfiltern, also die Spreu vom Weizen trennen. Und sie kennen die Verlagsprogramme sehr gut und können meist ganz gut einschätzen, ob ein Buch zu uns passen könnte oder nicht. Als dritte Möglichkeit gibt es unsere Scouts. Die sind für uns unglaublich wichtig, denn sie sichten den Markt im Ausland: Welche neuen Trends gibt es dort? Welche Nachwuchsautoren sind gerade hip? Wann veröffentlicht Autor XY sein nächstes Werk und welche Verlage sind heiß darauf? Und vor allem: Welche Buchprojekte könnten für unseren Verlag als Übersetzung in Frage kommen? Sie versorgen uns dann mit ersten Infos zum Buch und an welchen Verlag oder Agenten wir uns wegen der Rechte wenden können.
Habt ihr die Möglichkeit, auch eigene Sachbuchideen zu entwickeln, oder bleibt dafür keine Zeit?
Klar, man ist immer auf der Suche, verfolgt aktuelle Diskussionen und Trends, behält mögliche Autoren und ihr Schaffen im Auge. Aber es fällt schwer, neben den täglichen Aufgaben Zeit dafür zu finden. Und dann liegen da ja auch noch immer die vielen eingesandten Manuskripte, die gelesen werden wollen ...
Wo siehst du die Trends im Buchhandel im Allgemeinen und im Sachbuch im Speziellen hingehen?
Schwer zu sagen. Spannend wird das Thema E-Book. Wie sehr werden sie sich ausbreiten? Und welche Rolle wird der traditionelle Buchhandel dabei einnehmen? Ich teile nicht die Befürchtungen, dass das E-Book das gedruckte Buch oder den traditionellen Buchhandel in seiner Existenz gefährdet. Ich glaube nicht, dass die große Mehrheit der Leser aufs digitale Lesen umsteigen wird. Viel bedrohlicher ist doch die zunehmende Nutzung von Internetbuchhändlern. In Zukunft müssen sich die Buchhändler immer mehr einfallen lassen, um dem etwas entgegenzusetzen.
Und zum Thema Sachbuch: Das Sachbuch wird in Zukunft immer mehr mit der Verlagerung der Informationsbeschaffung ins Internet zu kämpfen haben. Wo informiert sich die jüngere Generation? Online. Um diese Lesergeneration müssen wir in Zukunft kämpfen. Den älteren Generationen war/ist der Mehrwert des gedruckten Werks noch einleuchtend. Doch ich glaube, dass wir für die Leser der Zukunft in ganz neue Richtungen denken müssen, um für sie attraktiv zu bleiben. Das wird spannend.
Du bist eine der Gründerinnen der Jungen Verlagsmenschen, einem Verein, der sich überwiegend um die Vernetzung des verlegerischen Nachwuchses kümmert. Wie siehst du die Situation des Nachwuchses?
Mein Eindruck, der sich im Laufe unserer Tätigkeiten im Netzwerk immer mehr bestätigt: Es gibt sehr viel ungenutztes Potenzial beim Nachwuchs der Verlagsbranche. Ich treffe wieder und wieder auf Leute mit den besten Lebensläufen: ein Top-Studium, Auslandsaufenthalten, Praktika – und einer unglaublichen Begeisterung für die Verlagsbranche. Eigentlich haben sie ja auch alles richtig gemacht. Viele dieser Leute hangeln sich leider von Volontariat zu Volontariat, kriegen hier mal eine Elternzeitvertretung, dort können sie ihren Vertrag vielleicht noch ein halbes Jahr verlängern. Aber sie stehen in einer Sackgasse. Viele geben irgendwann entnervt auf, manche machen sich selbständig, nur die ganz stoischen halten durch. Diejenigen, die keine gut betuchten Eltern im Hintergrund haben, haben vielleicht schon aufgegeben, als sie die Stellenanzeige mit dem Volontariat in München lasen, bei dem sie 500 Euro im Monat „verdienen“ sollten. Die Verlage wissen um diese Situation. Die meisten berufen sich darauf, dass es nicht anders geht, weil nicht mehr Geld da ist und sie nur begrenzt Stellen ausbauen können. Was ich mir wünschen würde: Dass ein ernsthafter, konstruktiver Dialog darüber entsteht, wie man dennoch die Situation verbessern könnte. Nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern überlegen, wie man beispielsweise den Ausbildungscharakter von Volontariaten verbessern könnte, was faire Bezahlung bedeutet, und wie Verlage langfristig qualifizierten Nachwuchs an sich binden können. Das Netzwerk Junge Verlagsmenschen will den Nachwuchs der Branche etwas sichtbarer machen. Wir versuchen diesen Dialog mit den Verlagen zu fördern, ohne dabei Fronten aufzubauen.
Was liest du privat gern?
Ich lese meistens ein Sachbuch und ein belletristisches Buch parallel. Im Moment sind das „Sieben Tage in der Kunstwelt“ von Sarah Thornton und „Alice“ von Judith Hermann. Davor waren es „Wer die Kälte liebt“ von Tilmann Bünz (ein Buch über Skandinavien) und Moby Dick. Zwischendurch lese ich auch immer wieder gerne mal einen guten Krimi. Und ich warte sehnsüchtig darauf, dass mein Lieblingsautor Ian McEwan sein nächstes Buch veröffentlicht. Ansonsten liebe ich alles von Uwe Johnson, Virginia Woolf, die schroff-zärtlichen Geschichten von Annie Proulx und Sachbücher, die Geschichten von Menschen erzählen, die auf die eine oder andere Art – und wenn auch nur im Kleinen – die Welt verändert haben. „Darwin“ von Jürgen Neffe ist zum Beispiel so ein Buch.
