02.09.2010/ Wie Peter Handke die Weltliteratur hasst
2010-09-02 21:29 (Kommentare: 0)
Ein wiederentdecktes Interview aus der ZEIT, 1989
Sie
waren bis Mitte der siebziger Jahre ein Autor, der mit jedem Buch auf der
Bestsellerliste erschien. Warum, glauben Sie, ist das anders geworden?
PETER HANDKE: Ich hab' halt nicht mehr den richtigen Drive. Ich bin nicht mehr
schön genug. Der Hüftschwung hat nachgelassen. Aber es stimmt ja nicht ganz.
Die Kindergeschichte war noch ein Bestseller. Nur hab' ich da nicht mehr wie
früher mit Neugier in den "Spiegel" geschaut, an welcher Stelle das
steht. Mir kommt vor, meine Sachen werden heute intensiver gelesen als damals,
aber sie sind halt nicht mehr in Mode. Also werden sie nicht mehr so viel
gekauft.
In einem Gespräch, das wir vor fünfzehn Jahren führten, antworteten Sie auf die
Frage nach dem Grund Ihres Erfolges, was Sie schrieben, sei eben Weltliteratur.
HANDKE: Das würde ich nicht mehr sagen. Zur sogenannten Weltliteratur möchte
ich nicht gehören. Wenn ein Thomas Mann als der größte deutsche Schriftsteller
dieses Jahrhunderts gilt, dann hat doch das Schreiben überhaupt keinen Sinn.
Wer dem nachfolgt, ist für mich schon verloren. Gerade vor ein paar Tagen habe
ich wieder "Herr und Hund" von ihm gelesen. Da ist gleich der erste
Satz so, daß man spürt, der das schreibt, ist sich dessen gewiß, eine Gemeinde
zu haben, die auf seinen bestimmten Tonfall hört. Also er fängt nie wirklich
an, sondern schreibt in dem Bewußtsein, daß er der Thomas Mann ist. Das ist
doch verwerflich. Ein Schriftsteller darf nie so denken, weil er im Leben immer
wieder neu anfangen muß. Ich wollte auch den "Zauberberg" wieder
lesen, der mich, als ich zwanzig war, tief berührt hat. Aber diese sich dauernd
selbst bespiegelnde Sprache hat mir das Weiterlesen verwehrt. Die Sätze haben
mir die Räume verstachelt. Diese Prosa ist völlig verdorben. Ein schrecklich
schlechter Schriftsteller ist das.
Auch über Kafka haben Sie sich ablehnend geäußert. In Ihren Aufzeichnungen
"Phantasien der Wiederholung" steht: "Ich hasse Franz
Kafka."
HANDKE: Ja, aber das war nur so ein kurzer Impuls. Zu Kafka kommt man immer
wieder als zu einer Instanz des Schreibens und des Handwerks zurück, keineswegs
aber zu Thomas Mann.
Robert Musil mögen Sie auch nicht.
HANDKE: Ich habe einige kleinere Prosastücke von Musil sehr gern, auch seine
Tagebücher. Aber der "Mann ohne Eigenschaften" ist für mich ein bis
in die einzelnen Sätze größenwahnsinniges und unerträglich meinungsverliebtes
Werk. Ich empfinde es manchmal als lästig, daß mir diese Bücher die schöne,
freie Welt, als die mir die Literatur immer vorschwebt, versperren. Wenn einer
nur eine gute Seite geschrieben hat, oder zwei gute Seiten, muß man schon damit
rechnen, daß er unsterblich wird und jeder andere Scheiß von ihm mitgezogen
wird wie ein Kadaver. Das heißt dann Weltliteratur. Ich habe in meinem Leben
sehr oft den "Ulysses" gelesen, nicht nur gelesen, sondern studiert,
Satz für Satz, aber das kann mir beim besten Willen nichts geben. Außer einer
formalen Fingerfertigkeit und einer Assoziationsgabe, die mit Literatur nichts
zu tun hat, finde ich bei Joyce überhaupt nichts. Gute Literatur kommt aus dem
Erleben der Dinge und der Gerechtigkeit diesem Erlebnis gegenüber, aus nichts
anderem. Sonst ist es nur Spielerei, Sprachbegabung, und das ist für mich etwas
ganz Grausliges. Ich bin an all diese Werke sehr gläubig herangegangen. Aber
ich glaube den Leuten, die das weiterverbreiten, kein Wort mehr. Ich habe das
Vertrauen in diese Leute verloren.
Das ganze, hochinteressante Interview finden Sie hier: http://www.a-e-m-gmbh.com/andremuller/peter%20handke%201988.html
