15.05.09/ Das schlafende Dornröschen
2009-05-15 18:00 (Kommentare: 0)
Maja Das Gupta wird im Oktober das Seminar "Du Stück!" zum szenischen Schreiben leiten und sprach mit Paulina Schulz über die Inspiration zum Schreiben, das Vorgehen im Seminar und „schlafende Texte“.
Maja, du hast ganz verschiedene Dinge am Theater gemacht, als Dramaturgin, Theaterpädagogin Autorin oder Librettistin gearbeitet. Als was siehst Du Dich am ehesten?
Ich habe mir die Frage neulich erst gestellt, als mir klar wurde, dass ich mich ständig zwischen verschiedenen Disziplinen bewege. Und dachte spontan: Am liebsten wäre mir die Berufsbezeichnung „Erzählerin“. Die umfasst alles. Was man erzählen will und wie man es erzählen will, das ist eine Grundfrage. An der Neuköllner Oper habe ich erstmals mit Laien gearbeitet. Menschen haben auf der Bühne von sich erzählt und wir haben daraus kurze Geschichten entwickelt. Die Frage, was Laien mitbringen, hat mich seitdem sehr beschäftigt bzw. die Frage, wie man mit Dokumentarmaterial umgeht. Es war ebenso spannend, wenn auch ganz anders, für jugendliche Laiendarsteller ein Stück zu schreiben, in dem Versuch, es ihnen „auf den Leib“ zu schneidern. Zwischen diesen beiden „autorischen Erfahrungen“ liegen meine Ansätze: Entweder, ich arbeite mit dem, was ich im Kopf habe oder aber mit dem, was mir von außen entgegengebracht wird.
Wie meinst Du das?
Wenn ich besonders wütend auf etwas bin, recherchiere ich kaum, der Text entsteht aus einem anderen Impuls, ich arbeite etwas ab. „Vom bösen Kind“ ist so entstanden, als Reflex auf Erfahrungen, die ich gemacht habe. Ich finde es aber auch interessant, für eine bestehende Besetzung zu schreiben oder etwas zu recherchieren und dann damit zu arbeiten. Ein Stück über ein bosnisches Mädchen entstand nur, weil eine Schauspielerin mir ein Buch in die Hand drückte und sagte: Lies das mal. Wir suchen seit zwei Jahren einen Autor. Ich spiele deine Texte so gern. Ich las das Buch, wollte es überhaupt nicht machen, fing aber im Kopf an, das Material hin- und herzuschieben.
Wie gehst Du dabei vor?
Sehr unterschiedlich. Jeder Stoff schreibt sich anders, hat seine eigenen Gesetzmäßigkeiten. Und es ist hilfreich, wenn man nicht zu früh bewertet, was man da macht, sondern erstmal ins Laufen kommt.
Wie kann man sich dann die Arbeit in deinem Seminar vorstellen?
Natürlich kann man eine Dreiviertelstunde über ein Wort diskutieren. Ich glaube aber, das ist was fürs Endlektorat. In diesem Seminar wird es darum gehen, erstmal das aufzunehmen, was die Teilnehmer von sich aus machen und zu fragen, worin Stärken liegen und wie man sie weiter ausbauen kann. Ich möchte aber nicht nur mit dem arbeiten, was die Teilnehmer mitbringen, sondern auch ein, zwei freiere Übungen machen. Die werden aber freiwillig sein.
Zum Beispiel?
Da mich die Frage nach dem Umgehen mit recherchiertem Material selbst interessiert, möchte ich gern an einer Stelle mit Interviews arbeiten.
Wie beim Feature?
Nein. Es wird darum gehen, die Interviews als Basis für die Entwicklung von Figuren und/oder Situationen bzw. als Assoziationsmaterial zu verwenden. Ich wünsche mir, dass jeder Teilnehmer herausfindet, was ihn am meisten interessiert, was er machen will. Ich finde im Nachhinein zum Beispiel an meiner Dornröschen-Geschichte am erstaunlichsten, dass ich sie geschrieben habe ohne mich vorher zu fragen, ob das jemanden interessiert.
Machst du das heute nicht mehr?
Doch. Dauernd. Nichts ist schöner als ein schlafendes Dornröschen. Wenn es keiner wach küssen will, ist das nicht mein Problem.
