26.02.10/ Eine neue Krachkultur erscheint
26.02.2010 18:00 (0 Kommentare)
Literarisches Magazin für Entdeckungen
Pressemitteilung
Neue Ausgabe der „Krachkultur“ erschienen
Bremen. Die in Bremen und Leipzig herausgegebene Literaturzeitschrift „Krachkultur“ wird ihrem Ruf als Lautsprecher der literarischen Szene einmal mehr gerecht. In ihrer dreizehnten Ausgabe präsentiert „Krachkultur“ vor allem eine der schillerndsten Figuren der russischen Literatur und der russischen Oppositionsbewegung – Edward Limonow.
Seine Rollen und Metamorphosen sind Legende und bilden den Stoff seines umstrittenen Werkes. Als junger Mann emigrierte er in die USA und nach Frankreich – und wütete mit seinem Skandalroman „Fuck off, Amerika“ (1979), der ein internationaler Bestseller wurde, gegen sein Paria-Dasein im Westen. Nach seiner Rückkehr ins liberale Jelzin-Russland kämpfte er in fünf Kriegen gegen den Zerfall des Sowjetreiches und den russischen Raubtierkapitalismus und mutierte zum Führer der radikalen Nationalbolschewistischen Partei und einer deklassierten Jugend. Im kleinbürgerlichen Putin-Russland landete er wegen angeblicher terroristischer Umtriebe im Gefängnis und wurde wegen Waffenschmuggels und -besitzes zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. Inzwischen kämpft er Seite an Seite mit sowjetischen Bürgerrechtlern und Liberalen gegen das Putin-Medwedjew-Regime.
„Krachkultur“ Nr. 13/2010 präsentiert einen Querschnitt durch das neuere erzählerische Werk Limonows, dieses „göttlich begnadeten Dichters“ (Ljudmila Ulitzkaja). Die große Erzählung „Mussolini und andere Faschisten“ führt noch einmal in das New York der siebziger Jahre: Eddi, kaputt im Embassy-Hotel, als einziger Weißer unter lauter Schwarzen, bitterböser Humor im „Fuck off, Amerika“-Style, herrlicher Beleg für die „totalisierende Poetik der Verärgerung“ (Olga Matich), die Limonow betreibt. Weitere Texte zeigen den Wahlkämpfer Limonow, der seine potentiellen Wähler verachtet („Wahlen“), berichten aus dem Gefängnis, das offenbar ganz gute Arbeitsbedingungen für einen Schriftsteller bereit stellt („Epilog“), erinnern an eine Parteigenossin, deren Fähigkeiten besonders von den männlichen Parteimitgliedern geschätzt wurden („Geliebte der Partei“), beweihräuchern die kriegerische Erfahrung („Djnestr“), nehmen den Hysteriker Dostojewski aufs Korn („16 Bilder pro Sekunde“). Die Übersetzerin und Russland-Expertin Barbara Lehmann informiert in einem rasanten Essay über Leben und Werk Limonows.
Daneben ist die „Krachkultur“-Redaktion stolz darauf, ein weltliterarisches Seitenstück von Denton Welch (1915-1948) erstmals auf Deutsch vorführen zu können, die Erzählung „Als ich Kunst studierte“, in der das große Vorbild von William S. Burroughs einen melancholischen Bericht aus peinlicher Zeit gibt.
Aus Norwegen kommen „Kurze Texte langer Männer“ zu uns. Die Autoren Eduardo Andersen, Ragnar Hovland und Reidar Karlsen wandeln erfolgreich auf den großen Spuren von Charles Bukowski und Richard Brautigan. Ihre Lyrik oder Kurzprosa besticht durch Chuzpe und poetische Klarheit.
Die Autorin Ersi Sotiropoulos ist eine der bekanntesten literarischen Stimmen in ihrer griechischen Heimat. Die in Los Angeles spielende Erzählung „Stella“ berichtet in einem schönen wehmütigen Sound von den Träumen und Ängsten der Menschen im Filmparadies.
Die Prosa von Mick Fitzgerald, einem Musiker, Schauspieler und Schriftsteller aus Irland, verbreitet die heiter-melancholische Stimmung irischer Lebensweise.
Eine wunderbare Bremensie hat die Übersetzerin Gabriele Haefs für „Krachkultur“ aufgetan, eine Erzählung von Norwegens erfolgreichstem Krimiautor Jon Michelet. Der erinnert sich an seine Zeit als Seemann, die ihn auch in die legendäre Waller Küstenkneipe „Golden City“ geführt hat.
Daneben gibt „Krachkultur“ natürlich auch der deutschsprachigen Literatur Raum: Der Bremer Autor Wolfgang Schömel, bekannt als Verfasser „überwiegend neurotischer Geschichten“, lässt in seiner Erzählung „Das arme Schwein“ einen Eber namens Ferdinand die tragische Hauptrolle spielen. Der Münchener Autor Wolf Reiser, für den bereits Harry Rowohlt und Jörg Fauser schwärmten, hat eine Erinnerung an das „Arschloch der achtziger Jahre“, Wolf Wondratschek, abgeliefert.
Bevor der einheimischen Lyrik Platz eingeräumt wird, präsentiert die „Krachkultur“ mit Joshua Mehigan einen Vertreter jener amerikanischen Dichterschule, die für die Rückkehr des metrisch regulierten Verses eintreten. „Die Dichter, die ich vorstelle, wenden sich gegen den Trend“, hat der Lyriker und Übersetzer Christophe Fricker kürzlich im „ZEIT online“-Interview erklärt. „Sie schreiben eine Lyrik, die Eleganz und Verständlichkeit mit gedanklicher Tiefe und sorgfältiger Beobachtung verbindet. Philosophische Meditationen, zynische Alltagskommentare, verspielte Liebesgedichte und kritische Naturbetrachtungen feiern die Fülle der Welt und der Sprache.“
Neue Lyrik aus Deutschland stammt von: Hendrik Rost, Stan Lafleur, Arne Rautenberg, Christophe Fricker, Gerald Fiebig, Marcus Roloff und Agis Sideras.
Als Kuriosum am Rande veröffentlicht die neue Nummer einen kleinen Emailwechsel zweier Enttäuschter, nämlich zwischen Martin Brinkmann (Bielefeld) und Martin Brinkmann (Bremen).
Bildende Kunst ist in Form einer aus medialen Erinnerungsstücken zusammengesetzten Fotomontage-Strecke von Fabian Reimann vertreten.
Mehr unter http://www.krachkultur.de/

Einen Kommentar schreiben