27.10.09/ Frankfurt - Offenbach - Bydgoszcz
2009-10-27 18:00 (Kommentare: 0)
Der Oktober war (und ist) geprägt von diversen Reisen zu diversen Events. Buchmesse: empfand ich diesmal als unaufgeregt. Business as usual, wobei ich das Gefühl hatte, dass die Verleger und Buchhändler mit einer gewissen stoischen Gelassenheit der Krise trotzen und sich auch ein wenig verwundert die Augen reiben, dass die Umsätze stabil bleiben. Scheinbar gönnt sich der Mensch noch die kleine Freude des Lesens und spart an Größerem. Doch die Wehklagen, dass der/die Lesende sich in Deutschland immer mehr auf einige wenige Titel einschießt, war ebenfalls nicht zu überhören. Einmal oben, immer oben. Wenn ich schon ein Buch kaufe, dann soll es auch das richtige sein. So verstärken sich (Buch-)Preiskarussel, Bestsellerliste und persönliche Empfehlung gegenseitig. Der E-Book-Hype wurde zum gefühlten fünfundzwanzigsten Mal angekündigt und blieb wieder aus. So langsam hat man das Gefühl: Zu viel über die Hochzeit geredet, sie wird nie stattfinden. Oder doch nur im kleineren Kreise.
Die Partys in Frankfurt empfand ich (im Gegensatz zu den Leipziger Partys) als eher mau. Die täglich erscheinende, auf lustig getrimmte Buchmesse-Ausgabe der FAZ wählte nicht nur DuMont Lektor Jo Lendle zum zweitschönsten Lektor im deutschsprachigen Raum, sondern schrieb auch "Getanzt wird in Leipzig". Die Partys im Kunstverein - okay. die Location war angemessen, die Leute gut drauf, und doch hatten die Partys (v.a. die Musik) immer etwas vom 50. Geburtstag eines Unternehmenslenkers. Meinen Facebookeintrag "Partys eher mau" kommentierte ebenjener Jo Lendle mit einem ausdrucksstarken "WIE bitte?" Er ging wohl mit meinem Eindruck nicht ganz konform.
Bei der Pressekonferenz des Aufbau Verlags gaben die beiden Geschäftsführer René Strien und Tom Erben noch einmal die Kooperation zwischen der Textmanufaktiur und dem Aufbau Verlag bekannt. Der am 13. März 2010 zum ersten Mal vergebene Werner-Bräunig-Literaturpreis stieß in den Medien auf große Resonanz. Vom Hamburger Abendblatt über die Leipziger Volkszeitung, den MDR, die Süddeutsche oder das Branchenmagazin Buchreport griffen fast alle Medien die Meldung auf.
Das Buchmessewochenende verbrachte ich moderierend im Hafen 2 in Offenbach. Gut 250 Menschen besuchten an diesem Wochenende das "Bücherfest Rhein-Main", ein guter Start für das erste Festival dieser Art in Offenbach, das mit seiner breiten literarischen Ausrichtung ganz unterschiedliche Zielgruppen ansprach. Mir hats großen Spaß gemacht, nicht nur die vielen Autoren zu treffen, sondern auch gute Literatur des Herbstes zu entdecken, als da wären: Ron Winkler, Lydia Daher, Ulrike Sandig, Feridun Zaimoglu, Markus Orths (lustig!), Lutz Seiler oder Martin Mosebach.
Nach einem guten japanischen Essen ging es dann Sonntag um 22.30 mit dem Nachtzug rund 1.000 Kilometer weiter in den Osten, in eine Stadt mit dem unaussprechlichen Namen Bydgoszcz. Eine Industriestadt, die auf den ersten Blick nicht gerade für sich einnimmt. Nach der Lesung aus meiner Reiseerzählung "Erzähl mir vom Land der Birken" saßen wir allerdings noch lange zusammen, aßen typische polnische Gerichte wie "Blutwurst mit Graupen" oder "Bigos". Ein guter Wodka zum Abschluss gehörte ebenso dazu wie anregende Diskussionen über "Textkohärenz" und "Kohäsion" mit äußerst sympathischen und perfekt deutsch sprechenden polnischen Kollegen.
Sechsmal umsteigen am Mittwoch und eine Fahrt übers pommersche Land mit Bummelzügen. Aus unerfindlichen Gründen waren alle Schnellzüge von Warschau nach Berlin an dem Mittwoch meiner Rückreise ausgebucht. Die Frau bei der Servicehotline der Bahn, der ich erzählt hatte, dass ich zu einer Lesung nach Polen fahre, fragte mich: "Wollen die alle zu Ihrer Lesung?" So weit ist es wohl noch nicht.

In Offenbach sagt einem der Wirt, wo es lang geht, obwohl die Rechtschreibung ("Wohl fühlt") noch aus der Zeit vor der allerersten Rechtschreibreform zu stammen scheint.

Lutz Seiler las im Hafen 2 aus seinem von Jens Jessen in der ZEIT zwar gelobten, aber (nach Aussage Seilers) völlig missverstandenem Buch "Die Zeitwaage"

Nachtzug (nicht nach Lissabon)

Bonjour Polen
