29.06.10/ Ein zweiter Hilbig

2010-06-29 18:00 (Kommentare: 0)

Randnotizen zum 34. Bachmann-Preis


Ein langgstreckter Bergsee, eine mittelgroße Stadt, ringsherum die Alpen – Klagenfurt in Kärnten: Urlaubsregion Nummer 1 in Österreich, Heile-Welt-Feeling ist hier wichtig. In dieser Stadt findet man auf Schritt und Tritt ungewollt ironische Verweise auf die eigene Provinzialität: „Minimundus. Die kleine Welt am Wörthersee“ heißt ein Areal, in dem man die großen Bauwerke der Menschheitsgeschichte (Eiffelturm, Taj Mahal, Neuschwanstein) im Maßstab 1:100 nachgebaut hat. Man wirbt für die Tour „Nostalgie Special 2010“ mit den Worten: „Dreh die Zeit zurück“. Der Bürgermeister ist der ehemalige Tennislehrer von Jörg Haider, liest nach eigenen Aussagen bis auf das „Klagenfurter Budget“ kaum Bücher und am Wörthersee werden die begrenzten Motorbootlizenzen für eine halbe Million Euro verkauft. Das ist die „kleine Welt“ am Wörthersee, in die jedes Jahr aufs Neue die Elite des deutschsprachigen Literaturbetriebs einfällt – leicht zu erkennen an den KTM-Leihrädern, der Grüppchenbildung und der exaltieren Kleidung.

Am Abend trifft man sich im Augustin  bei „Petersilerdäpfel“ und Wiener Schnitzel, flach und knittrig wie ein in Wachs gefallenes und anschließend getrocknetes Geschirrtuch. Als ich die Gaststube am ersten Abend betrete, sitzt da schon der halbe Betrieb. Es gebe kein anderes vernünftiges Restaurant, man habe lange gesucht.
Dann der „Bewerb“, wie der Wettbewerb hier heißt: Die Diskussionen der Jury, anfangs scharfsinnig, später grantig, sind der durchaus vitalere Teil gegenüber den Texten. Besser als Christoph Schröder von der Zeit kann man es kaum sagen: „Die Jury ist, mit Ausnahme ihres Neuzuganges, ebenso disponiert wie im vergangenen Jahr, daran ändert auch der Fernseheindruck nichts: Frau Fleischanderl ist dauerschlechtgelaunt, Herr Sulzer dauerratlos, Herr Spinnen dauereloquent und Frau Keller dauerfreundlich. Doch, einen Unterschied gibt es: die Moderatorin Clarissa Stadler, die 2009 offenbar engagiert wurde, um unentwegt dazwischenzuquatschen, hält auf wundersame Weise fast durchgehend den Mund.“

Wawerzinek, eine Art zweiter Hilbig, liest mit zittriger, gebrochener Stimme, und doch aus einer großen inneren Tiefe heraus, die auf Anhieb berührt. Hier ist nichts gekünstelt, wie bei Rossbacher, oder durch Schauspielunterricht aufgepimpt, hier findet jemand eine authentische Sprache für einen nach außen drängenden Stoff. Respekt! Aber da sind auch die vielen schlechten Texte, die man, eingepfercht in einer engen Stuhlreihe, aushalten muss, bei denen man schon nach 2 Minuten merkt, dass sie unerträglich sind, die aber 35 Minuten andauern, quälend lange Halbestunden-Literatur.

Nach den Lesungen: Man liegt auf dem weichen Golfrasen des Loretto-Bades am Wörthersee, käsig und in Badehose sind die Lektoren, Agenten, Kritiker und Autoren kaum mehr voneinander zu unterscheiden; die subtilen Hierarchien fallen von allen ab, man ist einfach nur noch Mensch, der sich nach einer Erfrischung sehnt. Auf dem Hotelhandtuch schläft man fast ein, im Dahindämmern lauscht man den Gesprächen, die sich immer um Literatur drehen („unfassbar schlechter Text, keine Sprache, keine Geschichte“), ich hole meinen Genazino raus und lese endlich mal wieder „richtige“ Literatur, jedenfalls keine, über die noch diskutiert werden müsste (wobei ich mich beim Lesen oft frage, wie wohl ein Ausschnitt aus dem Buch, gelesen von einem jungen Autor, bei der Jury ankäme, und ich habe die Befürchtung, dass er durchfallen würde). Gelegentlich springe ich ins glasklar-grüne Wasser des Wörthersees, unter mir huschen die Fische davon. Ich mache mir Sorgen um die Klagenfurter Jungs, die sich schnell nacheinander, wie Fallschirmjäger aus einem Flugzeug, vom Steg ins Wasser stürzen, Sorgen, dass einer von ihnen einem anderem ins Kreuz springt (literarischer Topos) und dieser querschnittsgelähmt zurückbleibt.

Am Donnerstagabend „Geschlossene Gesellschaft“ auf Schloss Loretto. Gediegene Atmosphäre im Abendlicht, eine jener rätselhaften, gut gekleideten Gesellschaften, auf die man als Außenstehender halb skeptisch, halb neidisch blickt. Die gesamte Sippe (gut 100 Leute) wird mit Steaks und Aperol auf Kosten der Stadt bei Laune gehalten, denn eine günstigere und nachhaltigere PR bekommt man so schnell nicht wieder. („Und vergessen Sie dabei nicht, meine sehr verehrten Damen und Herren, die Schönheit unserer Stadt zu genießen und über sie zu berichten.“). Die Sonne geht unter über dem Wörthersee, die Jazzband hört auf zu spielen, man befruchtet sich gegenseitig bei Insidergesprächen, schwärmt von Grüppchen zu Grüppchen, und so entsteht etwas wie eine diskursive Massendiagnose des Wettbewerbs und der gegenwärtigen Situation auf dem deutschsprachigen Literaturmarkt („So schnell wird das Buch nicht ersetzt. Was, wenn mir ein iPad am Strand in den Sand fällt?“). Interessant wird es nur bei strittigen Texten oder Juryurteilen, man passt sich jeder Diskussion an – vertritt nicht selten das Gegenteil jener These, die man eben noch bestätigt hat, und tritt ein in den großen Relativismus, der da heißt: Literaturkritik.

Und am Ende? Die meisten reisen bereits Samstag ab, jene, die den Flieger nach Berlin am Sonntag Mittag gebucht haben (die Hälfte aller, die hier sind), ärgern sich, da sie nicht einmal mehr die Preisverleihung mitbekommen, und wünschen sich, dass der Flug beim nächsten Mal bitte darauf abgestimmt wird. Die Preisverleihung im Fernsehen wirkt wesentlich peinlicher als die Live-Beobachtung vermuten ließ: Die Moderatorin verhaspelt sich permanent, der Sieger steht schlecht beleuchtet und stammelnd zwischen zwei Kärntner Lokalgrößen (ein Berliner Bohemien und die Klagenfurter Bürgermeister – weiter auseinander können Welten kaum liegen), der Kelag-Chef konstatiert, dass „die Literatur keine Frauenquote braucht, im Gegensatz zur Wirtschaft“ und der Blumenstrauß, den Spinnen am Ende in Händen hält, ist nicht für die erwartungsfroh neben ihm stehende ORF-Moderatorin, sondern die Organisatorin Michaela Mondschein. Einmal mehr: Ostdeutsche Themen und Autoren dominieren bei den Siegern, von hier, aus den Tiefen der 70er Jahre der DDR-Provinz, scheint derzeit eine wesentliche Strömung der deutschsprachigen Literatur zu kommen: Authentizität gewinnt vor Inszenierung.

Trotz allem oder gerade wegen der kleineren Schwächen waren die Tage in Klagenfurt zauberhaft und man verlässt die Stadt mit Wehmut. Makellosigkeit hat, wie Burkhard Spinnen in seiner scharfsichtigen Art festgestellt hat, immer zwei Seiten: eine faszinierende und eine herzlose. Wir wollen gar keinen makellosen Bachmannpreis. Und deswegen werden natürlich alle wiederkommen, vermutlich weniger wegen der Texte, oder der Autoren als wegen der guten Stimmung am See, um teilzuhaben am Diskurs über Gegenwartsliteratur, und nicht zuletzt, um am Nachmittag ins klare Wasser des Wörthersees zu schwimmen. In Berlin würde sich das kleine Grüppchen doch nur verlaufen. Hier kann man sich gar nicht aus dem Weg gehen. Hierin liegt der eigentliche Zauber dieser Veranstaltung.

Ach – und der Fußball. Er war überall präsent, sei es bei der Eröffnungsrede, von der sich eine Gruppe in den ORF-Sozialraum absetzt, um das Deutschlandspiel zu sehen, sei es auf der Großleinwand (Plastikbecher und Proleten), oder auf kleinen Fernsehern beim Eiscafé. Italien 2:3 gegen die Slowakei, einer der Favoriten Gruppenletzter. Dutzende Kommentare von den zu Hause gebliebenen "besseren Trainern". Man hört Jammern und Feixen und denkt: Was würden wir bloß mit uns anfangen, wenn es nichts zu kritisieren gäbe.

 

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On the road: Mit dem ÖBB-Bus von Venedig nach Klagenfurt.

 

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Hier darf noch geraucht werden. Stillleben im Hotel "Blumenstöckl".

 

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Sieht in echt genauso aus wie im Fernsehen: die Kritikerrunde.

 

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Zwischendrin beriuhigt Burkhard Spinnen das bisweilen aufgebrachte Publikum, das sich gern als 8. Jurystimme betätigte.

 

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Im Publikum: Agenten, Lektoren, Journalisten.

 

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Sonnenuntergang am Wörthersee.

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