Heike Duken: "Träum weiter" (Roman)
Exposé
Eine Dreiecksgeschichte um Liebe, Schuld und die Macht der Vergangenheit – und die Unfähigkeit, älter zu werden.
Seit seine Freundin Rebekka ihn verlassen hat, steckt Mischa Mackenroth, 25, Langzeitstudent, in einer Lebenskrise. Einerseits will er sich von den Frauen lösen, die ihn schon seit seiner Kindheit dominieren, andererseits glaubt er an die Macht der Verführung und macht exzessiv Gebrauch von ihr, bis die inneren Konflikte ihm schließlich Potenzprobleme bescheren. Nun reiht er sich endgültig ein in die Riege der Verlierer, die sein Männerbild prägten.
In diesem Zustand trifft er Natascha und ihren Mann Paul. Natascha, mit zwei Vätern aufgewachsen, geht zwanghaft fremd, in der Sehnsucht, Männer würden irgendwann die Konkurrenz um sie aufgeben und sich verbrüdern. Mischa sucht vor ihren Begierden das Weite und beginnt stattdessen eine Freundschaft mit Paul. Unter dessen männlicher Zuwendung blüht er auf und sieht nun doch eine Chance, auf seine Art erwachsen zu werden. Was er nicht weiß: Paul führt ein heimliches schwules Leben und verfolgt seine eigenen Interessen. Er hat sich in Mischa verliebt. Um ihn zu verführen, braucht Paul aber seine Frau, die schöne Natascha, die sich inzwischen um die zunehmende Distanz von Paul und um ihre Ehe sorgt.
Heraus kommt eine in ihrer Dynamik inzestuöse Dreiecks-Beziehung, die scheinbar alle Wünsche erfüllt. Doch Pauls homosexuelle Liebe bricht sich schließlich Bahn. Er leitet den Showdown ein, und das Scheitern aller Wünsche ermöglicht eine letzte wahrhaftige Begegnung.
Textauszug
Unten die Menge, tanzend, schwitzend, außer sich, oben sie, Natascha, die Königin. Sie hatte diese Jeans an und ein schwarzes Top, das beim Tanzen hoch rutschte und ihren Bauch zeigte. Allen. Diese tanzende Frau mit dem freien Bauch und ihre Hingabe, ihr ICH BIN SCHÖN, ihr WENN ICH WILL, GEHÖRT IHR MIR ALLE, das haute dermaßen rein, das war so was von berauschend, dass es einem wirklich den letzten Rest Verstand rauben konnte.
Mischa erschrak, weil Paul im Gedrängel plötzlich dicht neben ihm stand. Das war wie gleich verhaftet und abgeführt. Aber Paul grinste nur, legte einen Arm um Mischa, schob ihm dann die Haare zur Seite und gab ihm einen festen Kuss auf den Nacken. Da, wo sonst die Frauen so gerne herumwühlten, da spürte Mischa Pauls Mund und sein Gesicht. Gott sei Dank nur ganz kurz. Aber Natascha hatte das genau beobachtet, und sie stand auf dem Podest, ihrem Königinnenthron, bewegte sich einen Moment nicht weiter, sondern starrte sie beide an, und in ihrem Blick, in ihrem Gesicht gab es einen irrwitzigen Ausdruck, und je länger sie so dastand, desto eindeutiger war das, was aus ihr herausstrahlte, desto unmissverständlicher war dieses Leuchten, desto klarer Mischas Fazit: sie war glücklich. Dann war es vorbei. Sie tanzte weiter.
Er drehte sich um und schaute Paul ins Gesicht. Was war hier los? Paul lachte und sah auf eine ganz ähnliche Weise glücklich aus, was ihn, Mischa, auch erst einmal grinsen ließ. Trotzdem machte er so ein Pausenzeichen und drängelte sich Richtung Tür.
Auszeit. Sich beim Pinkeln zuschauen. Ausatmen. Abchecken, wie besoffen er war. Er konnte heimgehen. Er konnte jetzt heimgehen. Abhauen. Die Kurve kratzen. Aber die Dinge veränderten sich. Es gab die Möglichkeit, nicht den Schwanz einzuziehen, und das, was da passierte, mitzunehmen, das laufen zu lassen, also mal zu sehen, wie sich das entwickelte. Er wusch sich die Hände, weil das machte man so, das hatte er gelernt.
Natascha und Paul standen im Flur oberhalb der Treppe, schauten sich die Leute an, die raufkamen oder runtergingen, und das sah nach dem aus, was man halt Samstag Nacht im K4 so anstellt. Tanzen, schwitzen, was trinken, Leute anschauen. Fast hätte er sich die Augen gerieben, um zu sehen, ob er sich in einem blöden Traum befand, der bloß dazu da war, ihn aus dem Konzept zu bringen.
Er ließ die beiden stehen, holte sich eine Cola und setzte sich auf den Boden neben den Eingang zum Frauen-Klo. Hier konnte er die Beine der Frauen sehen, die da anstanden, um auf Toilette zu gehen. Und wenn er den Kopf nur ein wenig anhob, hatte er sogar Aussicht auf jeden einzelnen Hintern. In dieser Lage ließ es sich eine rauchen. Auf einmal hatte er irgendwie genug von N plus P. Was wollten die eigentlich. Sollten sie doch ohne ihn ihren Spaß haben. War er etwa ihr Projekt, so was wie ein neues Sextoy oder ein neuer Porno, auf den sie sich schon tierisch freuten, wenn sie den zusammen anschauen sollten, und heute war es also soweit? Das wurde schön langsam ein völlig mieser Abend, jedes Wochenende stand er in einem dieser Schuppen herum, und es war immer das selbe, aber heute war es noch nervtötender als sonst, heute war es deprimierender und beschissener, weil er nichts weiter war als eine Abwechslung für ein beklopptes Paar, das miteinander nicht mehr viel anzufangen wusste.
Jemand ließ sich neben ihm auf den Boden plumpsen, es war Paul.
„Was ist los? Zu viel Wodka?“
Kumpelhaft.
„Nein, zu wenig.“
Paul gab ihm ein Bier in die Hand und sagte: „Trink.“
„Warum? Was habt ihr vor? Natascha macht mich an, du benimmst dich wie, wie..., was weiß ich, was soll das?“
„Was Natascha vorhat, keine Ahnung. Dich ins Bett kriegen wahrscheinlich. Das kennst du vielleicht noch nicht. Frauen wollen manchmal wen ins Bett kriegen.“
„Ach nee.“
„Dann weißt du ja Bescheid.“
„Und wieso schwulst du mich an?“
„Weil ich schwul bin?“
„Sehr witzig. Und Natascha singt im Windsbacher Knabenchor. Also wenn ihr was Verrücktes mit mir vorgesehen habt, wüsste ich das gerne.“
Paul packte unvermittelt Mischas Locken am Hinterkopf, ziemlich fest, und kam mit seinem Gesicht ganz nah an ihn ran. Was wurde das jetzt? Ein Kuss auf den Mund?
Aber Paul meinte nur: „Nein.“
„Nein was?“
„Wir haben nichts für dich vorgesehen. Du kannst dich beruhigen.“ Er sah Mischa tatsächlich tief in die Augen und fragte: „Angst?“
Erst jetzt kam, was kommen musste, nämlich wirklich und tatsächlich der Kuss. Mit Zunge.
Mischa machte erst mal gar nichts. Also weder zuckte er zurück, noch haute er Paul eine aufs Maul, noch tat er irgendwas mit seiner Zunge, das ihm als Erwiderung oder so was hätte ausgelegt werden können. Paul küsste weiter, hatte also weiter seine Zunge bei ihm im Mund und schlängelte sie hin und her. Wie lange dauerte so was? Konnte man abwarten bis es vorbei war? Nun, danach fühlte es sich nicht an. Eher so, als würde Paul weiter machen bis irgend eine Reaktion kam. Mischa konnte ihn natürlich wegschieben und einen Lauten machen oder ihn wegschieben und keinen Lauten machen, aber das war doch beides uncool. Cool war, das Angebot anzunehmen, und einmal kein Weichei zu sein. Wenn das eine Feuerprobe war, eine Initiation, von der ihm bloß bisher keiner was erzählt hatte, wer denn auch, dann wollte er das auf jeden Fall bestehen. Wer weiß, vielleicht galt er sonst für immer als Mädchen und musste bei den Frauen im Zelt bleiben, während die Männer die Büffel jagten und sich Skalpe holten. Holte sich Paul gerade einen Skalp?
Mischa bewegte einfach mal seine Zunge, küssen konnte er ja. Das war mit einem Typen nicht grundsätzlich anders, also vom Technischen her betrachtet.
Von Pauls Seite aus wurde das langsam ziemlich innig, die Hand in Mischas Haaren wurde weich, die Zunge wurde weich, der ganze Kerl hatte auf einmal was Weiches, das war nicht zu glauben. War das nun das Gegenteil von geil? Mischa hatte keine Ahnung. Jedenfalls bekam er keinen Steifen. Nur so für’s Protokoll. Auch wenn es vielleicht Vorteile hatte, mit Männern ins Bett zu gehen anstatt mit Frauen. Immerhin würde das die Frauen todsicher auf Abstand halten. Auch Natascha.
Damit war die Sache sofort gelaufen. Er zog seine Zunge zurück und drehte seinen Kopf zur Seite. Paul lachte wie ein Junge, der was angestellt hat und sich unheimlich drüber freut. Wie sie damals gelacht hatten, Mischa und seine beiden Cousins auf dem Heuboden.
Das machte es einfacher. Mischa lachte mit. Paul haute ihm in die Seite, das entspannte die Lage noch mehr. Mischa haute zurück und zwar kräftig. Er hätte Lust gehabt, richtig zuzuschlagen.
Aber er sagte: „Ich geb einen aus.“
„Ich geb einen aus. Du verkaufst Lexika“ meinte Paul.
„Nicht mehr.“
„Was denn? Heizdecken?“
„Ich fahr jetzt Fahrrad.“
„Für Geld?“
„Kurierdienst. Seit einer Woche.“
„Kometenhafter Aufstieg.“ Paul schüttelte den Kopf.
Das kam ziemlich überheblich rüber, wenn man Mischa fragte. Er zuckte mit den Schultern und stieg lieber nicht drauf ein. Das war ein einziges Minenfeld, das Thema.
Sie stellten sich an der Schnapsbar an, und als sie anstießen und den Wodka runter kippten, war der Abend wieder offen.
Paul ging aufs Klo. Mischa stand unschlüssig herum, sollte er wieder tanzen gehen, Natascha suchen oder sich hier auf der Treppe niederlassen, wo man einen super Ausblick hatte auf sämtliche Frauen, die hoch und runter liefen. Von hinten umfasste ihn jemand. Frauenarme, das stand fest, mit Frauenfingern dran, die sich vor seinem Bauch falteten wie zum Gebet und mit Nataschas großem, blau-orange-grünem Ring am Mittelfinger. Sie stand dicht hinter ihm, so dass er ihre Brüste an seinem Rücken spüren konnte und die Nässe, die von ihrem durchgetanzten Körper ausging. Sie legte ihr Gesicht zwischen seine Schulterblätter und presste mit dem Mund heiße Luft gegen seinen Rücken, wie man das bei Kindern macht, nur dass sie nicht dabei prustete. Jedenfalls wurde es verdammt heiß da hinter ihm. Er griff sich die Hand mit dem Ring und nahm das Plastikding in den Mund. Das Schöne war, dass er dabei ihre Hand halten konnte, die wirklich sehr klein war, und außerdem die Lippen leicht an ihrem Finger hatte. Es wäre ein Leichtes gewesen, ihr die Zunge in die Kuhle zwischen Mittel- und Ringfinger zu schieben. Sollte er?
Er ließ den Ring los, drehte sich zu ihr um, da war ihr zerzaustes Haar, das sie beim Tanzen hin und her geworfen hatte, er packte sie am Unterarm und zog sie weg. Ein paar Meter zu einer Feuerschutztür, die in ein Treppenhaus führte. Leer, grell beleuchtet, ein Notausgang. Da zog er sie rein. Sie wollte was sagen, irgendwas Blödes, das sie mit „Hallo?“ anfing, aber er ließ sie nicht, presste sie mit seinem Körper gegen die Wand und berührte mit seinem Mund ihren, so fest, dass sie still war, aber so zart, dass sie mehr wollte, wenn er sich nicht täuschte, und er täuschte sich praktisch nie.
Die Autorin:
Heike Duken, geb. 1966, hat Psychologie studiert und arbeitet als Psychotherapeutin in ihrer Praxis in Nürnberg.
Sie schreibt Kurzprosa und stellt gerade ihren Roman „Träum weiter“ fertig. Erste Veröffentlichungen von Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften.
