Elisabeth Hipp: Das Angebot (Kurzgeschichte)
Juliane schließt die Küchentür und entzündet das Gas. Draußen zieht sich der Himmel zu, vielleicht wird es heute nacht endlich regnen. Sie wird das Fenster nicht öffnen, wird verhindern, dass die Hefe erschrickt und der Kuchen misslingt. Ob sie in Kalifornien noch auf diese Art Gugelhupf backen würde? Ihr fällt nicht mehr ein, was Hefe auf Englisch heißt. Vorsorglich zieht sie den Ehering ab und legt ihn auf den Tisch. Sie schließt die rechte Hand; mit der Faust drückt sie eine Mulde in das Mehl. Wie immer bleibt ihr Blick an einer Stelle am Schüsselrand haften, an der die Glasur abgesprungen ist; die Stelle ist so klein wie eine Haferflocke und ganz rau. Irgendwann muss der Linzer Großmutter etwas Schweres auf die Schüssel gefallen sein - der Fleischklopfer vielleicht? Der Hefewürfel in seinem Alu-Papier fühlt sich kalt an.
Doch, es würde ihr gefallen, den Kollegen in Kalifornien Gugelhupf anzubieten. Bei Janes Verabschiedung gab es Muffins, mit Cremes und Gelees gefüllt, mit Güssen und Früchten und Streuseln dekoriert - sie stammten aus einer neuen Kult-Bäckerei am Rodeo Drive. Als sie gerade in einen dieser Kuchen biss - er schmeckte süß nach Schokolade - neigte sich Helen von rechts zu ihr herüber und fragte, ob es denn zu Hause bei ihr in G. auch so eine "fashionable bakery" gebe...? Juliane erklärte ihr, dass man in G. an jeder Ecke auf eine Bäckerei stoße und dass in jedem Stadtteil ein anderes Geschäft als Geheimtipp gelte - wobei man noch unterscheiden müsse, ob man den besten Bäcker für Brot oder für Stollen oder für Kuchen finden wolle. Sie verschwieg, dass die konservativen Hausfrauen G.s noch lieber selbst backen. Juliane tut dies nur ausnahmsweise, an Tagen wie diesem: Morgen hat Jens Geburtstag.
Über der Kasserolle beginnt es zu dampfen; ehe die Milch überkochen kann, zieht Juliane sie von der Gasflamme und gießt sie über die mit Zucker bestreuten Hefebrocken. Das Rezept, in der Handschrift der Großmutter, auf einem mürben Blatt Karopapier, sieht sie gar nicht an, als sie mit einer Gabel durch die Mischung fährt. Das wird der Vorteig, den sie gleich mit einem Geschirrtuch abdecken wird, das sauber ist, aber ungebügelt. Draußen fliegen die Mauersegler tiefer als am Morgen, ihre Schreie hallen über den Hof. Am Montag wird sie zurückkehren in die Bibliothek, sie wird den Kollegen von Los Angeles berichten und von den wunderbaren Arbeitsbedingungen dort - und sie wird die Geschichten der anderen von deren Dienstreisen nach New York oder Philadelphia anhören, Geschichten, die sie schon kennt, fast zu gut, aber sie wird den Erzählern lauschen und ihren Urteilen beipflichten - über Newfields Angebot wird sie vorerst schweigen. Newfield, Chef des berühmten Laborde-Instituts zur Restaurierung spätantiker und mittelalterlicher Handschriften. Am Ende des Kuchenempfangs zu Janes Ehren hat er Juliane angesehen und gefragt, was sie denn noch so vorhabe in ihrem Leben. Sie konnte nicht spontan antworten; schließlich räusperte sie sich, nun ja, sie liebe die Bibliothek in G.; gewiss, sie sei dort nur freie Mitarbeiterin, aber die Freiheit habe ja auch etwas für sich. Sie versuchte, so zuversichtlich zu lächeln, wie es Jane und Helen und die anderen scheinbar mühelos hinbekamen. Sie hatte in irgendeiner Zeitschrift gelesen, dass ein Lächeln auch die Augen umfassen müsse, um glaubwürdig zu sein, und so befahl sie ihren Muskeln, die Lider ein wenig auseinanderzuziehen, und ihren Pupillen, geistvoll zu blitzen. "Well", sagte Newfield und entblößte eine ebenso makellose Reihe weißer Zähne wie sie Jane und Helen besaßen, weshalb er sie das frage? Sie sei ja nun zwei Monate lang Teil des Teams gewesen, und sie hätten zusammen diese beiden byzantinischen Psalter-Fragmente restauriert; selten hätten sie eine Stipendiatin so schätzen gelernt, und jetzt, wo Jane so überraschend diese Stelle in New York bekommen habe, da bräuchten sie dringend einen Nachfolger. Er denke da an sie, und sie solle sich bitte bewerben. Über Julianes Verblüffung lachte er; gleich darauf wurden seine Züge wieder ernst, und er sagte, sie solle es sich überlegen, ihm innerhalb von zwei Wochen Bescheid geben und ansonsten ihren letzten Tag nutzen, um sich etwas von der Stadt anzusehen. Sie habe ja so viele Stunden im Institut verbracht.
Ihr Blick wandert zur Uhr. Der Vorteig geht nun schon seit mehr als zehn Minuten, in fünf Minuten wird sie das restliche Mehl dazumengen. Aus Jens' Zimmer ertönen Gitarren-Akkorde, markieren den Beginn von "Wish you were here". Das heißt wohl, dass er fertig ist mit seiner Umsatzsteuerabrechnung... Sie hat ihm noch kein Wort gesagt über das Gespräch mit Newfield. Dabei hat sie ihm so vieles erzählt von Los Angeles, an ihn gelehnt auf dem Sofa, während er einzelne Locken ihres Haars auseinander zog.
Sie hebt vorsichtig das Küchentuch und linst in die Schüssel. In der bräunlich-grauen Masse öffnen sich Blasen. Die Hefe lebt, denkt sie, und knetet das restliche Mehl hinein. Allmählich muss sie sich daran machen, die Eier zu trennen. Gugelhupf ist ein besonderer Kuchen und erfordert besondere Maßnahmen. Er ist der Trost- und Festtagskuchen der Familie, schon immer aß man ihn an Ostern, an Geburtstagen und nach Beerdigungen. "Nur im Krieg gab's keinen Gugelhupf", pflegte die Großmutter zu sagen und legte Juliane und ihrem Bruder jeweils ein Stück auf den Teller. Der Großmutter zufolge gab es kein besseres Gebäck; die pulvertrockenen Kränze, die andere Frauen aus Fertigmischungen zusammenrührten, schmeckten ihr nicht. Und so spielten Juliane und ihr Bruder, den Mund voller Kuchen, stets die Genießer, obwohl der Bruder keine Rosinen mochte und sie zur Dekoration seines Tellerrandes verwendete - und auch dann, wenn ihnen gar nicht nach Süßem zumute war, wie damals, nach dem Unfall der Eltern, als die Großmutter ihnen eröffnete, dass sie von jetzt an für sie beide sorgen werde.
Juliane schlägt die Eier an einer Glastasse auf. Von einer in die andere Eierschalenhälfte rutscht der Dotter; das Eiweiß tropft zäh in die Glastasse und auch daneben. Sie verrührt das Eigelb mit der Butter, dem Zucker und einem weiteren Ei, reibt Zitronenschale darüber (in der Hoffnung, dass die Schale wirklich ungespritzt ist), vermischt alles mit dem Teig, arbeitet Mandeln und Rosinen darunter. Die Form hat tiefe Schmuckprägungen, man muss sie gut einfetten, am besten mit Butterbrotpapier. Die Margarine schmilzt in der warmen Luft; sie läuft vom Papier auf Julianes Finger. Im lauwarmen Ofen darf der Teig nochmals gehen. Sie wagt es, ein Fenster zu öffnen. Eine Windbö wirft es gleich wieder zu. Der Himmel ist so dunkel, als wäre die Sonne bereits untergegangen, doch sieht Juliane im Dämmerlicht, wie die Pappel sich neigt und der Wind ihre Äste nach oben und unten reißt. In Los Angeles fällt im Sommer so gut wie kein Regen, das weiß sie aus dem Reiseführer - sicherlich würde sie dort selten auf Schauer warten, dafür aber auf Waldbrände. Und natürlich auf Erdbeben. Sie würde es gerne genauer wissen: wie sich ein beginnendes Erdbeben anfühlt, ob ein dumpfer Ton zu hören ist (so stellt sie es sich seit ihrer Kindheit vor), ob es wirklich unmöglich ist, irgendwo Halt zu finden.
Es klopft an der Küchentür; "Du kannst reinkommen!" ruft sie Jens zu. Er ist so groß, dass er den Türrahmen fast ausfüllt, in der Höhe wie in der Breite.
Jens hockt sich neben ihrem Stuhl auf den Boden, legt die Hand auf ihren Arm und fragt übertrieben eindringlich, wie es denn dem kleinen Sorgenkuchen gehe. Sie legt den Kopf schief und blickt auf seine Stirn hinunter, an der sich sein Haar bereits zu lichten beginnt:"Er wächst und gedeiht..." Er lacht. "Ich hab' mir übrigens überlegt, wo wir mal ein Kinderbettchen hinstellen könnten – so rein theoretisch...", sagt er dann, und seine Augen ziehen an ihrem Blick. Es ist eng in der Küche. Sie schiebt ihn von sich, ein kleines bißchen: "Ach Jens..." Er drückt sich nach oben und streicht ihr mit der rechten Hand kurz über den Oberarm. "Jens..." Er ist fast schon wieder bei der Tür angelangt und wendet sich um; an seiner Cordhose sieht sie Teigkrümel hängen; er wird sie gleich durch die ganze Wohnung tragen, er hat keinen Sinn für so etwas. Bei der Arbeit hingegen ist er anders, wie penibel er beim Sichern der Befunde, beim Restaurieren von Wandmalereien vorgeht - bei jedem einzelnen Vorgang sorgt er da für Sauberkeit. Sie springt auf und zupft ihm die Krümel vom Stoff; wie nebenbei fragt sie: "Hättest du Lust, mal ein richtiges Risiko einzugehen?" Er hebt die Augenbrauen: "Ein Risiko...?" "Im Leben..." Seine Stimme klingt höher als vorhin: "Echt, Juli - das musst du mir nicht sagen: Ich weiß, was Risiken sind - wie wir meinem Vater damals in den Westen nachgezogen sind - wie ich das Medizinstudium abgebrochen habe - was meinst du denn, bitte?"
Sie schweigt und betrachtet ihre Schürze und die Schlieren aus feuchtem Mehl, die sie überziehen. Er geht hinaus und schüttelt den Kopf. Das Licht schaltet er nicht an; sein Rücken verschwindet im Flur. Als sie meint, dass Jens nun in seinem Zimmer angekommen sei, zieht sie die Tür zu.
Wenn sie die Augen schließt und dann an Los Angeles denkt, spannen sich die Muskeln in ihrem Nacken an und ihre Halswirbel werden schwer.
An ihrem letzten Tag fuhr sie nach San Marino, mit dem Bus, in die Huntington Library, erfüllt von einer diffusen Sehnsucht nach Natur. Während der zweieinhalb Stunden im Bus zog sie immer wieder die Wasserflasche aus dem Rucksack und trank einen Schluck; bei der Ankunft war sie trotzdem durstig. Am liebsten hätte sie sich sofort in einem Café niedergelassen. Weil sie aber am Tag zuvor Newfield gegenüber so vehement ihr Interesse am Desert Garden kundgetan hatte, fühlte sie sich verpflichtet, gleich den Weg nach links einzuschlagen und Fuß für Fuß auf den menschenleeren Sandweg zu setzen. Ihr war, als liege über diesem Pfad ein Flirren, und sie sehnte sich nach einer Bank. Immerhin fand sie einen Baum, der Schatten warf, offenbar ein Verwandter der halbvertrockneten Topfpflanze auf ihrem Fensterbrett daheim, jedenfalls sah er genauso aus, wie ihr Helen die alten Yucca-Bäume des Parks beschrieben hatte (“Yucca filifera” sei ihr botanischer Name): an den Enden der Astarme bauschten sich spitze Blätter, unter ihnen hing eine Blütentraube herab. Es zwitscherte und zirpte - zum erstenmal in dieser Stadt hörte Juliane Vögel. Ein geflügelter Körper stürzte aus den Blüten hervor und stieß, den Kopf voran, wieder hinein in das helle Blattgewirr, das nun raschelte und vibrierte, als wäre es lebendig. So schnell geschah dies, dass sie das Tier kaum wahrnehmen konnte, nicht einmal die genaue Größe oder die Farbe prägten sich ihr ein. Ohnehin wusste sie nichts über die in Kalifornien verbreiteten Vogelarten. Wenn das jetzt gar keine Vögel waren, sondern riesige Insekten...? Sie schauderte und nahm den letzten Schluck Wasser aus der Flasche - es schmeckte nach Plastik. Soweit sie sehen konnte, bis zur nächsten Hecke, bedeckten grau-grüne Kakteen und Sukkulenten den Boden. Sie zogen sie keineswegs an; im Gegenteil, sie erschienen ihr abstoßend mit ihren Stachelhüllen, und manche Formen fand sie weniger interessant als obszön - nein, das einzig Sympathische blieben die Yucca-Bäume, selbst wenn die Tiere, die durch ihre Blütenbüschel summten, Riesenmotten sein sollten. Juliane kniff die Augen zusammen - an einem Punkt zwischen der linken Unterkante ihres Schädels und dem Nacken pochte leise der Schmerz. "The Germans always go into the desert", hatte Jane gelacht. Und mir gefällt noch nicht einmal ein Wüstengarten, dachte Juliane. Ihre Beine trugen sie kaum über den Weg, der in leichter Steigung zurück zum Eingangsgebäude führte; sie musste stehen bleiben, um das Gefühl wiederzugewinnen, dass Knochen in ihr steckten, die sie stützten, und als sie einzuatmen versuchte, gab es in ihrer Brust kaum Raum für Luft.
Später saß sie in einem Café in der Nähe des Rosengartens, wartete auf ihren Truthahn-Burger und trank ein Glas Wasser. An einem Nachbartisch saß eine Familie mit kleinen Kindern, an einem anderen unterhielt sich ein junger Mann mit einer älteren Dame über ein Typoskript, das aussah wie eine Seminararbeit. Irgendwann lachte die ältere Dame laut auf. Und Juliane fragte sich, ob sie es je schaffen würde in diesem Land.
Das Dröhnen und Trommeln weiß sie nicht sofort einzuordnen - sie sieht gerade durch das Ofenfenster dem Kuchen beim Backen zu. Einen Moment später erkennt sie, dass der Lärm vom Regenwasser herrührt, das gegen die Fensterscheibe prallt. Jens stürmt herein: "Hörst du das, Juli? Hast du das Fenster zugemacht?" Er setzt sich neben sie auf den Küchenboden; erst jetzt fällt ihr der Mehlstaub zwischen den Tischbeinen auf. Ich muss dringend wischen, denkt sie. Seine Hände fahren über die Fliesen: "Dein Ring..." Er umfasst ihre rechte Hand. Vorsichtig schiebt er ihr den Ehering über den Finger; am breitesten Knöchel bleibt er kurz hängen. Der Ring muss vom Tisch gefallen sein, vorhin. Etwas zieht sich in ihr zusammen; sie beginnt zu weinen. "Was ist nur los mit dir heute..." "Ach -" murmelt sie, "ich bin nur gerührt..." –"Aha," flüstert er. Sie spürt seine Küsse im Nacken und weiß: sie wird ihm nichts erzählen. Nicht heute. Und auch nicht morgen, wenn sie ihre Absage an Newfield schreiben wird. Später - vielleicht. Er trägt ein hellblaues T-Shirt. An der Schulter, dort, wo ihre Tränen hinfallen, bilden sich dunkle Flecke.
Die Autorin:
Elisabeth Hipp, geb. 1971, ist Kunsthistorikerin und lebt in Dresden.
