Gesina Stärz: Die Verfolgerin (Roman)
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Heute Nacht bin ich gestorben. Innerlich. Ich habe es gemerkt, weil meine Gedanken nicht mehr schmerzten. Ich ließ sie alle vorbeimarschieren, um sicher zu gehen. Drei Stunden hat das gedauert. Der Mann neben mir im Bett hat geschnarcht. Ich verfolgte meinen Atem, wartete eine Weile. Nichts. Ich war tot. Friedlich eingeschlafen, sagen manche dazu. Der Mann hat sich umgedreht, als ich aufstand, um mir einen Whiskey sour zu mixen. Ich schüttete viel Eis ins Glas und setzte mich aufs Sofa. Das Eis hat alle Zellen in mir in Schneekristalle verwandelte. Ich weiß nicht, ob ich das geträumt habe, aber ich fühlte mich besser und etwas in mir wusste, dass dieser Zustand anhalten würde.
Ich habe lange geschlafen, mir einen starken Kaffee bereitet, einen richtigen, wie man ihn früher trank. Gefiltert, mit Kaffeesahne und einem Zuckerwürfel. Er sah aus wie Kaffee früher ausgesehen hat. Goldbraun. Und er duftete wie Kaffee früher geduftet hat. Der Duft zog durchs Haus, von der Küche ins Esszimmer, in das Büro des Mannes, in mein Arbeitszimmer, in das Schlafzimmer im ersten Stock, die Zimmer der Jungen, die Bäder und das Studio unterm Dach. Ich bin durchs Haus spaziert, habe Stunden verloren. Eine nach der anderen. Am Nachmittag bin ich mit der U-Bahn zum Odeonsplatz gefahren, habe die Treppe Richtung Brienner Straße genommen, stand eine Weile an ein Geländer gelehnt und beobachtete, wie Menschen aus den Bürogebäuden eilten. Sie kamen in Gruppen, zu zweien oder allein, fast alles Männer, Angestellte aus Bankhäusern. Sie eilten die Straße herunter in Richtung Odeonsplatz auf den U-Bahnschacht zu. Die Männer trugen Anzüge. Geöffnete Jacketts. Der Gehwind blies blau-weiß gestreifte Hemden frei. Einige warteten an der Ampel kurz vor dem U-Bahnschacht, querten die Brienner Straße Richtung Salvatorplatz, Fünf Höfe, Theatinerstraße, Bayrischer Hof. Sie verschwanden im Labyrinth namhafter Orte. Ich stellte mir vor, hinter einem dieser Männer herzugehen, ihn zu verfolgen. Ich stellte mir vor, er trifft sich mit einem Geschäftspartner in einem der Cafés oder Restaurants. Vielleicht in der Brasserie „Oskar Maria“ im Literaturhaus. Ich stellte mir vor, auf der Galerie setzt er sich auf eine der lederbezogenen Bänke ohne zu bemerken, dass er auf Worten sitzt. „Niemand kann allein sein.“ Ein Zitat von Oskar Maria Graf. Vielleicht geht der Mann, den ich verfolgen würde, aber auch weiter, vor zum Dom, in das Nürnberger Bratwurst Glöckl, sucht sich im Biergarten einen Platz unter den Linden. Ich wäre enttäuscht, würde der Mann, den ich verfolgte, in einem der Häuser mit den Messingschildern, auf denen Kanzlei Dr. Dorn und Partner oder SFI Steuerberatungsgesellschaft oder Dr. Rummendorf und Partner Notariat steht, verschwinden. Ich würde ihn beobachten wollen. Sein Gesicht, seine Augen. Wie er redet. Das ist wichtig für mein Vorhaben. Ich kann nicht sagen, warum ich an diesen Tag an mein Vorhaben dachte.
Sie gingen schnell. Zu schnell für mich. Ich beschloss sie nicht zu verfolgen. Nicht an diesem Tag. Fürs Erste sollte es genügen, wenn ich mir vorstellte, wie es wäre, verfolgte ich sie. Ich ging in das Café am Hofgarten. Jeder Stuhl in dem hohen Raum mit den dunkel getäfelten Wänden war besetzt. Bis auf einen Tisch in der Ecke neben der Bar. Getäfelt. Ein merkwürdiges Wort. Es gibt keinen Infinitiv. Nicht in dieser Bedeutung. Die Leute im Café redeten und gestikulierten und tranken. Sekt mit Orangensaft, Wasser, Maracujasaft, Kaffee in allen Varianten – große Tasse, kleine Tasse, schwarz, mit Milchschaum. Ich bestellte mir ein Glas Maracujasaft-Schorle und eine Tasse Pfefferminztee. Ich erlaubte meinen Gedanken, sich in den Wort- und Stimmenbrei im Café zu mischen. Bis sie klar daraus hervortraten. Wie Worte, die auf einem Monitor erschienen: Ich eigne mich gut zu einer Verfolgerin. Ich habe die Fähigkeit so unauffällig für andere Menschen zu sein, dass sie mich gar nicht wahrnehmen. Das liegt an meiner Erscheinung. Ich bin von mittlerer Größe, nicht dick, nicht dünn, habe braune Haare, graubraune Augen, trage Jeans und Shirts. Ich verfüge über die Gabe, mich so unauffällig zu benehmen, dass ich für die meisten Menschen unsichtbar bin. Von der Verfolgerin zur Mörderin wäre es nur ein kleiner Schritt. Ich würde mich auch gut zu einer Serienmörderin eignen. Keiner käme drauf, weil ich ein völlig normales Leben führe. Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder und verdiene mir gelegentlich ein wenig Geld mit Artikeln, Gebrauchstexten, Geburtstagsreden. Nichts worunter man seinen Namen setzt. Die wichtigsten Voraussetzungen für einen perfekten Mord habe ich bereits als Kind erkannt. Mörder haben immer eine Beziehung zu ihrem Opfer. Der Nährboden für das Mordmotiv. Und das führt zum Täter.
Ich stellte fest, dass es anstrengend ist, linear zu denken. Ich unterbrach diese Art zu denken, nahm die Menschen im Café wieder wahr. Die Frau mit den langen blonden Haaren am Nachbartisch. Sie hatte ihren Kopf auf die rechte Hand gestützt und ihr Gesicht dem jungen Mann, der neben ihr saß, zugewendet. In die Nase des jungen Mannes führte ein Schlauch. Der war mit einer Sauerstoffflasche, die neben ihm stand, verbunden. In welchem Verhältnis steht der junge Mann zu der Frau? Sie müssen Geschwister sein. Die Frau sieht aus wie eine Moderatorin aus dem Fernsehen. Ihre Haut ist glatt. Sie hat lange Finger, die sie graziös bewegt. Geschwungene Lippen, einen klaren Blick. Der junge Mann ist blass, hat unreine Haut. Er weicht ihrem Blick aus. Er bemüht sich, die Traurigkeit aus seinem Blick zu bekommen. Er schaut sich um. Was sieht er? Die Menschen vor ihm an den Tischen? Den Kellner, der dem Mann im Pelzmantel mit den lockigen Haaren eine Tasse Espresso reicht?
Die beiden eignen sich nicht für mein Vorhaben. Das liegt am Ausdruck in ihren Gesichtern, in ihren Bewegungen. Sie hören sich zu, sie sehen sich an, sie spüren sich, sie nehmen aneinander Anteil. Anteilnahme – ein Wort das auf Beerdigungskarten geschrieben steht. Ich bestellte bei dem Kellner, den eben noch der junge Mann mit dem Schlauch in der Nase beobachtet hatte, einen Espresso. Er brachte ihn kurz darauf. Ich verfolgte meine Gedanken weiter. Sie kamen in Bildern: Ein kleines Mädchen liegt in einem Bett, in dessen Kopfende ein Herz ausgeschnitten ist, und verfolgt, wie die Sonnenstrahlen sich langsam aus dem Zimmer zurückziehen, wie erst Dämmer, dann Dunkelheit sich im Raum ausbreiten. Das kleine Mädchen glaubt, dass sich in der Dunkelheit jemand verborgen hält. Das kleine Mädchen kann den, der sich in der Dunkelheit verbirgt, atmen hören, seine Anwesenheit körperlich spüren. Sie liegt als feuchter Schauer auf ihrer Haut. Das fühlt sich heiß und kalt an, als wäre die Haut mit Strom aufgeladen. Ihr ist klar: Im Zimmer befindet sich ein Mann, der das kleine Mädchen töten will. Wenn er das Mädchen nicht tötete, dann würde sie ihre Angst töten. Ihr Verstand sagte ihr, dass es niemanden geben kann, der ein kleines braves Mädchen umbringen will. Mörder haben immer einen Grund jemanden umzubringen. Ihr Bruder, der als Rivale ein Motiv hätte haben können, war noch ein Baby. Ein Baby, das ein finsteres Gesicht hatte, das dunkle Haare umrahmten, in dem sich die Augenbrauen zusammen schoben und dessen Gesichtshaut sich dunkelrot färbte, wenn es schrie. Unerbittlich war dieses Schreien und das kleine Mädchen nahm mit Genugtuung zur Kenntnis, dass ihre Mutter es auch nicht mochte. Der Gedanke, dass Mörder immer ein Motiv haben, führte das kleine Mädchen zu einem weiteren Gedanken. Der lautete so: Wenn einer ohne Motiv tötete und er keine Spuren hinterließe, dann wäre er nicht zu fassen. Das kleine Mädchen im Bett mit dem Herz war ich. Im Alter von fünf Jahren.
Ich widmete mich meinem Espresso. Ich teilte ihn in zwei Schlucke, rührte, um den Zucker aufzulösen. Ich trank den letzten Schluck. Der war süß wie Sirup mit einem bitteren Nachgeschmack. Sind meine Gedanken real oder fiktiv, eingebildet oder nicht eingebildet? Aber was sind sie dann, wenn ich sie nach siebenunddreißig Jahren abrufen kann? Der Kellner sah meinen Arm in der Luft nicht, sah nicht, dass ich Zeichen zum Zahlen gab. Ich ging an die Bar, um die Rechnung zu begleichen.
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Am Abend saßen alle am Eichentisch im Esszimmer. Die beiden Jungen, der Mann, ich. Der Mann schob seinen Teller beiseite, griff nach dem Bierglas, lehnte sich auf dem Stuhl zurück, nahm einen Schluck, ließ dann aus seinem Mund Luft ausströmen und sagte: Vielleicht geht heute Abend was? Er schaute mir dabei auf den Schoß, blinzelte mit den Augen und lächelte. Ich saß neben ihm. Die beiden Jungen hatten sich erhoben. Der jüngere, um in sein Zimmer zu gehen, der ältere, um sich Fleisch aus der Küche zu holen. Ich hatte Putenschnitzel gebraten, Reis und Bohnengemüse dazu bereitet. Als der ältere wieder am Tisch saß, erzählte er, dass er am Wochenende mit Freunden im Bordell war. Nicht so, wie ihr denkt, sagte er lachend. Wenn er lacht, dann gluckst er und seine Augen glänzen. Sie seien nach der Disco gegen fünf am Morgen an einem Bordell in der Bahnhofsgegend vorbeigekommen und hätten durch das Fenster gesehen. Die Nutten hätten Kaffee getrunken. Er sagt: Wir sind hineingegangen und die haben uns mit großem Hallo begrüßt. Mit großem Hallo, weil sie alles junge knackige Burschen gewesen seien. Die würden die Nutten wohl selten zu Gesicht bekommen. Der Mann sagte: Was? Erzähl mehr. Wir haben mit ihnen Kaffee getrunken, sagt der Sohn. Und weiter? – will der Mann wissen. Nichts. Dann sind wir wieder gegangen. Wir waren müde.
So, so, sagt der Mann, steht auf, um eine weitere Flasche Bier zu holen. Trink nur auch etwas Bier, sagt er zu mir als er wieder zurückkommt. Das macht dich locker. Er lächelt mir zu. Es ist Pils, was er trinkt. Das mag ich. Manchmal.
Wenn ich mit dem Mann Sex habe, dann will ich, dass es schnell vorbei ist. Der Mann will genießen. Er genießt zu lange. Er ist dann nicht mehr erregt und versucht sich, in mir wieder zu erregen. Das dauert dann noch länger. Manchmal möchte ich dabei lesen oder fernsehen. Dann hätte ich auch etwas davon. Ich habe ihm vorgeschlagen, er soll es machen, wenn ich schlafe. Das ist für mich immer noch besser, als wäre ich wach. Er lehnt das ab. Stattdessen besorgt er es sich selbst, neben mir. Sonntagmorgen, wenn er meint, dass ich noch schlafe.
Nach dem Essen habe ich das Geschirr abgeräumt und in den Geschirrspüler sortiert. Danach habe ich geschrieben. Ich verwendete einen karierten Block, nicht das Notebook. Einen Spiralblock, A4, 100 Blatt. Die mit den 100 Blatt gibt es beim Discounter. Im Schreibwarengeschäft gibt es nur Spiralblöcke mit 80 Blatt. Der Mann achtet genau darauf, dass ich nur das Notwendige kaufe und von dem Notwendigen nur das Billigste. „Nur“ – ein Wort, das klingt wie ein Hund knurrt.
Bevor der Mann ins Bett ging, sagte ich ihm, dass ich im Gästezimmer schlafe. Gut, wenn du meinst, sagte der Mann und zog die Schultern hoch. Das sei auch schon egal.
Die Autorin:

Gesina Stärz, geboren 1964, Studium der Philosophie, Literaturwissenschaft, Markt- und Werbepsychologie an der LMU München, seit 1996 freiberuflich tätig als Redakteurin und Lektorin, u.a. Redaktionsmitglied „Widerspruch – Münchner Zeitschrift für Philosophie“; Süddeutsche Zeitung, Redaktion Holzkirchen; Mitarbeiterin German Research Program am Humanwissenschaftlichen Institut der LMU München. „Die Verfolgerin“ ist ihr zweiter Roman.
