Gitta Mikati
Gitta Mikati, 1956 geboren – aufgewachsen in Konstanz am Bodensee; gefühlte Berlinerin mit einem Koffer auf Teneriffa. Nach 30jähriger Tätigkeit in der Berliner Verwaltung ist sie nunmehr als Autorin tätig. Sie ist Mitglied bei der GNL (Gesellschaft für Neue Literatur), den Mörderischen Schwestern und der Autorenwerkstatt RRB (Roman-Runde-Berlin). Bisher wurden diverse Kurzgeschichten, Kurzkrimis und ein Fortsetzungskrimi veröffentlicht. Derzeitiger Schwerpunkt – man ahnt es: Krimis.
Asyl (Kriminalroman)
Nachts hinter den Felsen, irgendwo zwischen Istanbul und Ankara, wimmerte Mahmoud wieder im Schlaf. Von Maria abgewandt, kauerte er sich auf dem Sitz zusammen, sein Ellbogen stieß gegen das Lenkrad. Maria beugte sich über ihn und schlang die Decke, die ihm bis zum Hosenbund hinunter gerutscht war, um die Schultern. Der BMW ruckelte, der Türgriff schabte an dem von Osmans Passat. Wie letzte Nacht, als Mahmoud endlich zu ihr herübergeglitten war, und sie sich aneinander gerieben hatten, bis sich das Kratzen des Chroms in ihren Rhythmus mischte.
Maria strich mit der Hand über Mahmouds Rücken und blickte hinüber zu Osman. Er schlief als einziger im Sitzen, ein altes Kissen im Nacken. Jetzt war sein Kopf seltsam abgeknickt, seine Stirn drückte sich an die Scheibe. Das Mondlicht war schwach, aber Maria sah es trotzdem. Osman starrte zu ihnen herüber. Sie sank in ihren Sitz, zog die Decke bis zum Kinn und suchte Mahmouds Hand; sie war zur Faust geballt. Der Krieg schien ihn jede Nacht heimzusuchen. Nur noch einen Tag und eine weitere Nacht, dann waren sie im Libanon und der Krieg wurde auch für sie Realität.
Bei Sonnenaufgang wurde Maria vom Geräusch der startenden Motore geweckt. Mahmoud hatte seinen Sitz bereits hochgestellt. Er wischte die beschlagenen Scheiben frei und drehte die Heizung hoch. »Gleich wird es warm«, sagte er, stieg aus und nahm den leeren Wasserkanister vom Rücksitz. »Ich hole Wasser von Hassan, damit du dich waschen kannst.«
Außer ein paar Baufahrzeugen begegneten sie niemandem; stundenlang, bis in den heißen Vormittag hinein. Die Sonne blitzte ab und zu in die vom aufgewirbelten Sand blinde Heckscheibe des Citroens vor ihnen. Sand, der auch in den BMW kroch; zwischen Marias Zähne, unter ihre Augenlider.
Sie näherten sich einer eingefallenen Hütte, aus deren Schatten ein Mädchen im rot geblümten Rock, rosa Bluse und weißem Kopftuch, einer Explosion von Farben, heraustrat und eine Ziegenherde über die Straße trieb. Der Blick des Mädchens folgte Hassans vorbei schleichendem Saab, glitt zu Antars Citroen und blieb an Marias blondem Haar hängen. Maria winkte ihm zu, aber das Mädchen senkte den Blick, drehte sich um und drängte die Ziegen mit ihrem Stock auf eine kniehohe Mauer aus Feldsteinen zu.
»Sie arbeitet hart und lernt nie lesen und schreiben«, sagte Mahmoud. »Wie ich.« Er zeigte auf bizarre, zackige Felsen mit großen, schwarzen Löchern, die sich in einiger Entfernung von der Mauer aneinander schuppten. Höhlenwohnungen. »Bestimmt ihre Familie wohnt da.«
In Ankara stiegen die Straßen steil an und fielen abrupt wieder ab, beinahe wie die Felsen, an denen sie vorbeigefahren waren. Die Mittagsonne warf sengendes Licht in die Straßenschluchten und es stank nach Abgasen. Sie machten nur eine kurze Pause, um alle Autos aufzutanken, die Scheiben zu waschen und die Wasserkanister wieder zu füllen.
Als sie die Stadt hinter sich ließen, wurde es kühler und karger. Menschenleer. Nur ein klappriger Esel, beladen mit zwei Strohkörben, stand auf der asphaltierten Bergstraße und scharrte mit dem Huf. Hassan streckte die Hand aus dem Fenster. Sofort leuchteten die Bremslichter von Antars Citroen.
Anhalten.
Männer mit Tüchern vor den Gesichtern schritten hinter einem Fels hervor und versperrten die Straße, Maschinengewehre im Anschlag. Blitzschnell zählte Maria. Beige Weste. Turban. Arafattuch. Braune Pumphose. Armeejacke. Strickmütze. Ockerfarbenes Hemd. Baskenmütze. Vollbart. Es waren neun. Präg dir wie ein Bulle jedes Detail ein, hatte Onkel Albert ihr von Kindesbeinen an eingehämmert. »Mir wäre wohler, wenn Ali hier wäre«, sagte sie. »Weißt du noch, was er immer sagt?«
»Nicht sprechen«, fuhr Mahmoud sie an. Mit geblähten Nasenflügeln und zusammengezogenen Augenbrauen schaute er nach vorn.
»Farblos bleiben; leise, dezent und unaufgeregt durchschlüpfen. Das sagt er immer.« Maria wartete auf die beruhigende Wirkung, die das Nachplappern sonst hatte. Vergeblich. Ihr stockte der Atem, als Hassan ausstieg und dem Mann in der Armeejacke die Hand reichte. Er lächelte breit. Hassan kannte die Typen! Sollte sie das beruhigen? Maria kurbelte die Scheibe herunter, aber sie verstand nichts. Er sprach arabisch, während er eine ausladende Bewegung in ihre Richtung machte. »Öffnet die Kofferräume!«, rief er. »Sie suchen sich aus, was sie haben wollen!«
Der in beiger Weste und sandfarbener Hose baute sich vor dem Citroen auf. Antar war bereits ausgestiegen und hielt ihm seine Brieftasche entgegen. Der mit dem Arafattuch vorm Gesicht marschierte auf ihren BMW zu, auf Mahmouds Seite, der Fahrerseite. Sein weites, seitlich geschlitztes Hemd flatterte bei jedem Schritt vor den Lauf seines MGs.
Mahmoud riss die Autotür auf. »Du bleib hier«, flüsterte er mit Blick auf den mit dem Turban, der sich auf ihrer Seite anschlich. Da wurde ihre Tür schon aufgerissen. Merkwürdig junge Augen in einem zerfurchten, dunklen Gesicht, einem Gitter aus Falten, gafften sie an. Er schnalzte, legte seine dreckige Hand um ihren Oberarm, packte so fest zu, dass sich seine schwarzen Fingernägel in ihre Haut gruben, und zog Maria aus dem Sitz. Sie fiel auf die Knie. Schnürstiefel ohne Schnürsenkel wirbelten Sand in ihr Gesicht, als sie an ihr vorbei schritten. Zu Osman, dem letzten im Konvoi. Maria wurde hochgezogen. Sie streckte sich, reckte ihr Kinn in die Höhe, pustete den Pony aus der Stirn. Was für ein lächerlicher Versuch, ihn abzuschrecken. Der Turban hatte keinen Blick für ihre Narbe, ihr Gesicht, er hangelte sich von ihren Brüsten hinab zu ihren Beinen. Trotz der langen Hose, trotz der weiten Bluse – Maria fühlte sich nackt. Er bugsierte sie um den BMW herum. Scharfer, alter Schweiß zog in ihre Nase. »Lass mich los!« Maria versuchte, seine Hand abzuschütteln. In seinen behaarten Handrücken hatte sich Staub und Dreck eingenistet, die silberne Armbanduhr hingegen war blitzblank. Sie war noch nicht lange an seinem Handgelenk. Maria schluckte und warf ihm ihre Reisetasche vor die Füße. Er zog den Reißverschluss auf, zerrte ihr gelbes Shirt und ihre Shorts heraus. Achtlos ließ er die Sachen auf den Boden fallen und schleuderte ihre Jinglerjeans hinterher. Er stutzte, als das Glöckchen bimmelte, trat mit seinem Stiefel danach und katapultierte die Jeans mit einem verächtlichen Grinsen durch die Luft. Dann wühlte er wieder in ihrer Reisetasche, bis er einen ihrer Slips erwischte. Den roten. Er stülpte ihn über den Lauf des MGs und schwenkte ihn wie eine Flagge. Eine Siegerflagge. Mahmoud wollte sich auf ihn stürzen, aber der mit dem Arafattuch stieß ihm sein MG in den Magen. Mahmoud stöhnte auf. Die steile Falte zwischen seinen Augenbrauen grub sich tief ein. Er sackte zusammen, ging in die Knie. Der mit dem Turban lachte auf, griff sich Marias Kaninchenfelljacke und schritt, das MG mit dem herabhängenden Slip über der Schulter, zu Hassan, während der mit dem Arafattuch Mahmoud anschnauzte, bis er ihm sein Portemonnaie gab. Er stellte das MG ab und stopfte die Dollars in seine Hosentasche. Das Portemonnaie schleuderte er Mahmoud an die Brust. Dabei schnellte sein Arm auf Maria zu. Sie zuckte zurück. Nicht schnell genug. Er riss ihr die Halskette ab, befingerte Filous Hundemarke und warf das Stück Blech in den Sand. Ihre dünne Kette ließ er in seine Hosentasche gleiten. Dann beugte er sich in den Kofferraum und bediente sich an den Klamotten aus dem aufgerissenen Karton. Zuletzt verpasste er Mahmoud einen Tritt und schritt mit seinem MG davon.
Sie warfen ihre Beute in die Körbe auf dem Esel und führten ihn von der Straße. Hassan und der Anführer in der Armeejacke reichten sich wieder die Hände. »Yalla! Wir fahren weiter!«, rief Hassan und stieg ein.
Maria hob die Hundemarke auf und rieb sie mit dem Daumen ab. »Vor denen hättest auch du mich nicht beschützen können, Filou«, flüsterte sie und steckte sie ein. Dann sammelte sie schnell ihre Sachen ein und half Mahmoud auf den Beifahrersitz. Er zündete sich eine Zigarette an, presste sie zwischen die Lippen und sog den Rauch tief ein. Er hob sein Hemd, tastete mit beiden Händen die dunkelrote, faustgroße Stelle auf seinem Magen ab und stöhnte.
»Tut bestimmt scheiß weh.« Maria strich über seinen Oberarm. »Das haben wir Hassan zu verdanken.«
Mahmoud wehrte sie ab. »Du spinnst. Mein Cousin hat nicht damit zu tun!«
»Nein? Warum haben sie dann den Saab nicht angerührt?« Maria startete und gab Gas. »Fragen wir ihn!« Hart schaltete sie die Gänge hoch, wollte Antar überholen.
»Bist du verrickt?«, schrie Mahmoud sie an. »Anhalten! Sofort«
Maria reagierte nicht.
Mahmoud zog die Handbremse. Der BMW rutschte von der Straße, drehte sich und spie eine Sandfontäne über Osmans Passat. Antar hielt an. Hassan auch.
»Wenn hier einer verrückt ist, dann du. Kannst alleine weiterfahren!« Maria sprang aus dem BMW und knallte die Tür zu.
»Bleib hier!«, rief Mahmoud, aber sie rannte zu Hassan. Orientalische Musik drang aus dem Saab. Auf dem Beifahrersitz lagen ein paar Musikkassetten, die Tür war verriegelt. Maria klopfte solange an die Scheibe, bis Hassan sie herunterkurbelte.
»Ich fahre bei dir mit!«
Er verdrehte die Augen, warf die Kassetten ins Handschuhfach und stieß die Tür auf.
Maria stieg ein, drehte die Musik leiser. »Du steckst mit denen unter einer Decke.«
»Die wollen immer ein paar Sachen«, antwortete Hassan. »Aber sie sind harmlos.«
»Harmlos? Hast du gesehen, was sie mit Mahmoud…«
»Das war seine eigene Schuld.« Er fuhr los und schaute dabei in die Richtung, in der der rote Slip im Wüstenwind wehte. »Sie hätten sich mehr von dir nehmen können, als Wäsche.«
»Ich werde dich im Auge behalten, Hassan.«
»Wegen ein paar Dollars?« Er drehte die Musik wieder laut und sang mit.
Vielleicht hätte sie ihm sein gelassenes Getue abgekauft, aber seine Sommersprossen verrieten ihn. Sollte er sich ruhig auf der sicheren Seite wähnen. Maria zuckte mit den Schultern und schwieg. Hassan hingegen schwieg erst, als die Kassette stoppte und sich am Horizont eine graubraune Wand auftürmte. »Das Taurusgebirge«, sagte er. »Hinter Adana werden wir noch einmal übernachten und fahren dann bald über die syrische Grenze.« Er drehte am Radioknopf, bis er einen arabischen Sender fand.
Nach Mitternacht bog Hassan endlich von der Landstraße in einen Weg, der so schmal war, dass die Sträucher, die im Kegel der Scheinwerfer vorbeizogen, gegen die Autofenster klatschten. Steine knirschten unter den Reifen, bis Hassan unter einer Baumgruppe anhielt. »Feierabend«, stöhnte er und massierte seine Handgelenke. »In vier, fünf Stunden fahren wir weiter.« Er langte hinter seinen Sitz, zog eine leere Milchflasche hervor und schraubte den Deckel ab. »Und jetzt steig aus. Ich muss mal.«
Mit steifen Gelenken kletterte Maria aus dem Saab. Sie strich über ihre Bluse, klopfte die Hosenbeine ab, rieb ihre Wangen. Überall Staub und Sand. Sand, der sich in ihre Poren gegraben hatte. Ihr Gesicht war rau wie Schmirgelpapier. Aber sie war zu müde, den Wasserkanister hinter die Sträucher zu schleppen, und sich dort zu waschen. Sie war sogar zu müde, sich die Zähne zu putzen. Sie pinkelte und schlich dann zum BMW.
Zigarettenqualm schlug Maria entgegen, als sie einstieg. Der Aschenbecher war vollgestopft mit Kippen, die aus der Asche ragten. Auf der Konsole war eine Zigarette bis zum Filter heruntergeglüht und hatte sich ins Plastik gebrannt. Maria fuhr mit dem Finger darüber. Die Stelle fühlte sich an wie ihre Narbe. »Friede?«, fragte Maria. Sie legte ihre Hand auf Mahmouds vibrierenden Oberschenkel. Er zuckte zurück, als habe sie ihn verbrannt. Aber er sagte nichts. Er sah sie nicht mal an, er saß nur da und starrte auf den knorrigen Baumstamm.
»Heute ist« …unsere letzte gemeinsame Nacht, hätte sie beinahe gesagt, aber sie brach ab. Sie drehte ihren Sitz herunter, breitete ihre Decke aus. »Morgen um diese Zeit sind wir im Libanon. Du wirst deine beiden Mütter sehen. Endlich« fügte sie an. Endlich? Eine Antwort zu finden, war mühsam, zu mühsam. Schon die Augen aufzuhalten, war zu mühsam.
»Du hast mich alleine gelassen. Einen ganzen Tag«, sagte Mahmoud.
Der BMW ruckelte; kühle Luft strömte herein.
»Können wir … morgen darüber …?« Maria streckte ihre Hand aus, aber der Sitz neben ihr war leer.
