Harald Paul: Die Zärtlichkeit der Blutegel (Romanauszug)
Spanien, Alhama de Granada 1936
I
Abelardo Alonso Garcia hatte weder das heitere und ausgelassene Temperament seiner Familie mütterlicherseits geerbt, noch konnte er die glänzende Militärkarriere antreten, die sein Vater für ihn vorgesehen hatte. Um den standesgemäßen Beruf eines Offiziers oder Arztes auszuüben, hätte es ihm in jedem Fall an der Fähigkeit gemangelt, Menschen zu führen oder auch nur zu ertragen. Als er nach Jahren des Studiums mit der Erbschaft seines Vaters eine Apotheke erwarb, bekreuzigten sich seine Schwestern und seine Mutter spendete zum Dank eine größere Summe für die Kirche des heiligen Jakobus, den sie für diese Rettung verantwortlich machte.
In seiner Apotheke an der calle roman stapelten sich Kisten mit Medikamenten, seltenen Mineralien und Tierprodukten. Seine wichtigsten Objekte bewahrte er aber in seinen Privatgemächern auf, sorgfältig gestapelt und durchnummeriert. In wassergefüllten Behältern wanden sich gelbe und braune Würmer, dümpelten an den Oberflächen, vegetierten auf den Böden, und saugten sich hoffnungsvoll an den Wänden ihrer gläsernen Gefängnisse fest.
Die wahre Leidenschaft des Abelardo Alonso Garcia galt Blutegeln.
In den vergangenen Jahren hatte er eine Beziehung zu seinen Egeln entwickelt, die weit inniger war, als die zu seinen Mitmenschen. Er spürte die Phasen ihres wechselnden Appetits vor der Häutung mit dem Feingefühl, mit dem Eltern die heimlichen Tränen ihrer Kinder erahnen. Er wusste, dass seine Egel mit größerem Appetit saugten, wenn er ihnen aus den staubigen Büchern seines verstorbenen Vaters vorlas und er ertappte sich manchmal dabei, wie er ihre windenden Leiber zärtlich mit seinen hageren Fingern streichelte.
Hätte er gewusst, dass sich dieses gesegnete Verhältnis mit dem Klopfen an der Eichentür an einem regnerischen Donnerstag Nachmittag ändern würde, hätte er Fräulein Señal niemals hereingelassen.
Sie trat, scheinbar von dem frühsommerlichen Platzregen überrascht, mit aufgelöstem Haar und frierend in seine Wohnung, wobei ihre nackten Füße kleine Abdrücke auf den Eichendielen hinterließen. Der feuchte Saum ihres Sommerkleids strich an seinem Anzug entlang, während sie sich mit einem gemurmelten „Gracias“ durch die halb offenen Tür an ihm vorbeizwängte. Er zog sich ein wenig zurück, nicht aus Scham, sondern weil er Angst hatte, diesem zerbrechlichen Wesen zu nahe zu kommen. Nach der Begegnung mit einer jungen Frau blieb stets ein hilfloses Gefühl von Leere und Peinlichkeit in seinem Leben zurück.
„Danke, Señor! Ich danke Ihnen“, sagte sie leise, während sie sich eine Strähne aus dem Gesicht strich. Mit einem scheuen Seitenblick zog sie die Tür hinter sich zu und sah ihm in die Augen: „Ihre Hilfe! Ich brauche Ihre Hilfe!“
Abelardo wies mit einer Geste auf seinen alten Ledersessel und reichte ihr eine Wolldecke. Fräulein Señal lächelte ihm flüchtig zu, wischte sich die Regentropfen aus dem Gesicht und zog sich die kratzige Decke eng über beide Schultern.
„Señor Alonso, sie haben doch noch Kontakt in das Ausland, nach Frankreich?“
„Ich war schon seit Monaten nicht mehr dort und meine Kontakte nach Frankreich sind rein geschäftlicher Natur.“
„Si, si – geschäftliche Natur. Das meine ich!“
Ihre Finger nestelten an dem dünnen Stoffgürtel, der ihr Kleid hielt, während ihr Blick nervös durch die dunklen Ecken des Raums huschten.
„Es ist so, Señor Alonso Garcia, ich brauche geschäftliche Beziehungen nach Frankreich. Jemand muss ein Paket von Ihnen bestellen.“
Abelardos Blick wandte sich für einen Moment von den erstaunlich kleinen Zehen der jungen Frau ab und suchte Kontakt zu ihren glänzenden blauen Augen. Die ganze Situation wurde ihm unangenehm und er musste an die peruanischen Riesenegel denken, deren Häutung heute bevorstand.
„Sie müssen verstehen, Señor Alonso Garcia, es ist ein sehr wichtiges Paket. Ein großes Paket. Sie verschicken doch auch große Pakete?“
Gegen seinen Willen nickte er.
„In das Paket müsste ein Mann passen, etwa von Ihrer Größe.“ Sie maß ihn mit ihren Augen, worauf er irritiert an sich herabsah.
„Nein, größer.“ beschloss sie, „und es muss Luftlöcher haben, wie die Pakete mit Ihren Würmern.“
II
In der Rinne unterhalb der Hauswand trieb ein Tropfen Blut, verlor seine Farbe und dünnte sich in Schlieren aus. Fortún fluchte und presste die Faust gegen seine Lippen. Er kannte die Gassen der Juderia Granadas gut genug, um sich in der Dämmerung endlich frei zu bewegen, die Metallstäbe des Kirchenzauns hatte er aber in den letzten 19 Jahren übersehen. Im Regen hatte sich sein Hemd in einen klebrigen Kokon verwandelt, durch den er seinen Nabel sehen konnte. Im Licht der Gaslaterne flackerte die Plaza Salvador, als wolle sie sich in die Dunkelheit oder ein vergangenes Spanien entziehen. In besseren Zeiten hätte ihn das zu einem Gedicht inspiriert, jetzt fand er nur Worte, die er seinem ungerechten Gott entgegenwerfen wollte. Seit Stunden wartete er auf Jacinta.
Der Autor:
Harald Paul, Jahrgang 1966, Physiotherapeut und Diplom-Medizinpädagoge, Tai-Chi- und Qigong-Lehrer, lebt in Kloster Lehnin und arbeitet als Dozent für Anatomie, Sozialwissenschaften, Allgemeine Krankheitslehre und Pädiatrie an der Schule für Physiotherapie Prof. Dr. Vogler, Berlin. 2008 MA im Studiengang Kreatives und Biografisches Schreiben, Alice-Salomon-Hochschule Berlin.
