Heike Scholl: Du bist ein Geist (Romanauszug)
DubisteinGeistDubisteinGeistDubisteinGeistDubisteinGeist
Seit zwei Jahren hatte Elisabeth die Neigung nachts aufzuwachen. Sie schlug die Augen auf und starrte ins Halbdunkel ihres Zimmers. Sie hielt den Atem an und wartete auf das Auftauchen vertrauter Schemen. Darauf, dass sich die Schatten in ihrem Bewusstsein zu Möbelstücken verdichteten. Zur geborstenen Lehne eines Schreibtischsessels. Kirschholz, lackiert. Gebrochen unter ihrem Gewicht, als ihr vor ein paar Monaten schwarz vor Augen wurde und der Weg zur Wand zu weit war. Das war er oft.
Sie erinnerte sich an die Erleichterung, die sie verspürte, als sie sich an das glatte, polierte Holz klammern konnte. An das Rauschen in ihren Ohren, lauter als das Ächzen in den Fugen. Und an die Überraschung, als sie plötzlich am Boden lag, die erhitzte Wange auf den kalten Stein gepresst, das Longshirt (lila, 100 Prozent Baumwolle) nach oben gerutscht, ihre blassen Beine entblößt. Ein hässlicher Kratzer an ihrem linken Oberarm, gleich neben dem münzfarbenen, kreisförmigen Muttermal. Ihr Glückstaler. Wirf den Stuhl doch raus, hatte Alice gesagt, ihre Mitbewohnerin. Ist doch wertlos. Sie verstand nicht, dass die bizarre Kontur seiner Lehne der erste Anker war, wenn Elisabeths Blick nachts durchs Zimmer irrte. Erst dann betrachtete sie die geschwungene Konsole ihrer Kommode, ebenfalls Kirsche, zählte die sechs Schubladen mit den gedrehten Messinggriffen. Zwei von ihnen schlossen nicht mehr richtig und aus den Ritzen quoll ein stetiger Strom von Strümpfen und Unterwäsche (Calzedonia und Intimissimi), der sich am Boden fortsetzte bis zur Bodenplatte ihrer Stehlampe. Die weiße Metallröhre trug eine 500Wattbirne, deren gleißende Helligkeit sie erschreckte und die sie deshalb nicht verwendete. Dann glitten ihre Augen langsam über den Schreibtisch und die zwei windschiefen Bücherregale. Die Poster an der Wand waren in der Dunkelheit nicht auszumachen, aber Elisabeth wusste, dass Keith Richards ihr gegenüber bedächtig an seinem Joint zog, dass das junge Mädchen im Bild von Vermeer nachdenklich den Brief in ihrer Hand betrachtete und dass der Himmel über dem Meer im Schwarzweißdruck voller Wolken hing. Und sie wusste, dass die Wand hinter den Bildern fleckig und von Rissen durchzogen war. Sie wusste es, weil ihre Nasenschleimhaut den Geruch von feuchtem Mauerwerk aufnahm. Weil ein Lufthauch durch den verzogenen Fensterrahmen links von ihrem Bett drang und die weißen (Euphemismus!) Vorhänge bauschte. Ganz sachte bewegte sich auch der Schaukelstuhl in der Ecke, auf dem sie tagsüber gerne kauerte, die nackten Füße zum Wärmen unter ihre Pobacken gezogen. Dieses leichte Schwingen machte ihr keine Angst. Auch die leisen Atemgeräusche, die durchs Zimmer zogen, beachtete sie nicht. Sie stammten aus der Nachbarwohnung von Signor Manin, dem korpulenten Greißler, der den Feinkostladen an der Ecke betrieb. „Was willst du heute, Cara, fragte er Elisabeth immer, und schwärmte von seinem San Daniele, der perfekt gereift war, vom Asiago, der buttrig weich von der Alm kam, von seinen kleinen cipolline in agrodolce. Er schmatzte genießerisch, während er ihr panino mit mortadella und peperoni belegte und steckte ihr am Schluss noch ein Stück Konfekt zu, meist ein Gianduiotto mit zart schmelzendem Nougatherz. Per te, bella, sagte er und lächelte ihr zu.
Nein, vor Signor Manin konnte man keine Angst haben, auch nicht vor seinem körperlosen Schnauben, das durch einen baulichen Mangel Nacht für Nacht in ihr Zimmer drang. Er war es nicht, der Elisabeths Pulsschlag beschleunigte und das Muskelzucken in ihrem linken Lid auslöste. Nicht wegen ihm waren ihre Hände unter dem dünnen Laken schweißgebadet und verkrampft, die Schultern hochgezogen, ihr Atem flach und gepresst.
Der Grund dafür stand in einer dunklen Ecke neben der Tür. Er hatte die Form eines bronzenen Kleiderständers mit drei Kleiderbügeln. Er trug einen flaschengrünen Wintermantel mit Pelzbesatz, einen hellblauen, taillierten Trenchcoat und ein dunkelviolettes, anschmiegsames Wollkleid. Der Grund war ein nützliches Möbelstück. Zumindest war er es 23 Stunden am Tag.
Aber nicht um drei Uhr morgens. Denn um drei Uhr morgens stand in der Ecke neben der Tür stattdessen ein schmales, biegsames Mädchen. Kein blasser durchscheinender Schemen mit verschwommenen Konturen. Kein wesenloser Geist, der eine Spannbreite über dem Boden schwebte. Im Gegenteil. Wenn Elisabeth ihren Blick senkte, konnte sie die abgenutzten Espandrillos sehen, die leicht nach außen gedreht, aber fest und bestimmt am Boden standen. Sie konnte die löchrigen Jeans auf Farbflecken untersuchen. Unter dem rechten Knie dehnte sich ein großer Fleck von Caput Mortuum, der Schattierungsfarbe für Fleischtöne. Am linken Oberschenkel befanden sich Spritzer von Chromoxydgrün feurig. Das Herrenhemd mit den zarten blauen Streifen zierten dicke Tupfen von Neapelgelb und Kadmiumrot dunkel. Die hochgekrempelten Ärmel waren starr von der getrockneten Ölfarbe, weil sie im Bedarfsfall als Malfetzen verwendet wurden. In der Brusttasche steckten feine Haarpinsel für Detailarbeiten. Sibirisches Feenhaar. Und fein war auch das lange, glatte Haar des Mädchens. Es fiel über die Schultern und umspielte in unregelmäßigen Fransen ein Gesicht, das ebenfalls fein geschnitten und lang gezogen war.
Und so real, dass Elisabeth Skizzenblock und Bleistift vom Nachttisch hätte nehmen können, um ein Portrait anzufertigen. Wenn sie es angesehen hätte. Aber das tat sie nicht.
Denn sie hatte schon längst ihren Blick auf dem Hemdknopf fixiert, der auf Höhe des Herzens den Stoff über den Brustkorb des Mädchens spannte. Und während sie unentwegt flüsterte,
dubistnichtda, dubistnichtda, dubistnichtda, dubistnichtda,
und dann
dubisteinGeist, dubisteinGeist, dubisteinGeist, dubisteinGeist,
und dann
ichsehdichnicht, ichsehdichnicht, ichsehdichnicht,
stellte sie sich vor, dass kurze, geschickte Finger diesen Hemdknopf aufdrehten wie ein Ventil. Sie stellte sich vor, dass
ein kräftiges Paar Männerarme, dunkel behaart, mit entschiedenen Bewegungen die Luft aus der zuerst noch prall gefüllten, aber schnell immer schlaffer werdenden Hülle pumpten. Sie stellte sich vor wie die anfänglichen zappelnden Bewegungen der Gliedmaßen ermatteten. Sie stellte sich das seufzende Entweichen der Luft vor, das jedem Höhepunkt folgte.
Und dann rief sie sich die pummeligen Hände eines Kleinkindes vor Augen. Um die dicken verschwitzten Fingern wanden sich Stoffe und Häute wie die Reste bunter Luftballons. In unbeirrbarer Zerstörungslust wurden sie in klitzekleine Fetzchen zerrissen und als farbige Konfetti in die Luft geblasen. Sie tanzten in unregelmäßigen Kreisen durchs Zimmer, aufblitzende Farbtupfen wie Sternschnuppen vor dem Verglühen.
Und dann stellte sich Elisabeth einen Staubsauger vor. Ein neues stromlinienförmiges Modell mit einem hungrigen Schlauch, der wie eine Peitsche durch die Luft schnitt und jedes Haut- oder Stoffflöckchen verschlang. Bis ein Frauenfuß die Ausschalttaste drückte.
Und plötzlich lag Elisabeth wieder alleine in ihrem dunklen, stillen Zimmer. Sie atmete tief und regelmäßig. Sie atmete ein und aus, bis sich ihr Puls beruhigte. Sie löste ihre Fäuste und wischte den Schweiß in die Bettlaken. Sie würgte den letzten Angstschleim aus ihrer Kehle und spuckte ihn in ihr geblümtes Taschentuch, das sie unter dem Kopfpolster hervorzog.
Und dann sagte sie ganz leise.
Fuck off.
Mit einer Stimme, die noch zitterte, wiederholte sie.
Fuck off.
Sie sagte es so oft, fuck off, fuck off, fuck off, bis ihre
Stimme wieder fest und bestimmt war.
Fuck off.
Vaffanculo, Jana.
Kennen gelernt hatten sich Elisabeth und Jana beim Malereistudium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien.
Malerei studierte Elisabeth wegen eines Vorfalles, der sich an einem Samstag im Frühsommer nur wenige Tage nach ihrem achten Geburtstag zugetragen hatte.
Rhinitis Allergica
Sie wachte früh auf, denn ihr Zimmer zeigte nach Osten und die Morgensonne hatte sich in einem Vorhangsspalt verfangen. Verärgert schnitt sie mit einem blanken Messer in die träge Dunkelheit des Raumes. Elisabeth, die damals noch Lieserl hieß und ein glückliches Kind war, zog verschlafen die Decke herunter und streckte versuchsweise ein Bein aus dem Bett. Sofort biss sich ein heller Streifen an ihrem Fuß fest. Lieserl bewegte das Bein und der Streifen schoß hoch, rutschte an ihrem Kniegelenk ab und glitt wieder hinunter. Sie wiederholte das Spiel, während draußen im Hof Rufus bellte und die Kühe im Stall an ihren Ketten zogen. Manche von ihnen hatten ebenfalls weiße oder braune Streifen, die unverrückbar fest an ihren großen Körpern klebten.
Lieserl gähnte. Im Stiegenhaus konnte sie schon ihre Mutter hören. Sie lauschte auf das Gleiten der Stoffpantoffel auf dem Steinboden, das sich ihrem Zimmer näherte. Dann öffnete sich die Tür und ihre Mutter kam herein. Mit wenigen Schritten war sie beim Fenster und zog die Vorhänge zur Seite. Aufstehen, mein Schatz, sagte sie, und wasche dir den Schlaf aus den Augen. Heute ist viel zu tun.
Der Schlaf hatte die Form von gelben Krümeln und klebte beharrlich an ihren Augenwinkeln. Energisch rieb Lieserl mit einem feuchten Handtuch über ihr Gesicht. Drei Wimpern, kurz und hell blieben an ihrem Handrücken hängen und wurden fortgeblasen. Aufgeschreckt wirbelten die Wünsche durchs Badezimmer. Mit einer nachlässigen Geste wischte sie Lieserl zur Seite und lief die Treppe hinunter in die Küche.
Dort zwängte sie sich neben ihre Brüder auf die Eckbank und strich sich Pflaumenkonfitüre aufs Brot. An ihrer Kakaotasse (weiß, mit roten Herzen und ihrem Namen in Goldbuchstaben) nippte sie nur kurz. Sie war zu sehr damit beschäftigt, unter der Tischdecke die Tritte ihrer Brüder zu erwidern. Erst als die beiden schon hinausliefen, trank sie die Tasse in einem Zug aus und leckte mit ihrer Zunge sorgfältig über den Rand. Dann folgte sie ihren Brüder auf den Hof.
Es war der Anfang eines ganz normalen Tages.
Die Scheunentür gähnte Lieserl frech ins Gesicht. Unbeeindruckt lief sie hinein in den dunklen Schlund, aus dem schon das Knattern des Traktors drang und kletterte auf den Anhänger. Es ging zur Heumahd auf die südliche Wiese.
Am liebsten lief Lieserl vor dem Mähwerk durch die taufeuchte Wiese und verscheuchte die wilden Tiere. Gschgschgsch zischte sie und schlug laut klatschend in die Hände. Nah bei den Sträuchern einer Mulde stolperte sie fast über ein Rehkitz, das sich tief in das lange Gras drückte. In den dunklen verängstigen Augen sah sie sich selbst gespiegelt. Eine kleine Doppelgestalt in kurzen Hosen, T-Shirt, Turnschuhen und einem Kopftuch, unter dem zwei kupferrote Zöpfe hervorlugten.
Nicht anfassen, rief ihr Vater, sonst nimmt die Mutter das Kleine nicht mehr an.
Weiß ich doch, murmelte Lieserl.
Oft genug hatte sie es ja gehört.
Dass die Natur, wenn sie einen verstößt, erbarmungslos ist.
Dass die Natur grausam ist.
Nur selbst hatte sie es noch nicht erfahren.
Mit einem unhandlichen Rechen nahm sie ihren Platz in der Reihe hinter ihrer Mutter und den Brüdern ein. Der dicke Holzstiel rieb sich an ihren Handinnenflächen und die langen Zinken verharkten sich widerspenstig in den Wurzeln. Die Sonne brannte heiß und die Schweißtropfen liefen über ihr Gesicht. Um sich abzulenken, dachte Lieserl an den letzten Besuch ihrer Tante. Nach dem Kaffe hatte sie Lieserl auf den Schoß gezogen und ihr aus einem Roman vorgelesen.
Darin hatte sich eine verstoßene Grafentochter als Erntehelferin verdingt. Lieserl hatte nicht viel von der Geschichte verstanden, aber sie hatte geweint, als die hübsche Grafentochter an Schwindsucht erkrankte und langsam dahinsiechte.
Lieserl hatte die Tante gefragt, was das denn sei, Schwindsucht. Aber die Erklärung hatte sie nicht verstanden und schlussendlich blieb sie mit der Vorstellung zurück dass diese Krankheit den Verlust der Sichtbarkeit bedeutete. Und das erste Symbol dieser Krankheit war eine durchscheinende Blässe.
Schwindsucht, flüsterte Lieserl verträumt vor sich hin und erschlug eine Stechmücke, die sich auf ihrem Oberschenkel niedergelassen hatte.
Schwindsucht.
Nachdenklich streckte Lieserl ihre eigenen sehnigen Arme zur Junisonne empor. Sie kniff die Augen zusammen und stellte sich vor, dass im gleißenden Licht die Konturen schwanden und die Haut transparenter wurde.
Aber als sie die Augen wieder öffnete, waren ihre Arme präsent wie immer, voller Sommersprossen und im Ellbogenbereich von einem Nesselausschlag überzogen, der im Laufe des Nachmittags immer stärker hervortrat. Lieserl seufzte und begann sich energisch zu kratzen. Ihre Fingernägel hinterließen ein Netzwerk von weißen Spuren auf der geröteten Haut. Dann rieb sie sich Augen und Nase, die ebenfalls stark juckten. Unwillig stampfte sie auf und trommelte mit ihren Fäusten gegen ihre Oberschenkel. Hör sofort auf, sagte sie misslaunig zu sich selbst, als sie plötzlich einen Niesanfall bekam. Was ist denn los, fragte die Mutter, aber eine Antwort konnte Lieserl nicht mehr geben. Denn in den nächsten zehn Minuten verstärkte sich der Niesreiz. Ihre Augen und Nase schwollen zu und ihre Atemzüge wurden zunehmend kürzer und pfeifender.
Eine Antwort fand erst der Kinderarzt, ein gemütlicher Mann mit dem weichen, schlaffen Gesicht eines chinesischen Faltenhundes. Er warf nur einen kurzen Blick auf die geröteten Augen und die triefende Nase, lauschte einen Augenblick auf das Rasseln im Brustkorb, bevor er eine Diagnose fällte. Rhinitis Allergica, vulgo Heuschnupfen, meinte er, während er an ihrem Arm nach einer Vene für die Infusion suchte. Vielleicht haben wir es auch mit einem beginnenden Asthma bronchiale zu tun.
Lieserl schaute gebannt zu, wie sich die Nadel ihrer Armbeuge näherte, kurz innehielt und sich dann mit einem kurzen, stechenden Schmerz in ihre Haut bohrte. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Überreaktion des Immunsystems auf Gräserpollen, fuhr der Arzt fort, während seine dicken, knotigen Finger das Plastikrad am Infusionsschlauch drehten und den Tropf regulierten. Huflattich und Beifuß womöglich, die momentan in großen Mengen durch die Luft schwirren. Ich würde empfehlen, dass sie die Kleine in den nächsten Wochen soviel wie möglich im Haus behalten und sehen, wie sich die Situation entwickelt. Außerdem geben sie ihr zweimal am Tag Antihistaminica.
Dann schloss er seinen Arztkoffer, schwarzes Leder und silberne Schnallen, zog Lieserl noch einmal kurz an den roten Zöpfen und ging mit der Mutter nach draußen.
Ja, sagte er bei der Verabschiedung, die heurige Obsternte verspricht gut zu werden.
Als er in den Wagen stieg und dann langsam die kurvige Schotterstraße entlang steuerte, hatte er keine Ahnung, was er soeben getan hatte.
Auch Lieserl, die mit heißem Kopf und Kortison in den Adern unter der Bettdecke in ihrer kühlen, abgedunkelten Stube lag, wusste es nicht.
Aber mit seiner Diagnose hatte er eine zukünftige Bäuerin in eine Künstlerin verwandelt.
So einfach war das.
Erst später, als sie schon das Gymnasium in der nächsten Kreisstadt besuchte, las sie von Alfred Adler. Von seiner Studie „Über die Organminderwertigkeit“, veröffentlicht 1907. Sie las mit glühenden Wangen, völlig selbstvergessen.
Und als am darauf folgenden Tag im Rahmen der Stundenwiederholung in Psychologie ihr Name – Lisa Stürmer - aufgerufen wurde, verspürte sie keinerlei Nervosität.
Sie blieb nur noch einen Augenblick ruhig sitzen, den Körper nach vorne gebeugt, die Hände leicht auf ihre Lieblingsjeans gestützt und sammelte sich. Der tiefblaue Stoff schimmerte zwischen ihren blassen Fingern und mit den Daumen strich sie sanft über die Nähte zwischen ihren Oberschenkel, die vom langen Gebrauch ganz aufgeraut waren. Dann richtete sie sich auf und ging durch die engen Bankreihen nach vorne. Den Kopf hielt sie gesenkt, aber nicht aus Unsicherheit. Sie wollte nicht über ausgestreckte Beine oder achtlos verstreute Rucksäcke und Sporttaschen stolpern.
Vorne angelangt, sah sie der Professorin kurz ins Gesicht. Aber sie sah nur wasserblaue Augen, die müde aus einem formlosen Gesicht tropften. Dann richtete sie den Blick durch das Fenster auf den Sportplatz der Schule.
Er lag wie ein roter Teppich ausgebreitet, verziert mit weißen Linien, die komplizierte geometrische Figuren formten. Zwei Fußballtore, zwei Basketballkörbe, eine Sandgrube, eingeschlossen von hohen weißen Mauern.
Ceci n’est pas un mur, stand auf einer davon in großen bunten Buchstaben geschrieben. Ein Kunstprojekt.
Alfred Adler, sagte sie und ihre Stimme klang fremd und klar in ihren Ohren, begründete die Entwicklung der Kultur, die Schaffung von Kunstwerken nicht wie Freud mit der Sublimierung des Geschlechtstrieb.
Ein leises Kichern trieb von den hinteren Bankreihen nach vorne, brach sich am Lehrerpult und schwappte wieder zurück.
Sie achtete nicht darauf sondern blickte weiter durch die großen Fensterscheiben. Der Sportplatz lag vier Stockwerke unter ihrem Klassenzimmer. Die Schüler, die sich in ihren bunten Trikots darauf verteilt hatten, waren verschwindend klein. Müßig folgten ihre Augen zwei laufenden Körpern, die sich offensichtlich bemühten, das Limit für ein Sehr gut beim 60meter Lauf zu erreichen. Für ihre Altersstufe lag dieses Limit bei 8,00 Sekunden und Lisa wusste, wie die Luft in den Lungen brannte, wenn man versuchte, es zu erreichen.
Sie beobachtete, wie eine kleine Gestalt im grünen T-Shirt leicht zurückfiel und während sie im Geist die nächsten Sätze formulierte, umschloss sie ihren linken Daumen fest mit ihrer Handfläche.
Adler, sagte sie, führte im Gegensatz zu Freud die Bemühungen um kulturelle Höchstleistungen auf die Kompensation eines Minderwertigkeitskomplexes zurück, der durch eine Organminderwertigkeit ausgelöst wurde.
Sie stockte, weil das grüne T-Shirt inzwischen hoffnungslos abgeschlagen war und löste ihre Faust. Dann fuhr sie fort.
Das bedeutet, dass ein Mensch, der an einer Krankheit oder Behinderung leidet, ein starkes Gefühl der Unterlegenheit entwickelt und deshalb versucht, auf einem anderen Gebiet Herausragendes zu leisten. Kompensation statt Sublimierung.
Gut, Lisa, unterbrach sie die Stimme der Professorin. Ich sehe, du hast dich wie immer gut vorbereitet. Das genügt. Keine weiteren Fragen. Du kannst dich setzen.
Zurück an ihrem Platz lehnte sich Lisa gegen die Wand. Auf ihrem Tisch lagen das Federpennal, offen, und ihr Psychologieheft, geschlossen. Während ihre Klassenkameraden aufgerufen wurden, zog sie es zögernd zu sich heran. Auf dem eintönigen grauen Umschlag tummelten sich Hühner, Ziegen und Kühe, bis ins kleinste Detail mit farbigen Kugelschreibern gezeichnet. Ein Hahn in perspektivischer Verzerrung krähte lauthals auf einem Berg von Spaghetti Bolognese, eine schwarzweiß gefleckte Kuh mit einer riesigen rosaroten Kaugummiblase spazierte gemächlich durch einen Vergnügungspark, ein Truthahn trug nach Art der Ashantifrauen bunte Ringe um den nackten Hals geschlungen.
Ihre Welt, ihre Bilder, ihre Träume.
Die Kompensation eines Minderwertigkeitskomplexes.
Seufzend suchte sie drei Kugelschreiber aus ihrem Pennal. Lila, Orange und Grün. Und während die Professorin begann, einen kurzen Text über die Existenzanalyse von Viktor Frankl zu diktieren, entwarf Lisa auf der nächsten freien Doppelseite ihres Heftes ein Schriftbild. Sorgfältig zeichnete sie große Buchstaben mit ornamentalen Schnörkeln, die wie Tentakel über die Linien tasteten. In die Zwischenräume zeichnete sie wie in der Buchmalerei des Mittelalters kleine Szenen. Während ihre Klassenkameraden die Grundzüge von Frankls Philosophie notierten entwarf sie Menschen im Streit mit Fabelwesen. Als Frankl ins Konzentrationslager wanderte, schuf sie ein Zwitterwesen aus einem Menschen und einem Wolf. Und als am Ende der Stunde die anderen Schüler beim Pausenläuten aus der Klasse strömten, warf sie noch einen letzten Blick auf ihr neues Werk.
Unter den vielen Figuren und Ornamenten hatte das Wort, das den Ausgangspunkt ihrer Arbeit gebildet hatte, fast seine Lesbarkeit verloren.
Aber Lisa, die die Seite jetzt vorsichtig aus ihrem Heft heraustrennte, konnte es noch immer erkennen. Oft genug hatte sie es sich in den letzten Jahren selbst an den Kopf geworfen.
Es war ein ganz kurzes Wort.
Ein kurzes und einfaches Wort.
Freak
Du bist ein Freak, flüsterte Elisabeth im Dämmerlicht ihres Zimmers, den Blick noch immer auf den Kleiderständer in der Ecke gerichtet.
Du bist ein Freak, nichts weiter als ein verdammter Freak.
Freak (es klang wie das Quieken der Ferkel, wenn sie von ihren Brüdern durch den Koben gejagt wurden.)
Freak.
Elisabeth schloss die Augen. Es ist vorbei, sagte sie zu sich. Jana ist verschwunden, sagte sie sich. Jetzt atme ruhig. Leere deinen Geist. So wie du es gelernt hast, in den langen Stunden, als du mit schmerzenden Kniegelenken auf der Strohmatte im Buddhistischen Zentrum gesessen bist. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. Nutze die Belehrungen. Konzentriere dich auf deinen Atem. Nur die Wellen deines Atems wogen über deinen Körper. Sie brechen sich am Horizont und fließen auf dich zu. Immer schneller und schneller, bis sie dich völlig einhüllen. Und mit einer dieser Wellen flutet der Schlaf über dich, tief und betäubend. Du kannst ihn schon hören. Wie ein fernes Rauschen. Ein tiefes, beruhigendes Rauschen. Ein tiefes, dumpfes, beruhigendes Rauschen. Sonst nichts, sonst hörst du nichts. Keine Geister, keine Schuldgefühle.
Ignoriere diesen quälenden Gedanken, der deinen Körper umschwirrt mit der durchdringenden Penetranz einer Stechmücke. Ignoriere ihn, lass ihn untergehen und ertrinken in den Wellen dieses unergründlichen Meeres. Du hörst ihn nicht und auch nicht das Wort, das sich ständig wiederholt in die Schwingung seiner Flügel mischt.
Einmal lauter, einmal leiser, aber immer da.
wennwennwennwennwennwennwennwennwennwennwenn
Stechmückenmantra
Wenn. Wenn. Wenn ich nur.
Ach, wenn sie doch nur…
Vielleicht wäre nichts passiert, wenn Elisabeth in jener Märznacht vor fünf Jahren - sie war kalt und windig – den direkten Weg durch die Karlsplatzpassage gewählt hätte.
Es wäre eine nahe liegende Entscheidung gewesen, denn es war spät, schon nach Mitternacht, als sie durch das Portal der Akademie der Bildenden Künste trat. Vor ihr befand sich ein kleiner Park, in dessen Mitte sich die fahle Statue Schillers erhob. Sie hielt, seit über 100 Jahren, Tag und Nacht ein wachsames Auge auf den steinernen Goethe gerichtet, der herablassend von jenseits der Ringstrasse zurückblickte.
Das Gebäude hinter ihr lag im Dunkel, nur in der Mitte des zweiten Stockes drang heller Lichtschein durch ein Fenster. Dort hatte sie vor wenigen Minuten Jana und Daniel zurückgelassen. Daniel hatte ihr noch zugewinkt, während Janas Kopf über ihrem Buch gesenkt blieb. Elisabeth hatte fast aufgelacht, als sie sah, dass die Spitzen von Janas langen, aschblonden Haaren reinweiß leuchteten. Sie hatte sie wohl beim Grundieren der Holzplatten in die Imprimatur getaucht. Aber das war typisch Jana und hätte sie Elisabeth darauf hingewiesen, wäre ihr nur ein gleichgültiges Schulterzucken zuteil geworden.
Janas Aufmerksamkeit würde sie erst bei ihrer Rückkehr bekommen, und dann auch nur, wenn sie den McSundae mit der heißen Karamellsoße mitbrachte. Dann würde Jana ihr das schmale, blasse Gesicht mit den beunruhigend hellen Bernsteinaugen zuwenden und nach einem kurzen, verächtlichen Blick bemerken, dass Elisabeth nicht auf eine Extraportion Soße bestanden hatte. Nur das würde sie sagen und kein Wort des Dankes dafür haben, dass ihre Freundin in der eisigen Nacht noch einmal hinausgelaufen war, um einen Imbiss zu holen. Elisabeth konnte die Szene schon vor ihrem inneren Auge sehen. Gut genug kannte sie Jana nach drei Jahren des gemeinsamen Studiums.
Fröstelnd zog sie den Reißverschluss ihres Parkas hoch, vergrub die Hände tief in den Taschen und wandte sich nach rechts in die Makartgasse. Parkende Autos säumten die Straße. Die Fenster waren im Nachtfrost erblindet. Wäre Elisabeth mit Jana und Daniel unterwegs gewesen, dann hätten die drei jetzt mit ihren Fingerspitzen Zeichnungen in die weißen Flächen gestrichen. Sie hätten Ornamente, Fratzen, Akte, Tiermenschen und Pflanzen erschaffen. Für die beste Zeichnung hätten sie als Prämie eine Tafel Schokolade ausgesetzt, oder vielleicht eine Packung Mannerwaffeln. Sie hätten gelacht, trotz der beißenden Kälte und sich die Hände wie Schalen vor ihre Münder gehalten. Jeder Atemstoß ein wertvoller Wärmeschwall für die klammen Finger. Dann wären sie weitergelaufen.
Aber Elisabeth war alleine auf der Straße. Ihre Füße in den MissPiggy Turnschuhen, fahlrosa und zu dem Zeitpunkt noch ohne Blutspuren, trommelten regelmäßig im Rhythmus der Schritte auf den grauen Asphalt. Unablässig bewegte sie die Zehen in den dünnen Baumwollsocken auf und ab, auf und ab, um sie zu wärmen. Ungewöhnlich streng war der Frost in dieser Märznacht.
Es wäre die natürlichste Entscheidung gewesen, beim Akademiehof den kurzen Weg zu nehmen. Nicht im eiskalten Wind auf einem mäandernden Weg durch den nächtlichen Park zu streifen, sondern die Treppe in die U-Bahn Passage hinunter zu steigen und dann 200 Meter geradeaus zu laufen. Zwei Minuten hätte sie für diesen Weg benötigt, nicht mehr. Fünf Minuten für das Aufgeben und Bezahlen ihrer Bestellung und dann sechs weitere Minuten für den direkten Weg zurück zur Akademie.
Insgesamt hätte das eine Abwesenheit von fünfzehn Minuten bedeutet.
Fünfzehn Minuten sind keine lange Zeit.
In manchen Nächten dachte sie sogar, dass fünfzehn Minuten für Jana nicht ausreichend gewesen wären.
Sie hatte ja keine Waffe bei sich. Mit einem Messer, einer Pistole, sogar einem Knüppel, hätte natürlich jeder innerhalb weniger Minuten ein Blutbad verursachen können. Aber Jana besaß keine Waffen. Zumindest nicht auf der Akademie.
Sie benötigte sie auch nicht.
Sie hatte ja sich selbst.
Fünfzig Kilogramm Lebendgewicht, die sich auf einhundertzweiundsiebzig Zentimeter Größe anmutig verteilten.
Schön anzusehen, das war sie. Jeder sagte das. Auch wenn sie auf der Skala des Bodymassindexes mit diesen Zahlen gerade einen Wert von siebzehn Komma vier erreichte. Und damit war sie gemäß Definition der WHO eindeutig untergewichtig.
So dachte auch jeder, der Jana ansah, was für ein zartes und zerbrechliches Wesen sie doch war. Schmetterlingsmädchen wurde sie des Öfteren genannt und Elisabeth saß daneben und versuchte, sich ihre Eifersucht nicht anmerken zu lassen. Federgewicht riefen sie ein paar Studenten aus der Bildhauerklasse. Einer von ihnen, Lutz, der mit den großen schwieligen Händen, hob Jana gerne unversehens hoch und wirbelte sie wie ein Kleinkind durch die Lüfte. Er bedachte nicht – wie sollte er auch, hatte er doch nur mit Mühe und Not die Pflichtschule absolviert-, dass Gewicht eine relative Größe ist, die sich bei Beschleunigung stark verändern kann.
Nur Elisabeth wusste das. Denn sie hatte im Gymnasium einen Workshop zur Verkehrssicherheit besucht und dabei etwas sehr Wichtiges gelernt.
Nämlich folgende, vereinfachte Rechnung.
Wenn ein Mensch, der fünfzig Kilogramm wiegt, bei einem Unfall ungebremst durch einen Gurt mit fünfzig km/h gegen die Windschutzscheibe geschleudert wird, dann entspricht sein Körper im Moment des Aufpralls einem Gewicht von 2500 kg. Bei 80 km/h vervielfacht sich sein Körpergewicht auf 4000 kg, bei 100 km/h sogar auf 5000 kg.
Elisabeth hatte mit diesem Wissen auf zahllosen Autofahrten das Schwanken der Tachonadel im Auge behalten und in ihrem Kopf still Berechnungen durchgeführt.
Vielleicht ließ sie sich deshalb nicht von Janas schmaler Silhouette, ihrem fragilen Äußeren täuschen.
Tief im Inneren wusste sie von Anfang an, wer oder was Jana wirklich war.
Ein zarter Körper, sicher, aber einer, der dich trifft mit der Wucht eines tonnenschweren Projektils.
Kieselsteine prasselten gegen ihr Fenster. Der helle, frische Laut würzte die Eintönigkeit des Nachmittags wie eine Mischung bunter Pfefferkörner. Mit einem jähen Ruck riss Lieserl den weißen Vorhang mit der rosa Häkelborte zur Seite und presste neugierig ihre Nase an die Glasscheibe. Vom Fensterkreuz in vier Teile zerschnitten lag der Hof vor ihr. Ein von der Sonne beschienenes Rechteck mit dunklen Schattenfugen. Keine Spur zu sehen von ihren Brüdern. Sie waren ins Dämmerlicht des Heuschobers zurückgewichen oder drückten sich im Stall, aus dem ein gedehntes Muhen klang, durch die trägen, massigen Leiber der Kühe. Es konnten Sekunden, Minuten aber auch Stunden vergehen, bevor sie sich an ihre Schwester erinnern würden, die den siebten Sommertag alleine in der Wohnstube verbrachte. Dennoch wollte Lieserl ihren Beobachtungsposten nicht verlassen. Sie schob energisch die Zimmerpflanzen zur Seite, die wild aus den bunten Übertöpfen wucherten und schwang sich auf die breite Fensterbank. Den Vorhang wie einen Brautschleier um ihre Schultern drapiert, hockte sie sich mit gekreuzten Beinen auf die kalte Steinplatte und hielt ihren Blick beharrlich auf das Scheunentor gerichtet. Sicher kletterten die Brüder in diesem Moment die Holzpfeiler empor und balancierten über die Querverstrebungen. Oder sie hüpften mit lautem Johlen in die Heuhaufen.
Die Autorin:
1977 geboren, Malerei in Wien und Venedig studiert, Ausstellungen und Nebenjobs.
Keine Veröffentlichungen, keine Preise.
