Hendrik de Boer: Alle Tage (Kurzgeschichte)

Palettenhandel steht da. Eine Schrift, die wie gemalt wirkt, in Großbuchstaben vorne auf dem Blech: Düsseldorf, Fuhrstraße 67. Ein grüner Deutz Traktor, D 3006, ein fast antikes Baujahr. Der wasserdichte Seitenschutz, der die Türen ersetzt, ist an einer Seite zerfleddert. An der rechten Außenstrebe, unterhalb des Spiegels, hängt ein schmieriger Beutel, gestreift in den deutschen Farben, die vordere Glasscheibe ist hochgeklappt, als ob es Frühling wäre.
Die Maschine läuft im Leerlauf, die ganze Zeit, in der das Gefährt am Straßenrand steht. Auf dem zerschrammten Anhänger mit der ehemals roten Deichsel liegen bereits Auspufftöpfe, Fahrräder, Motorradreifen, Aluminiumrohre, Autofelgen, Autokühler, und jetzt schleppt der alte Mann noch zwei Autobatterien herbei. Der Traktor tuckert. Eine dunkle Mütze trägt der Alte und eine dicke Jacke, er geht nicht, er schlurft, aber er schlurft fast aufrecht. Die Gesichtshaut unter der Schirmmütze ist gerötet. Eine braune Hose trägt er und schwarze, vom Staub und Dreck bedeckte Stiefel. Sein Handschuh ist die harte Haut seiner Hände.
Ein älterer Anwohner mit einer hellbraunen Lederjacke kommt mit einem Eisenregal, ein kurzes Zwiegespräch, dann legt er seine Spende hin. Er wirft sie nicht, was ihm keiner verübeln würde. Er gibt.
Auf der grünen Motorhaube zittert ein rotes schmutziges Stoffgedärm. Eine Bremsscheibe schleppt der Alte herbei, noch einen Auspufftopf, einen Kotflügel und eine Eisenstange. Von der Heckklappe des Anhängers hängt ein rot-weiß gestreiftes Schild herunter, daneben ist ein tellerartiges Blech mit einer großen 6 geschraubt.

Auf der Metallabdeckung des großen Hinterrades steht ein Essteller, er ist benutzt, irgend etwas Rotes. Der Teller ist die ganze Zeit über mitgefahren, vielleicht hat der Alte keine Zeit gehabt, zu Ende zu essen, oder er hat den Teller vergessen. Er kommt aus dem Tor der Kraftfahrzeug-Werkstatt heraus, das Tuckern des Traktors empfängt ihn, der Alte legt die flache Hand auf ein Seitenblech der Motorabdeckung, wie um etwas zu prüfen, die Temperatur vielleicht, nimmt die Hand aber sofort wieder weg, ohne seinen Gesichtsausdruck zu ändern. Die Scheibe von einer rückwärtigen Autoklappe schleppt er herbei, leere Ölfässer, weitere Auspufftöpfe, drei gebogene Rohrenden, die sich über den Boden des Anhängers ringeln wie braune Würgeschlangen. Bremsscheiben, Muffen, große Schrauben, kurze Blechstücke sammelt der Alte in der Autowerkstatt in einem Plastikbottich und fährt diesen auf einer Sackkarre zum Anhänger. In seinen dünnen Armen steckt mehr Kraft, als ihr Aussehen vermuten ließe. Ein altes Fahrrad kommt, mit einer Art Kupplung am Hinterrad, bald darauf ein Anhänger aus Aluminiumblech, dessen Räder nach oben gedreht sind, nutzlos wie bei einem auf dem Rücken liegenden Käfer. Ein junger Mechaniker aus der Werkstatt, mit seinen durch Tätowierungen blau verfärbten Unterarmen und qualmender Zigarette, hilft bei einem klobigen Stück Metall. Eins, zwei, drei. Jau! Der Hänger schüttelt sich wie ein Tier, das gerade aus dem Wasser gekommen ist, doch der Teller mit etwas Rotem darauf bleibt auf der Abdeckung des Hinterrades stehen.

Wenn der Alte zurückkommt, begleitet von dem stumpfen Tuckern des Traktors, und auf das Stück Erde fährt, auf dem das Haus steht oder das, was er als sein Haus bezeichnet, ist er froh. Er ist froh, weil er müde ist und hungrig. Er steigt aus dem Sitz, und als seine Schuhe die Erde berühren, fällt aus seiner Jacke, aus seiner Hose und aus seinen Haaren das unermüdliche Tuckern des Traktors. Zuhause. Als der Alte die Tür öffnet, erwartet ihn ein Toaster, ein Spülstein, ein Bett, ein Schrank. Und Dreck. Es gibt kein Bild an der Wand, kein Zierrat oder Nippes auf dem Regal. Auf dem Holztisch ein paar ungeöffnete Briefe.
Der Alte macht den Kühlschrank auf. Nichts, nicht einmal Licht, er schließt die Tür gleich wieder, es knackt, als sie auf den Hohlkörper trifft. Der Alte geht am Radio vorbei, das ausgeschaltet ist, immer ausgeschaltet, weil Nachrichten für ihn stets nur Wiederholungen sind.

Der Alte liegt auf seinem Bett, die Decke über die Brust gezogen wie ein Schild gegen die Dunkelheit, Luft, die drückend ist und ihm das Atmen schwer macht. Meistens ist sein Geist des Nachts nicht bevölkert von Geistern.
Doch ab und zu ist es anders.
Er spürt die Veränderung schon vorher, den ganzen Tag über. Es flüstert in der Tapete, in dem Putz, in der Wand. Er will es nicht hören. In der Decke über ihm flüstert es, im Boden, im Schrank und unterm Tisch. In der Dunkelheit schrumpft das Zimmer zusammen. Wände, Decke und Fußboden kommen geräuschlos näher, bis das Zimmer die Größe eines Sarges erreicht hat. Die Luft ist verbraucht, der Tod ganz nah. Der Alte versucht aufzustehen, es geht nicht. Er versucht, ein Bein unter der Decke hervor zu schieben, den Fuß auf den Boden zu bekommen, um den Boden unter den Fußsohlen zu spüren. Er versucht, den Arm zu heben, die Finger zu bewegen, den Kopf. Es geht nicht. Es geht nicht. Es geht nicht. Atmen, denkt er, atmen. Er versucht ruhig zu bleiben. Da ist er, sein Atem, in seinem Mund, in seiner Brust, in seinem Bauch. Luft, schwarze Luft, in die er Löcher zu denken versucht, lichterfüllte Löcher.

Der Alte geht über den Platz, an den Paletten vorbei, die gestapelt sind wie kleine Türme. Aussichtslos, sie an den Mann zu bringen, zu verrottet. Der Traktor steht dort, wo er sonst auch steht, seine Gummifüße reglos auf dem Boden, und die stumpfe Schnauze nach vorn gerichtet, als hätte die Maschine ihn gerade aus einem Fresstrog gehoben, um zu wittern – ihn, den Alten. In der Dunkelheit sieht der Traktor kleiner aus als bei Tageslicht, denkt der Alte, und er bleibt vor ihm stehen, die Hände in den Hosentaschen. Er schnaubt ihn an. Der Traktor erwidert nichts. Der Alte geht um ihn herum, um die großen hinteren Gummifüße, um das grün lackierte, stumpfe Blech, das die Dunkelheit anthrazit gestrichen hat. Der Alte beginnt zu summen, erst von innen, in abgebrochenen, wiederkehrenden Intervallen. Dann beginnen seine Lippen sich zu bewegen. Er summt für den Traktor, für die Nacht, die Paletten, das Haus, das Bett darin, und für sich summt der Alte. Zum Schluss auch für sich.

Der Alte kommt regelmäßig an der Auto-Werkstatt vorbei, das muss er, es gibt auch andere Schrotthändler, die eine ähnliche Route fahren. Einige Male kam er zu spät, da ging er leer aus. Der Alte nimmt mit, was man ihm anbietet: Austausch- und Ersatzteile, die einmal die Getriebe, die Motoren schnell gemacht haben. Für den Alten aber zählt keine Stunde, nicht einmal die Tage zählen, und auch die Jahre verstreichen ohne Bedeutung.

Nach seinem Tagwerk holt der Alte seine gusseiserne Bratpfanne aus dem Küchenschrank, erhitzt Margarine, bis sie Blasen wirft, gibt zwei oder drei Eier darauf, wartet, wendet, wartet wieder. Er ist allein, seine Frau ist gestorben, vor etwa zehn Jahren. Der Traktor ist ihm geblieben, der war damals schon da. Schnaps und nochmals Schnaps. Eines Tages kaufte der Alte sich eine Flasche, die unvorhergesehen die letzte war, dann war sie leer und die Trauer fort, verschwunden, und er wusste nicht, wohin. Als die Erinnerung in ihm brüchig geworden war, hat der Alte zuhause alle Fotos von der Wand genommen und sie in eine Schublade gelegt.

Der Traktor steht draußen nicht auf freier Fläche, weder, wenn er tagsüber nicht gebraucht wird, noch nachts, wenn die Arbeit für länger unterbrochen ist. Der Traktor steht in einem Schuppen, dem die Wände fehlen und dessen Dach auf einer Konstruktion aus Balken und Stützen ruht, die in ihrer Dürrheit nur widerwillig den Boden berührt. Aber es ist eine Unterkunft, die in den wärmeren Jahreszeiten den größten Teil des Regens fernhält, und in den kälteren den meisten Schnee. Der Traktor ist selber wie ein Tier, ein grünes, gummifüßiges Tier, vorne zwei Pfoten, hinten zwei Pranken; ein Tier, das Öl schwitzt, Wasser verliert und Luft, das ansonsten in seiner Behausung aber still ist. Seit zwei Generationen vorbei die Zeiten von Aussaat und Ernte, als Schneidemaschinen, Pflug und Egge die Erträge einbrachten. Dem Alten hat er beigestanden beim Roden, Sägen, Fällen und Eggen. Auch bei den anschließenden Erbstreitigkeiten unter den Geschwistern stand er im Hof.
Der Traktor ist genügsam, hat keinen übernatürlichen Appetit, nur das Übliche braucht er, Flüssigkeiten, die vom Alten in Kanistern herbeigeschleppt werden. Das Tanken ist Liebkosung und Fütterung zugleich. Ein freundschaftlicher Dienst, erwiesen schon unzählige Male.

Der Alte spricht mit dem tätowierten Automechaniker, der ihn freundlich mit Karl anredet, ihm auf die Schulter klopft und dabei hilft, das schwere Teilstück eines Motorblocks auf den Anhänger zu wuchten. Das Gespräch besteht aus kurzen Sätzen, der Alte nickt, er bewegt die Lippen kaum, seine Oberarme sind so kräftig wie die des Jüngeren, und zusammen schaffen sie´s.
Einmal fährt der Alte an der Autowerkstatt vorbei, auf seinem Anhänger ein verschlissener Fahrradreifen neben dem anderen, mindestens fünf Dutzend. Der Mechaniker in brauner Arbeitskluft, der in der Mittagspause rauchend in der Einfahrt steht, grüßt. Hallo Karl. Der Alte winkt vom Traktor aus zurück. Heute also kein Metall, heute nur Kautschuk. Der Karl ist ein armes Schwein, sagt kurz darauf der Mechaniker und grinst. Sein Chef nickt.

Der Alte fährt mit seinem Traktor durch Staub und Regen, Wind und Schnee. Er fährt und lebt von dem, was er aufsammelt an immer denselben Orten am Straßenrand, den Kraftfahrzeug-Werkstätten, dem einen oder anderen Fahrradladen mit angeschlossener Reparaturannahme, manchmal auch von der freien Tankstelle an der Landstraße. Auf seinem Hof spürt er den Matsch unter den Schuhen, das Gras um die Knöchel, die Hitze in den Lungen. Abends holt er die gusseiserne Bratpfanne aus dem Schrank, legt manchmal auch Brot hinein zu Margarine, Eiern und Schinken. Oder zu Bohnen, Tomaten und Paprika. Er wäscht nicht ab, er wischt nur aus, ein fast schon steifer Lappen, und stellt alles Geschirr zurück in das entsprechende Fach. Am meisten gefällt ihm sein Tisch, wenn er abgeräumt ist, nur das Holz, die Jahresringe. Im Winter, spät erst, bei einsetzendem Frost, befeuert der Alte den Ofen mit Buchenscheiten, die er letzten Herbst mit der Axt auf dem Platz gespalten hat. Ab und zu bringt er das dicke, gewundene Ofenrohr zum Glühen, beobachtet die Farben der Sonnenuntergänge durch die abgenutzten Stahlringe des Ofens hindurch.
An einem Sommerabend, als das Licht verschwenderisch lange über die Erde streift und so den Alten am Einschlafen hindert, holt er den Stuhl aus dem Zimmer, stellt ihn vor die Schwelle und hält das Gesicht in das Licht. Er träumt. Er träumt rückwärts, in eine Anhäufung von Tagen hinein, in ein großes Gewirr, und es stimmt ihn froh, eine Stimme wiederzuerkennen oder ein Lachen, eine Bewegung oder eine Handlung. Und dann sitzt er auf seinem Stuhl, ganz still sitzt er, wie erstarrt, um die Klarheit der Erinnerungen nicht durch eine unbedarfte Bewegung zu verwischen.

Der Autor:

Hendrik de Boer, geb. 1958 im Münsterland, Studium der Architektur, lebt in Düsseldorf, wo er als Schriftsteller arbeitet. Verfasst Romane, Kurzgeschichten und Kinderbücher. Veröffentlichungen: Der Wind in den Wolken. Kurzgeschichten. Düsseldorf 1993. Einzelne Gedichte in verschiedenen Zeitungen.