Isabella Straub: Fundgrube (Kurzgeschichte)
Ich erkenne ihn sofort, als ich in den Flur einbiege. Rechteckiger Kopf mit dunklen Locken, randlose Brille, rastloser Blick. Es ist Wendelin Köck, der ehemalige Finanzlandesrat. Und er sitzt auf meinem Sofa.
Im Laufschritt durchquere ich die Halle, kann meinen Blick nicht von ihm wenden. Es sieht doch tatsächlich so aus, als drücke er seine Schulterblätter mit Kraft gegen die Rücklehne des Sofas, und ich will „Achtung, Provisorium!“ rufen, aber aus meinem Hals dringt nur ein Krächzen.
Drei Minuten nach neun. Bisher war ich um diese Zeit immer allein. Und nun? Ich betrete die Wohnung ohne Zögern. Carina von der Frühschicht muss den Couchtisch verschoben haben, denn der Korridor zwischen Tisch und Sofa ist kaum breiter als eine Hand, ich frage mich, wie sich dieser Mann mit seinen kräftigen Beinen da durchzwängen konnte.
Er hebt den Blick, für die Dauer eines Atemzugs sehen wir einander in die Augen. „Guten Morgen“, sage ich, atemlos. Wendelin Köck schlägt mit der flachen Hand auf die Sofalehne und nickt. „Schön schön“, murmelt er, eher zu den Dekorations-Polstern gewandt als zu mir, und ich durchquere das Wohnzimmer, lege meine Tasche auf die buchenfarbene Kommode.
Dann atme ich tief durch, beginne zu zählen. Wenn ich bei zehn angelangt bin, ist er weg.
Eins. Zwei.
Drei. Vier.
Mit der Hand streicht er mehrmals über den Stoff der Sitzfläche.
Fünf. Sechs.
Tatsächlich: Er bewegt sich! Erstaunlich. Doch dreht er sich bloß um die eigene Achse, so lange, bis er auf der Sitzfläche kniet. Danach greift über die Rückenlehne nach hinten, zieht ein Preisschild an einem Gummiband hervor.
„Kramfors“, sage ich schnell. „649 Euro mit dem Bezug Myrby dunkeltürkis, 559 mit dem Bezug Risede hellgrau“.
Er sieht mich an, hebt die Augenbrauen.
„Myrby“, wiederhole ich ein wenig lauter. Vielleicht ist er ja schwerhörig. Ein Politiker, da weiß man nie.
„Arbeiten sie hier?“ Seine Stimme klingt wie frisch geölt.
„Nein.“ Ich will sagen: „Ich wohne hier“, aber das stimmt nicht ganz, also sage ich: „Ich bin einfach hier.“
Er lässt das Schild zurückschnellen.
„Soso. Schön, wenn die Jugend so viel Zeit hat.“
Ich zucke mit den Schultern. Die Jugend? Wovon spricht dieser Mann? Ich spüre, wie er meinen Körper mit Saugnapf-Blicken abtastet, klebrig und zäh.
Neun. Zehn. Los, raus hier, die Zeit ist abgelaufen.
„Ja, ich glaube, ich habe sie hier schon mal gesehen“, sagt er leise, so als spräche er zu sich selbst. „Genau. In Küchenabteilung, vergangene Woche. Es dürfte um diese Zeit herum gewesen sein. Ihr Kleid ist mir aufgefallen – ihr Kleid mit diesen…“ – er zögert, „mit diesen Tulpen“.
Lilien sind das, keine Tulpen.
Und sie haben mich ganz bestimmt nicht gesehen, Herr Finanzlandesrat außer Dienst, denn morgens sitze ich immer auf Kramfors, in dieser Wohnung, genau da, wo sie jetzt knien. Tagtäglich, mit Ausnahme des Sonntags. Danach spaziere ich hinüber in die Schreibtisch-Abteilung und setze mich an einen der Schreibtische, jede Woche an einen anderen. Wenn ich alle Schreibtische durch habe, beginne ich von neuem mit dem ersten Tisch links vom Durchgang. Der Schreibtisch dieser Woche ist geschwungen wie ein Nierentisch, er hat eine glatte, weiße Oberfläche, furnierte Spanplatte, und er wackelt ein wenig. Lagerist Jan hat eine Laptop-Attrappe aus Pappmaché draufgestellt, von weitem sieht es jetzt so aus als würde ich arbeiten.
Von der Nähe sieht es nicht mehr so aus, denn ich lasse bloß den Blick schweifen und schaukle im hydraulischen Chefsessel mit fünf Rollen sanft vor und zurück, während die träge Masse der Kunden an mir vorüberzieht wie eine Schafherde. Doch das alles sage ich nicht, sondern ich sage nur: „Das war ich nicht. Sie irren sich.“
Ich lehne immer noch an der Kommode, und der Mann auf meinem Sofa schüttelt den Kopf, so als hätte er meine Antwort nicht gehört. „Ich könnte das nie“, sagt er. „So oft hier sein. Für mich sind diese paar Minuten schon eine Qual.“ Er nimmt seine Brillen ab, putzt die Gläser mit dem Zipfel seines karierten Hemdes.
Für mich ist dieser Ort die Rettung, aber wie soll ich das erklären? Ich lasse den Blick durch den Raum schweifen. Alles an seinem Platz: Die Bodenvase mit den Plastik-Linien, der zottelige Teppich unter dem Couchtisch, der Vorhang mit dem pastellfarbenen Schmetterlings-Dekor.
Die ersten Kunden, die durch die Gänge schlendern, werfen neugierige Blicke in die Wohnung, wahrscheinlich aber sehen wir bloß aus wie ein ungleiches Ehepaar, das auf der Suche ist nach einem Sofas für ihr Vorstadt-Reihenhaus mit Thujenhecke und Doppelgarage.
Ich liebe diese Wohnung, weil sie ein echtes Fenster hat, nicht bloß eine Fensterattrappe mit einer aufgemalten schwedischen Tundra. Von meinem Fenster aus sehe ich das Parkdeck Nummer drei, und wenn die Unruhe meinen Magen hoch kriecht, dann zähle ich die geparkten Autos oder ich zähle die weißen Querstreifen, die die Parkplätze voneinander trennen oder ich subtrahiere die Anzahl der Autos mit ausländischen Kennzeichen von der Summe der Autos mit inländischen Kennzeichen oder ich versuche aus den Buchstaben der Kennzeichen Worte zu bilden.
„Wissen Sie“, sagt der Finanzlandesrat plötzlich, „ich benötige ein Bettsofa für meine Eigentumswohnung am Wasserrain. Erstklassige Lage, das sage ich ihnen“, betont er mit Nachdruck, so als erwarte er Widerspruch. „Und eine wunderbare Aussicht.“ Er deutet auf die Kommode: „Der Mittagskogel“. Er deutet auf das Bücherregal: „Die Rutneralm“. Er deutet auf den Spiegel: „Das Blocknermassiv. Kann ich alles von meinem Balkon aus sehen ohne mich zu verrenken.“
Und ich kann von meiner Wohnung aus auf die Bettenabteilung sehen ohne mich zu verrenken. Früher war ich woanders. In einer Wohnung vor der Küchenabteilung. Genauso groß: 58 Quadratmeter, Kinderzimmer mit Stockbett, an weiß ja nie. Aber es war einfach zu laut. Küchenabteilungen sind der reinste Horror. Jeder prüft die Leichtgängigkeit der Laden, alle öffnen die Schränke und lassen sie krachend zufallen. Männer sehen gern in Backrohre – warum, ist mir ein Rätsel, wahrscheinlich der Höhlenforscher-Instinkt. Sie lassen es knallen, dröhnen, scheppern. Küchenabteilungen sind der akustische Untergang. Diese Wohnung hier liegt hingegen nicht weit von der Bettenabteilung entfernt. Besser geht’s nicht, denn in Bettenabteilungen dämpfen alle Menschen reflexartig ihre Stimmen, so als ob hier tatsächlich jemand schliefe. Ein riesiges Dormitorium mit einem Berg an Kissen und Decken und Matratzen mit und ohne Sprungfedern, und es riecht nach Latex und frisch gebügelter Baumwolle.
Was nun? Ich schiele auf meine Armbanduhr. Dreiviertel zehn. Dieser Tag ist gelandet noch bevor er seine Flügel entfalten konnte. Woran soll ich jetzt nur anschließen? Was mir bleibt, ist Krumen aufzupicken wie eine verirrte Taube. Fraglich, ob ich mein Tagespensum noch schaffe. „Kommen sie mit mir?“, frage ich ihn und durchquere das Zimmer. Wenn er nicht von alleine geht, dann muss ich ihn eben unterwegs loswerden.
Der Finanzlandesrat außer Dienst ist einen guten Kopf größer als ich. Seltsam, denn im Fernsehen sah er immer so klein aus. Er klettert aus dem Couchtisch-Sofa-Korridor und tritt hinaus auf den Gang, der die Menschen durch das Gebäude spült wie ein Fluss. Ich deute auf ein kleines Tor, das die Bettenabteilung mit der Küchenabteilung verbindet. „Da durch“, sage ich. Labyrinthisch verzweigte Gänge mit Gläsern, Geschirr in Keramik, Ton und Glas, mit und ohne Dekor, handbemalt oder fabrikgefertigt. Mein Begleiter sieht zufrieden aus. „Ich brauche ohnehin noch Schnapsgläser“, sagt er. Und dann lässt er das Wort „Geburtstagsfeier“ fallen, so als müsse er sich rechtfertigen.
Wir lassen uns durch einen Seitenarm der Hauptverkehrsader treiben, vor uns geht eine hochschwangere Frau, die den Einkaufswagen an den Fingerspitzen vor sich herschiebt um Platz zu schaffen für ihren Bauch. Eine ältere Frau hilft ihr dabei, einen riesigen Karton mit Kochtöpfen und Pfannen in den Wagen zu heben.
Manchmal folge ich jungen Familien auf ihrem Weg durch das Gebäude. Das fällt niemandem auf. Im Menschengewühl bin ich ihnen ganz nahe, so nahe, dass ich ihr Parfum, ihr Shampoo riechen kann, so nahe, dass ich für einen kurzen Augeblick teilnehme an ihrem atemlosen Glück, das nur noch darauf wartet, möbliert zu werden.
Manchmal lege ich eine Packung Duftkerzen in unbeaufsichtigte Einkaufswägen. Vanille-Zimt, meine Lieblingssorte. Und dann folge ich den Kunden zur Kassa, um mich über ihren erstaunten Gesichtsausdruck zu freuen, sobald sie die Kerzen auf das Förderband legen. Meistens gehen sie davon aus, dass die Begleitung die Kerzen hineingeschmuggelt haben und bezahlen ohne zu murren. Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass sie einen Teil von mir nach Hause nehmen. Kleine blinde Passagiere, die eine Spur hinterlassen im Leben der anderen.
Der Finanzlandesrat außer Dienst steht vor einem Regal mit mundgeblasenen Schnapsgläsern und hält zwei Gläser gegen das Neonlicht. „Was meinen sie?“ fragt er. „Diese oder dieses?“ Ich tippe auf das flaschengrüne Gläschen mit dekorativer Blumenapplikation. „Darin macht sich der Schnaps bestimmt besonders gut“, sage ich und das Gesicht des Mannes hellt sich auf, als hätte ich ihm gerade eine wunderbare Nachricht überbracht.
„Wie heißen sie?“, fragt er, und ich antworte „Miriam“, und er sagt: „Miriam. Was für ein schöner Name“ und beugt sich bereits wieder über das Regal mit den Schnapsgläsern. Mit den Fingern der rechten Hand zieht er vier Gläser gleichzeitig hervor und platziert sie vorsichtig in seiner linke Armbeuge, die er nah am Körper hält, so als wollte er ein Baby drin betten. Dann die nächste Ladung, und darauf noch eine dritte Schicht Gläschen, bis das Regal leer ist. Ich bin sprachlos. Wie viele Gäste erwartet der Mann? „Wir können gehen“, sagt er dann. Wir? „Ich führe sie gern zum Ausgang“, sage ich um die Begegnung nicht unnötig in die Länge ziehen.
Wir quetschen uns durch die Lampenabteilung mit ihren glimmenden Vulkanlampen und dreiarmigen Lustern. Ich fühle mich genötigt, mit ihm noch ein paar Worte zu wechseln. „Und das Sofa?“, frage ich. Er sieht mich als wüsste er nicht, wovon in spreche. „Kramfors“, setze ich nach, „dunkeltürkis“. Er scheint zu überlegen. „Was hat das nochmal gekostet?“ Für einen ehemaligen Finanzlandesrat hat er ein erstaunlich schwaches Zahlengedächtnis, denke ich, bevor die Sache mit dem Kabelbaum passiert.
Ich bin die erste, die stolpert. Und es ist wie immer in so einem Fall: Der Augenblick dehnt sich zur Ewigkeit. Ich strecke in Slow motion die Arme aus, und habe sogar noch Zeit mir zu überlegen, wo hinein ich denn krachen könnte. Ich pralle in einen Einkaufwagen, der quer im Gang steht und meinen Sprung bremst. Einen Augenblick später stolpert Wendelin Köck, und da nun nichts mehr vorhanden ist zum Drauf – oder Hineinfallen stürzt er ins Leere und schleudert dabei die Schnapsgläser hoch in die Luft. Es regnet Gläschen.
Einen Augenblick später kniet er bereits auf dem Boden, sammelt unter Flüchen und Verwünschungen Scherben auf und türmt sie im Arm, dort, wo gerade eben noch die Gläschen lagen. „Lassen sie das doch“, zische ich, „es gibt hier einen Reinigungsdienst." Der Menschenstrom in der Halle kommt zum Erliegen wie eine Autokolonne nach einem Unfall. „Schau, das ist ja der Köck!“, ruft eine Frau aus.
Da erhebt sich der Finanzlandesrat außer Dienst und hält die Linke an seine Brust. „Mir ist übel“, flüstert er. „Ich habe mich geschnitten.“ Von seiner rechten Handaußenkante tropft karmesinrotes Blut auf den weißen Boden.
„Kommen sie.“ Ich bugsiere ihn durch die Menschentraube wie ein verirrtes Kalb. Bluttropfen markieren unseren Weg. „Da rüber.“ Kinderabteilung. Ein gelbes Plastiksesselchen mit einem Elefanten auf der Rückenlehne. „Setzen sie sich“, sage ich zu ihm, und er ziert sich kurz, lässt sich dann aber vorsichtig auf dem Kinderstuhl nieder. Er ist so groß und der Sessel so klein, seine Knie reichen bis zur Brust, ein lächerlicher Anblick. Wendelin Köck hält seine rechte Hand mit der linken am Handgelenk fest, das Gesicht zur Fratze verzerrt.
Entschuldigung. Ich lege einer jungen Frau, die ihrem Sohn gebannt dabei zusieht, wie er bunte Bälle aus der Bällewanne schleudert, die Hand auf die Schulter. „Hätten sie vielleicht eine Windel?“ Sie lächelt verständnisvoll, kramt in ihrer Windeltasche und zieht eine Pampers extra dry heraus. „Wo ist er denn? Oder sie?“, fragt sie und sieht sich neugierig um. „Es ist ein Er“, sage ich. „Und er sitzt da drüben.“ Ich deute auf den Mann, der sich auf dem Kinderstuhl krümmt. Ihr Lächeln erstirbt.
„Stecken sie ihre Hand da hinein.“ Ich präsentiere dem Mann die Windel ohne eine Mine zu verziehen. „Na los, das hier ist kein Schönheitswettbewerb.“ Er sieht mich an wie ein waidwunder Hirsch. Mit Hilfe der Klebverschlüsse befestigen wir die Windel an der Hand und er erhebt sich schwankend. Ein Boxer nach seinem letzten Kampf.
Schweigend durchqueren wir die Blumenhalle.
„Ich muss etwas berichtigen“, sagt er plötzlich und bleibt wie angewurzelt stehen, blickt mir in die Augen. „Von meinem Balkon aus kann ich das Blocknermassiv gar nicht sehen, Miriam. Auch nicht die Rutneralm. Meine Frau hat mich verlassen, und ich bin in eine Wohnung in der Nähe des Fernheizkraftwerks gezogen.“ Was soll man darauf antworten? Ich nicke still.
„Kommen sie noch mit raus? Auf einen Kaffee?“
Ich schüttle den Kopf. Ich wünsche mich zurück auf mein Sofa, in die Stille. Vor den Kassen bleibe ich stehen. Er passiert die Schleuse, dreht sich um, winkt mit seiner dicken weißen Windelhand. Ich hebe die Hand, erleichtert.
Zu Hause wird er eine Beule an seiner Jackett-Tasche bemerken, er wird mit der heilen Hand hineingreifen und eine Kerze herausziehen. Er wird sich wundern. Und abends, wenn die Türme des Fernheizkraftwerkes in der späten Sonne glühen in Myrby dunkeltürkis, wird er auf dem Balkon die Kerze anzünden und dann wird die Luft nach den Ausdünstungen einer erschöpften Stadt schmecken und ein wenig nach Apfel-Zimt.
Die Autorin:
Geboren 1968 in Wien. Studium der Germanistik und Philosophie. Journalistin bei einer großen österreichischen Tageszeitung, seit 2006 selbständige Werbetexterin (Agentur "textbar") in Klagenfurt am Wörthersee. Teilnehmerin der Leondinger Literturakademie 2008/2009. Mehrere Journalisten-, Medien- und Kurzgeschichtenpreise.
