Ivonne Keller
Ivonne Keller, geboren 1970, lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. Diverse Veröffentlichungen in Anthologien und Online-Portalen. Zusammenarbeit mit einer Literaturagentur für ihren Frauenroman „Hirngespenster“. Im März 2011 belegte sie den 13. Platz beim renommierten Münchner Kurzgeschichtenwettbewerb mit „Belohnung und Strafe“; im September 2011 wurde ihre Geschichte „Die schlimmste aller Farben“ unter die ersten 20 Siegergeschichten des jährlich vom Buchjournal ausgetragenen Wettbewerbs gewählt. Derzeit arbeitet sie an ihrem dritten Roman.
Hirngespenster (Roman)
Eins-----zwei-----drei-----. Ich muss bei der Sache bleiben, dachte Anna und pflückte grüne Blätter aus dem feuchten Rasen. Es war Mitte März, sie trug keine Strümpfe, sich Schuhe anzuziehen, hatte sie im Eifer vergessen. Sie spürte nicht, dass ihre nackten Zehen blau anliefen und kleine Steinchen und Tannennadeln vom Rasen sich in ihre Fußsohlen bohrten. Zu sehr war sie mit ihren Gedanken beschäftigt und mit den letzten Vorbereitungen. Das wird ihm gut schmecken, dachte sie und zupfte die letzten Zutaten für den Salat aus dem Kräuterbeet im Gewächshäuschen ihres Gartens. Sie durfte sich nicht verunsichern lassen, dadurch, was Silvie sagte und ihre Mutter. Dass Matthias erschöpft wirke, sagte Mama. Und ob sie weiter in Behandlung sei. Offenbar hatte ihr Silvie nichts erzählt von ihrer Lüge. Behandlung. Sie sprachen es aus wie ein Zauberwort, wie ein Sesam-öffne-dich. Als ob das die Lösung wäre, so eine Behandlung. Wenn Matthias sie herum schubste, dann sollte sie in Behandlung! Ob es sein könne, dass sie sich selbst verletzte, nicht Matthias, hatte Silvie gefragt. Was für ein Schwachsinn. Man brach sich doch nicht selbst fast die Finger! Matthias lullte die beiden ein. Er wollte sie einschüchtern, sie wollten sie einschüchtern. Aber Anna konnte denken. Sie sah, was sie sah, und sie sah, dass Matthias sie einliefern wollte. Gestern war ein blauer Brief gekommen. Was blaue Briefe verhießen, wusste man ja: nichts Gutes. Er hatte ihn aus dem Briefkasten geholt und dabei zufrieden genickt. Dann hatte er ihn zusammengefaltet und in der Tasche seines Jacketts versenkt. Manchmal sah er sie so seltsam an, wenn er meinte, sie merke es nicht. Aber sie hatte Augen im Kopf. Letzte Woche hatte er sie angesprochen, sie gefragt, ob er einen Termin ausmachen sollte bei einem Spezialisten. Er habe von einem Guten gehört.
„Ich frage mich, was so ein Spezialist macht.“ Eine berechtigte Frage, wie sie fand, auf irgendetwas musste sich so ein Spezialist doch spezialisiert haben. Und was sollte sie bei so einem? Aber Matthias hatte ihr keine Antwort gegeben. „Dann eben nicht“, hatte er gesagt.
Nachdenklich betrachtete sie die Blätter in ihrer Hand. Viel zu viele, sie hatte nicht aufgepasst, war mit Zählen beschäftigt gewesen, nicht mit aufpassen. So wie neulich, als Lunas Lehrerin sie lächelnd gefragt hatte, warum sie Luna drei Entschuldigungen für einen einzigen Fehltag geschrieben hatte. Drei identische Zettel mit dem gleichen Wortlaut. Und nichts davon mitbekommen! Sie musste gelegentlich die Dosis erhöhen, wobei, es ging ins Geld. Und bei Geld, da kannte Matthias keinen Spaß. „Was machst du mit dem ganzen Geld?“, fragte er. „Das bringe ich in die Apotheke“ könnte sie sagen, aber sie verkniff es sich und zuckte nur mit den Schultern. Allein übers Jahr die ganzen Apotheken Bad Homburgs abzugrasen war anstrengend genug. Meistens ging sie zu Fuß, mit dem Auto traute sie sich nicht mehr. Dabei war sie Stunden unterwegs. Einmal hatte sie ein Mann angesprochen, ob er ihr helfen könne.
„Wobei?“, hatte sie gefragt, vom Bordstein aufgesehen, ihr Zählen der Gullideckel unterbrechen müssen. Da war er kopfschüttelnd weitergelaufen.
Sie hatte ein System. Im Stadtplan hatte sie die Apotheken eingezeichnet. Sie nahm sich immer drei auf einmal vor, so wie sie immer ihre drei Ärzte abklapperte. Von jedem bekam sie zwei Rezepte, die sie jeweils in eine Apotheke brachte. Frau Wein, die Alte aus der Zentrumsapotheke hatte Matthias einen Wink gegeben. „Ihre Frau nimmt zu viele Tabletten, behalten sie das im Auge.“ Matthias hatte es ihr brühwarm erzählt, wieder mit diesem Einliefern-Blick. Diesen Fehler machte sie nicht noch einmal, neinneinnein. Keine Apotheke Bad Homburgs sah sie nunmehr öfters als einmal im Jahr.
Als sie einen Fuß ins Wohnzimmer setzte und ihre Zehen den warmen Holzboden berührten, zuckte sie zurück und bemerkte erst jetzt, dass sie barfuß war und ihre Füße eisigkalt und verdreckt waren. Erschrocken legte sie die Blätter beiseite, die sie geerntet hatte, warf einen kurzen Blick über Christine Brückners Terrasse hinweg in das Wohnzimmer der Nachbarin und betete, dass ihr nicht auch noch entgangen war, wie Christine von ihren Einkäufen zurückgekehrt war. Wenn, dann war alles aus. Dann konnte sie sich eine neue Strategie überlegen, eine ganz neue. Eilig griff sie sich ein kleines Handtuch, das für diese Zwecke auf der Terrasse bereitlag und wischte sich die Füße blank. Erst die Sohle, dann die Zehen, zum Schluss den Spann. Falsche Reihenfolge. Unlogisch. Wieder von vorn. Sie wendete das Tuch, begann beim Spann, über die Zehen zur Sohle. ---eins---zwei---drei---Sauber. Schnell griff sie nach ihrer Ernte, eilte tapsend durchs Wohnzimmer, durchquerte den Flur und späte aus dem Türspion auf den Vorplatz. Christines Wagen war noch immer fort. Gottseidank.
„Du hast auch was gekocht?“, fragte Matthias erstaunt und lugte in die Pfanne.
„Die Fischstäbchen sind für mich und die Kinder“, antwortete sie und wartete verstohlen auf seine Reaktion. Aber er nickte nur anerkennend und holte aus seinem Korb den frisch geernteten Bärlauch hervor.
„Dass du keinen Salat magst“, sagte er, wie schon hundert Mal zuvor, und begann vorsichtig, die feinen Blätter in der Spüle abzuwaschen. Wenn er auch sonst nichts im Haushalt tat, den Bärlauch wusch er stets selbst. „Hast du alles für den Salat vorbereitet?“, erkundigte er sich.
„Natürlich, wie immer“, antwortete sie und schob ihm die Schüssel mit den zerkleinerten Kräutern unter die Nase. Wie er so an dem Gefäß schnupperte, erinnerte er sie an früher, als sie noch jeden Tag für ihn gekocht hatte, immer ein anderes Rezept. Damals hatte er sie manchmal umarmt und geküsst. Das war lange vorbei, inzwischen schubste er sie Treppen runter – auch wenn er behauptete, er habe sie halten wollen, als sie strauchelte.
„Was ist das da?“, fragte er und deutete auf ein kleines hellgrünes Fitzelchen Etwas.
„Wird ein Grashalm dazwischen geraten sei.“ antwortete sie und zog das Stück mit zittrigen Fingern aus der Masse. Hoffentlich flippte er nicht gleich aus und schüttelte sie, nur weil ihr ein Missgeschick passiert war. Doch heute schien er friedlich zu sein. Behutsam griff sie nach den gewaschenen Blättern und mischte sie unter die Masse, so dass sie nicht vermatschten, das mochte er nicht. Zuoberst platzierte sie die Tomatenviertel, so dass die Portion aussah wie im Restaurant. Anschließend schob sie die Schüssel beherzt in seine Richtung. „Stellst du ihn auf den Tisch bitte?“
Er wandte den Kopf zum Esstisch. „Dass Du den Tisch gedeckt hast ist lange her, Anna.“
„Ich decke jeden Tag den Tisch.“
Er hob die Schultern und sagte nichts weiter dazu. Stellte die Schüssel auf den Tisch und rief die Kinder, die sich nicht rührten, in den Fernseher starrten wie jeden Tag. „Are you coming, ladies?“, rief er noch einmal, strenger diesmal, Autorität verbreitend.
Nachdem alle am Tisch saßen, setzte sich Anna dazu. „Lass es dir schmecken“, sagte sie und lächelte.
„Dass Du gelächelt hast, ist auch lange her, Anna.“
„Ich lächle fast jeden Tag.“
Er schüttelte amüsiert den Kopf und sagte: „Ich wollte es dir eigentlich noch nicht sagen, aber ich habe eine Reise gebucht. Bei TUI, die Unterlagen sind gestern gekommen. Wir fahren mal weg, nur wir beide.“ Dann griff er zum Besteck.
Als Matthias über ein Kratzen im Hals klagte, schliefen die Mädchen längst und Anna hatte ebenfalls Mühe, über ihrem Buch die Augen offen zu halten. Ohnehin verstand sie nichts von dem, was sie las. Der Tag hatte sie doch mehr angestrengt als gedacht, es musste die innere Anspannung sein, die sie erschöpfte. Oder die Vorfreude. Dabei hatte sie bis zuletzt nicht damit gerechnet, dass einmal einer ihrer Pläne gelingen konnte. Normalerweise ging alles schief, was sie sich vornahm.
„Vielleicht wirst du krank“, sagte sie und gähnte.
„Glaube ich kaum, ist doch gar keine Erkältungszeit.“ Er schluckte hörbar und räusperte sich. „Mein Mund brennt auf einmal“, erklärte er und erhob sich. Blickte in den Spiegel am Esstisch und streckte sich selbst die Zunge heraus.
Anna erhob sich. „Ich gehe ins Bett, Matthias, ich bin müde.“
„Haben wir was gegen Halsschmerzen im Haus?“, erkundigte er sich noch.
„Glaube nicht. Gute Nacht.“
Als er sie weckte, war es weit nach Mitternacht. Er schwitzte, das erkannte sie selbst im Schein der gedimmten Nachttischlampe. „Was ist denn?“
„Ich bin krank Anna. Irgendwas Schlimmes“, keuchte er und griff sich an die Kehle.
Anna versuchte, sich zu orientieren. „Ist dir schlecht?“, fragte sie und dann dämmerte ihr, was mit ihm los war. Er krepierte endlich.
Matthias setzte sich auf die Bettkante und stellte das Licht heller. Er flüsterte: „Mund und Hals brennen wie Feuer. Außerdem könnte ich kotzen.“ Er sprang auf und lief Richtung Bad. Sie hörte, wie er würgte, wie er sich erbrach an seiner Schlechtigkeit. Endlich einmal war er kraftlos, musste sich festkrallen am Rand der Toilette. Sie lächelte. Die obszöne Figur, die er dabei hinlegte, konnte sie sich vorstellen, ohne dass sie ihm hinterher eilte.
„Anna!“, rief er schwach und würgte wieder. Die mühsam gepflückten Blätter landeten in der Toilette, aber ihre tödliche Wirkung war längst im Blut. Sie griff zu ihrem Nachtschränkchen, holte ihr Notizheft hervor. Feierlich schlug sie die letzte Seite auf und vollendete ihre Notizen. Nachdem die Seite voll war, verstaute sie sie wieder in ihrem Schränkchen und erhob sich. Ihre weißen Beine stachen gespenstisch unter dem schwarzen Nachthemd hervor, angestrahlt vom Schein der Lampe. Energiesparlampen machten ein kaltes Licht, da konnte einer sagen was er wollte. Den Geräuschen nach zu urteilen saß Matthias nun nicht mehr vor sondern auf der Toilette. „Willst du einen Kaffee?“, rief sie und machte sich auf dem Weg in die Küche. Beim Blick auf die Uhr verwarf sie diesen Gedanken jedoch wieder, es war erst zwei Uhr morgens. Stattdessen nahm sie eine Tablette, eine leichte Unruhe machte sich in ihr breit. Unschlüssig stand sie herum und lauschte in die Nacht. Bisher hatte sie lediglich bis zu ihrem Anschlag geplant, darüber hinaus hatte sie keinen Gedanken daran verschwendet, dass sie mit dem Sterbenden die Stunden bis zu seinem Tode verbringen musste. Im Grunde sollte sie die sorgende Ehefrau spielen, sonst schöpfte er möglicherweise Verdacht. Aber wie sollte man dies anstellen, wenn man sich so gar nicht sorgte? Wenn ich mich einen Dreck darum scheren würde, wie es ihm geht, müsste ich einen Arzt rufen, kam es ihr in den Sinn. Langsam arbeitete sie sich Schritt für Schritt vor zum Badezimmer. Es war merkwürdig still dort. Vorsichtig lugte sie um die Ecke und blickte direkt in seine blutunterlaufenen Augen, die ihr von der Toilette entgegen starrten.
„Soll ich einen Arzt rufen?“, fragte sie ruhig. Nachts kam doch sowieso keiner von denen, die schliefen alle.
„Notarzt“, flüsterte er. „‘s war was im Salat. Hab überall Blut.“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich fahr dich.“
Matthias saß neben ihr, in sich zusammengesunken hing er im Beifahrersitz, hielt sich den Bauch. Er wimmerte wie ein Baby. Sein Kopf wackelte bei jeder Bremsung und Kurve hin und her wie bei einer Puppe. Er hatte nicht gewollt, dass sie ihn fuhr, hatte auf einen Notarzt bestehen wollen, doch einmal, einmal hatte sie die Oberhand behalten. „Ich fahre dich, basta“, hatte sie gesagt und die zitternden Hände hinter dem Rücken versteckt. Wenn ein Notarzt ihn abholte, verlor sie die Kontrolle. Am Ende hatten die ein Gegenmittel dabei, wer wusste denn, ob die Artikel im Internet alle auf dem neuesten Stand waren und nicht mittlerweile die Forschung ihr einen Strich durch die Rechnung machte.
„Die Kinder?“, hatte er gewispert.
Ihre Antwort: „Die Kinder schlafen, Matthias.“ Wenn es schnell ging, dann war sie vor dem Frühstück längst wieder zuhause und Luna kam pünktlich zur Schule.
Als sie an der Ampel standen wendete Matthias ihr sein Gesicht zu, das nunmehr einer Fratze glich. Der rote Schein der Ampel verlieh seinem Blick etwas Teuflisches, als er flüsterte: „Du hast mir was in den Salat gemacht. Stimmt‘s Anna?“
Ihre Finger hielten das Lenkrad umklammert, ihr Blick in seinem gefangen. Plötzlich griffen seine Finger nach ihrem Handgelenk, schüttelten es kraftlos. Er weinte. „Anna, sag was es war! Du musst es den Ärzten sagen, die müssen ein Gegengift spritzen, ich gehe vor die Hunde!“ Wieder hielt er sich den Bauch und das Gesicht, er wimmerte verzweifelt. Wie ein greinendes Baby rief er: „Fahr schnell, Anna!“ Und als sie nicht anfuhr, sondern die grüne Ampel anstarrte, da schrie er mit letzter Kraft: „FAHR SCHNELL!!!!!!!!“
Und Anna fuhr schnell.
Die Ecke des Pfeilers zur Krankenhauseinfahrt bohrte sich mit der Wucht von siebzig Kilometern pro Stunde in den rechten Kotflügel des Wagens, schob die Karosserie des BMW in seinen Körper und blies ihm den letzten Funken Leben aus dem Leib.
Annas Kopf sank aufs Lenkrad und kurz dachte sie an die Reise in dem blauen Umschlag, die sie alleine antreten würde. Dann verlor sie das Bewusstsein.
