Johannes Lindhorst "Niemandsland" (Roman)


Exposé


„Niemandsland“ erzählt die Geschichte eines Menschen, der 1968 im Alter von 13 Jahren von einem Stasioffizier für die utopischen Ziele des Kommunismus begeistert wird. Zum „Tschekisten“ dressiert, schmuggelt der Held Computertechnik in die DDR und die Sowjetunion. 1987 stürzt er über Verstrickungen seiner Vorgesetzten in die sowjetische Mafia. Er wird in einen Elektronikbetrieb in Ostberlin strafversetzt. Dies stellt seine gesamte Weltsicht infrage.
Mit der Wende 1989 will er ein neues, ehrliches Leben beginnen, muss aber miterleben, dass sein Betrieb sehr schnell von einer Mafiagruppe übernommen und in eine Drehscheibe der Geldwäsche verwandelt wird. Überdies nistet sich eine Sekte dort ein, deren örtlicher Chef der Stasioffizier seiner Jugend ist. Verlockt von der Aussicht, ein völlig neuer Mensch zu werden, lässt sich der Held zu einer „Therapie“ überreden. Erst die Begegnung mit Wanda, einer Polin, die gezwungen worden ist, in Deutschland als Prostituierte zu arbeiten, ermöglicht ihm die Trennung von der Sekte und die Erkenntnis seines Urtraumas: Seine Eltern haben ihn seinerzeit der Stasi preisgegeben. Damit ist endlich auch der Weg zu einem selbstbestimmten Leben frei.

In einer packenden, dichten Sprache umkreist Lindhorst in seinem Roman das Thema Manipulation, von der Stasi über eine Sekte bis zur neuen Wirtschaftsordnung ist das Individuum immer größeren Strukturen ausgeliefert.


Textauszug

Auf dem Weg zurück zur Arbeit sitzt er fest. Die Kreuzung vorn ist gesperrt. Verkehrspolizisten stehen auf ihren Podesten. Blaulicht rotiert. Es geht nicht mehr weiter. Nicht nach vorn, nicht zurück, nicht nach links, nicht nach rechts. Ein Zustand, der, einmal eingetreten, sofort als ewig erscheint. Traumbild der Agonie, unendlicher Schlaf des Landes, der Stadt, der Welt. Über den Autoschlangen braungraue Nebel. Und vergeblich ist alles Treten aufs Gaspedal, nur der Motor heult auf und macht die graubemützten Grenzer aufmerksam, so dass sie ihre Hälse recken und einander Zeichen geben, Befehle rufen, um den Ungeduldigen, den Störer, den Querulanten zu identifizieren. Der sie nicht hören kann in seinem Gehäuse, in das die Heizung bläst, aber die Atemstöße sieht, die weiß verwehen vor ihren Gesichtern, ihre Anspannung verratend – und ihre Gefährlichkeit. Denn sie stehen mit dem Rücken zur Wand. Da ist die Mauer, hinter der ihre (und natürlich auch seine) Macht endet. Die Mauer ist nicht dick, so zehn, zwölf Zentimeter vielleicht. Und auch nicht hoch ist sie. Dreieinhalb Meter, mehr nicht. Das ist es, was sie so nervös macht. Was auch die Wartenden nervös macht, so geduldig sie auch auszuharren scheinen in ihren Fahrzeugen aus Blech oder Presspappe, so gleichmäßig auch all die Automotoren töffen, so ungerührt hinterwärts ihre weißgrauen Abgasfähnchen aufsteigen. Hajo Kleinert spürt ein Zucken im Fuß, er muss sich ans Lenkrad krallen, um nicht doch einfach loszurasen, einen halben Meter vorwärts wenigstens, dem Skoda vor ihm ins unaussprechlich hässliche Heck ... Gerade genug Wut ist in ihm, dieses Stehen hier nicht auszuhalten – und aber immer noch genug Angst, um es dennoch zu ertragen.

[…]

Und das ist es, was Hajo Kleinert so wütend macht: Indem man ihm einen wie Wicht vorsetzte, indem man ihn zwang, mit dieser Type seine Zeit zu vertun, zeigte man ihm jedes Mal neu, dass er nicht mehr dazuzählte, dass er ausgesondert war und nicht mehr mitspielen sollte. Freilich, er kennt den Grund dafür. Er, Hajo Kleinert, ehemals „Genosse Wolfgang“, weiß zu viel. Er hat zu viel gesehen, zu viel gehört. Er hat einmal hinter den Vorhang geblickt. Und er soll, was er da gesehen hat, vergessen in den nebelhaften Unterredungen mit diesem Wicht in seinem ewigen stinkigen karierten Jackett, er soll sich ablenken mit den Computer-Basteleien im VEB Pedanta, wohin man ihn vor anderthalb Jahren abgeschoben hat ohne irgendeine Erklärung. 
Und noch immer steht alles auf dieser Straße. Vor ihm, neben ihm, hinter ihm Autos mit von Dreck und Reif halbblinden Fensterscheiben, die einsame schwarze Gestalten einschließen, die aussehen wie Silhouetten auf Schießscheiben. Auf der rechten Seite immer noch, immer noch, immer noch die Mauer, grau und weiß, mit dem halbrunden Übersteigschutz, der ihr jene unverwechselbare zeitlos-schöne und einprägsam-elegante Gestalt verleiht, mit der sie bald in die Geschichte eingehen wird ... davor, auf dem sogenannten Bürgersteig, die Grenzer in ihren Wattejacken. Heute stehen sie alle zwanzig, dreißig Meter; es kommt Staatsbesuch, da müssen sie aufpassen, trotz der Februarkälte und dem feuchtkalten Braunkohlendunst, der wie ein Drachenschwanz über der Straße hängt. Sie reiben sich die Hände, sie schlagen sich die Arme um den Oberkörper, während sie ihre eingeübte Wachsamkeit ausüben, und manche haben die Ohrenschützer ihrer Tschapkas heruntergeklappt, was ihnen bestimmt nicht erlaubt ist, aber offenbar hingenommen wird von einer Obrigkeit, die es längst schon aufgegeben hat, immer und bei jeder Kleinigkeit Gehorsam zu erzwingen. Egal, egal. Ist doch sowieso schon wurscht ... Auf der linken Seite bis zum Horizont ein Feld voller Mauern, Masten, Müll, Gleisen, Stellwerken und gefrorenem Matsch, auf dem sich wie in Zeitlupe die Kulissen rangierender Güterzüge bewegen. Alldem vorgeblendet ein Spruchband aus rotem Fahnentuch, direkt an der Straße: MIT GUTEN TATEN VORWÄRTS ZUM 40. JAHRESTAG UNSERER REPUBLIK! Und, aufgeständert, überlebensgroße Porträtfotografien: Unsere Besten. Ja, ja, ja, unsere Allerallerbesten.
Und wie lautete dieser Satz, den du vor Wicht nicht mehr herausgebracht hast? Was war so Besonderes an ihm, dass du zögertest, ihn auszusprechen? Kam er dir plötzlich falsch vor, übertrieben und unwahrscheinlich? Nein, eher schien er dir die letzte und kahlste Wahrheit zu sein, der Dauerfrostboden entblößter Tatsachen, aus denen, wenn du ehrlich sein wolltest, nur noch eine einzige Konsequenz folgen konnte: der Bruch, der Schlussstrich, das Ende, der Ausbruch, der Austritt, die Ausreise ... Aber so weit, Hajo Kleinert, nein, so weit bist du noch nicht. Diese Konsequenz, die willst du noch nicht ziehen. Weil es dir im Grunde doch immer noch gut geht, trotz Wicht und durchwachten Nächten, trotz Sitzungen und Parteilehrjahren, trotz allen aussichtslosen Herumbastelns bei VEB Pedanta in der drückenden Stickluft des Mangels, weil du dich in diesem grotesken, versoffenen Durcheinander noch großartig und sogar wichtig fühlen kannst, als eine der Hauptfiguren in jenem düsteren weltgeschichtlichen Drama, dessen Wendepunkt vielleicht unmittelbar bevorsteht – und das dich vielleicht noch ganz woanders hin trägt, wenn du hier bleibst, drin bleibst, nicht abhaust wie so viele andere, in die Welt hinter der Mauer, in das schlaffe Leben zwischen Büro, Supermarkt und Fußgängerzone ... Wenn du aushältst, hier, in der lähmenden Windstille, in der, nur von den Eingeweihten bemerkt, gewaltige Luftmassen aufwärts strömen, um sich zu sammeln, um niederzufallen, bald schon, in Wirbelstürmen ... wenn du dich dem Unerträglichen nicht entziehst, hast du vielleicht die Chance, das Licht des ganz Anderen zu sehen, auf das du seit Jahren wartest. Tief in den Nächten dieses endlosen Winters, zu Haus in Marzahn, vor dem buntflimmernden Monitor seines Commodore C 64, das Hirn ausgekühlt vom kristallklaren Wodka, hebt er zuweilen ab und betrachtet seine Umgebung mit einem doppelten Blick. Wohnblöcke, Straßenbahnen, Kraftwerke, Antennen – all dies bis zum Erbrechen Bekannte, denkt er dann, ein wenig schielend, sieht aus wie die Verlarvung einer kommenden Welt, einer Welt mit neuen Menschen, genoptimiert, mit Implantaten verbessert, die nur darauf wartet, hervorzubrechen aus den Fassaden. All diese Schnaps-Ideen sind Lese-Früchte, natürlich. Ein zerfleddertes Taschenbuch liegt neben dem Computer, William Gibsons „Neuromancer“; er hat es irgendwann über irgendeinen seiner Partner erhalten, von wem genau, weiß er nicht mehr, im Tausch gegen einen Satz Disketten, einen Prozessor, einen Speicherchip ... er liest seit Wochen darin und kommt sich zuweilen selbst schon vor wie ein Console Cowboy im Cyberspace. Und ist nicht diese geteilte Stadt, in der man immer wieder auf die Mauer stößt, die unüberwindliche, die doch eigentlich nichts mehr aufhalten kann, schon gar keine Wahnideen, ist sie nicht wie dieses irreale Chiba City, durch das sich Konglomerate aus Mensch und Maschine bewegen, ist sie nicht wie die geteilte Welt zwischen Wintermute und Neuromancer? Nachts um halb drei, mit einsacht im Turm und Blick auf die Allee der Kosmonauten, erscheinen Hajo Kleinert solche Vorstellungen als völlig real. Aber auch am Tage, einem wie diesem zum Beispiel (den „hellicht“ zu nennen dem „Neuen Deutschland“ vorbehalten bliebe), erscheint ihm beim Blick aus dem Auto seine Umgebung als reine Metapher und das Gespräch mit Hauptmann Wicht als Fopperei des Gedächtnisses, seltsames Dèjá-vu. Er möchte aussteigen und die Mauer befühlen, ob sie echt ist – ist sie vielleicht längst schon aus Pappe, und keiner hat es bemerkt? Und die Grenzsoldaten hier – welcher Regisseur hat die ausstaffiert und hierhin gestellt? Ist nicht irgendwo der Regieassistent zu sehen mit seiner Klappe? Ist vielleicht gleich Kaffeepause? Was ist hier los, Leute, he?! Aber man weiß es nicht genau. Man kann nicht einmal dem Schein trauen. Unversehens entpuppt er sich als Ernst, hart und greifbar wie eine Kalaschnikow. Gleich rechts auf dem Fußweg steht da einer dieser Statisten, seine MPi fest im Griff, und starrt zu ihm in das Auto. Sieht gleich wieder weg, als er merkt, dass er gemustert wird. Würde der schießen? Der würde schießen. Mit eben dem gleichgültigen Blick, eben den schlafwandlerischen Bewegungen würde der schießen, wenn einer versuchte, diese irreale Mauer zu überwinden. In derartigen Situationen hat Hajo Kleinert Lust, es darauf ankommen zu lassen, alles auf eine Karte zu setzen ... Aber nein, nein, nein ... er wiederholt seine Selbstbeschwörungen, er ermahnt sich ein weiteres Mal zum Aushalten im Auge des Zyklons (wie oft schon hat er das getan!), er beherrscht sich, lenkt das Zucken in den Fingern um in den Griff zum Einschaltknopf des Autoradios, über welches er soviel von der Welt hinter der Mauer einfangen kann wie er nur will.



Autor



Johannes Lindhorst wurde 1960 in Berlin geboren, Berufsausbildung als Feinmechaniker, Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, lebt als freier Autor, Texter und Lektor in Berlin. Veröffentlichungen von Essays, Kurzprosa und Erzählungen in Zeitschriften (u. a. Sinn und Form und neue deutsche literatur) und Anthologien.