Jana Franke Frey: Emma Rosenbaum (Roman)

Berlin 1995. April. Zum letzten Mal heute. Es regnet immer um diese Zeit.

Der Königinnenblick.
Anna sagte, ich hätte auch einen, wie überhaupt allen Frauen unserer Familie dieser gewisse Leuchthunger in den Augen funkelt.
Von wegen, Königinnenblick. Anna hatte einen Labyrinthblick, Frieda einen Slalomblick und ich einen Turmblick. Leuchtturmblick.
Hat ja auch was Königliches, so ein ausgesetztes Stück Land. Aus Stein und Glas mit einer Leuchte obenauf. Feuer, weil dieses Licht seit Anbeginn der Seezeit so besprochen wird. Von Seemännern. Raue stoppelige Kerle. Feuer ist Holz, Holz ist Axt, Axt hängt im Schuppen, Schuppen ist Hof, dahinter der Garten, zwischen Sonnenblumen reckt sich das Gesäß der Frau ins Abendrot – Heimat. Wohl wissend um Strom und Glühdrähte spannt den Tollen der Hosenschlitz, jedes Mal spannt er ihnen. Ohne Feuer geht es nicht! Dummköpfe!  
Den schmalen Zeigefinger auf der Zunge Land nennen sie Leuchtturm, alle Welt nennt ihn so, dabei leuchtet er kein Stück, wie auch die Kronenleuchte in einer übers Jahr gemittelten Zeit an einem Tag nicht länger als zwölf Stunden leuchtet und beileibe nichts mit Feuer zu tun hat, mit der ewigen Flamme schon gar nicht. Bei einer Brenndauer von eintausend Stunden glüht sie dreiundachtzig Tage, bevor ihre Lebensdrähte zu wimmern beginnen, und sie im Eimer landet. Sondermüll. Fünfmal im Jahr wird eine neue Flamme ins Gewinde geschraubt, die moderne Form von Holz nachlegen. Aber die Seemänner tun so als wüssten sie das nicht.
Klabautermann, Leuchtfeuer, Spannen in der Hose. Kluge Leute.
Bekloppt ist das, total bekloppt.
Tausend Stunden sind ein ganzes Leben. Ich habe schon über zwei Millionen Stunden hinter mir. Eine langweilige Angelegenheit. Festgezurrt in einer braven Fassung, umkreist von einer Spiegelblende, die Bewegung vorgaukelt, aufregendes Dasein. Bis ich mich sich selber für die perfekteste Drehleuchte der Welt halte und mir eitel fleißig vorkomme.
Lügenfunzel. Arme kleine Birne. Voller Bilder und darf keines festhalten, darf keines so ausdauernd mit Licht bestäuben, bis es zurückstrahlt. Schwindelige Träume muß so ein Ding haben. Rotationsträume. Alle vier Sekunden Kennung, ein Blitz, acht Sekunden Pause, Schatten, Licht, wer dazwischen tritt, wird zerhackt. Pech gehabt.
Emma Rosenbaum. Eine blickdichte Pergamenthülle gefüllt mit Langeweile, in deren Zentrum der fossile Einschluss, den ich immer für mein Herz gehalten habe. Die geheime Kammer. Und darinnen: Ich, der wahre Mensch. Aber keine Sorge, das kriegen wir hin!  
Ich bin mir noch nicht sicher ob ich von der Siegessäule oder vom Rathausturm springe. Perfekt wäre Leuchtturm. Aber jetzt mit dem Zug fahren?
Das Wort Tod dürfte es im Vokabular Lebender nicht geben. Anstelle dessen sollte eine einminütige Entspannung eingeführt werden, eine Schablonenmeditation oder Herzstillstand, für die Zeit, die es braucht, den Tod vom Hirn auf die Zunge zu rollen, ihn an die Schneidezähne zu pressen und in das Tönen der Welt zu entlassen. Oder eine plötzliche Pause, der Schreck eines Sturmklingelns mitten in der Nacht. Trotzdem, es ist in Ordnung zu sterben.
Sterben – eine Buchstabenreihe wie eine Einbahnstraße. Zwölf Zentimeter Ersatzvokabeln im Synonymwörterbuch. Da fängt es an, das Glück, wählen zu können, der Trennung, der ich entgegenschreite, einen Namen zu geben. Absurd, überhaupt einen zu suchen. Schließlich geht es hier nicht um profane Selbsttötung (mein Gott, das klingt wie Seziersaal), sondern um die vollendete, restfreie Form der Selbstbefreiung. Aber das Wort haben sie vergessen. Und im Duden? Auch.   
Mein kleines, fossiles Selbst ruckelt ungeduldig und fragt, wann es losgeht mit dem Fallen. Heute noch, denke ich zurück. Fliegen heißt es, denke ich, denke dringlich zurück, schließlich sind wir im Stadium der Feinabstimmung. Fallen, Runterfallen als der einfältige Gegensatz von Kleben ist falsch. Grundfalsch und verdirbt alles. Denke du allein Königin. Nur Königin, den Rest übernimmt die Schwerkraft.
Fünfundsechzig Kilogramm Fleisch. Durch die Hitze des Reibungswiderstands löst sich mein Körper vom Geist. Wie ein Abziehbild unter Wasser. Die Kammer liegt frei, der Luftdruck bringt ihre Wände zum Bersten. Wahnsinn! Eine zweite Sonne erblüht über der Stadt. Ich.    
Sterben ist eine einsame Sache, Leben auch. Ich schreibe gegen den Abschiedsschmerz an, er läßt sich nicht mit Worten tilgen. Damit das klar ist, ich bin keine von denen, die einen Brief hinterlassen, um anderen ein schlechtes Gewissen zu machen. Wem auch? Mit Rüdiger Hermann habe ich telefoniert, daß ich heute losfliege, habe ich ihm gesagt.
Wohin geht es denn?
Ikarus.
Ikarus?
Sollte ich ihm sagen, daß der Name auf meinem Kugelschreiber steht? Ich habe ihm von dem Typen mit den schmelzenden Flügeln erzählt.
Ach, der Spinner, der zu dicht an die Sonne geflogen ist?
Ja, genau die, antwortete ich, legte auf und zog den Stecker. Nee, schlechtes Gewissen bekommt einer wie Rüdiger nicht.


Berlin 1929. Gute-Nacht-Geschichte für Anna. Warum Moritz Gold nicht an anderer Leute Unterhosen riechen mag.  

„Bitte erzähl noch eine Geschichte!“
Die sechsjährige Anna Gold zog sich fröstelnd das klamme Federbett über die Schultern, schloss die Augen, lauschte dem leisen Klopfen des Franzosenbeines auf den Dielen und wartete auf den wohligen süßen Duft des Vanilla Krausers.   
Die Matratze wogte, Anna schaukelte. Moritz Gold kratzte ausgiebig den juckenden Stumpf oberhalb des Knies und begann zu erzählen.  
„Für Kinder ist der Schlaf ein dunkles Land, aber für Erwachsene ist er wunderschön, weil man sich dort mit Rose treffen kann. Rose Mondlaub.“ „Großvater, die Geschichte, wie du Rose Mondlaub kennengelernt hast, hast du schon zweimal erzählt“.
Im Zimmer wurde es still. Ein gutes Zeichen.
„Ich erzähl dir von den Rotzerln“, hub Moritz bedächtig an. Das war genau der Tonfall, der Längeres bedeutete.     
„In Obornik waren alle Kinder Rotzerln, auch die Polenkinder. Ich aber war ein besonderes Rotzerl. Deshalb bist du das auch. Und jetzt das Geheimnis: Mir fehlt etwas.“
Anna lag vollkommen reglos.
„Schlafende haben gesegnete Ohren“, flüsterte Moritz und pustete ihr über die Stirn, sie kräuselte sich nicht.
„Wir waren eine wilde Horde Kossätenkinder, die am äußeren Rand von Obornik lebten. Die Sommer verbrachten wir fast ausschließlich am See, an dem wir uns wilde Schlachten mit den noch ärmeren polnischen Kössätenjungs lieferten. In Obornik waren die ärmsten Deutschen immer noch etwas Besseres als die ärmsten Polen. Unsere Schlachten waren harmlos, aber erbittert. Es ging um Land und Stolz. Ein uraltes Kinderspiel. Wir kämpften und versöhnten uns, irgend etwas gab es immer zu verteidigen, anzugreifen, einzunehmen. Jeden Sommer, wenn der Raps  auf den Feldern zu stinken begannen, kamen die Wanderarbeiter. Russen. Bärtige Riesen, wie menschenfressende Waldwesen stapften sie daher. Ich glaube, sie hatten ihren Spaß daran, uns jedes Jahr von unserem See zu vertreiben. Horden von Wilden pinkelten da hinein. Männerpisse in solchen Mengen ist nicht zu vergleichen mit den paar Tröpfchen, die wir uns aus unseren Zipfeln drückten, um Bester im Weitstrullen zu werden. Nach der Ernte roch das Wasser wie die Güllegrube auf dem Gutshof.
Wir forderten die Kerle zum Duellpinkeln heraus. Mann gegen Mann. Schwanz gegen Schwanz. Frischgewaschen und mit schmerzenden, prall gefüllten Blasen traten wir gegen die stinkende Barbarei an. Als ich mich mit heruntergelassener Hose und grimmigem Gesicht in Positur stellte, fing mein Gegner an, wild gestikulierend auf meinen Zipfel zu zeigen. Er bleckte die Zähne und schrie in die Reihen der Feinde: „Ä Jud’, ä Jud’!“ Der Wilde nahm mein Schwänzchen in die Hand, machte mit der anderen Hand die Geste einer Schere und zog mich wie eine Kuh am Schwanz hinter sich her. Kreischend rannten die tapferen Rotzerln in den Wald und überließen mich den Menschenfressern. Die Russen stellten sich in Reihe. Einer nach dem anderen zeigte mir, was sich zwischen seinen Beinen verborgen hielt und wie es im Unterschied zu meinem Würmchen beschaffen war. Es dauerte nicht lange, bis mir klar wurde, daß mir ein wesentliches Stück fehlte. Mit bloßem Hintern, heulend und tief gedemütigt stolperte ich davon. War ich ein Krüppel? Zu Hause, meine Mutter brach in schallendes Gelächter aus und klärte mich auf, der Vater sei ein Jude, der Großvater auch und alle nachgeborenen Schwänze der Sippe wären beschnitten. Keine Sorge, den Frauen mache das nichts, außerdem würde es im Sommer nicht so stinken aus der Hose. Und zur Not, sei ich schließlich getauft, wie es sich gehört. Davon würde mein Zipfel zwar auch nicht wieder heile werden, aber das Auge Gottes hätte seinen Blick drauf. Das ich zu allen Übel auch noch überwacht werden sollte, erschien mir maßlos ungerecht. Hatte der nichts anderes zu glotzen? Oft roch ich in diesen Sommer an Vaters Unterhosen. Sie rochen ähnlich wie das, was ich noch von den Wilden am See in der Nase hatte. Mein Vater hat mich absichtlich zum Krüppel machen lassen! Und stinkt trotzdem in der Hose. Gott, fragte ich, was sind das für Leute, die einem Kind die Unversehrtheit nehmen? Ich möchte nicht an deren Unterhosen riechen. Von diesem Sommer an  bin ich nicht mehr mit den anderen Kossätenkindern baden gegangen und auch nicht in die Kirche. Vielleicht ist es mein Schicksal, unvollständig zu sein. Ohne Vorhaut, ohne Rose, ohne Bein. Vielleicht ist es so, daß man immer weniger wird, bis man sich  auflöst und irgendwann ganz weg ist.“

Die Autorin:

Jana Franke-Frey, 1969 in Berlin geboren, lebt und arbeitet in der Uckermark. Schauspielstudium an der HFF „Konrad Wolf“ Babelsberg, später Ausbildung zur Zirkuspädagogin. Beim Walter Kempowski-Literaturpreis (2007) erhielt sie den 3. Preis, sie stand auf der Longlist der Jury des Wiener Werkstattpreises 2009.