Joseph Danaghie: Brainsex and the Masculinists (Roman)
Kapitel 5
Begierde und Verwirrung vermehrten und multiplizierten sich zu einem Chaos von Gedanken und Dingen. Nichts in meinem Kopf schien das zu sein, was es sein sollte. Nichts in meiner Wohnung schien zu sein, wo es sein sollte. Gegenstände schwammen von einem Ort zum nächsten, feuchte Tücher zu den Bettlaken hin. Kondome flohen in den Kühlschrank. Eines Abends fand Babette meine Schlüssel am Duschkopf hängend.
„Das tun sie immer häufiger“, sprach ich.
Sie lachte und schüttelte den Kopf, dann fing sie an zu kochen, verbreitete ihren geschäftigen Zauber und ihre Sauberkraft bei allem, was sie anrührte. Dabei lag ich auf dem Bett und tat so, als würde ich lesen. In Wirklichkeit aber dachte ich an Maggie, betrachtete die Tür, die Schusslöcher. Dann gingen auf einmal die Lichter aus und Kerzenlicht aus der Küche erfüllte die Wohnung. Babette betrat das Wohnzimmer. Sie trug ein Tablett vor sich, das sie auf den Tisch abstellte. Dann zündete sie ein Streichholz an für den Kandelaber, der ihr eigener war. Denn ich besaß solche Ziergegenstände nicht.
„I'm already half-mad dinner“, sagte sie, lächelnd.
„I've already made dinner“, korrigierte ich ihr Englisch.
Diese kleinen Rituale bedeuteten mir nichts, genau wie sie. Sie nahmen nur Zeit ein, die anderweitig verschwendet werden könnte, zum Beispiel mit spontanem Sex. Alles war einfach viel zu gut geplant in Babettes Leben. Sie befolgte genau ihre Lebens- und Zeitpläne. Aber wahrscheinlich ist eine gute Zeiteinteilung einfach notwendig, wenn man, oder frau, schon so viel Zeit im Badezimmer verbringt. Sie weigerte sich, das Haus zu verlassen, bis jedes ihrer kleinen Morgenrituale erledigt war. Und das, genau dieses mangelnde Gefühl für Spontaneität, war es, was ich als eine Verletzung meiner Freiheit empfand. Meine Freiheit Babette zu besitzen, wie Maggie mich.
Ich durfte sie nicht küssen, bis ihre Schminke getrocknet war, durfte nur Sex mit ihr haben, wenn sie nackt war. Ich hätte sie lieber bekleidet gehabt, immer bekleidet, um sie zu entkleiden, um mit ihr auszugehen, um sie bekleidet durch ihre Kleider zu ficken.
„Wie? Wie in Gottes Namen, können wir spontan sein, wenn du schon so lange nur für deine Schminke brauchst?“, schrie ich sie am Vormittag an.
„Und warum muss alles spontan sein?“, schrie sie zurück.
„Nicht alles, aber etwas, Gott verdammt. Wenigstens etwas“.
Aber das war am Vormittag. Jetzt war Abend. Wir saßen am Tisch, den sie spontan hergerichtet hatte mit Essen, Trinken, Gegenständen, Ornamenten: Opfergaben, die sie mitgebracht hatte, in einen schweren Leinensack eingepackt. Ich lehnte mich vor, Ellenbogen auf dem Tisch, und betrachtete all die kleinen Töpfe auf ihren kleinen Untersetzern und all die kleinen Löffel mit ihren verschiedensten Formen und Größen für die verschiedenen Essenssorten und die zwei bauchigen Weingläser. In eines von diesen goss sie nun einen kleinen Schluck Wein hinein, schwenkte es dann, bis ein leichter Wirbel entstand, dann roch sie an dem Wein – schüttelte den Kopf, hin und her, nur sachte, unentschieden. Dann mit einer sanften, zunächst seitlichen Kopfbewegung, gefolgt von einem Nicken, füllte sie beide Gläser, stellte dann eines davon vor mich hin und lächelte.
Ich lächelte zurück, eine gedankenerfüllte Schwere in meinem Gesichtsausdruck, die, seitdem ich aufgestanden war, nicht von mir gewichen war.
Zögerlich fing ich an meinen Satz zu bauen. „Wieso … ist es … eigentlich, Babette, dass du etwas gegen Oralsex hast?“
Ihre Augen kreisten nach oben, ihr Blick die Decke streifend.
„Prost!“ sagte sie, erhob ihr Glas und trank. Sie fing an, über ihre Arbeit zu reden. „Unser neuer Praktikant macht sich nicht sehr beliebt.“
Ich hasste es, wenn sie über ihre Arbeit redete. Ich kannte diese Leute sowieso nicht.
Ich wechselte das Thema: „Wie kannst Du nur prost sagen und trinken, wenn ich noch nicht bereit bin?“ Mein Weinglas stand noch unberührt vor mir.
„Oh! Entschuldigung,“ antwortete sie, ihr Glas erneut und hastig anhebend, ihr Gesicht glühte vor Schuldgefühl, dann fing sie sich aber schnell wieder. Die Augenbrauen versammelten sich über einer schattigen Falte, die sich zwischen Nase und Stirn geformt hatte. Sie stellte ihr Glas ab. „Das ist nicht fair!“, sagte sie, ohne Wut, doch mit deutlichem Ärger in ihrer Stimme. „Immer dasselbe. Immer dieselben Dinge, die Dir so wichtig sind. Die besprechen wir. Wenn mir aber mal irgendwas wichtig ist........“ Ihre Stimme versagte, sie hustete. „Ich mag auch ein wenig Aufmerksamkeit haben, wenn auch nur gelegentlich, weißt du?“
Ich ignorierte ihre umständlichen Formulierungen und antwortete einfach, „Du hast mich zuerst unterbrochen. Du hast meine Frage von vorhin nicht beantwortet.“
„Welche Frage?“
„Na also! Hörst Du nicht mal zu oder wie?“
„Ach! Deine komischen Obsessionen mit Oralsex?“, sagte sie. „Vielleicht warst Du einfach zu blöd meine Antwort zu verstehen.“ Sie hob ihr Glas noch mal und lächelte ironisch. Die Ironie verschwand aber schnell. Ihre Augen wurden ernst. „Wollen wir jetzt anstoßen?“
Ich stieß mit ihr an, vermied aber Augenkontakt, schluckte den Wein in Biergeschwindigkeit herunter, während sie weiterhin von ihrer Arbeit erzählte. Ich stellte das leere Glas ab und fing an zu essen. Der Tisch war klein, so dass alles innerhalb der Reichweite meiner Arme lag. Sogar Babette wäre in Reichweite gewesen, hätte ich das Bedürfnis gehabt. Ich streckte die linke Hand aus nach einem Topf, nahm einen kleinen Löffel mit der Rechten und öffnete den Topf. „Er ist wirklich nicht einfach,” sagte sie derweil. Ich schöpfte heißes Gemüse auf meinen Teller. Ein wenig Soße tropfte auf den Tisch.
„Er mag –“ ihre Hand faltete eine Serviette auseinander, kam wie gerufen dem Fleck entgegen, wischte die Soße auf, faltete die Serviette wieder und legte sie ab. Dann streckte sie die Hand erneut aus und klappte den Topfdeckel wieder auf den Topf, mit dem ich gerade fertig war – machte dann einen anderen Topf auf, „... egal was –“, die Hand schwebte, stieg dann flink herab und griff zu einem Glas von irgendeiner Pastete, dann kam die andere Hand, „.... immer nur an sich –“ und schraubte den Deckel auf. Die Hand mit der Pastete zog sich zurück. Die andere stellte den Deckel ab, hob einen Löffel auf und öffnete einen anderen Topf, während sie weitersprach, „Erinnerst du dich –“. Jetzt hatte sie das Thema gewechselt, sprach von etwas anderem, etwas, worüber sie sich nicht mehr sicher war – schraubte den Deckel wieder aufs Glas.
Sie unterbrach sich, „Brauchst du etwas?“
Ich verneinte, nahm ein Glas auf, suchte einen Löffel, den eine ihrer Hände mir entgegenhielt. Er schwebte im Eis zwischen uns. Ich packte ihn, verärgert über das Ausmaß ihrer Tischordnung – dann sprach sie wieder: „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich dir das schon vorher gesagt habe. Oder ... Aber ...“. Sie streckte beide Hände zum Senf hin, mit dem ich gerade fertig war, stellte ihn wieder ab, dort wo er sein sollte. Ihre Hand wich wieder zurück, kam dann doch wieder, nahm den Löffel, mit dem ich fertig war, legte ihn neben dem Senf ab und – „Es wäre wahrscheinlich keine gute Idee gewesen, wenn ich das gesagt hätte.“
Aber ich hörte sowieso nicht zu und verstand nicht, wovon sie sprach.
„Vielleicht nicht.“
Ihre Hand schwebte erneut, hing kurz in der Luft, dann fand sie den Deckel, den sie suchte. „Gewiss nicht, sogar“, und schraubte das Senfglas zu.
Und so ging es weiter, durch die gesamte Mahlzeit. Hände reichten, beanspruchten, begegneten sich gelegentlich, woraufhin sie charmant lächelte, und jedes Mal, wenn ich etwas in die Hand nahm, flitzten ihre Hände mir entgegen, entweder um etwas zu schließen oder um etwas wieder auf dessen richtigen Platz zu bringen. Und ich saß, meine Ohren voll von ihren Worten – sogar der Wein schmeckte nach dem Geschnatter, das unaufhörlich aus ihr herauskam. Alles fing an zu vibrieren, verstärkt vom Flackern des Kerzenlichts. Ihre Stimme stieg an, bis sie die Schrille einer chinesischen Oper erreicht hatte, drang dann in mich hinein wie eine Gitarrensaite zwischen meine Schädelplatten, und all das Getanze, Geschwebe und Geflatter ihrer Hände wurde auf einmal unerträglich ………..,
also dachte ich, es wäre besser, ich würde einfach in die Küche flüchten, einfach verdammt ein wenig aufräumen, etwas verficktmal putzen, spülen oder vielleicht verdammtnochmal kehren, bevor ich ein-und-verfickt-fach explodierte. Ich stand auf und rückte vom Tisch ab, dessen Kantigkeit mir zu entfliehen schien, in eine fremde Dimension hinein, als ob ich das alles von weit oben betrachtete. Babettes rote Haare flüchteten mit dem Tisch in eine zitternde Dunkelheit hinein, mit der die Kerzen nicht konkurrieren konnten.
„Was ist los?“, seufzte ihre Stimme aus der Ferne, in die sie hineingefallen war.
„Ich brauche einen Moment für mich“, sagte ich, schloss die Tür zu der Küche hinter mir, kletterte dann in die Stille hinein wie in ein warmes Bad.
Der Autor:
Joseph Danaghie, geboren 1970 in Glasgow, wohnt in München, wo er als freiberuflicher Übersetzer, Coach und Dozent arbeitet. Veröffentlichungen in Zeitschriften, Teilnahme an öffentlichen Lesungen und Workshops.
