Jürgen Kiel
Jürgen Kiel, aufgewachsen in Bremen, hat in Münster Germanistik und Geschichte studiert, und eine Ausbildung für das Lehramt an Gymnasien abgeschlossen. Er war in einem Verlag und einer Firma für Computerspiele als Redakteur für Lernsoftware und als Abteilungsleiter tätig. Seit 1999 arbeitet er freiberuflich als Drehbuchautor, Konzeptionist und Berater im Bereich E-Learning für unterschiedliche Branchen. Seit ca. 20 Jahren schreibt er Erzählungen, Kurzprosa, Essays und Romane (www.juergenkiel.de).
Bullerdieks Becher
Nach mehreren unbefriedigenden beruflichen Engagements hatte Hermes eine Firma gefunden, die hundertprozentig zu ihm passte. Die Firma Modern Public Life war ein partnergeführtes Unternehmen, ausgestattet mit flachen Hierarchien und geteilt in mehrere Profitcenter. Besonderen Wert legte sie, so war in ihren PR-Materialien zu lesen, auf die Eigenverantwortung jedes Mitarbeiters. Dieses Konzept vor allem habe zum rasanten Aufstieg des Unternehmens geführt. Die so genannten nüchternen Fakten schienen diese Ansicht zu bestätigen, innerhalb weniger Jahre war die Zahl der Mitarbeiter von fünfzig auf fünfhundert gestiegen und die der Firmensitze auf acht (vor seinem Eintritt hatte Hermes die unternehmensphilosophischen Dokumente der M.P.L. genau studiert).
An seinem ersten Arbeitstag im neuen Büro bemerkte er auf seinem Schreibtisch ein Notebook, daneben lag ein Blatt, auf dem Termine eingetragen waren. Wenig später besuchte ihn ein Mitarbeiter der EDV-Abteilung, der ihm anbot, den Computer individuell zu konfigurieren. Hermes war einverstanden.
Während der Mann das Notebook einrichtete, stand Hermes am offenen Fenster und blickte auf die Straße; er befand sich in der fünften Etage, unten fuhr gerade ein Sportwagen auf den Hof und reihte sich in eine Linie parkender Autos ein, auf die eine freundliche Maisonne schien. Nach wenigen Minuten hatte der Mann hinter dem Schreibtisch seine Arbeit abgeschlossen; er zeigte seinen erhobenen Daumen, Hermes empfand die Geste als unangemessen. Er warf einen Blick auf das Blatt: Mehrere Wochen würde er benötigen, um alle leitenden Partner der Agentur kennen zu lernen. In einem Jahr, da war er sicher, würde auch er ein Partner sein.
In der folgenden Woche arbeitete er allein in seinem Büro, lediglich unterbrochen durch ein Gespräch mit Sarah Rice, der personalverantwortlichen Partnerin, in der Wochenmitte. Zu Hermes Verblüffung hatte diese Unterredung mehr als zwei Stunden in Anspruch genommen. Die beruhigend wirkende Kompetenz der Frau bestätigte ihn in seiner Meinung, dass die Besonderheit seines neuen Arbeitgebers mehr war als eine Handvoll Phrasen in Broschüren, die niemand las.
Den CEO, Dr. Schuster, lernte er beiläufig in der Teeküche kennen, die sich am Ende des ausgedehnten Ganges befand, an dem Hermes Büro lag. Es war noch früh am Tage. Dr. Schuster, ein schlanker Mann Anfang vierzig, mit leicht angegrautem Stoppelhaar, verfügte über ein entwaffnendes Lächeln und offenbar auch über die Eigenschaft, Dinge rasch und wie endgültig zu definieren. Er war der älteste jener zahlreichen Partner, die das Unternehmen leiteten.
„Was macht Siemens?“ fragte Dr. Schuster und lächelte.
„Ich bin dran“, erwiderte Hermes.
„Prima“, antwortete Dr. Schuster.
Hermes war überzeugt, dass Dr. Schuster alles über ihn wusste. Jedenfalls das Wichtige. Das war ihm durchaus recht, es passte zu seinen Plänen. Auf der Suche nach einem Kaffeebecher öffnete er mehrere Hängeschranktüren, bis er die Trinkgefäße, eine kleine, bunte Armee im Schrank rechts hinten, entdeckte. Diese Unterbringungsart, so fand er, war nicht besonders ökonomisch, besser wäre es, wenn die Becher griffbereit neben der Eingangstür stünden, dann müssten sich die Kaffeeholer nicht durch den ganzen Raum bewegen; so wie es jetzt war, wurde sinnlos Zeit und Energie verbraucht. Missmutig betrachtete er die dichten Reihen der gleichmütigen Becher. Am häufigsten waren jene unauffälligen weißen Becher vertreten, wie sie in den Kantinen vieler Firmen zu finden waren. Einige waren mit den Logos jener Unternehmen versehen, die, wie zu vermuten war, zu den Kunden der M.P.L. gehörten. Ein ganz am Rande platzierter Becher war irgendwie anders, er hatte die gleiche Form wie die übrigen, war aber mit einem ungewöhnlichen Bildelement versehen. Hermes drehte den Becher ein wenig herum, damit er das Bild besser betrachten konnte. Es zeigte einen lächelnden, irgendwie verwachsen wirkenden Zwerg, der blaue Hosen und einen roten Pullover trug, und eine rote Zipfelmütze. Wie einladend hielt der Kleine dem Betrachter einen Kaffeebecher hin, auf dem Hermes einen weiteren, wie der erste Zwerg aussehenden zweiten Zwergen erkennen konnte, der wiederum etwas in der Hand hielt, das wie ein Becher mit einem roten Punkt aussah.
Was für Entdeckungen man im Inneren einer Firma machen konnte!
Hermes sah auf seine Armbanduhr. In einer Viertelstunde war ein Meeting angesetzt, da blieb ihm noch Zeit, die letzten E-Mails zu checken. Wieder in seinem Büro, stellte er fest, dass er, während er draußen war, ein halbes Dutzend E-Mails erhalten hatte, darunter eine Nachricht von Frau Rice. In dem Moment, als er seine Unterlagen für das Meeting zusammengestellt hatte und gerade den Raum verlassen wollte, bemerkte er, dass mitten auf seinem Schreibtisch der Kaffeebecher mit dem Zwergenbild stand.
An diesem Tag blieb er länger als gewöhnlich in der Firma. Unerwarteter Weise gab es ein Problem beim Siemens-Projekt, der Text einer Broschüre musste ein weiteres Mal überarbeitet werden, und Hermes hatte für den Kontakt zwischen Kunden, Redaktion und Atelier zu sorgen. Als er um Acht zur Garderobe ging, über den dunklen Flur, um seinen Mantel zu holen, drangen Stimmen aus der nebenan liegenden Küche, eine davon klang seltsam wehklagend. Durch den offenen Kücheneingang erspähte Hermes seinen Teamkollegen Schönbach, sowie einen ihm unbekannten, auffallend kleinen Mann mit Stirnglatze, gekleidet in eine Fischgräthose, dessen beamtenhaftes Aussehen fremdartig wirkte.
Hermes war sicher, dass es der Kleine gewesen war, der gewehklagt hatte. Er mochte kaum glauben, was er gehört hatte. Es schien dabei nicht um eine verweigerte Gehaltserhöhung oder etwas Ähnliches zu gehen, nein, ein Kaffeebecher war das Problem. Ein Unhold (Hermes musste lächeln), hatte den Becher des Kleinen entführt, den dieser offenbar als Privateigentum, also als seinen Privatbecher betrachtete.
Grotesk, dachte Hermes. Und Schönbach ließ diesen Unsinn auch noch über sich ergehen.
Hermes zog seinen Mantel vom Garderobenhaken, ging zurück in sein Büro und wartete dort, bis die beiden die Küche verlassen hatten. Anschließend betrat er, den Zwergenbecher in der Hand, die Küche und stellte ihn in die Spüle, in der bereits andere Becher auf ihren Kollegen warteten.
Um halb Neun verließ er das Gebäude.
Am übernächsten Abend grübelte er über einem Kommunikationskonzept und starrte mit müden Augen auf seinen Computermonitor, da erschien am Rande seines Gesichtsfeldes, wie ein mildes Warnlicht, ein roter Fleck, der die Anwesenheit eines ihm bekannten Gegenstandes signalisierte. Am Morgen, wohl in Gedanken, hatte er, so schien es, abermals den Becher ergriffen und in sein Büro entführt. Er war ärgerlich über sich selbst, aber noch ärgerlich darüber, dass ihn so etwas überhaupt beschäftigte.
Er stand auf, nahm den Becher und verließ das Büro. In der Teeküche stand der schmächtige Kollege mit der Stirnglatze. Hermes stellte den ungespülten Becher auf die Trockenablage der Spüle.
„Das ist übrigens mein Becher“, sagte der Mann.
Es befand sich noch eine weitere Person im Raum, eine der Abteilungssekretärinnen, die den Vorgang mit stumpfem Gesicht registrierte.
„Alles klar“, sagte Hermes. Als er wieder draußen war, ärgerte er sich, dass ihm keine schlagfertigere Bemerkung eingefallen war. In seiner linken Achselhöhle spürte er eine Nässe. Er entschied, dass sein Arbeitstag beendet war.
Seit einigen Monaten existierten im Unternehmen virtuelle Projektgruppen (intern Brain Groups genannt), deren Aufgabe es war, abteilungsübergreifend kreative Impulse zu entwickeln, das Wissen des Unternehmens zu bündeln und neu zu organisieren. Die Brain Groups wiederum bildeten immerfort neu zusammengesetzte Human- und Wissensmoleküle, opake Begriffe, die Frau Rice kreiert hatte. Zum ersten Molekül, dessen Bestandteil Hermes wurde, gehörten außer ihm der Kollege Schönbach, der Marketingexperte Stempel und der EDV-Fachmann Bullerdieck. Themen der ersten Besprechung im Molekül sollten einerseits die Gestaltung interaktiver, kundenzentrierter Knowlege-Bots, andererseits rechtliche Probleme hinsichtlich des Wissensmanagements im Unternehmen sein.
Ein wenig vor der Zeit hatte sich Hermes allein in den Meetingraum gesetzt und die Gelegenheit genutzt, das mitgebrachte Infomaterial ein weiteres Mal zu studieren.
Die erste Person, die den Raum betrat, war der kurzgewachsene Besitzer des Bechers, der sich wie ein stummer Vorwurf auf der gegenüberliegenden Seite des Konferenztisches platzierte und Hermes schweigend fixierte, mit keiner anderen Regung als einem kaum wahrnehmbaren Zucken seines belanglosen Kinns. Hermes spürte seinen Herzschlag und wünschte sich, die Zeit würde rascher vergehen.
Nachdem die anderen Sitzungsteilnehmer eingetroffen waren, stellte sich heraus, dass der EDV-Fachmann mit dem Becherbesitzer identisch war.
Hermes war exzellent auf die Sitzung vorbereitet, doch ließ er zunächst die anderen reden. Als Bullerdieck einmal aufstand, um ein an die Wand projiziertes Diagramm zu erläutern, bemerkte Hermes, dass sich dessen tintenblauer Strickpullover im oberen Rückenbereich leicht wölbte, als verberge er eine Missbildung.
Bullerdiecks Folien veranschaulichten, wie die Zugriffe in firmeneigene Datenbestände funktionierten und welche Gefahren dadurch entstanden. Diese betrafen die Firmengeheimnisse, aber auch die Privatsphäre der Mitarbeiter. Unversehens entwickelte sich daraus eine Diskussion zwischen Stempel und Schönbach um den Begriff Privatsphäre.
Das hat Bullerdieck einigermaßen gut erklärt, dachte Hermes. Merkwürdig und unangemessen erschienen ihm indes die Ausdrucksweise des Buckligen, wie Niemand will, dass intime Dinge der Menschen von anderen grob benutzt werden oder Die Privatsphäre bezieht sich auch auf Kleines. Diese Formulierungen interpretierte Hermes als verdeckte Anspielungen auf sein Becherversehen. Immer weniger konnte er verstehen, was Bullerdieck, diese seltsame Gestalt mit Schmuddelpulli, Fischgräthose und öligem schwarzen Haar, in einer Firma wie der M.P.L. zu suchen hatte. Ein brauchbarer EDV-Fachmann mochte er sein, doch was hatte die Firma von einem Fachidioten, der sich zu wichtig nahm und den Betrieb mit einer hysterischen Becherkampagne durcheinander brachte?
„Privatheit gehört zur Menschenwürde“, sagte Bullerdieck, als wollte er noch eins drauf setzen.
Etwas Nervtötendes hatten diese, in die technischen Erläuterungen hinein gestreuten Anspielungen, als würde, während eines gewöhnlichen Vortrags, von einem unsichtbaren Rednerzwilling, mit halber Geschwindigkeit und wie zur Seite, ein unverständlicher Kommentar gesprochen. Erstaunlich war nur, dachte Hermes, dass den anderen in der Runde nichts aufzufallen schien.
Als das Meeting beendet war und Hermes wieder in seinem Büro saß, ärgerte er sich abermals, dass ihm keine passende, also ironische Bemerkung eingefallen war, wie beispielsweise die, dass vor Gott alles Eigentum nur geliehen sei, was selbstverständlich auch für Kaffeebecher gelte.
In der folgenden Woche wurde Hermes von Frau Rice zu einer kurzfristig einberufenen Unterredung gebeten. Irritiert nahm er zur Kenntnis, dass auch Cornberg zugegen war, der ein Partner, und zugleich sein Vorgesetzter war. Die Rice wirkte ungewohnt nervös, im Unterschied zu Cornberg, ein in seinem Sessel begrabener Monolith, der mit seinen wasserhellen Augen, seinem bleichen Gesicht und seinem schmalen Mund einen fast leblosen Eindruck machte.
„Um gleich zur Sache zu kommen“, sagte Frau Rice und drückte, noch im Stehen, ihre Zigarette in den Glasaschenbecher, „es geht um Sie.“
In Bruchteilen von Sekunden rief sich Hermes die möglichen Schwachstellen der drei Projekte, in die er zurzeit involviert war, ins Gedächtnis.
„Gibt es ein Problem mit Siemens?“ fragte er.
„Es geht nicht um Siemens, Herr Hermes“, erklärte Rice. „Es ist was Internes. Es hat mit Ihrem Verhalten zu tun, mit einem bestimmten Aspekt Ihres Verhaltens. Es geht, genauer gesagt, um Respekt.“
Gerade wollte Hermes beteuern, dass er es wohl kaum an Respekt, gegenüber wem oder was auch immer, hat fehlen lassen, doch hielt er sich zurück. Er begriff, dass er nichts verstanden hatte.
Während Cornberg ausdruckslos auf Hermes starrte, erklärte Rice, dass sie mit dem EDV-Fachmann Bullerdieck gesprochen habe, ein ernstes Gespräch sei es gewesen. Natürlich, sprach sie weiter in Hermes’ hilfloses Gesicht hinein, natürlich sei die Sache mit dem Kaffeebecher im Grunde geringfügig, nicht der Rede wert, außerdem könne so was jedem passieren, besonders wenn man neu in einem Unternehmen sei, aber andererseits käme es darauf an, auch jene Kleinigkeiten ernst zu nehmen, die sich oft später als wichtige Symptome herausstellten.
„Wissen Sie“, redete nun Cornberg überraschend los, „der Bullerdieck fühlt sich durch Ihr Verhalten missachtet. Und so was können wir uns nicht leisten. Es entspricht nicht unserer Unternehmensphilosophie, verstehen Sie das?“
„Uns geht es nicht darum, Sie zu irgendeiner Reaktion zu zwingen“, fuhr Rice fort, „eigentlich erwarten wir nur, dass Sie uns entgegenkommen. Dass Sie verstehen.“
Noch eine Weile ging es in diesem Stil, und Hermes, sonst redegewandt, beschränkte sich, zermürbt durch die lähmende Vagheit des Gesagten, auf ein gelegentliches Nicken oder Stirnrunzeln. Sie schienen ein bestimmtes Verhalten von ihm zu erwarten, das mit ihrer Partnerphilosophie zu tun haben musste, deren Sinn Hermes vor unendlich langer Zeit verstanden zu haben glaubte.
Ich darf mich jetzt nicht verhärten, dachte Hermes, als er wieder allein war. Nur nicht die anderen zu Idioten erklären. Oder eine Intrige vermuten. Das wäre total unprofessionell. Professionell wäre es, wenn ich mein Verhalten änderte, und, wie man so sagt, an mir arbeitete.
Doch bereits während er dies dachte, wusste er, dass er genau dies niemals tun würde. Lieber wollte er dem unseligen EDV-Fachmann, so weit dies möglich war, aus dem Wege gehen.
Was hatte die Rice gesagt? Was wir brauchen, sind wirkliche Partner. Denn wir wollen gemeinsam Spaß haben, in der Agentur. Wollen Sie keinen Spaß haben, Herr Hermes? Auch Herr Bullerdieck will Spaß haben. Gönnen Sie Herrn Bullerdieck denn keinen Spaß?
Und Cornberg hatte ergänzt: Sie sind ein guter Mann, Herr Hermes. Aber wir brauchen nicht nur Fachwissen. Viel wichtiger ist die menschliche Seite. Sie nehmen die scheinbaren Kleinigkeiten nicht ernst genug. Das ist ein Fehler.
Am nächsten Morgen saß Hermes wieder an seinem Schreibtisch in der Firma. Irgendwann, als er von seinen Unterlagen hoch sah, bemerkte er am Rande seines Gesichtsfeldes einen roten Fleck.
Er starrte auf den Becher. Der rote Pullover. Die Zipfelmütze.
Er redete sich ein, dass ihm jemand einen idiotischen Streich gespielt habe. Möglicherweise war es Bullerdieck persönlich gewesen, vielleicht wollte dieser ihn reinlegen, der Mann war unberechenbar. Doch dann erkannte Hermes, dass er selbst es war (oder etwas in ihm), das abermals nach Bullerdiecks Becher gegriffen hatte, statt nach einem der zahlreichen anderen, gefahrlosen Trinkbehälter. Vielleicht sollte er das Ganze nicht ernst nehmen. Aber das war nicht möglich. Er stand auf, verbarg den Becher im Rollschrank neben den Ordnern und nahm sich vor, ihn abends in die Küche zurückzutragen. Doch wie er zuvor versehentlich nach dem falschen Becher gegriffen hatte, vergaß er nun, ihn wieder an seinen Stammplatz zurückzubringen.
Er dachte erst wieder an den Becher, als er am folgenden Tag den Rollschrank öffnen musste, um einen Ordner zu entnehmen. Es war der Griff nach dem Ordner, diese Bewegung, die gleiche, die er am Tag zuvor gemacht hatte, die ihn an den Becher erinnerte. Doch nun war das Objekt verschwunden.
Er ging zu seinem Schreibtisch zurück und ließ sich in den Stuhl fallen. Außerstande weiterzuarbeiten, konnte er nur daran denken, dass er einen Fehler gemacht hatte. Der Fehler war nicht schlimm gewesen, aber das Erschrecken über sein Versagen empfand er als demütigend.
Am Nachmittag riss ihn eine kurzfristige Einladung des der Agentur assoziierten Betriebspsychologen aus seiner inneren Starre. Überaus freundlich empfing ihn der auf die Beratung innovativer Unternehmen spezialisierte Psychologe in einem Büro, das ihm von der Firma stundenweise zur Verfügung gestellt wurde. Auf dem Schreibtisch des Psychologen bemerkte Hermes einen ihm bekannten Gegenstand.
„Nichts geschieht aus Zufall“, sagte der Mann, dem Hermes Blick nicht entgangen war. „Ich denke, Sie wissen, dass es sich um den Becher Ihres Kollegen Bullerdieck handelt.“
„Eine banale Sache, nicht der Rede wert“, hörte Hermes sich sagen, „aber man muss auch das Kleine ernst nehmen. Gerade das Kleine. Gerade mit Perfektion im Kleinen kann man, können wir unsere Kunden überzeugen.“
„So ist es“, entgegnete der Psychologe zufrieden, „theoretisch sind Sie auf der Höhe, aber warum dann diese Aussetzer? Wir sollten uns einmal ausführlich über Ihre Einstellung zur Firma unterhalten.“
Die Worte des Personalberaters waren die Einleitung zu einem ebenso unergiebigen wie zermürbenden Gespräch, das sich bis in den Nachmittag hin zog. Anschließend ging Hermes zurück in sein Büro und verharrte eine halbe Stunde wie erstarrt in seinem Sessel. Er hatte das Gefühl, irgendetwas sauge an seinen innersten Organen.
Er erhob sich und ging in das Büro des Psychologen zurück. Der Mann war nicht mehr anwesend, und nichts wies darauf hin, dass er jemals existiert hatte.
Hermes öffnete die Fensterflügel weit und blickte hinaus. Unten, drei Stockwerke tiefer, rollte ein schwarzer Kombi mit undurchsichtigen Fensterscheiben auf den Parkplatz.
Hermes drehte sich um und griff mit der Linken nach dem Becher, der immer noch auf dem Schreibtisch stand. Er hielt ihn aus dem Fenster und seine Hand zitterte dabei wie die eines kranken oder sehr alten Menschen, doch fest hielt sie den Becher und vermochte ihn nicht zu lassen. Nach quälenden Sekunden wandte er sich abrupt um, schloss das Fenster mit der anderen Hand und trug den Becher am ausgestreckten Arm hinaus aus dem Büro, über den Flur, in die Küche und stellte ihn in den Hängeschrank, an die gleiche Stelle, an der er ihn zuerst erblickt hatte. Das Letzte, was er von ihm sah, war die rote Mütze des Zwergen. Mit seiner verbliebenen Kraft drückte er die Schranktür zu.
