Kathrin Wildenberger
Kathrin Wildenberger wurde 1971 in Sangerhausen geboren, sie lebt in Leipzig und arbeitet als Medizinisch-Technische Assistentin in der Leukämieforschung sowie als freie Autorin für "MTA-Dialog". Sie ist Gründungsmitglied der Künstlergruppe "kunstbrigade" und der Mitteldeutschen Autorinnenvereinigung. 2009 erschien ihr erster Roman "Montagsnächte".
Zwischenzeit (Roman)
Samstag, 30.6.1990 – Titanic
Sascha aß die Reste meines Steaks und schob sich die Pommes in den Mund. Auf dem Tisch stapelte sich das Geschirr. Suppentassen. Teller mit Saucenresten und zusammen geknüllten Servietten. Dessertschälchen mit Pfützen von Erdbeereis und Sahne. Unsere Tischnachbarn tanzten längst wieder. Von Alex keine Spur.
Das Eis im Eimer war geschmolzen, die Sektflasche fühlte sich warm an. Wasser tropfte herab und hinterließ Spuren auf der roten Seide meines Kleides.
Sascha ignorierte das Glas, das ich vor ihn hin gestellt hatte und trank das Bier aus der Flasche. Ich wich seiner Umarmung aus, stellte die Sektflasche in den Eimer zurück, griff ihn am Arm und zog ihn auf die Tanzfläche. Wiener Walzer.
„Du führst!“, sagte ich in sein Ohr.
Er summte die Musik mit. Presste seine Hand gegen meinen Rücken. Mit trüben Augen schaute er an mir vorbei. Ich öffnete den obersten Knopf seines Hemdes, den zweiten, den dritten. Von hinten stieß mich jemand an, ich fiel gegen Sascha, er hielt stand, umarmte mich fester, drückte mich an seinen weichen Bauch. Wange an Wange drehten wir uns im Kreis.
„Donau, so blau, so schön und blau“, sang er mit tiefer Stimme.
Ich bekam keine Luft mehr und machte mich los.
„Annuschka?“
Sascha streckte die Arme nach mir aus, ließ sie sinken.
Seine Verlorenheit tat mir weh, doch ich schob das Mitleid weg. Er war mir zu viel. Seine verschwitzte Massigkeit, sein aufgequollenes Gesicht, sein Bieratem.
Die Haltegummis der venezianischen Maske drückten sich in die Haut hinter meinen Ohren, ich lockerte sie, zog sie wieder fest.
Durchhalten war angesagt.
Eine besondere Nacht erforderte besondere Vorkehrungen.
Ich ging zu unserem Tisch zurück, ließ mich auf den Stuhl fallen, zog die Stilettos aus. Sie waren zu groß. Zu hoch. Mir war, als würde ich wieder Prinzessin spielen, mit einem um die Hüfte gebundenen Bettlaken und Mutters Pumps, in denen ich die Zehen einziehen musste, um sie nicht zu verlieren.
Ich legte die Beine auf einen Stuhl, setzte die Sektflasche an, trank die Neige aus. Als ich den Kopf in den Nacken legte, löste sich der Haarknoten. Ich hatte die Locken raus gekämmt, trotzdem waren meine Haare so schwer, dass ich sie nur mit Mühe wieder zusammenfassen und aufstecken konnte. Um den Knoten zu richten, musste ich mir einen Spiegel suchen.
Ich schlüpfte in die Schuhe, schlängelte mich an den Tanzenden vorbei. Bekannte Gesichter. Blicke, die kurz an mir hängen blieben, weiter wanderten. Sehen und nicht gesehen werden. Ich genoss es. Von vielen wusste ich nicht mal mehr den Namen. Die Zeiten, als wir uns auf den Montagsdemos oder in der WG zu den Zusammenkünften des Neuen Forum gesehen hatten, waren lange vorbei, und nun trafen wir uns hier wieder, ohne verabredet zu sein, auf dem Kostümball, den das Klubhaus für uns veranstaltete, in dieser Nacht, die mir für das, was geschehen sollte und was sich niemand von uns so recht vorstellen konnte, zu dunkel und zu still erschien.
Die Eingangstür ging auf. Maik kam die zur Gangway umfunktionierte Treppe herab. Der Smoking machte ihn noch hagerer. Die Frau neben ihm reichte ihm nicht mal bis zur Schulter. Ich kannte sie nicht. Er schaute in meine Richtung und an mir vorbei, tauchte ins Getümmel ein. Sein kahl geschorener Kopf überragte alle anderen.
Vor der Damentoilette eine lange Schlange. Ich drängelte mich durch bis zum Waschraum und der Spiegelscherbe über dem Waschbecken.
„Na, sieh mal einer an: Ania inkognito.“
„Und Rosi gleich zwei Mal.“
Wir lachten und fielen uns in die Arme.
„Ist das deine Zwillingsschwester?“
Sie hieß Sonja, gab mir die Hand und sprach so leise, dass ich sie kaum verstand, in einem weichen thüringischen Singsang, der mich wehmütig machte, weil er mich an zu Hause erinnerte. Sie war etwas schmaler als Rosi, wirkte kleiner, auch wenn sie es gar nicht war und strich sich mit einer Geste das Haar hinters Ohr zurück, die ich von Rosi nicht kannte.
„Hast du gesehen, dass Maik da ist?“
Rosi nickte.
„Kennst du sie?“
Sie schüttelte den Kopf. „Und du? Mit dem Maler?“
Ich zuckte mit den Schultern.
Rosi grinste. „Ach komm… Der schmachtet dich doch an mit der ganzen Tiefe seiner russischen Seele.“
Ich wich ihrem Blick aus. „Ester Wegener hat nach dir gefragt. Saß gestern im Bett und wollte wissen, warum sie im Krankenhaus wäre. Alma, pack die Tasche, wir gehen, hat sie gesagt. Und abends lag sie wieder zusammen gerollt und apathisch da.“
„Ich sehe Alma losfahren und wiederkommen. Mit dem Taxi. Jeden Tag. Sie erzählt nicht viel. Und wird immer weniger.“
Wir schauten uns stumm an.
„Gibt es sonst Neuigkeiten?“, fragte ich.
„Falls Du einen gewissen B meinst – vorhin hab ich geglaubt, ich hätte ihn gesehen.“
„Hier?“ Ich hielt den Atem an.
„Vergiss es, Ania. Er war es nicht.“
„Lass uns mal wieder treffen“, sagte ich.
„Ich komm bei Esther vorbei, nächste Woche.“
Rosi umarmte mich noch einmal und ging mit ihrer Schwester in den Saal zurück.
Ich lehnte an der Wand vor der Spiegelscherbe, mit meinen Haarklammern zwischen den Lippen. Die anderen schoben sich an mir vorbei zum Waschbecken. „Ist heute Maskenpflicht?“, fragte eine Amazone.
„Quatsch“, sagte eine andere. „Nur Fasching im Sommer.“
„Ladies, das Schiff wird sinken, wir werden alle miteinander untergehen“, sagte eine Dame in einem sackartigen 20er Jahre-Kleid, das so eine tiefe Taille hatte wie meines.
„Großes Theater“, nuschelte ich und zog mir eine Klammer nach der anderen aus dem Mund. „Dem Anlass angemessen.“
„Wie man´s nimmt“, sagte die Dame.
Wir lachten. Mein Haarknoten saß wieder. Die Maske auch. Doch in mir drin war ich dieselbe. Ania. Auf der Suche nach Bernd. Es hatte keinen Sinn, das zu verleugnen. Noch immer spürte ich den Schreck in den Gliedern. Was war, wenn Rosi sich nicht getäuscht hatte? Wenn er tatsächlich hier war? Das Klubhaus war vertrautes Terrain für ihn. Aber warum sollte er hier aufkreuzen? Und außerdem – er war doch weit weg. Ausgewandert. Ausgerissen. Oder?
Ich stöckelte an der Schlange vor der Toilette vorbei, knickte um, fiel fast hin, zog die Stilettos aus, ging barfuß weiter. Ich wusste nicht, ob ich ihn überhaupt sehen wollte, was das mit mir machen würde, ob ich so aufrecht bleiben konnte wie Rosi im Umgang mit Maik. Dass Sascha Annuschka zu mir sagte und Alex sich, wenn wir uns nah waren, anfühlte wie Bernd, war nichts als Illusion.
Just an illusion.
Wie diese Party hier.
Ich konnte der Täuschung erliegen und mich für ein paar Stunden besser fühlen. Ich konnte es lassen. Es änderte nichts.
Maik und seine Freundin saßen an der Bar, Arm in Arm. Die Zwillingsschwestern hielten sich an den Händen, wiegten sich im Walzer-Takt. Hochgeschlossene, mit einer Brosche verzierte Blusen zu langen Röcken. Ich winkte Rosi zu. Sie lachte und warf den Kopf zurück. Sascha bewegte sich mit seiner Bierflasche in der Hand wie in Zeitlupe. Er war sich selbst genug und das würde anhalten, bis er vor Müdigkeit umfiel. Hoffte ich. Die Kapelle, auf deren Schlagzeugtrommel TITANIC stand, spielte einen Tusch. „Eisberg in Sicht“, rief der Conferencier.
Alex trug die gleichen Klamotten wie an dem Tag, als wir uns kennen lernten. Anstatt des Lederschlipses hatte er sich eine Fliege umgebunden, die Haare mit Gel geglättet und aus dem Gesicht gekämmt. „Ist bei Ihnen noch ein Platz frei“, fragte er und deutete einen Diener an. Ich rückte die Maske auf der Nase gerade und neigte den Kopf.
„Wo kommen Sie jetzt erst her?“
„Ich wurde aufgehalten“, sagte er und küsste mir die Hand.
Die Torte war fünfstöckig und wurde von einer goldenen „Mark der DDR“ gekrönt. Sie wurde auf einem Rollwagen in den Saal gefahren. Der Conferencier rief: „Auf dem Eisberg steht DM!“ Er schaute durch ein auf der Bühne installiertes Fernrohr: „Wir können nicht mehr ausweichen.“
Um Mitternacht explodierte die Torte. Sahneflocken, Buttercreme, Teigstücke und eingelegte Kirschen flogen, zusammen mit Silvesterknallern in die Luft. Die „Mark der DDR“ Krone blieb an einem Deckenscheinwerfer hängen. Die Kapelle spielte unsere Nationalhymne. „Auferstanden aus Ruinen“, sang ich mit, so laut ich konnte, Tortenspritzer am Dekolleté, im Haar und auf dem geliehenen Kleid. Alex legte von hinten die Arme um mich. Ich nahm die Maske ab und ließ sie fallen, drehte mich zu ihm um, und wir küssten uns lange.
Sascha saß in einer Ecke, mit herab gesunkenem Kopf. Die Flasche war ihm aus der Hand gefallen. Die Bierdeckel auf dem Tisch vor ihm waren eng mit Skizzen und kyrillischen Buchstaben bekritzelt.
Der Weg zurück war lang. Wir hatten Sascha in die Mitte genommen. Es war still in der Stadt. Sascha stolperte über eine auf dem Bürgersteig liegende Sektflasche und fluchte laut.
„Was sagt er?“, fragte Alex.
Ich zuckte mit den Schultern. Sascha stank. Nach Bier. Nach Schweiß. Nach Erbrochenem. Ich atmete flach. Ein Taxi fuhr vorbei. Ich winkte.
„Das wären dann acht D-Mark“, sagte der Fahrer. Alex drückte mir einen Zehn-DM-Schein in die Hand und half Sascha, auszusteigen. Ich gab dem Fahrer das Geld. Er sah mich ratlos an. „Ich hab noch kein Wechselgeld.“
„Stimmt so!“, sagte Alex.
„Das kann doch nicht sein. Das ist doppelt so viel wie vorher. Und D-Mark“, sagte ich.
„Tja“, sagte Alex. „Daran müsst ihr euch gewöhnen.“ Ich strich mein Kleid glatt. Es war voller Flecken. Sekt. Torte. Schweiß. Die Frau im Kostümverleih hatte es mir noch für unser Geld gegeben. Die Reinigung würde ich in DM bezahlen müssen.
Sascha schnarchte und atmete schwer. In den Wänden raschelte es, und ein Schatten huschte an uns vorbei in die Ecke, wo Saschas Bilder an der Wand lehnten. Durchs offene Fenster wehte ein kühler Wind.
