Kati Sprung: "Dress nicely" (Erzählung, Auszug)
Sie ging durch den Parkeingang an der 79. Straße. Es war früher Abend und noch sehr warm. Wie wohl das Wetter in Berlin war? Bestimmt kalt, jetzt im Herbst. Und eigentlich unwichtig. Denn sie war hier. Und sie wollte nicht an Zuhause denken. Sie ging die Wege entlang und trotzdem fühlte es sich an, als wäre sie am Trauerweidenufer des Landwehrkanals. Nur dass es dort weniger aufgeräumt wäre, auch die Menschen weniger aufgeräumt aussähen, öffentlich Bier trinken würden und viel mehr rauchen. Sie setzte sich auf eine der grünen Bänke. Zwei Namen waren auf dem kleinen Schild eingraviert: Henry und Rose. Vielleicht hatten sich die beiden im Central Park kennen gelernt und später dann zum Dank für diese Liebesstiftung die Bank verschenkt. Aber das hatte sie sich wahrscheinlich nicht selbst ausgedacht, sondern die Idee unbewusst aus irgendeiner Hollywoodkomödie geklaut. Sie bekam immer mehr den Eindruck, dass ihre Gedanken nicht mehr die eigenen waren. Immer schon war jemand vor ihr da gewesen und erzählte ihr davon. Oder es gab ein Bild, einen Film, eine Geschichte, die sich in ihr Gedächtnis schoben und es nicht zuließen, die Dinge mit ihren Augen zu sehen. Jeder hatte eine andere Idee von New York, so dass die Stadt nicht mehr als etwas Wirkliches zu existieren schien.
Während sie einen Joghurt aß und zum hundertsten Mal ihren Stadtplan befragte, bemerkte sie, dass jemand sie ansah. Der Mann stand einige Meter von ihr entfernt und lachte sie aus. Es war tatsächlich ein Auslachen, aber auf eine freundliche Art. „You are probably into yoga, right?“ Dazu fiel ihr nichts ein. Doch der Mann schien auch keine Antwort zu erwarten. „Ich kenne Leute wie dich. Ich kenne dich. Du magst Joghurt und Yoga und diesen ganzen Kram. Oder liege ich da falsch?“ “Hm, vielleicht.”, sagte sie zögernd. „Ich meine, du isst doch gerade einen Joghurt.“ Da gab es keine Ausrede. "Oh, es ist immer dasselbe mit euch. Ihr wollt euch entspannen. Und schaut träumerisch in die Welt hinein und wisst nicht, was ihr mit eurer Zeit anfangen sollt.“ Sie sah ihn genauer an. Seine schwarze Haut, das angegraute Haar, der leicht knitterige Anzug, ein ironischer, unruhiger Blick. Er fragte sie, woher sie käme und was sie hier mache in der Stadt der Städte und sie beantwortete alles weitgehend wahrheitsgemäß. Nach ihrem Namen fragte er nicht. Er stellte sich als Howard vor. Und Howard hatte offensichtlich noch einiges mit ihr vor. „Ich sag dir was: Heute ist dein Glückstag. Ich lade dich zu einer Vernissage ein. Du kennst doch das MoMA?“ Wiederum wartete er die Antwort nicht ab. „Weißt du, heute gibt es dort einen Empfang und eine Vorschau der neuen van Gogh-Ausstellung. Du kennst doch van Gogh? For members only. Aber ich bringe dich rein. Zieh dich nett an.“ Sie war eigentlich mit ihren Freundinnen zum Essen verabredet. “Kein Problem. Bring sie mit. Hauptsache viele Mädchen. Ich hoffe, du hast Einfluss in der Gruppe. Die Getränke sind frei. Ihr Deutschen liebt doch den Alkohol. Triff mich an der Ecke vor dem Museum. Dann gebe ich dir die Einladung. Ich weiß, du wirst da sein. Ich kann es in deinen Augen sehen.“
Die letzten Worte hatte er in eindringlichem Tonfall gesprochen, war eilig aufgestanden und hatte sich noch einmal lachend und kopfschüttelnd nach ihr umgedreht. Sie hatte einen leichten Widerwillen in sich gespürt und doch versucht ihre Freundinnen anzurufen. Niemand war erreichbar. Sie hinterließ die Nachricht über Ort und Zeit des Treffpunkts mit Howard auf einigen Mailboxen. Während sie sich in ihrem Zimmer umzog, dachte sie, dass sie sich nur darauf einließ, um etwas zu erzählen zu haben. Bevor sie hierher gekommen war, war ihr von verschiedenster Seite ständig prophezeit worden, dass ihr in dieser Stadt die verrücktesten Dinge passieren würden. Sie glaubte nicht daran. Zugegeben, in Berlin hat sie noch niemand wegen einem Joghurt auf eine Vernissage eingeladen. Aber in Berlin hatte sie auch noch nie abends auf einer Bank gesessen und Joghurt gegessen und Verrückte gab es dort auch genug. Vielleicht mache ich das da auch mal. Nur um zu beweisen, dass mir dasselbe überall passieren kann. Und so verrückt ist das nun auch wieder nicht. Da das gegenüberliegende Gebäude so nah am Wohnheim stand, dass kaum Tageslicht hineinkam, musste sie das Licht einschalten. Während sie sich die Haare bürstete, fing sie ihren Blick im Spiegel auf und musste fast über sich selbst lachen.
An der Straßenecke vor dem Museum sprach sie eine Frau an, ob sie auch auf Howard warten würde. Eigentlich hätte sie sich jetzt wundern müssen, aber sie wehrte sich dagegen. Neben dieser dünnen und eleganten Asiatin fühlte sie sich plötzlich unpassend angezogen. Obwohl sie nicht danach gefragt hatte, sagte die Frau herablassend: „He’s a good guy.“ Howard kam zu spät und begrüßte die Asiatin mit der Frage, ob sie schon einmal Sex miteinander gehabt hätten. Er gab ihnen und zwei weiteren umstehenden Mädchen die Einladungen, wollte sie später alle an der Bar treffen und mit ihnen trinken. Er lachte sie aus, weil sie sich untereinander nicht einmal ordentlich vorgestellt hatten und sagte seufzend „Jesus“. Dann verabschiedete er sich bis auf weiteres. Ihre Freundinnen waren nicht aufgetaucht.
Mit einem Mädchen aus der Ukraine, das einen verstörten Eindruck machte, ging sie durch die überfüllte Ausstellung. Sie fragte sich, ob sie auf andere vielleicht genauso wirkte, so abwesend und nervös, und konnte sich nicht auf die Bilder konzentrieren. Zu viele Menschen standen mit Proseccogläsern herum und redeten laut aufeinander ein. Ältere Herren in Anzügen, die zugehörigen Damen in Kostümen und schickes Jungvolk. Sie versuchte die Erklärungen an den Wänden zu lesen, aber die Buchstaben schienen sich vor ihren Augen zu bewegen. Als sie vor der Sternennacht stand, wurde ihr bewusst, dass niemand heute wirklich das Bild betrachten würde. Dass keiner die Zeit und die Muße finden würde, sich zu fragen, warum van Gogh dieses Bild gemalt hatte. Und ich auch nicht, dachte sie.
Sie war nicht lange geblieben. Sie hatte Howard in der Menschenmenge nicht gesehen und hatte nicht mehr mit dem ukrainischen Mädchen reden wollen, dessen Englisch so gebrochen war, dass sie sich kaum verständigen konnten. Sie lief an den hohen Schaufenstern der Fifth Avenue vorbei. Es war inzwischen dunkel geworden. Weniger Menschen waren jetzt unterwegs, die Läden hatten schon geschlossen. Sie wünschte sich ganz allein zu sein. Sie wünschte sich auf die Bank im Central Park zurück und wollte noch einmal alles zurückspulen. Eine ihrer Freundinnen rief an, um sie zu überreden zum Essen nachzukommen. Sie hätten noch nicht angefangen und wollten alle gerne wissen, wie der Empfang gewesen war. Eigentlich wäre sie gerne schlafen gegangen, nahm aber doch den Bus in Richtung East Village. Sie war unruhig, weil sie nicht wusste, wo sie aussteigen musste und die Stationen nie angesagt wurden. Als sie schließlich vor dem Restaurant stand, sah sie ihre Freundinnen in der oberen Etage am Fenster sitzen. Sie lachten viel. Sie sahen aus, als würden sie sich schon lange kennen, dabei waren sie sich alle erst vor ein paar Wochen begegnet. Gleich werde ich mit ihnen zusammen sein, dachte sie. Ich werde zwischen ihnen sitzen. Sie werden mich mit großen Augen ansehen und mich fragen, wie es war. Und ich werde es nicht richtig erzählen können.
Später würde es ein Foto von diesem Abend geben: Sie am Rand des Tisches, müde in die Kamera lächelnd, alle anderen nur verschwommen erkennbar oder im Moment des Auslösens abgewandt.
„Bist du das Mädchen mit den Problemen?“ Sie saß auf der Dachterrasse des Wohnheims und rauchte, als die dicke Nachtwärterin aufgeregt auf sie zugelaufen kam. „Nein“, sagte sie, aber sie fand selbst, dass sie nicht sehr überzeugend klang. Die Angestellte guckte kritisch, machte sich dann aber weiter auf die Suche nach der Unglücklichen, die wohl im Begriff war, sich die vierzehn Stockwerke hinunter auf die 34. Straße zu werfen. Auch keine schlechte Idee, dachte sie, drückte aber doch die Zigarette aus und verließ schnell das Dach.
Im Fahrstuhl nach unten schwieg sie, als sich zwei aufgetakelte Münchnerinnen über ihre Einkäufe unterhielten. Natürlich würden sie nachher noch ausgehen. Sie hörte den beunruhigenden Geräuschen der Aufzugmechanik zu und überlegte, was schlimmer wäre, alleine stecken zu bleiben oder mit den beiden. Aber da hielt der Fahrstuhl und sie stieg erleichtert aus. Ein Mädchen aus dem Wohnheim hatte sie gebeten, nach ihrem Zimmer zu sehen, solange sie bei ihren Bekannten außerhalb der Stadt war. Als sie in den fremden Raum betrat, kam er ihr viel gemütlicher vor als ihrer, obwohl die seltsam altmodische Einrichtung überall dieselbe war. Ein schmales Bett, eine Kommode, ein Frisiertisch. Mehr passte in die kleinen Kammern auch nicht hinein. Sie schaute sich die Bücher an und die Süßigkeiten, die auf der Kommode herumlagen. Am kleinen Waschbecken füllte sie ein Wasserglas und während sie die Pflanzen begoss, meinte sie plötzlich, die Bewohnerin unglaublich zu vermissen, obwohl sie sie doch erst vor wenigen Tagen kennen gelernt hatte. Zu ihrem Zimmer, das nur eine Etage tiefer lag, nahm sie die Treppe. Sie fühlte sich verfolgt, drehte sich aber erst um, als sie ihre Tür aufschloss. Niemand war auf dem Gang mit den rot beleuchteten Exit-Schildern und alle Türen waren verschlossen. Hinter ihnen lebten insgesamt über vierhundert Mädchen und Frauen. Sie kamen in die Stadt, in dieses Wohnheim, blieben einige Zeit und gingen wieder. Genau wie sie. Die meisten kannte sie nicht.
Die Autorin:

Kati Sprung wurde 1978 in Bremen geboren. Dort machte sie eine Ausbildung zur Buchhändlerin und studierte dann Komparatistik, Germanistik und Anglistik in Münster und Berlin. Nach einem Volontariat bei Ullstein und einem längeren Aufenthalt in New York arbeitet und lebt sie jetzt in Berlin.
