Kerstin Campbell
Kerstin Campbell, Jahrgang 1969, aufgewachsen in Unterfranken, studierte französische Literatur und Publizistik, arbeitete als Autorin und Moderatorin für das rbb-Jugendradio Fritz, jetzt als Autorin für das ZDF. Sie lebte in Paris und New York, kehrte aber immer wieder in ihre Wahlheimat Berlin zurück, wo sie mit Mann und Tochter wohnt.
Kellerbeats und Kohlenstaub (Roman)
Es klingelt an der Wohnungstür. Nina hält kurz inne, bevor sie das letzte Stück Kohlenanzünder mit der Eisenzange in die Höhle unter den kleinen Brikett-Turm legt, den sie im Ofen gebaut hat. Seit zwei Stunden versucht sie ihn zu heizen, ohne Erfolg. Es klingelt wieder.
Sie lehnt ihren Rücken gegen die Wand, vergräbt ihre Hände in den Ärmeln und beobachtet durch die Ofenöffnung, wie die kleine Flamme nach der Kohle züngelt. Wenn ich die Luft anhalte und mich nicht bewege, hört das Klingeln auf, denkt sie. Es klingelt in kürzeren Abständen. Die Flamme im Ofen wird kleiner, gibt schließlich auf, eine Stelle am untersten Brikett raucht etwas, glüht aber nicht.
Nina dreht den Kopf zum Fenster und betrachtet die Eisschichten, die sich in den Ecken der Glasscheiben gebildet haben. Hauchdünn und weiß, wie geschaffen, um mit den Fingernägeln Muster hineinzukratzen.
Nicht bewegen, warten bis es aufhört. Als Kind versteckte sie sich unter dem Bett in ihrem Zimmer und versuchte sich unsichtbar zu machen. Oder sie stand hinter den schweren, langen Wohnzimmer-Gardinen, ängstlich, dass ein falscher Atemzug oder ihre herausragenden Fußspitzen sie verraten könnten.
„Mach auf, ich weiß, dass du da bist“, ruft René.
Nina atmet aus und schlägt mit der flachen Hand auf den braunroten Holzboden. „Kannst du nicht gleich sagen, dass du es bist?“
Sie hört René vor der Tür kichern. „Ich wusste, dass du da bist. Ich muss dir was zeigen!“
„Hast du wieder was gekauft?“
„Das musst du sehen.“ Immer wenn René aufgeregt ist, überschlägt sich seine Stimme.
Nina geht in das Badezimmer, das von dem kleinen Flur abgeht. Selbst hier riecht es nach Kohlenrauch. Sie nimmt einen der vielen Kajalstifte, die griffbereit auf der Ablage unter dem Spiegel liegen und zieht zwei schwarze Lidstriche. Ihre langen Haare dreht sie ins Gesicht. Schneewittchen war ihr Spitzname in der Schule: Schwarze Haare, blasse Haut und rote Wangen, wenn sie nervös ist. Sie kann dann spüren, wie ihr Gesicht warm wird und je mehr sie sich darüber ärgert, desto roter glühen ihre Backen.
Nina setzt alles daran, nicht niedlich zu wirken. Ihre Klamotten sind schwarz und weit, meist aus dem Second-Hand-Shop. Den Mottenkugel-Geruch versucht sie mit Chanel No5 zu übersprühen, sie riecht nach einer Mischung aus beidem.
„Was machst du denn? Findest du die Tür nicht?“
René weiß nicht, dass Nina sich niemals ohne die schwarzen Striche unter ihren Augen zeigen würde. Im Flur stemmt sie ihr Gewicht gegen die Toplader-Waschmaschine, die sie zur Sicherheit vor die Wohnungstür geschoben hat. Die Tür besteht aus zwei dünnen Sperrholzplatten und einem Hohlraum dazwischen, das polnische Schloss ist so einfach, dass man es mit einer Stricknadel öffnen könnte.
„Haste wieder Angst vor den Ossis?“, ruft René.
Fluchend dreht Nina die Maschine so weit zur Seite, dass sie die Tür öffnen und ihren Kopf durchstecken kann. René strahlt sie an. „Kommst du mit runter?“
„Habe ich eine Wahl?“
Sie zieht ihren Wintermantel mit dem Lammfellkragen an und drückt sich durch die Türöffnung. Im Treppenhaus fühlt es sich genauso kalt an wie in ihrer Wohnung. Die Blümchentapete ist verblasst und von einer grauen Schicht überzogen. Vor langer Zeit hat man sich die Mühe gemacht, es hier wohnlich zu gestalten.
René hüpft die Stufen hinunter, ein kleiner Junge versteckt in einem 40jährigen Mann. Seine Jeans sitzt stramm um die Hüften, unter seinem perfekt gebügelten Hemd zeichnet sich ein Bauchansatz ab. Zwei Monate wohnt Nina hier und sie hat René in dieser Zeit nie in etwas anderem als in Jeans und farbigen, glatten Hemden gesehen. Mit seinem Seitenscheitel und dem Schnauzer hielt ihn Nina erst für einen biederen Typ.
„Du hast dir einen Porsche gekauft?“, neckt sie ihn.
„Gute Idee. Gestern habe ich meinen Trabi abbestellt, in elf Jahren hätte ich einen gekriegt.“
Seit dem Fall der Mauer befindet er sich in einer Dauereuphorie. René glaubt, was ihm versprochen wurde: „Keinem wird es schlechter gehen.“
Glucksend schließt er zwei Stockwerke tiefer die drei Schlösser seiner Wohnungstür auf, zwei davon neue Sicherheitsschlösser. Er verbeugt sich und schwenkt seine Arme einladend Richtung Wohnung: „Bitte einzutreten.“
Sie geht durch den Mini-Flur, es ist mollig warm, in seinem Zimmer entdeckt sie sofort den neuen Eiche furnierten Kleiderschrank.
„Warst du wieder bei Möbel Höller?“
„Hat so gut wie nichts gekostet, wurde sogar geliefert. Nur 40 Mark pro Monat, ein Jahr lang.“
Nina streicht mit der Hand über die Oberfläche, die nach Holz aussehen soll und sich nach Plastik anfühlt. Sie dreht den Schlüssel nach rechts und öffnet die Tür, dabei wackelt und knarrt der Schrank.
„Ich fand deinen alten so schön, mit den Holzverzierungen. Was hast du damit gemacht?“
„Den haben die Jungs von Möbel Höller auf den Sperrmüllhaufen nebenan geworfen. Für umsonst, verstehste? Bei euch im Westen ist alles umsonst!“
Ninas Augen leuchten. „Ein neuer Sperrmüllhaufen, wo?“, fragt sie.
„Heute Morgen wurde das Hotel gegenüber ausgeräumt. Kriegste natürlich nicht mit, wenn du dich den ganzen Tag einsperrst. Warum hast du vorhin die Tür nicht aufgemacht?“
Nina ist schon auf dem Weg nach draußen, sie dreht sich noch einmal um: „Ossis fressen kleine Wessi-Mädchen, hast du das noch nicht gehört?“
Sie rennt eine Etage tiefer und klingelt an der Tür der Erdgeschosswohnung. Die Gitarrenklänge von drinnen verstummen, kurz darauf erscheint Martins Gesicht in der Türöffnung. Ein wohliger Geruch von Räucherstäbchen strömt ihr entgegen, die Wärme streichelt ihr Gesicht. Am liebsten würde sie hineingehen und sich aufwärmen.
„Es gibt neuen Sperrmüll, kommst du mit?“, fragt Nina. Martin rückt seine Nickelbrille zurecht und zieht seinen Zopf mit beiden Händen fest.
„Ich muss an meinem Referat für morgen arbeiten, aber irgendwie habe ich heute Motivationsprobleme.“ Er schaut an die Decke, atmet tief durch und greift nach seiner Jacke.
Martin ist stolz auf sein Studium, Geschichte und Deutsch auf Lehramt, nur ist er in Berlin mit so viel anderem beschäftigt, dass ihm seine universitären Aufgaben lästig werden.
Gemeinsam treten sie hinaus in den Berliner Herbstnachmittag. Es ist einer dieser Tage, an denen eine Wolkenschicht über die Stadt zieht und keinen einzigen Sonnenstrahl durchlässt. Über allem hängt grau, das sich zum Nachmittag in dunkelgrau bis schwarz verfärbt.
Der Haufen aus Furnierplatten, Möbeln und Holzlatten liegt hinter dem Seitenflügel, angestrahlt von dem schwachen gelblichen Licht einer Straßenlaterne. Bei dem Anblick rennen Nina und Martin los, fast so wie sie es als Kinder getan haben, wenn sie auf einen neuen Spielplatz gekommen sind. Sie klettern auf den Sperrmüllberg, die Schatzsuche beginnt.
Nina sieht einen Pappkarton, schiebt zwei Latten zur Seite, um an ihn heranzukommen. Handschuhe wären gut, denkt sie, als sie sich einen Splitter aus der Daumenspitze zieht und das Blut an ihrer Hose abwischt. Sie öffnet den Karton und sieht schwarz-weiß Fotos von Menschen mit Papierhütchen auf dem Kopf, sie prosten in die Kamera.
Es kommt ihr so vor, als wären die Menschen früher fröhlicher gewesen. Vielleicht ist Freude in schwarz-weiß oder in verblassten Farben intensiver als in der Realität. Auf dem Polaroid, das Nina bei sich trägt, ist sie als lachendes kleines Kind zu sehen. Das einzige Kinderbild, auf dem sie nicht ernst schaut oder ihre Lippen zu einem Lächeln zwingt. Und das einzige Bild mit Maria, die damals so aussah, wie sie heute. Nina achtet darauf, die Haare in der gleichen Länge und mit Mittelscheitel zu tragen.
Zwischen den Fotos liegen ein Dutzend Orden - für vorbildliches Arbeiten, Abzeichen als Helfer der Volkspolizei oder als FDJ-Mitglied. Auf den meisten sind Hammer und Zirkel abgebildet. Oder Karl Marx mit wallenden, langen Haaren, Mittelscheitel und Rauschebart.
Bevor Nina nach Ost-Berlin kam, wusste sie nicht, wie Karl Marx aussah. Sie findet, er ähnelt den Jesusbildchen, die sie zur Kommunion sammelte, nur ist Karl Marx etwas kräftiger in der Statur und hängt nicht am Kreuz. Sie heftet sich einen Orden an die Jacke und ruft Martin zu: „Für meinen heldenhaften Einsatz der Wiederverwertung der sozialistischen Abfallprodukte!“
Martin hat ein rotes Marmor-Schreibset in der Hand. „Jahrelang heben sie alles auf und jetzt werfen sie einfach alles weg.“
Seit Martin vor einem Jahr nach Berlin zog ist er Anhänger des Sozialismus, aus Nostalgie. In seinem Geschichtsstudium faszinieren ihn untergegangene Reiche und hier wurde gerade ein ganzes System für untauglich befunden.
Nina sucht mit ihren Füßen auf dem wackeligen Berg nach Halt und zieht an einem breiten Brett. Sie ist stärker als sie aussieht. Vorsichtig löst sie es aus dem Haufen, damit er an dieser Stelle nicht einbricht. Sie sieht darunter etwas Weißes schimmern, erkennt einen Stapel Teller. Die kann sie gut gebrauchen. Sie wirft die Scherben zur Seite und fischt vier Ganze heraus. Nina umfasst ihren Fund mit beiden Händen und klettert Schritt für Schritt nach Gleichgewicht suchend den Schuttberg hinunter.
Berlin stellt ihr die Einrichtung für ihre Wohnung bereit, sie muss nur mit offenen Augen durch die Straßen gehen. In den letzten Wochen fand sie Töpfe, Schüsseln, einen Tisch, alles was sie braucht und wofür sie kein Geld hat. In dieser Beziehung ist die Stadt gut zu ihr.
„Maurice war heute bei mir, er wollte eigentlich zu dir. Du warst aber nicht da“, sagt Martin.
Nina zieht die Schultern hoch und macht den Rücken steif, sie weiß, dass er hinter ihr her ist.
„Der will seine Miete, das ist schon der zweite Monat, dass er von dir nichts bekommen hat.“
Maurice ist zu seiner Freundin gezogen, Martin hat mit ihm abgemacht, dass Nina in seiner Wohnung wohnen kann. Natürlich macht Maurice ein Geschäft damit, er zahlt 30 DM Miete pro Monat, Nina gibt ihm 150 DM unter der Hand. Das Problem ist, dass ihre Ersparnisse so gut wie aufgebraucht sind und gerade noch für Essen reichen.
„Ich warte selbst auf Geld, meine Eltern haben noch nicht überwiesen“, sagt Nina.
„Du solltest mit deinen Eltern reden, vor allem mit deiner Mutter.“
Nina vermeidet es Martin anzuschauen und kramt mit dem Rücken zu ihm in einem Stapel Papier. Sie ist erleichtert, als sie Renés Kichern hört. Er biegt um die Ecke, mit einem Fotoapparat in der Hand. Für wenige Sekunden erhellt das Blitzlicht das Grau, taucht alles in weiß.
„Euch Wessis in unserem Müll graben zu sehen, allein dafür hat sich der Mauerfall gelohnt“, sagt René und findet das so lustig, dass er sich verschluckt und hustet.
„Schau mal, was ihr alles wegwerft“, sagt Martin und entrollt deine DDR-Fahne. Er klettert damit auf die Spitze des Berges und schwenkt sie in einer großen Acht: „Hier ist das Zentrum der blühenden Landschaften!“
René krümmt sich vor Lachen. „Und das gibt’s jetzt umsonst“, ruft Nina, greift in die Pappschachtel und wirft die Orden und Fotos in die Luft.
