Kerstin Murr: "Zurückbleiben, bitte!" (Kurzgeschichte)


 
Ich sammle das Kind ein, das schon lange keines mehr ist. Ich sage: „Lass uns von hier verschwinden, raus und weg und wenn es auch nur zwei Tage sind!“
Mein neues Auto steht vor der Tür und zum Ärger des Kindes ist es noch immer kein Mercedes Cabriolet.
Das Kind hat langes seidiges Haar und eine riesengroße Sonnenbrille. Wenn es sich die Sonnenbrille mit einer trägen Bewegung aus dem Haar und vor die Augen geschoben hat, ähnelt es einem Insekt.
Seitdem Paul vor gut drei Jahren mit der Biologielehrerin des Kindes zusammen-gezogen ist, fotografiere ich an fast jedem Wochenende Insekten und Käfer. Und Spinnen. Das Kind ekelt sich vor ihnen.
Gleich nach dem Abitur ist das Kind in ein Hochhaus gezogen. JWO, sage ich dazu, janz weit oben. Das Kind findet die aufbereiteten Sprüche meiner Großeltern nicht witzig.

„Sächsische Schweiz“, sagt das Kind an der Stadtgrenze, „das klingt nach Berg und Tal und ich kann zu Charlies Geburtstag wieder in Berlin sein.“
„Kein Einwand“, sage ich, „kenne ich Charlie?“ Das Kind schweigt.

„Lass hören!“, sage ich. „Tierwelt, wie immer?“ fragt das Kind und greift nach dem Reiseführer. Es blättert lange, bevor es liest:
„Schon Sachsens legendärer König August der Starke liebäugelte mit der Jagd auf Wildziegen. Seine Nachfahren teilten des Königs Jagdlust. Alpengämsen wurden in weiträumige Gatter in die Sächsische Schweiz gebracht. Ohne Seil und Karabiner turnen sie auf steilen Hängen, klettern in fast senkrechten Felswänden. Ihre hartschaligen Hufe sind mindestens so gut wie Bergstiefel.“

„Genug davon“, sage ich, „hör auf! Welche Schuhe hast du eigentlich mitgenommen?“ Das Kind senkt seinen Blick auf die ausgetretenen, rot-weißen Stoffschläppchen mit dem Vichykaro, die es an den Füßen trägt und betrachtet seine Fingernägel.
„Das hab ich mir gedacht“, sage ich. „Mindestens so gut wie Bergstiefel“, wiederholt das Kind. „Das wird dich interessieren“, sagt es, „da steht, dass viele Kleintierarten in finsteren Klüften und Höhlen einen optimalen Lebensraum finden.“ „Dutzende verschiedene Schmetterlingsarten“, liest es, „ca. 100 unterschiedliche Spinnen, Myriaden von Käfern und Weichtieren, seltene Vogelarten…“
„Mit diesen Schuhen“, sage ich, „kannst du deine Gämsen knicken, wir bleiben
im Tal.“
„Das könnte dir so passen“, sagt das Kind, „du wirst schon sehen!“

Wenn Paul getrunken hatte, fing er immer wieder vom Tal der Frauen an. „Den Frauen dort gehört alles“, sagte er dann, „die Häuser, die Felder, die Tiere, das Gold, alles eben, bis zur letzten Haarklemme. Die Frauen leben seit Urzeiten in ihren Dörfern, in ihrem Tal. Und in ihren Häusern leben - außer ihnen - nur noch ihre Kinder und ihre Brüder. Ihre Männer dürfen - wenn überhaupt - erst abends antreten und vor Sonnenaufgang müssen sie wieder verschwunden sein. Und wenn eine Frau ihren Kerl los werden will, malt sie einfach mit Kreide so ein Zeichen auf die Tür, ein Zeichen, das aussieht wie ein gottverdammter dürrer Hexenarsch!“
Paul redet sich jedesmal in Rage, wenn er auf das Thema zu sprechen kommt.
Er sieht mich an. „Das wär´ doch was für dich“, sagt er. „Einen faltigen Hexendingsbums hinschmieren und weg isser“, sagt er. „Aber nicht mit mir“, schreit er. „Mit mir machst du das nicht!“
„Ich habe doch gar keinen Bruder“, sage ich.
„Ist das Zimmer nicht ziemlich laut?“, frage ich unseren Vermieter für eine Nacht, „so dicht an der Straße.“ Er sieht mich an: „Sie sind aus dem Westen!“ sagt er. „Ohne die Straße wären Sie gar nicht bis hierher gekommen, das Zimmer liegt direkt an der Elbe!“ „Sogar Käthe Finzlett“, sagt unser Vermieter, „ist erst vor ein paar Wochen bei uns am Ort gewesen. Mit der Straßenbahn ist sie ins Tal hinter gefahren, als Schaffnerin oder so.“
„Muss man Frau Finzlett kennen?“, frage ich. Das Kind stöhnt auf. „Sei still“, sagt es leise, „ich weiß schon, ich erklär´ dir das gleich!“ Es erkundigt sich, wo das riesige Filmteam untergebracht war. Im einzigen Fünf-Sterne-Hotel des gesamten Elbtals. Eben erst eröffnet und gleich dahinten. Das Kind ist angenehm überrascht über die Wahl unseres Nachtquartiers. „Titanic“, sagt es später, „die Hauptdarstellerin. Kate Winslet. Ihr neuer Film.“
Wir besteigen mehrere sächsische Berge. Sachsen ist nicht das Alpenland. Wir besteigen die Berge mit Stoffschläppchen mit Vichymuster und Schleifen.
Schon bald stellt es sich heraus, dass ich es bin, die nach Luft ringt, Pausen einlegt und schließlich über die kleinste Erhebung unter den Trekkingschuhen flucht.
Auf eine Fahrt mit Käthes Straßenbahn wollen wir nicht verzichten. Neunzehntes Jahrhundert, romantische Landschaften, Bachlauf und handbetriebener Wasserfall, steht dazu im Reiseführer.
An der Wendeschleife, zugleich Anfang und Ende der Strecke, zwänge ich den Wagen unter den Blicken einer Gruppe weißhaariger Wanderer in die letzte vorhandene Parklücke hinein. Dazu sind mehrere Anläufe nötig. Schweißperlen sammeln sich auf meiner Stirn.
Beim Austeigen tippt mir ein älterer Mann auf die Schulter. „Junge Frau“, sagt er, „auch wenn sie jetzt so tun, als ob nichts wäre: Sie haben das Nummernschild von dem grauen Golf da touchiert, ich hab´s genau gesehen. Und jetzt schreibe ich mir ihr Kennzeichen auf. Vorsichtshalber. Falls mich einer fragt!“ Der Mann hat einen kleinen Jungen bei sich, der eine viel zu große Uniformmütze auf dem Kopf trägt und mit einer Polizeikelle aus verschrammtem Plastik vor meinem Gesicht herumfummelt. „Ich verhafte dich“, kreischt das Kind. „Sag´ schön `Sie´ zu der Tante!“, sagt sein Großvater.
Ich stürze mich auf den Alten und würge ihn ich ziehe meinen Revolver aus dem Rucksack und schieße um mich ich bedeute dem Gorilla, der im Wagen mit halb geschlossenen Augen vor sich hin dämmert, sich mit dem Kind unter dem Arm auf den nächst besten Baumwipfel zu schwingen.
Die Gruppe der Wanderer starrt uns über die Straße hinweg schweigend an.
Eine Herde grauer Kühe in roten Kniestrümpfen.

Im Park hinter der Haltestelle entdecke ich eine winzige Krabbenspinne. Ein Weibchen. Nur die Weibchen können ihre Färbung dem jeweiligen Untergrund anpassen. Meine Krabbenspinne ist jetzt so grün wie ein Blatt und befestigt gerade einen Faden an der blauvioletten Blüte einer Akelei. Ich bringe meine Kamera in Stellung.
Das Kind steht am Kiosk und blättert in einer Zeitschrift. Es hat mit der schwitzenden, auf dem Bauch liegenden Frau im Park nichts zu tun.
„Ich persönlich halte ja rein gar nichts von diesem Digitalkram“, sagt eine tiefe Stimme hinter mir.
„Ich persönlich würde ja lieber die junge Frau fotografieren“, sagt die Stimme, „das Mädel ist doch bildschön, da können sie stolz drauf sein. Ich habe früher oft Frauen fotografiert, Akt und so, aber irgendwann sind die Weiber dann weggeblieben, man wird nicht jünger. Und dafür, dass sie sich nur auszieht, bezahl´ ich keine.“
Ich drehe mich um und sehe von ganz unten zu ihm hinauf. Er grinst.
Er preist seine Fotoausrüstung. Sie ist von ganz früher. „Aber tippetoppe“, sagt er, „tippetoppe!“
Von der Krabbenspinne ist nichts mehr zu sehen.

Die Bahn fährt vor. In Windeseile verteilt sich die Gruppe vor allen Türen.
Doch die Schaffnerin öffnet nur die vorderste Tür. Sie steigt aus und schreit im Befehlston in die Menge: „Ab sofort nur noch Frauen und Kinder ins Tal!
Männer zurückbleiben! MÄNNER ZURÜCKBLEIBEN, BITTE, ZURÜCKBLEIBEN!!!!!!!“
Es dauert einen Moment, bis die Männer reagieren.
+++ Die hat sie wohl nicht mehr alle, in die Zeitung gehört das! +++ Jetzt proben wohl schon die Weiber den Aufstand +++ So nicht, Tante Frieda, nicht mit mir! +++ Irmgard! Hierher!“ +++
Nachdem die Schaffnerin ein letztes Mal in die Menge gebrüllt und gestikuliert hat, treten die Männer fast gleichzeitig ein paar Schritte zurück und sehen ihren Frauen dabei zu, wie sie in die Bahn steigen.
Eine ältere Dame fragt ganz ruhig: „Kann ich meinen Bruder mitnehmen? Ich kann ihn nicht mehr alleine lassen, er ist alt.“
„Selbstverständlich“, sagt die Schaffnerin und hilft ihr, den alten Mann über die Trittstufen in die Bahn hineinzuziehen.
Das Kind sitzt jetzt ganz gerade neben mir und sieht aufmerksam nach vorne.
Die Bahn setzt sich mit einem gewaltigen Ruck in Bewegung.
Wir fahren.


Die Autorin



Kerstin Murr ist 1956 in Stuttgart geboren und lebt seit 1982 in Berlin.
Studium der Germanistik und Öffentlichkeitsarbeit in Freiburg i. Br. und Berlin.
Seit 1985 Berufstätigkeit im Bereich Organisation von Bildung und Ausbildung.
Sie schreibt Kurzgeschichten. Mehrere öffentliche Lesungen. Eine erwachsene Tochter.