Myriam Papantoniou: "Vorhang für Persephone" (Roman)
Exposé
Foni und Katharina, zwei griechische Schwestern, finden sich 1973 im kalten Norden Deutschlands wieder, wo sie für unbestimmte Zeit bei fremden Verwandten unterkommen sollen. Diese leben in einer düsteren Welt aus Wehrmachtsstolz und Märchengeschichten und sprechen so wenig Griechisch wie die beiden Schwestern Deutsch.
Entrüstet versucht die sechsjährige Foni zu fliehen - erfolglos. Dafür lernt sie durch den militärischen Drill der Großeltern rasch die gewünschten Manieren. In dem Land, das für sie aus einer Drei-Zimmer-Wohnung mit Außenklo und einem Schrebergarten besteht, kommt sie trotzdem nicht zurecht. Warum mahnt der Großvater zur Wahrheit, wenn auf sie nur harte Strafen folgen? Und warum ist Lügen verboten, da es doch so verlässlich Glück spendet, wenn Foni das widerwärtige Essen der Großmutter lobt? In der Hoffnung vorzeitig entlassen zu werden will sich Foni völlig zurücknehmen und den Großeltern gefallen. Zu spät. Katharina, die in der Rolle der blonden Prinzessin bereits große Erfolge feiert, bekommt die volle Aufmerksamkeit. Pragmatisch beschließt Foni die vakante Rolle des fehlenden Enkels zu füllen. Aber trotz Talent, Hut und Lederhose bleibt sie nur Komparse. Eifersüchtig beobachtet sie das Geheimnis des Erfolges und die Wünsche des Publikums. Dabei entdeckt sie, wie gerade Anpassung und Gehorsam direkt ins Maul eben jenes Wolfes führen, vor dem die Großmutter die Mädchen stets gewarnt hat – nicht wissend, dass dieser in ihrem Ehebett schläft. Foni findet eine neue Rolle: Als heldenhafter Retter der blonden Prinzessin. Für diese Rolle gibt es keinen Applaus, aber die Freiheit. Und den Verlust der Unschuld.
Textauszug
An das Essen konnte sich Foni nicht gewöhnen. Es war, als fand sich das graue, kalt feuchte Kieler Wetter in jedem Teller wieder. Die Suppe, die nicht einmal einen Namen hatte, sah aus wie dreckiges Pfützenwasser mit Kieseln. Die Sülze war wie der ewige Blick hinaus aus dem geschlossenen Fenster. Und der Nebel, der so oft über den Straßen hing, hatte sich als Dampf in die Küche geschlichen, um sich dort aufzuwärmen. Zu Oma Kiels gehetztem Blick über die heruntergerutschte Hornbrille hinweg kam so noch der Anschein von Schweiß, dabei konnte dieses Essen wirklich keine Mühe gewesen sein. Oma Kokkoni hatte wegen ihrer vielen Arbeit auf dem Feld nie viel Aufhebens um das Essen gemacht, aber sie hatte gelächelt, wenn sie den Kindern eine Scheibe Brot mit kaltem Wasser begoss und danach Zucker drauf streute. Zuckerbrot, ein Hochgenuss an heißen Tagen.
In Kiel mussten Foni und Katharina vor jeder Mahlzeit vor dem Esstisch Haltung annehmen, um Opa Karl ihre Handflächen zu präsentieren und mit ihm im Chor den Satz zu üben, der ihr erster vollständiger Satz auf Deutsch werden sollte: Nach dem Klo und vor dem Essen, Hände waschen nicht vergessen. Dann kontrollierte Opa Karl noch die Fingernägel, erst dann durften sie sich an den Tisch setzen. Opa Karl, dessen dünner Haarkranz sich von dem massigen rosafleischigen Gesicht absetzte und dessen hellblaue Augen, jede Minute drohten, aus ihren rosa Pfützen zu schwimmen, spuckte nun wie vor jeder Mahlzeit sein Gebiss vor aller Augen in ein Taschentuch und ließ es in seiner rechten Hosentasche verschwinden. Da war er wieder, dieser alte zerbrochene Mann, der nur zum Essen erschien.
Oma Kiel klopfte neben Foni auf den Tisch, nu’ iss mal schön, sagte sie und wollte Foni von dem Schauspiel ablenken, das Opa Karl gerade begann.
Er hatte die Pfützensuppe wie nichts herunter gelöffelt und war nun bei Würstchen mit Kartoffelsalat. Opa macht Grimassen, nich’, rief Oma Kiel über den Tisch. Was Grimassen waren, wussten die Mädchen noch nicht, das Wort war neu. Aber es hatte wohl mit den vielen Bieren zu tun, die der Opa sich am Vormittag in den Hals geschüttet hatte. Nun kullerte er wie ein Verrückter mit den Augen und saugte das Würstchen an einem Stück in seinen Mund, bis von ihm nichts mehr zu sehen war. Dabei ließ es sich nicht vermeiden, dass die fleischige Mundpartie dem Würstchen folgte, jetzt, da gerade keine Zähne da waren, um sie davon abzuhalten. Foni hoffte, dass Opa Karl sich selbst aufschlürfte, aber stattdessen gab er dem Würstchen mit der Zunge einen Schubser und präsentierte es unversehrt seinem Publikum. Das ging noch ein paar Mal so hin und her, bis Oma Kiel wieder auf den Tisch klopfte, um Foni an ihre Suppe zu erinnern, die sie nicht angerührt hatte. Du gehst nicht eher vom Tisch, bis du alles aufgegessen hast, sagte sie und war nun, da alle außer Foni schon beim Kompott waren, in ihrer Ehre als Köchin verletzt. Katharina trat ihrer Schwester unterm Tisch gegen das Bein, um sie daran zu erinnern, was vorgestern passiert war, nachdem sich Foni geweigert hatte eine Wollstrumpfhose anzuziehen. Ein Kleidungsstück, das ihr gänzlich überflüssig und kratzig erschienen war.
Foni musste an den Kleiderbügel aus Holz denken, dessen Einsatz Oma Kiel ganz ohne Nebel-Dampf den Schweiß auf die Stirn getrieben hatte. Ganz rot war sie danach gewesen und außer Atem, denn Foni hatte wilde Trockenschwimmübungen auf ihrem Schenkel vollführt und war nur schwer festzuhalten gewesen. Einen Meter entfernt hatte Katharina gestanden und mit Panik in den Augen zu sehen bekommen, welches die Strafe für wiederholte Widerworte plus einmal mit dem Fuß aufstampfen war. Das ein oder andere Mal hatte sie den hilfesuchenden Blick ihrer Schwester aufgefangen, aber kein Wort gesagt. Sie hatte auch nicht auf andere Art versucht Oma Kiel aufzuhalten.
Während dieser Prozedur hatte Foni sich an die große Wassermelone erinnert, die ihr einmal mangels Muskelkraft hinunter gefallen und zerplatzt war. Foni war sich sicher, sie würde auch gleich auseinander platzen und rotes Fleisch zeigen, wenn das laute Schreien als Ventil nicht mehr reichte. Kurz darauf hatte Oma Kiel aus Gründen der Erschöpfung die Maßnahme eingestellt und der gedemütigten Foni die kratzige Strumpfhose über den wunden Hintern gezogen. Den Rest des Tages hatte sie auf dem Bauch liegend auf dem Kanapee verbracht und darüber nachgedacht, wie man in Griechenland mit einem Nein umgegangen war. Einmal, im Haus von Oma Kokkoni, hatte sich Katharina eines Morgens geweigert das Bett zu verlassen. Der Vater kam, fragte, ob ihr etwas fehle, aber nein, das war es nicht. Sie wollte nur nicht aufstehen. Andere Verwandte kamen vorbei und fragten besorgt nach dem blonden Engel, die Nachbarin, kinderlos, versuchte sogar sie mit einem Bonbon aus dem Bett zu locken. Es war nichts zu machen. Besorgt hatte man Oma Kokkoni gerufen, die wie immer bei ihren Orangenbäumen war.
Um das Bett in der einfachen Kammer versammelt, hatten alle darauf gewartet, was sie aus Katharina herausbringen würde. Ist dir nicht gut, mein Kind, fragte sie besorgt. Nein, mir gehts gut, wiederholte Katharina und faltete sorgsam die Hände über ihrem Bauch. Warum stehst du dann nicht auf?
Ich will mich schonen, hatte sie geantwortet und fürsorglich über die zarte Haut ihres Armes gestrichen. Wenn ich mich nicht schone, dann sehe ich irgendwann so runzelig aus wie du, ich mache es lieber wie die anderen und schone mich. Verlegenes Hüsteln unter den Anwesenden, denn jeder wusste, dass Oma Kokkoni schon als junge Frau wie ein Muli geschuftet und gespart hatte, damit sich ihre Söhne eines Tages den Studien der Medizin oder Chemie widmen konnten. Ängstlich erwarteten die nun die Reaktion auf ihre mangelnde Unterstützung, denn das Geld das sie mittlerweile verdienten, hatten sie hauptsächlich in hübsche Ehefrauen und ein angenehmes Leben investiert. Aber Oma Kokkoni war zur allgemeinen Erleichterung in Lachen ausgebrochen. Sie hatte so lange und heiser gelacht, dass ihr noch die Tränen liefen, als sie schon wieder auf dem Feld war, um mit ihren rheumakranken Fingern an den Orangenbäumen herum zu zupfen. Diese Familie würde es wirklich zu etwas bringen.
Fonis Hintern hatte noch am Abend wie ein Warnschild geleuchtet: In Deutschland war Schluss mit individuellen Betrachtungen, Schluss mit Widerspruch, mit Essen, das man sich im Vorbeilaufen in den Mund schob, wenn man gerade keine Lust auf Gesellschaft hatte, Schluss mit selbst geschossenen und über dem Grill gebratenen Spatzen. Das hatte Oma Kokkoni unterschlagen, als sie vor dem Land gewarnt hatte, in dem es immerzu regnete, stürmte oder donnerte.
Die Erinnerung an diesen vorgestrigen Tag hatte Foni so eingenommen, dass sie zwei Löffel der Suppe hinunter gebracht hatte ohne etwas dabei zu schmecken. Nun aber kam der Ekel zurück und brachte ihre Kehle dazu sich dem Essen zu verschließen. Ein guter Löffel voll Suppe lag auf der Zunge und sickerte in die Geschmackskanäle ein. Die Kehle schnürte noch einen Doppelknoten und Oma Kiel blickte streng auf ihre gurgelnde Enkelin, Opa Karl streichelte Katharina über ihre rosige Wange. Ja, du hast brav aufgegessen. Bist ja auch meine Dern, nich’. Katharina lächelte wie jemand, der gerade an der Kasse zuviel heraus bekommen hatte, stand auf und ging zum Mittagschlaf ins Wohnzimmer. Foni musste sitzen bleiben.
Sobald alle eingeschlafen waren, würde sie die Suppe in die Küche tragen und dort in die Spüle gießen. Aber Oma Kiel hatte Fonis Gedanken gelesen. Ich lasse die Schlafzimmertür offen, komm’ ja nicht auf die Idee, die Suppe in die Spüle zu gießen. Foni presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf.
Als sich alle hingelegt hatten, spuckte sie die Suppe zurück in den Teller und spülte mit Kompottwasser den Mund aus. Erschöpft stand sie vom Tisch auf und blickte ins Wohnzimmer, wo Katharina auf dem mit fellartigem Stoff bezogenen Kanapee lag und selbst mit geschlossenen Augen einen gebieterischen Eindruck machte. Das Ticken der Uhr war das einzige Geräusch neben dem der Autos, die den ganzen Tag die graue Straße schleiften, hinter den dunklen Vorhängen, hinter den Gardinen, hinter den Doppelfenstern. Foni schob die schweren Stoffe zur Seite und sah hinaus. Niemand zu sehen. Niemand auf der Straße, niemand an den Fenstern. Hier blieb scheinbar jeder zu Hause oder im Auto. Kein Wunder bei dem Wetter. Ja, das Wetter musste schuld sein, denn seit ihrer Ankunft in Kiel, war nie einer zu Besuch gewesen. Auch von den Verwandten nicht, die hier in der Glasvitrine hinter Glasrahmen zu sehen war. Da war Onkel Bodo, mit seiner französischen Frau und Onkel Gunter, der eine Italienerin geheiratet und sitzen gelassen hatte. Onkel Gunters Sohn mit einem riesigen Teddybären im Arm hatte sie auch noch nicht kennen gelernt. Hier gab es die Verwandten anscheinend nur auf dem Papier.
Die Strumpfhose, die elende, rutschte und hing mit dem Schritt schon fast bei den Knien. Foni zog sie hoch und machte dabei kleine Hüpfer, damit sie sich auch an den Füßen nach oben bewegen konnte. Auf diesem dicken Teppich mit den Läufern und Brücken war ihr Hüpfen überhaupt nicht zu hören, aus dieser Wohnung drang ohnehin kein Laut nach draußen. Kissenbezüge, Decken, Untersetzer aus Kork, unter der Tischdecke ein Wachstuch und unter dem Wachstuch noch eine weiche, filzige Decke. Selbst die Bilder an der Wand waren aus Wolle, damit sie den Lärm besser aufsaugen konnten, wenn es welchen gab. Und der große Gummibaum durfte hier nur sein, weil er mit seinen dicken Blättern versprach nicht zu rascheln, sollte man ihn aus Versehen berühren. Hier waren sie auf sich alleine gestellt, dachte Foni nach diesem Rundgang. Nun stand sie wieder vor dem Teller mit Suppe.
Ihre Schwester musste helfen. Foni ging zurück ins Wohnzimmer, rüttelte an Katharinas Arm. Du musst meine Suppe essen, mir ist schon ganz schlecht. Katharina öffnete die Augen und schüttelte den Kopf. Und wenn sie mich erwischen, bin ich dran. Nein, nein. Dann schloss sie wieder die Augen. Foni überlegt, was sie ihrer Schwester bieten konnte, damit sie die Suppe aß. Seit sie in Deutschland waren, hatten sie mehr als genug Spielzeug geschenkt bekommen, aber leider alles doppelt: Zwei riesige Packungen mit Filzstiften, zwei Puppenhäuser, zwei Roller und noch vieles mehr. Es gab nichts, was Foni ihrer Schwester anbieten konnte. Im Gegenteil. Je länger Foni versuchte Katharina zu überreden, desto wahrscheinlicher war es, dass sie beide entdeckt, der Verschwörung überführt und bestraft wurden.
Foni hatte natürlich auch an die Toilette gedacht, den einzig richtigen Ort für diese Suppe, aber die befand sich einen halben Stock tiefer und war für Foni nicht erreichbar, weil vor der Wohnungstür eine Kette hing an die sie nicht herankam, ohne einen Stuhl über den Flur zu tragen. Der verräterische Flur, der als einziger nur mit einem dünnen Läufer belegt war und der laut knarzte, sobald man ihn betrat. Opa Karl war ein trickreicher Kriegsveteran, das musste Foni anerkennen. In zwei Weltkriegen hatte er so einiges gelernt und noch heute strahlte er beim Anblick der Fotos, die ihn bei seinen Panzerfahrten zeigten. Foni dachte an ihren richtigen Großvater, an Papu Andreas. Der hatte nie gerne über seine Kriegserlebnisse erzählt, aber von alten Kameraden, die gelegentlich zu Besuch gekommen waren, hatten sie erfahren, wie Papu als Partisan den Deutschen, dem Hunger und der Kälte in den Bergen getrotzt hatte. Wie er am Straßenrand auf der Lauer gelegen hatte, um auf ihre LKWs zu springen und ihnen die Benzinkanister zu stehlen. Wäre Foni ein Junge geworden, dann hätte man sie auch Andreas genannt. Dann hätte sie den Namen eines Helden getragen.
Papu hätte niemals die Suppe vom Feind gegessen. Nicht einmal, als er kurz vorm Verhungern gewesen war. Er hatte Erde gegessen, das wusste sie und sie würde auch lieber Erde essen, als diese Suppe. Dieser Gedanke brachte Foni auf eine Idee und auch wenn ihr der Gummibaum leid tat, weil er schon länger hier gefangen war als sie, so musste sie ihn doch um seine Hilfe bitten.
Während Foni die Suppe mit Hilfe des Löffels im Topf des Gummibaumes vergrub, flüsterte ihre Schwester mit geschlossenen Augen, dass Oma Kiel Foni die Haut abziehen werde und Foni zischte, Katharina solle gefälligst den Mund halten, um sie nicht zu verraten. Die Suppe passte in den Topf, ohne dass Foni übrig gebliebene Erde essen musste. Anschließend hatte sie den Löffel an der Innenseite des schweren Vorhangs abgerieben und sich wieder an den Tisch gesetzt. Gerade biss sie - nicht ohne Hunger - in die Knackwurst, als Oma Kiel plötzlich vor ihr stand. Foni präsentierte den leeren Suppenteller und fragte mit vollem Mund, gut so? Oma Kiel nickte misstrauisch und ging das Abendessen machen.
Autorin

Myriam Papantoniou, geboren 1967, in Freiburg, hat nach 14 verschiedenen Jobs als Werbetexterin mit dem Schreiben begonnen und bald darauf an der Drehbuchakademie der DFFB studiert. Sie lebt in Berlin, wo sie als freie Autorin arbeitet.
