Madeleine Prahs: Nachbarn (Roman, Auszug)
Exposé
In „Nachbarn“ wird das Schicksal von ganz unterschiedlichen Personen nachgezeichnet, die von den Ereignissen des Mauerfalls überrascht werden.
In Zeiten überspringenden Episoden erzählt der Roman vom Vor- und Nachwendealltag dieser sechs Hauptfiguren, davon, wie das große historische Ereignis sie ermutigt, verunsichert oder sogar vernichtet; während die einen alte Rechnungen zu begleichen haben, trägt es die anderen aus der Lebenskurve.
Doch werden in dem Roman, der mit „Sprachwitz und Feingefühl“ (literaturport.de) die Hoffnungen und Ängste der Figuren beschreibt, weder historische Fakten aneinander gereiht, noch wird Position für oder gegen die DDR bezogen. Der Anspruch ist nicht Geschichte zu erzählen, sondern Geschichten.
Und so sind nicht Ost oder West, sondern Heimat, Identität, Verlust und Gewinn die Koordinaten, innerhalb derer sich diese sechs Hauptfiguren bewegen. Und immer wieder ist es der Prozess der Erinnerung, sei er linearer oder bruchstückhafter Art, der den Alltag der Figuren durchbricht, und so ist es die Vergangenheit, die die Gegenwart zu einem fragilen Konstrukt macht.
Textauszug
Asche und Diamant
Geh nicht weg, sagte sie.
Der blaue Himmel im Kino und die Welt die nicht
mehr ist, wie sie nie war.
Thomas Brasch
Hanna
Gleichmäßig und monoton ließ die Stimme des Sprechers die Nachrichten des Tages passieren. Hanna nahm das Bügeleisen und drehte die Skala auf „Seide“, legte dann, anstelle der Hose, die Bluse auf das Bügelbrett. „Der Sprecher des Außenministeriums der BRD...“ Sie fasste zum Regler des Radios und erhöhte die Lautstärke. „...äußerte sich heute zu dem Verhältnis der beiden deutschen Staaten zueinander. Im Wortlaut hieß es: Es handle sich zwar noch nicht um ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis, aber den Menschen in Ost und West liege viel daran, dass es eines werde.“ Der Sprecher machte eine Pause. „Und nun das Wetter.“
Sie musste lächeln. Nachbarschaftliches Verhältnis. Es konnte nicht mehr lange dauern, dann würde es die Mauer nicht mehr geben. Auf der Straße wurde doch seit Wochen von nichts anderem mehr gesprochen. Ausreiseanträge, Verwandtenbesuche, Kundgebungen. Es war alles nur noch eine Frage der Zeit. Und vielleicht waren sie wirklich bald neue Nachbarn. Ost und West. Sie lächelte noch immer. Und stellte sich vor, wie sie mit dem Zug nach drüben fahren, seine Adresse finden, ihren ganzen Mut zusammen nehmen und klingeln würde. Und wenn Hans dann öffnete, würde sie kurz ihre Tasche abstellen und freundlich sagen: „Guten Tag, ich wollte mich nur eben vorstellen: Ich bin deine neue Nachbarin.“ Langsam nahm sie das feuchte Tuch vom Halter, legte es auf den Ärmel der Bluse und begann. Bald würde es soweit sein. Sie wollte vorbereitet sein auf diesen Tag, auf den sie solange gewartet hatte. Vorsichtig legte sie die Knopfleiste der Bluse um, hielt sie kurz fest und führte die Bügelsohle so darüber, dass sie routiniert und gleichmäßig wie der Bug eines Schiffes über den Stoff glitt.
Es würde nicht leicht werden, das wusste sie. Wahrscheinlich würde es ein ähnliches Gefühl sein, wie es junge Mütter haben, wenn sie ihre in eine Tasche eingepackten Kinder einfach vor die Türen des Kinderheims legen, nachts und heimlich. Aber es gab nur diesen Weg, denn sie trug das Päckchen schon viel zu lange mit sich rum. Sie hielt inne, stellte das Bügeleisen hochkant auf das Bügelbrett und strich nachdenklich mit der flachen Hand über den zarten, warmen Stoff.
Als Hans nicht mehr zurückgekommen war, benötigte sie einen Nachmittag, um zu begreifen. Aber gleich am nächsten Morgen war etwas anderes da.
Und das grub sich langsam in sie ein, kam immer wieder, jeden Tag, verließ sie nie. Im Gegenteil, sie musste nicht einmal die Uhr danach stellen, immer pünktlich, nur brachte es keine Blumen mit. Der Arzt nannte es den Angriff eines heimtückischen Gegners, wenn sie morgens aufwachte und in ihrem Erbrochenen lag, und riet zur Operation.
Sorgsam zog sie den Rand der Ärmel glatt und fuhr zur Kontrolle mit den Fingern die Taillennähte entlang. Dann krempelte sie die Bluse um, so dass die Außenseite wieder zum Vorschein kam. Ein matt schillerndes Nachtblau. Aber das Leben geht weiter, immer, irgendwie. Sie lächelte. Und alles hat seine Zeit. Vorsichtig legte sie die Bluse über den Arm, ging zu ihrem Kleiderschrank und hängte sie über den Bügel, auf dem schon die Hose hing. Über alles zog sie eine durchsichtige Zellophanhülle. Es würde nicht mehr lange dauern.
Matthias
„Hamse das jehört, heute früh im Radio?“ Die Blumenverkäuferin ließ sich Zeit. Er schüttelte den Kopf, und trat von einem Bein auf das andere.
„Nee, ich hab’s eilig.“
„Eilig ham was doch alle, junger Mann, aber bald ham wa auch die Freiheit, die Reisefreiheit und allet andere.“
„Ja, ja.“
Er nahm den Strauss, zahlte und ging schnell zurück. Freiheit. Was war das schon? Er klingelte. Als sie öffnete, überreichte er ihr die Blumen, und während sie sich umarmten, fuhr er mit der rechten Hand vorsichtig durch ihre Haare, mit der anderen berührte er flüchtig ihren Wangenknochen.
Während sie in die Küche ging, um den Kaffee aufzusetzen, sah er ihr nach. Sie war immer noch sehr schön, groß ja, aber elegant groß. Mit starken Schultern an einem langen, zierlichen Oberkörper. Es erinnerte ihn immer an Ausdauer. Einmal hatte er eine Sendung gesehen über eine Frau, die den Ärmelkanal durchschwommen hatte. Sie hatte die gleichen Gliedmaßen wie Hanna. Er wusste, dass es noch jemanden gab. Drüben. Sie hatte nur einmal von ihm gesprochen, kurz bevor man sie damals in die Intensivstation geschoben hatte, wegen dem Tumor. Dann nie wieder. Er klappte das Bügelbrett zusammen. Aber früher oder später würde sie sich auf den Weg zu ihm machen, das wusste er. Er setzte sich auf das Sofa, sie brachte die Tassen und ordnete sie um die Keksdose an. Es war alles so wie immer. Dieselben Rituale, nur dass er zum ersten Mal nichts dabei tat. Keine Zeitung las oder einen Radiosender suchte oder aus dem Fenster sah. Er beobachtete sie, als hätte er sie gerade erst kennen gelernt, als sei sie eine Bedienung und er der Gast, der sich in sie verliebt hatte, ohne, dass sie davon Kenntnis zu nehmen schien. Immer wieder fuhr sein Blick an jener dunklen Haarsträhne entlang, die exakt die Konturen ihres rechten Wangenknochens umrahmte. Irgendwann bei einem Betriebsfest, zu dem sie nur ihm zuliebe mitgegangen war, obwohl sie nichts mehr verabscheute als diese VEB-Partys, hatte Kalle ihn zur Seite gezogen und gesagt, er habe in seinem ganzen Leben keine Frau gesehen, die so wunderbar aristokratische Gesichtszüge hätte, so elegant sei wie Hanna. Er hatte damals laut gelacht, „Kalle, du alter Sozialist, was weißt du denn von aristokratischen Zügen?”, und seinem Brigadeleiter für diesen Unsinn noch zwei Mal vor lauter Lachen auf die Schultern geklopft. Aber, vielleicht lag es an jenem weichen Licht, was nachmittags mitunter durch die Fenster fällt und die Menschen schöner macht, vielleicht lag es an dieser Haarsträhne, von der sich sein Blick immer noch nicht lösen konnte. Ihm war es, als hätte Kalle das eine Mal besser hingesehen als er selbst all die Jahre.
„Stell dir vor“, sie blieb kurz vor dem Tisch stehen, „heute haben Sie im Radio etwas von nachbarschaftlichem Verhältnis zwischen Ost und West gefaselt. Was die sich alles einfallen lassen, um ja nicht zuzugeben, dass wir auf dem besten Weg sind, wieder ein Land zu werden. Ist das nicht seltsam?“ Sie stellte die Kaffeekanne ab und setzte sich. Er sah aus dem Fenster.
„Hey“, sie stupste zärtlich mit ihrem Zeh an sein Knie. „Glaubst Du nicht auch, dass die Mauer bald fällt?“
Im Hof spielten die Nachbarskinder Räuber und Gendarm, er sah sie nicht an, als er ihr antwortete: „Nein, glaub ich nicht. Bestimmt nicht.“
Die Autorin:

Madeleine Prahs wurde 1980 in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, geboren. Sie ist dort und am Ammersee aufgewachsen. Sie studierte Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in München und St. Petersburg, 2007 erhielt sie das Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin, 2008 den Kulturförderpreis für Literatur der Stadt Landsberg am Lech.
