Marinne Frick
Marianne Frick, geboren und aufgewachsen im Schwarzwald. Nach dem Abitur Studium der Germanistik und Romanistik (M.A.) in Freiburg im Breisgau. Diplom-Sozialarbeiterin, Tätigkeit in der Gesundheits- und Erwachsenenbildung, lebt mit ihrer Familie in Südbaden. Inseltage ist ihr erster Roman.
Inseltage
Eins
Am Morgen war das Meer noch grau.
Gegen Mittag brach die Sonne in immer kürzeren Abständen hervor, und jedes Mal zielten ihre Strahlen auf mein Gesicht, gerade so, als lauere sie hinter den Wolken, um immer schon da zu sein, wohin ich mich wandte. Ich verließ das Deck noch ehe die Motoren gedrosselt wurden. Mit zusammengekniffenen Augen, die Ohren taub vom Knattern des Windes, fuhr ich von der Fähre, steuerte nach wenigen Kilometern den schmalen Randstreifen der Straße an und schaltete den Motor aus. Die Autos, die mit mir angekommen waren, fuhren in einer gleichmäßigen Reihe vorüber, danach war es still bis auf die jetzt fernen Schreie der Möwen, die es vorgezogen hatten, am Wasser zu bleiben. Es war noch ein wenig Zeit, bis ich den Schlüssel für das Haus in Empfang nehmen konnte. Ich stieg aus. Die Straße verlor sich in der Ferne, so leer wie die ganze Landschaft. Nichts als Wiesen und Himmel. Am Abend, wenn sich erst die Dunkelheit über die Insel senkte, hätte ich es geschafft, sagte ich mir. Niemand wusste, wo ich war. Vor Erleichterung bekam ich Lust zu rauchen, doch ich zögerte, befürchtete, der Gestank würde mir anhängen und einen schlechten Eindruck machen, am Ende würde man mir die vereinbarte Vermietung verweigern, mir, einer allein reisenden Frau, die nichts als ein paar Taschen bei sich führte, nicht einmal einen Hund oder ein Fahrrad, geschweige denn einen Mann. Ich sah eine Inselfamilie vor mir, bei der ich mich einschmeicheln musste, um diesen rettenden Schlüssel zu bekommen, Kinder, weizenblond wie in einer Margarinewerbung, die Kleidung fleckig vom Spiel auf Erde und Gras, die durch die Beine von Vater und Mutter lugten, während der Großvater auf bemalten Klompen um meinen schmutzigen Wagen schlurfte.
Doch zunächst ruhten nur die Blicke einiger Schafe auf mir, die sich langsam dem Zaun genähert hatten, der die Wiese vom Straßengraben trennte. Ich ging um den Wagen herum, lächelte sie an und sagte Hoi. Sie antworteten nicht, sie glotzten nur aus glasigen Augen, die Köpfe auf den plumpen Leibern schienen in Kränze aus Wolle gebettet wie in Osternester. Ihr Anblick besänftigte mich, ich atmete auf und fingerte eine Zigarette aus meiner Jackentasche, bemühte mich, an etwas anderes zu denken, an das Meer vielleicht, das nur einen Spaziergang von hier entfernt sein konnte, oder an die Dinge, die ich brauchte in den kommenden Wochen. Spülmittel, Streichhölzer, Toilettenpapier. Ich war froh, dass die Schafe nicht von der Schur bluteten. Das hieß, der Sommer war noch nicht da, noch war es Frühling, wenn auch ein ungewöhnlich warmer, doch das Hoch würde vorübergehen. Wie zur Bekräftigung blies ein plötzlicher Windstoß die Flamme meines Feuerzeugs aus. Eine Wolke schob sich vor die Sonne und nahm der Landschaft ihren Glanz. Ich steckte die Zigarette wieder ein. Gut so.
Zwei
Später, während ich einige der mitgebrachten Sachen in der Küche verstaute, dachte ich an das, was Adrian erzählt hatte. Im Sommer sterben viel mehr Menschen als zu jeder anderen Jahreszeit. Sie verdursten, sie ertrinken, sie schleudern mit dem Motorrad unter Leitplanken. Sie bringen sich um. Oder einen anderen. Zu Sommerbeginn, sagte er, an den Wochenendtagen mit dem schönsten Wetter, ist es am schlimmsten.
Das Holz des Küchenschranks hatte jemand mit weißer Farbe überstrichen, an einigen Stellen waren Luftblasen entstanden und aufgeplatzt. Ich kratzte daran herum, wie ich es als Kind getan hatte, sah meinen Vater, wie er Jahr um Jahr eine weitere weiße Schicht auf das bauchige Buffet strich, bis die Türen ungleich schlossen und meine Mutter ein Stück von einem Bierdeckel abriss und dazwischen klemmte. Einmal hatte er Türkis genommen, vielleicht war es modern gewesen, und einen ganzen Winter lang saßen wir beim Essen, von einer einzelnen Neonröhre schal beleuchtet, im Widerschein dieser Farbe wie in einem Aquarium. Ein Fetzen abgeblätterter Farbe blieb an meinem Zeigefinger hängen, ich schnippte ihn weg. Das Schrankinnere roch muffig, nach ranzigem Öl und feuchtem Holz, ich stellte die Sachen trotzdem hinein, ich wollte nicht sehen, dass etwas zu mir gehörte in diesem fremden Haus, nicht schon am ersten Abend.
Das Haus lag für sich, außerhalb der Ortschaft. Der Vermieter war ein junger Mann, der sich nicht für mich interessierte, ich hätte das Lächeln nicht üben müssen. Er erwartete mich an der verabredeten Adresse, reichte mir flüchtig die Hand und fuhr dann so schnell vor mir her, dass ich ihm kaum folgen konnte. Auf dem letzten, unbefestigten Wegstück wirbelte sein schwerer Wagen eine Staubwolke auf, die ich durchfuhr wie Nebel, bis ich vor mir Bremslichter aufleuchten sah. Zu unserer Linken lag das Haus, ein schmuckloser Würfel aus braunem Backstein, flankiert von einer Gruppe schmächtiger Birken. Das Gras rundum stand schon knöchelhoch, beim Aufdrücken des Gartentors köpfte der Mann ein ganzes Bouquet Löwenzahn. Aus der geöffneten Haustür schlug uns ein Schwall Kälte entgegen wie ein Gespenst, das aus dem Dunkel entwischt. Im Zwielicht des Windfangs blieb ich stehen, betrachtete die welkenden Löwenzahnköpfe, wartete auf den vertrauten Impuls zu gehen. Von innen wurden die hölzernen Fensterläden zurückgeschlagen, es wurde hell. Ich wandte mich dem Zimmer zu, ließ meinen Blick über die spärliche Möblierung und die ausgeblichenen Flickenteppiche schweifen, dachte, dass ich ein wenig bleiben konnte. Wir gingen zusammen durch das Haus, der Mann öffnete den Gashahn, schaltete den Boiler ein, führte mich durch die Hintertür in den Garten hinaus zum Schuppen, in dem das Ofenholz lagerte, die Gasflaschen, die Säcke für meinen Müll, den ich an bestimmten Tagen an die Straße stellen sollte. Zurück in der Küche gab ich ihm wie ausgemacht die Miete für zwei Monate im Voraus, er reichte mir seine Visitenkarte und ließ endlich den Schlüssel in meine ausgestreckte Hand fallen. Beim Überfliegen der Karte las ich den Namen Joop, steckte den Schlüssel in meine Hosentasche und ging mit Joop bis zum Gartentor, wo er zum Abschied sagte, auf der Insel sei alles sicher, ich bräuchte keine Angst zu haben. Why should I be scared, sagte ich, er zuckte nur mit den Achseln, startete seinen Pickup und ließ mich in einer neuerlichen Staubwolke zurück. Ich stellte mir vor, dass er auf dem Wagen Schafe transportierte, obwohl er ein makelloses T-Shirt von Abercrombie & Fitch trug.
*
Nach und nach lösten sich die Konturen der Zäune auf, die Wiesen verloren ihre Farbe, bis sie mit dem Himmel schwarz zusammenflossen, erst dann ging ich nach draußen, zündete die Zigarette aus meiner Jackentasche an und blies den Rauch in das mondlose Dunkel. Die Zweige der Birken rauschten sacht im Wind. Oder rauschte der Wind sacht in ihren Zweigen? Ich versuchte, es richtig herum zu denken, um nicht zu merken, wie sehr mir die Luft gefiel. Einmal waren zwei Freunde von Mike über den Ausdruck schwimmendes Fett in Streit geraten; sie kamen zu keiner Einigung in der Frage, ob damit gemeint sei, dass das Fett schwamm oder nicht vielmehr das darin Gebratene. Während der Debatte, die zunehmend hitzig wurde, hatten sie noch ein paar Bier gekippt, bis sie schließlich aufsprangen und mit erhobenen Fäusten aufeinander losgingen. Mike packte die beiden am Kragen und warf sie hinaus. Ob sie sich draußen geprügelt hatten oder ob sie, der Enge unserer verrauchten Küche entkommen, friedlich zusammen nach Hause gegangen waren, wusste ich nicht mehr, die Erinnerung brach an der Stelle ab, als ich ins Zimmer ging, um das Kind zu beruhigen.
Die Luft unter den Birken war frisch, ein wenig feucht. Als ich meine Zigarette austrat, bildete ich mir ein, das Meer riechen zu können, Salz, nasses Treibholz, Fische, aber vielleicht war es auch nur der Müll, der über die ganze Insel verteilt an den Straßenrändern auf seine Abholung wartete.
Ich schloss die Tür nicht hinter mir ab. Ließ die Läden offen, die Vorhänge, den hinteren Ausgang zum Garten. Im Dunkel liegend sah ich Adrian, der mich bis zum Haus begleitet hat und nun darauf wartet, dass das Licht oben in meinem Zimmer angeht, obwohl ich ihm versichert habe, es sei nicht nötig. Sicher ist sicher, hatte er gesagt, dabei hätte doch gerade er wissen müssen, wie wenig das stimmte.
Nachts wachte ich auf, weil etwas über das Dach strich, daran kratzte, Zweige oder Tiere. Im Halbschlaf sah ich Wolle, die sich hell vom Nachthimmel abhob. Ein Bild zog durch meinen Kopf, es war ein Gemälde von Segantini, das ich einst in einer Ausstellung gesehen hatte, es zeigte eine Bauernfamilie inmitten einer Herde Schafe, die in einem Boot über Wasser gerudert wurde. Ehe ich erneut in den Schlaf glitt, so unaufhaltsam, als versänke ich lautlos in einem finsteren See, nahm ich mir vor, Joop darum zu bitten, mich einmal auf der Ladefläche mitfahren zu lassen, wenn er die Tiere transportierte.
