Martina Klein: 831 Kilometer nördlich (Roman)
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Es war ein rundum grauer Tag. Margret trug einen grauen Hosenanzug und Frank einen grauen Pullover, als hätten sie sich ein letztes Mal abgesprochen. Franks Pullover hatte zwei kleine Löcher, eins oben am Hals, das andere am rechten Ellbogen, der, mit dem er beim Nachdenken immer sein Kinn abstützt. Margret natürlich von oben bis unten picobello, schließlich musste sie danach wieder ans Set.
Auch das Amtsgericht war grau, drinnen wie draußen, nur der Regen fehlte, keine Ahnung, was los war. Meine Eltern ließen sich scheiden, und der Wettergott unternahm nichts dagegen, dass mitten im Dezember die Sonne schien. Da hätte ich ein bisschen mehr Kooperation erwartet.
Ich saß, wie früher, zwischen Margret und Frank, auf einer hölzernen Bank im Flur des Gerichtsgebäudes. Die Anwältin hatte Verspätung. Keiner sagte was, oder wenn, habe ich es vergessen. Margret hatte mir vor dem Eingang auf den Stufen zugeflüstert, ich dürfte aufgeregt sein, das sei völlig normal und kein Zeichen von Schwäche.
In der Woche davor war ich sechzehn geworden, und das hier war meine erste Scheidung. Ich hätte nicht mitkommen müssen, kein Kind kommt freiwillig mit, doch ich bestand darauf, um auf dem Laufenden zu sein und auch so.
Nach einer kleinen Ewigkeit wurden wir gerufen, wie in einen OP.
„Herr und Frau Hugendubel?“
Eine Justizangestellte. Weil sie mich in ihrer Frage übersehen hatte, nickte sie mir zu. Ich nickte zurück, sie konnte ja nichts dafür.
Vielleicht wäre an dieser Stelle eine Vollnarkose angebracht, dachte ich mir, und die ruhig ein paar Monate lang, und dann wacht man auf und macht in einem anderen Leben weiter.
Der Familienrichter hatte graumelierte Haare, die oben weniger wurden, und einen graumelierten Bart. Seine Hornbrille leuchtete schwarz. Er las die Namen der Anwesenden von einem graugelben Zettel ab. Schaute auf und sah mich an.
„Und Sie sind (Pause) Ada?“
Rhetorische Frage, dachte ich, kenne ich, und man muss nicht drauf antworten, weil die Antwort bekannt ist.
Hey, ich bin Ada und ein Palindrom, und das ist weder eine Mehrzweckhalle noch eine seltene Krankheit, sondern bedeutet nur, dass ich von vorn und hinten gelesen gleich bleibe. Seit ein paar Jahren will mir das jeder Deutschlehrer, dem ich über den Weg laufe, als unfassbare Neuigkeit verkaufen. Dabei weiß ich Bescheid, und das so ungefähr seit ich Buchstaben lesen kann. Schnee von vorgestern.
Meinen Namen verdanke ich einer gewissen Ada Lovelace geborene Byron, das Licht der Welt erblickt am 10. Dezember 1815 in London. Sie war die erste Programmiererin der Welt. Mein Vater macht auch was mit Computern, und obwohl ich am 10. Dezember Geburtstag habe, werde ich das sicher niemals tun. Außerdem heißt eine Programmiersprache des amerikanischen Verteidigungsministeriums wie ich. Man kann sich also aussuchen, woher ich komme.
Im Nachhinein betrachtet schätze ich, mein Namensgebung war einer der wenigen Anlässe, an dem mein Vater sich gegen meine Mutter durchsetzte.
Angefangen hat übrigens alles auf einem Konzert von den Stones, die damals auch schon nicht mehr taufrisch waren. Meine Mutter und mein Vater sahen sich bei einem langsamen Song über ein paar Köpfe hinweg in die Augen, tauschten die Basics hinten bei den Toiletten aus, wo nicht so viel Krach war, sie ließ sich von ihm einen Orangensaft kaufen, und kurz darauf war ich unterwegs.
(Blog-Eintrag von Miss Hu, 1. Dezember)
Ich schaute mir den Richter genauer an und merkte, dass er schwitzte und einen Bauch hatte.
Ehrgeizig, pünktlich, Single, dachte ich, schläft vor dem Fernseher ein und besorgt es sich höchstwahrscheinlich selbst vor seinem PC oder morgens im Bett. Nicht Margrets Typ.
Er hatte keine Lust, meine Eltern zu scheiden, und dafür bekam er jetzt einen Pluspunkt von mir. Familienrichterin werde ich bestimmt auch nicht.
Der Richter blätterte in den Akten und murmelte etwas vor sich hin, das nicht schlecht klang. Margret und Frank hatten es ihm so leicht wie möglich gemacht. Sie waren sich einig.
„Wir sind voll zurechnungsfähig und erwachsen“, hatte Margret bei einem der letzten großen Familienessen gesagt, „und erwachsen werden wir das auch über die Bühne bringen.“
Frank hatte genickt, ich hielt mich raus. Margret als Psychoanalytikerin und Frank als Kybernetiker durften den ultimativen Durch- und Weitblick jeweils auf Lebenszeit für sich beanspruchen, das war klar. Nur naive, leicht beschränkte Menschen wie ich kamen auf die Idee, dass man sich bei einer Scheidung eventuell streiten könnte.
„Da wir als arme Studenten in die Ehe gegangen sind, gibt’s sowieso nicht viel zu verteilen. Ich schlage vor, Ada und ich behalten das Haus, und du nimmst, was dir gefällt, mit in deine neue Bude.“
Zum Schluss lächelten Margret und Frank sich an, und ich hätte mich fast an der Roten Grütze verschluckt, die wir als Nachtisch aßen.
„...Ada“, sagte der Richter.
Ich weiß nicht wieso, aber er tat mir fast leid. Ihm schien alles schwer zu fallen.
„Sie werden bei Ihrer Mutter wohnen bleiben und hier die Schule fortsetzen?“
Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Schon wieder was Rhetorisches. Und danach kam diese seltsame graue Stille, wie zuvor auf dem Flur.
„Nein“, sagte ich plötzlich. „Ich zieh mit Frank nach Kiel.“
„Ada?“ Margret fasste mich oben am Arm. „Stehst du unter Schock? Kann ich dir helfen?“
„Da sollte aber ehrlich gesagt elterliches Einvernehmen bestehen.“ Die Anwältin war inzwischen auch eingetroffen. Es gab nur eine, für beide Eltern, das reichte vollkommen und war billiger. Sie schlug vor, uns noch mal zu dritt auf dem Gerichtsflur zu beraten, Vater Mutter Kind.
„Kiel, das ist...“ Der Richter kratzte sich am Bart.
Übersprungshandlung, dachte ich, damit hat er nicht gerechnet, und es stört den Scheidungsablauf.
„Achthunderteinunddreißig Kilometer nördlich von hier“, sagte ich. „Ich möchte gern bei meinem Vater in Kiel wohnen. Ist das ein Problem?“
Margret atmete ein paar Mal tief durch. Ich spürte, wie ihr Blick mich von der Seite durchbohrte. Frank nahm meine Hand, und an der Art, wie er sie drückte, merkte ich, dass ihm das, was ich gesagt hatte, gefiel.
„Unsere Tochter ist sechzehn, und wir haben das gemeinsame Sorgerecht...“, sagte Margret mit ungewohnt leiser, beinah zittriger Stimme.
„Haben Sie sich das genau überlegt, Ada?“ Irgendwie wollte der Richter an mir seine Pflicht erfüllen. „Mitten im Schuljahr wechseln, neue Stadt, neue Klasse, neue Freunde, zusätzlich zur Scheidung Ihrer Eltern?“
Es war nett gemeint, doch ich hatte es mir genau überlegt. Ich hatte mir sogar eine Liste geschrieben.
Gründe, um aus Freiburg wegzuziehen:
- Nicht mit Felix wohnen müssen.
- Christopher nicht mehr sehen.
- Pauline geht für ein Jahr nach Australien, ich wäre also allein.
Gründe, um in Freiburg zu bleiben:
- Momentan keine.
Die Entscheidung lag auf der Hand.
Felix, Margrets neuer Lover, jedoch nicht der Scheidungsgrund, wollte nach Weihnachten bei uns einziehen. Wenn man großzügig rechnet, könnte er mein älterer Bruder sein, was offenbar niemandem außer mir aufgefallen war. Neulich beim Frühstück erzählte Felix, er sei als kleiner Erwachsener zur Welt gekommen, das heißt in Kopf und Seele um einiges älter, als er in Wirklichkeit ist. Damit wollte er nicht nur Margret beeindrucken, die in der Küche gerade Orangen mit der Saftmaschine auspresste und sowieso nichts hörte. Felix wollte sich vor allem bei mir einschleimen, und das war es, was mich störte. Ich mag einfach keinen Schleim.
Margret hatte Felix am Dreh-Set ihrer Sendung kennen gelernt. Er macht die Kamera, sie berät Leute, denen es dreckig geht, und das viermal pro Woche in einem süddeutschen Lokalsender.
Ob mir das peinlich ist? Ich glaube, viel peinlicher geht’s eigentlich nicht.
Ihre Praxis wird sie bald dicht machen, wenn das so weiter läuft. Ich habe den Verdacht, dass die Fernseh-Sache ihr wichtiger ist und sie hofft, demnächst in einer größeren Sendung bei einem größeren Sender zu landen, um am Ende richtig groß rauszukommen. Und so wie ich Margret kenne, schafft sie das.
Aber vielleicht war der Hauptgrund doch Christopher.
Er ging in meine Parallelklasse, und wir waren fast neun Monate zusammen. Waren. Zum ersten Mal bewusst zur Kenntnis genommen auf einer Party bei Pauline. Margret hatte viel an Christopher auszusetzen, das wertete ich als positives Zeichen. Zum Beispiel fand sie ihn oberflächlich und ungehobelt. Nach einer Weile verging ihm die Lust. Nicht, dass er mich langweilig fände, sagte er, und ich antwortete, so hätte ich auch keine Lust mehr. Er sagte, er wäre lieber frei, ich fragte: „Wofür?“
Bevor er in den Ferien auf einen Trip durch Marokko fuhr, schrieb er mir eine Mail. Er hatte nie viel geschrieben, nur ein paar Mal ganz am Anfang. Und dann das.
„Wenn ich wieder komme, sprechen wir über alles. Und ich weiß jetzt schon, du wirst mich verstehen. XOXO, C.“
Wo hatte er diesen Abschiedssatz geklaut?
Ich weiß jetzt schon, du wirst mich verstehen.
So was nennt man Manipulation, glaube ich. Margret könnte mir das erklären, aber ich habe sie nicht gefragt. Sie hätte gesagt, es sei völlig normal, dass ich einen Schmerz empfinde, als sei ich in der Mitte auseinander geschnitten worden, und darauf verzichte ich gern.
„Es ist gar kein Problem“, hörte ich Frank nun sagen.
„Okay, einverstanden“, fügte Margret hinzu, und ich wunderte mich nicht. Sie ist jemand, der sich schnell in den Griff kriegt, das hat sie ein Leben lang trainiert.
„Nichts gilt für die Ewigkeit. In deinem Zimmer bleibt alles, wie es ist. Du kannst jederzeit zurückkommen, falls du deine Entscheidung bereust.“
Sie schaute mir in die Augen. „Kompliment, die Überraschung ist dir gelungen.“
Ich sah gerade aus und traf genau die Hornbrille auf der Nase des Richters.
Wie ich mich fühlen sollte, wusste ich nicht, ob ich mich freute oder nicht. Aber etwas passierte, das war gut. Es ging weiter.
Die Autorin:
Martina Klein studierte deutsche und französische Literatur und Rhetorik an der Universität Tübingen sowie am Tübinger Studio Literatur und Theater (M.A.), anschließend an der Drehbuchakademie der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (Diplom).
Seitdem lebt sie als freie Autorin in Berlin. Sie schreibt Drehbücher für Film und Fernsehen, Theaterstücke und Prosa. www.martinaklein-berlin.com
