Martine Lombard: Herdenlauf



Kiefern und blattlose Buchen, die die Baracken verdecken, ich zoome mit meiner Kamera auf den verwitterten Baumstumpf davor: Isas aufmüpfiger Mund dicht an Riemas Katzengesicht. Selbstauslöser, hastiger Sprung ins Bild. Wir drei in Uniform.

Beim Rückweg in die Lagermensa kommen wir an der „Straße der Besten“ vorbei. Isa haut mit der Faust gegen einen der Schaukästen. Und das alles auf Kosten unserer Lebenszeit! Wenigstens bin ich dieses Jahr nicht dabei, wenn meine Mutter von der Leipziger Messe kommt und am Küchentisch ihr Westgeld zählt.
Vielleicht bringt sie dir ja was mit, meint Riema.

Professor Glitzer, seine Frage beim Seminar, zwei Tage vor unserer Abreise ins Wehrlager: Was ist das Schlechte am Glück und das Gute an der Freude? Keiner wusste es, und er sog genüsslich an seiner kalten Pfeife. Glück macht sich von äußeren Umständen abhängig. Deshalb hat’s keinen Bestand. Aber die Freude, die ist ihr eigener Herr, überall. Sie trotzt der Welt.

Kommandeur Waibl betritt die Mensa und breitet eine Strahlenschutzausrüstung auf dem Tisch aus: beinlange Schlappstiefel, Kapuzenjoppe und Schutzbrille.
Und wenn man keine hat? fragt Isa.
Hinlegen, Zeitung oder Aktentasche über’n Kopf, in Gegenrichtung zum Detonationszentrum. Waibl grinst. Aber mit Ausrüstung steigen natürlich Ihre Überlebenschancen.
Er schlüpft in die Stiefel, rollt sie wie Damenstrümpfe hoch und will sie an der Joppe festknipsen, doch die meisten Halterungen fehlen, in früheren Wehrlehrgängen abgerissen und nie ersetzt, überhaupt ist der graue Gummi spröde und rissig. Suchend fummelt Waibl zwischen seinen Beinen herum. Plötzlich hält er einen abgerissenen Straps in der Hand. In die betretene Stille hinein höre ich Isa prusten und husten, ihr hochrotes Gesicht verschwindet im Taschentuch, das müsste jetzt der Klassenfeind sehen, schnauft sie an meinem Ohr. Ich vertiefe mich in meine Mitschriften, meine Mundwinkel kribbeln gefährlich, wenn ich sie jetzt ansehe, ist alles verloren. Ein, zwei vorsichtige Lacher ringsum, Waibl richtet sich ächzend auf, sein Blick trifft erst mich, ich habe mich völlig im Griff, dann Isa, sie schnäuzt sich und geht hustend hinaus.

Morgendunst spinnt meine Atemwolken ein, während ich über den Sandboden laufe, trotz der Stiefel fast schwerelos. Das Keuchen der anderen liegt weit zurück, ich habe sie abgehängt.
Ich hole Luft und nehme die Anhöhe, die durch die Maschen des Drahtzauns den Blick auf braune, bis zur Landstraße reichende Felder freigibt, darüber Schwaden von Nebel, so zart, dass man hindurchsehen kann. Ich trete kurz auf der Stelle, dann lasse ich einen durchdringenden Jodelschrei aufsteigen, der sich jenseits des Maschendrahts verliert. Das Gefühl, für einen kurzen Moment ganz ich selbst zu sein und mich der Welt zu öffnen. Meinte Professor Glitzer das?
Ein Hase fegt über den Weg und verschwindet hinter den noch winternackten Schlehen. Beim Weiterlaufen sehe ich seine blitzschnell grabenden Pfoten, die Kuhle unter dem Zaun.
Hügelabwärts, Ziel.
Bestzeit, ruft Waibl und schiebt das Käppi zurück. Dein Foto kommt auf die Straße der Besten.

Ein Getümmel nackter Frauenoberkörper, Brüste, Deosprays. Isa lehnt blass an einem der Waschbecken. Du, Nono, ich kann mich nicht vor denen waschen, ich habe meine Tage.
Im Küchenbereich hinter der Mensa entdeckt Riema einen Warmwasseranschluss. Wir lungern dort herum, bis vorn in der Mensa Waibls Vorlesung beginnt. Dann reißen wir uns die Uniformen vom Leibe und spritzen uns gegenseitig mit dem Schlauch ab. Die Stiefel glänzen wie schwarze Aale an unseren nackten Beinen. Stellt euch vor, meint Riema seelenruhig, Waibl befiehlt jemandem nachzusehen, ob hier etwa ein Wasserhahn läuft. Wegen der Ressourcenknappheit, füge ich hinzu. Oder er kommt selber nachsehen, mit Strapsen und Schutzbrille. Wir japsen und winden uns in Stummfilmposen.
Da geht die Tür auf, und wir erstarren. Doch es ist nur die Putzfrau. Sie nimmt keine Notiz von uns, füllt nur ruhig ihren Eimer.
Kurz darauf schleichen wir mit nassen Haaren an unsere Plätze, im Rücken die scheelen Blicke der anderen.

Isa ist zu Waibl bestellt. Jemand muss ihm die Bemerkung über den Klassenfeind zugetragen haben. Riema und ich begleiten sie bis zu seiner Baracke, dann zieht mich Riema zum Medizinstützpunkt, wo ein Arzt nach Versuchspersonen für seine Doktorarbeit sucht. Was soll denn das für ein Thema sein? frage ich, während wir uns in den Kabinen ausziehen. Keine Ahnung. Irgendwas mit Biegsamkeit. Jedenfalls ist er ein vom Himmel gefallener Zivilist. Riema lacht.
Sie lässt sich von ihm Messgeräte an Ellbogen und Knie schnallen und schwebt als erste über den mit Kreide gezogenen Strich, eine Elfe in Unterwäsche. Die Augen des Arztes wandern langsam über ihre hauchdünnen Kniestrümpfe und verweilen am schattigen Dreieck ihres Höschens, das ich wiedererkenne, ein Geschenk von Isa aus dem Exquisit, aber eigentlich aus dem Kleiderschrank ihrer Mutter, Reizwäschefach, für ihre Messefahrten.
Ich bin sicher, Sie schaffen’s mit den Fingerspitzen bis zum Boden. Der Arzt steckt das Stiftende in den Mund. Riema macht sich geschmeidig, ihre Armreifen streifen sacht das Linoleum, im Lampenlicht schimmert ihr Höschen, das ich plötzlich gern zerreißen würde.
Durchs Fenster sehe ich Isa aus Waibls Baracke kommen, unendlich langsam.

Sie hat verweinte Augen und sagt nichts. Faltet ein Papier und stopft es in die Tasche ihrer Uniformhose. Musstest du was unterschreiben? Doch sie bleibt nicht stehen, ich haste ihr nach, bis sie um die Ecke biegt und ich allein vor dem schiefen Schaukasten stehe und den Kopf wegdrehe, vielleicht hat Waibl hängt wirklich mein Foto hineingehängt. 
Nach ein paar Schritten lande ich auf auf unserer gestrigen Laufstrecke. Kahle Büsche, dahinter Stacheldraht. Die Freude ist ihr eigener Herr, überall.  Warum braucht Professor Glitzer dann einen Flachmann? Einmal habe ich gesehen, wie er ihn herausgeholt hat. Letztes Jahr ist ihm die Frau weggestorben.

Am nächsten Tag meldet sich Isa freiwillig. Plötzlich steht sie vor uns auf dem Exerzierplatz und schleudert Befehle. Sie lässt mich vortreten, nimmt mir das Käppi vom Kopf, an dem ein Rest Quarkspeise vom Mittagessen klebt. Ich muss lachen. Die anderen lachen auch. Lauter und kollektiver als bei Waibl. Über mich. Nur Isa nicht. Sie sieht an mir vorbei, der Mund ein schmaler Strich.
Waibl legt ihr seine fleischige Hand auf die Schulter. Klare Befehle, klare Autorität.

Vor einer Baracke auf einer Lichtung machen wir Halt. Waibl zieht den Zünder einer Tränengasgranate, wirft sie ins Barackeninnere und brüllt Gasmasken über! Wir greifen zu unseren Umhängetaschen, Waibl drückt auf die Stoppuhr. Auf sein Handzeichen tritt das erste maskierte Mädchen in die Baracke. Irgendwann nickt er in meine Richtung. Ich setze mich in Bewegung, doch etwas hält mich zurück, ich zögere, bleibe stehen. Waibl macht einen Schritt auf mich zu, aber ich springe weg, stehe ein paar Meter von ihm entfernt, meine Schläfen dröhnen unter der Maske, die sich bei jedem panischen Atemzug an meine Ohren saugt. Ich kann nicht, röhre ich, fahre mir über die Stirn, wo die Maske groteske Runzeln schlägt. Waibl winkt ab und dreht sich um, ich lecke schwitzige, nach Talk schmeckende Tränen.
Beim Abendappell werden die Gruppenergebnisse verlesen. Wir haben am schlechtesten abgeschnitten. Ein Mädchen fängt an zu weinen.
Der Märzwind rüttelt an den Fenstern. Ich liege auf dem Bett und kritzle „Freude“ auf einen Zettel. Ich überlege und kritzle „Lebenskunst“. Dazu fällt mir Riema ein, mehr nicht.
Isas Stimme holt mich zurück. Sie stützt sich auf ihr Kopfkissen. Was ist los mit dir? ruft sie mir durch die Baracke zu. Erst bin ich fassungslos, dann frage ich zurück: Macht ihr denn alles mit? Das Mädchen, das beim Appell geweint hat, meint: He, du willst bloß die Vorteile vom Studium, ohne was zu leisten. Drückst dich beim Arzt rum, schwänzt die Ausbildung, machst den Durchschnitt kaputt. Und kriegst Leistungsstipendium. Wir würden auch gern mal warm duschen!
Riema ist irgendwo draußen.

Das Stroboskop zerhackt meine Bewegungen und die der trunkenen Gestalten um mich herum. Bei der langsamen Runde stelle ich mich an den Rand. Riema hängt plötzlich am Hals des Arztes. Sie zwinkert mir zu. Ich werfe den Kopf wild nach hinten und schließe die Augen, vielleicht wache ich ja woanders auf.
Auf dem Weg zur Baracke fällt mir ein, dass ich Isa den ganzen Abend nicht gesehen habe. Seit gestern haben wir kein Wort miteinander geredet.
Sie ist nicht in der Baracke. Ich gehe zurück zu den Klos, steige über eingeweichte Papierfetzen und rüttle an der einzigen verriegelten Tür. Komm doch raus, bettle ich.
Nach einer langen Weile macht sie auf, kreidebleich und so verkrampft, dass ich sie in die Arme nehme. Was ist denn, wispere ich. Hat Waibl dir wegen deiner Mutter gedroht? Sie lacht, ach was, soll die Alte doch anschaffen gehen. Dann hält sie abrupt inne. Aber du mit deinem Scheißheldentum. Ihr Blick flackert in meinem Gesicht herum, ihr Atem riecht nach halbverdautem Alkohol. Hast du dich mal gefragt, was das bringt, he? Sie kichert schrill und heult plötzlich los. Und was machst du für Scheiß, brülle ich zurück. Wirst plötzlich tausendprozentig, und das soll man dir glauben.
Ich hake sie unter, auch wenn sie nicht will, und führe sie zur Baracke. Auf der Leiter zum Doppelstockbett knicken ihre Beine weg wie die einer Kasperpuppe. Ich stemme sie hoch, eine Pobacke in jeder Hand.

Riema hat über Nacht eine Uniformallergie bekommen. Zu sehen ist nichts. Isa sucht prüfend Riemas Gesicht ab. Riema wedelt mit einem Zettel, ein Termin bei Bodo. Obwohl ich den Arzt nicht mag, gehe ich mit, aus Gewohnheit. Und wegen der Verlassenheit, die sich in mir breit macht.
Riema verschwindet in einer Kabine. Willst du mal die Allergie-Übeltäter sehen? Bodo zeigt mir ein Mikroskop, darunter zwei kopulierende Milben, er lehnt dicht hinter mir, sein Bart berührt meine Haare.
Riema zieht den Vorhang zurück, sie trägt einen rosa Wuschelpullover und Jeans, die sie sich in einer Plastiktüte mitgebracht hat. Dann holt sie einen winzigen Taschenspiegel heraus und fährt sich die Lippen rot nach. Lass dir doch auch eine Uniformbefreiung ausstellen, Nono. Sie zwinkert in den Spiegel. Statt immer auf Märtyrer zu machen. Wortlos stapfe ich aus der Praxis. Na dann leide eben, ruft sie mir nach.

Heute werde ich einundzwanzig. Riema hat mir kurz gratuliert. Beim Appell gab mir Kommandeur Waibl zwei Geburtstagsküsse auf die Wangen. Dann meldet sich Isa: Ich schlage im Namen aller vor, die Gasmaskenübung heute zu wiederholen, damit Nono den Gruppendurchschnitt verbessern kann.
Kiefernnadeln zersprengen, als ich die Anhöhe nehme. Ich ziehe das Küchenmesser aus der Gasmaskentasche und versinke hinter den Schlehen, während die anderen vorüberziehen. Riema fehlt, sie hilft jetzt in der Küche. Isa sitzt seit heute Morgen am Tisch der Ausbilder.

Ich wickle das Messer aus und beginne, dicht über der Kuhle, die der Hase ausgehoben hat, am Stacheldraht zu sägen. Es geht nur millimeterweise vorwärts, meine Finger werden rostfarben und blutig, ich säge wie besessen weiter.
Von der Lichtung unten dringt Waibls Schnarren: Gasmasken über! In dem Moment geben die Drähte nach. Ich dehne das Loch und krieche hindurch.
Als ich losrobbe, wird mein Kopf schmerzhaft nach hinten gerissen. Mein erster Gedanke: Waibl. Dann begreife ich, ich bin von meinen eigenen Haaren gefangen, und mein Messer steckt wieder tief in der Gasmaskentasche, die ich  noch immer umgeschnallt habe, und da ist kein Herankommen. Ich winsle vor Wut und muss doch stillhalten in meiner selbstgebauten Falle.
Aus Ihnen wird mal was, Nono. Professor Glitzers Stimme, seine wasserblauen Augen, die die Welt gesehen haben und doch nicht sehen, dass aus mir hier nichts mehr wird.
Als ich mir die Haarwurzeln ausreiße, heule ich auf. Es ist eine Rodung, ein Brand, ein Verlust.
In den Maschen klemmt ein braunes Büschel, wie Hasenfell. Ich taumle rückwärts, dann fange ich an zu rennen, schlage Haken über die braunen Furchen, der Wind fährt scharf über die glühende, frierende Stelle an meinem Kopf. Im Laufen schleudere ich die Gasmaskentasche weg, die gegen meine Hüfte schlägt.
Keuchend stehe ich vor der Chaussee. Ein Wartburg hält, die grauhaarige Frau am Steuer nickt mir zu und deutet auf die Thermoskanne neben sich, das Aroma dringt durch die offene Tür bis zu mir.
Glück duftet nach Kaffee.






Die Autorin:

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Geboren 1964 in Dresden, lebt mit ihrer Familie in Straßburg. Sprachen-, Germanistik- und Dolmetscherstudium in Berlin und Paris. Übersetzungen für Kunstbuchverlage und Literaturzeitschriften, Arbeit in Paris und Brüssel, jetzt bei ARTE in Straßburg. Bisher eine eigene Veröffentlichung in einer Anthologie, mehrere Projekte in Arbeit, darunter ein Roman.