Milly Mille
Milly Mille, geboren 1978 in Buchholz in der Nordheide, studierte Frühkindliche und Elementarbildung in Heidelberg. Von 2000 bis 2007 in Spanien als Sprachlehrerin auf den kanarischen Inseln, als Veranstalterin von Kajaktouren auf dem Atlantik sowie auf einem Segelkatamaran vor der Küste Barcelonas. Lebt seit 2011 in Berlin und arbeitet an einer internationalen Schule. Schreibt Geschichten, Gedichte und Lieder für Kinder.
Rudi Rumkugel und das Geheimnis des Schlossgartens (Kinderbuch)
Mittendrin in Mittendrin
Weit hinter den Zuckerbergen, hinter den Winden und den höchsten Baumwipfeln befand sich ein kleines Städtchen. Das Städtchen lag an einem Fluss zwischen zwei Hügeln und trug den eigentümlichen Namen Mittendrin. In den Geschichtsbüchern steht nichts darüber geschrieben, wie das Städtchen zu seinem Namen kam. Die Einwohner jedoch erzählten sich mancherlei Geschichten über den Ursprung des Namens des kleinen Ortes.
Die geheimnisvollste unter den Legenden, die sich um den Namen des Städtchens strickten, erzählte davon, dass vor den Toren des Mittendrinner Schlosses ein großes Geheimnis verborgen war. Welche Art von Geheimnis, ob nun eine Schatzkarte, eine unterirdische Zuckergussquelle oder vielleicht ein Zauberzylinder, das vermochte niemand zu sagen. Aber schenkt man dieser Geschichte Glauben, befand sich irgendwo inmitten der Grünanlagen des großen Schlosses, wo einst König Georg Guglhupf der Letzte seine Nachmittagsspaziergänge getätigt hatte, etwas sehr Geheimnisvolles. Was auch immer es war, es schwebte nicht über dem Königsgarten, lag nicht unter dem Königsgarten, auch nicht am Rand oder vorne links, sondern MITTENDRIN – und so sei die kleine Stadt zu ihrem Namen gekommen.
Diese Legende erfreute sich größter Beliebtheit bei Groß und Klein und wäre es nicht ausdrücklich untersagt gewesen, dann hätte sich so manch einer mit dem Spaten im Schlossgarten auf die Suche gemacht. Sehr lang war sie, die Liste der Dinge, die im Schlossgarten verboten waren – sehr, sehr lang. Es war verboten zu buddeln, umher zu schleichen, zu spionieren, zu schnüffeln und zu spähen. Auch das Mitbringen gewisser Gegenstände war nicht erlaubt: Lupen, Metalldetektoren, Kameras, alle Arten von Schaufeln und sogar Notizzettel. Doch Verbote konnten diejenigen, die wirklich auf der Suche waren, nicht bremsen. Manche von ihnen waren von weither angereist, um zu schnüffeln und zu spähen und so das Geheimnis zu ergründen.
Schlossgärten sind ein beliebtes Ausflugsziel für Sonntagnachmittage. Auch hier auf Schloss Guglhupf kamen sehr viele Besucher. Sie taten, was Gäste in anderen Schlossgärten auch tun: umher spazieren, Picknickdecken ausbreiten, die Aussicht genießen, die Pflanzenvielfalt bestaunen, singen, lachen und sogar tanzen. Doch etwas war anders hier im Mittendrinner Schlossgarten. Auf den ersten Blick bemerkte man es vielleicht nicht, doch wer genauer hinschaute, konnte einige ungewöhnliche Dinge beobachten. Es hatte mit der Art zu tun, wie sich die Leute umschauten: wie sie um die Büsche schlichen, wie sie durch die Löcher spähten, die sie in ihre Zeitungen geschnitten hatten, wie sie scheinbar beiläufig unter ihre Picknickdecken blickten.
Die Besucher von Schloss Guglhupf kamen häufig allein. In Schlossgärten ist das ungewöhnlich, es sei denn, es handelte sich um Dichter, Denker, Maler oder Komponisten, die hier Ruhe oder neue Ideen und Inspirationen zu finden hoffen. Diejenigen jedoch, die hier ein jeder für sich um die Büsche schlichen und aus nächster Nähe die Blätter der Hecken betrachteten, sahen nicht danach aus, als wäre ihr Interesse von künstlerischer Natur. Diese Besucher wurden von den Einheimischen für gewöhnlich als „Spürhunde“ bezeichnet.
Schlösser gibt es viele. Häufig stehen sie auf Bergen und nicht selten stehen sie leer. Viele kann man besichtigen und an Schlossführungen teilnehmen. In manchen gibt es Cafés oder Souvenirläden. In längst vergangen Zeiten jedoch wurden sie von Königen, Königinnen und königlichen Hofhunden bewohnt. Auch Schloss Guglhupf von Mittendrin blickt auf eine lange und mehr oder weniger prunkvolle Geschichte zurück. Bevor wir uns nun also weiter in das Leben des Städtchens hineinbegeben, lasst uns noch etwas weiter zurückblicken. Wir blicken zurück hinter die schweren, dicken Steinmauern des Schlosses und fragen uns:
Wer war eigentlich dieser König Guglhupf?
König Guglhupf, so sagt man, sei ein wahrer Genießer gewesen. Man nannte ihn auch den Schlemmerkönig. Die Regierungsgeschäfte kümmerten ihn wenig, er aß lieber. Er schmauste viel und gern und am allerliebsten Gebäck verschiedenster Art und Herkunft. Es heißt, er sei ein guter König gewesen, großherzig und mit offenem Ohr für die Anliegen seiner Untertanen. Sein Ohr öffnete sich für Worte, die man zu ihm sprach und sein Mund öffnete sich für Leckereien, die man ihm anreichte. Wer zu ihm kam, fand ihn für gewöhnlich am Kopf einer gedeckten Tafel, der Mund schokoladeverschmiert und genüsslich schmatzend. Über die Jahre wurde er immer rundlicher. Bald begannen seine Leibärzte sich um seine Gesundheit zu sorgen. Sie verordneten ihm eine Diät: kein Kuchen und keine Torten mehr – nur an seinem Geburtstag, da durfte er nach Herzenslust Kuchen und Torten naschen. Doch die Diät passte dem König nicht, er bekam sehr schlechte Laune: Seine Heuler und Seufzer waren bis in die letzten Winkel des Städtchens zu vernehmen. Es dauerte nicht lange, da kam er auf die rettende Idee: Der König rief seine Untertanen herbei, um in feierlichem Ton ein neues Gesetz zu verkünden: „Von nun an, das heißt ab heute, ist an jedem, ich betone jedem Tag mein Geburtstag! Man möge mich feiern, mir Lieder singen und große, einzigartige, königliche Geburtstagstorten backen.“ Kaum hatte er die Worte gesprochen, erhob er sich und begab sich direkt zur königlichen Tafel, wo er am Kopfende Platz nahm und sich in freudiger Erwartung eine golden glänzende Serviette um den Hals legte.
Da half aller Protest seiner Ärzte nichts, denn er war ja nun mal der König und wenn der König beschloss, jeden Tag Geburtstag zu haben, dann blieb einem nichts anderes übrig als ihm jeden Tag zu gratulieren. So kam es, dass das Leben des Königs von nicht allzu langer Dauer - dafür aber ein sehr glückliches und zufriedenes war.
Mitten durch Mittendrin floss (und fließt bis heute) ein kleines Flüsschen namens Lieselotte. Anders als im Fall des Städtchens ist hier der Ursprung des Namens ganz eindeutig in den Geschichtsbüchern verzeichnet: Es gab eine junge Frau, die der König ebenso sehr begehrte wie seine geliebten Leckereien: Lieselotte. Zum großen Leidwesen des Königs wurde seine Liebe nicht erwidert. Er weinte beinahe so laut wie zur Zeit seiner ärztlich verordneten Diät. Dass er später behauptete, im Fluss flossen nichts als Tränen, die er um Lieselotte geweint hatte, hielten manche für eine königliche Übertreibung. Dennoch benannte er den Fluss nach Lieselotte. Als die junge Dame das erfuhr, war sie so gerührt, dass ihr Herz sich erwärmte. Eine kleine Liebe zum romantischen Schlemmerkönig begann darin zu wachsen und erlosch bald darauf wieder. Lieselotte war ein braves, fleißiges Mädchen und für die Leidenschaften eines schlemmenden Königs gab es in ihrem Leben keinen Raum.
Der König, seine Geburtstage, sein krümeliges Gelächter und die hungrigen Seufzer, das alles ist schon sehr, sehr lang her. Im Städtchen hatte sich seither vieles verändert. Das Leben der Einwohner war moderner geworden. Kein neuer König bewohnte das Schloss auf dem Hügel, das Oberhaupt von Mittendrin war nun der Bürgermeister Ede Kleber. Ihn werden wir später kennenlernen.
Das Flüsschen Lieselotte folgte weiterhin seinen gewohnten Wasserwegen. Wie viele Tränen trauriger Uferbewohner sich seither im Flusswasser gesammelt haben, durch das Tal und weit bis ins Meer geflossen sind, das vermag niemand zu sagen.
Osthügel und Westhügel
Mittendrin kann man sich in etwa so vorstellen: ein Hügel rechts, ein Hügel links und mittendrin liegt Mittendrin. Auf dem rechten, dem Westhügel, steht das Schloss Guglhupf. Der Schlossgarten erstreckt sich über den Bauch dieses Hügels, großzügig und hübsch angelegt. Gegenüber des Westhügels lag (Wie sollte es anders sein?) der Osthügel. Früher hatten hier auf dem Osthügel mal ein paar Schafe gestanden, doch die waren inzwischen umgezogen und grasten an Lieselottes Ufern, weiter unten im Tal. Somit war der Osthügel für einige Zeit unbewohnt. Genauer genommen war er bis zu jenem Morgen unbewohnt, an dem unsere Geschichte nun beginnt.
Ein besonderer Morgen
Ein Schleier nebliger Morgenmüdigkeit lag über der Stadt, als die Bewohner an diesem frühen Tag nach und nach aus ihren Betten stiegen. Noch hatte niemand bemerkt, dass sich über Nacht etwas Sonderbares ereignet hatte. Es war wohl Leila Ledertreter, Tochter des Schuhverkäufers, die es als erste sah. Als sie die an diesem Mittwochmorgen die Gardinen ihres Kinderzimmerfensters aufzog, um der hinter dem Osthügel aufgehenden Sonne entgegen zu lächeln, glaubte sie nicht, was sie sah. Später erzählte sie ihrem Vater, sie sei in diesem Moment sicher gewesen, eigentlich noch zu träumen. Leila Ledertreter schloss die Gardine schnell wieder und rieb sich die Augen. Dann erst wagte sie die Vorhänge wieder einen Spalt zu öffnen und hinauszublicken. Es war immer noch da. Sie rief nach ihrem Bruder. Auch ihr Bruder Bruno wollte seinen Augen nicht trauen, als er neben Leila ans Fenster trat. Was war das? Das war doch gestern noch nicht da gewesen? Bruno und Leila starrten wortlos hinauf zum Osthügel.
Ähnlich erging es Ede Kleber, dem Bürgermeister von Mittendrin. Wie üblich wurde er vom viel zu schrillen Klingeln seines Weckers jäh aus dem Schlaf gerissen. Ohne die Augen zu öffnen, haute der kleine Mann auf den Wecker und tastete nach seiner Brille, die er auf dem Nachttisch abgelegt hatte. Mit der Brille auf der Nase wälzte er sich aus dem Bett, streckte sich und gähnte dabei lautstark. Plötzlich verwandelte sich das Gähnen in einen spitzen Aufschrei! Nun hatte auch Ede Kleber aus dem Fenster auf den Osthügel geblickt. Wild raufte er sich die wenigen Haare, die ihm noch blieben, so dass diese bald in alle Richtungen abstanden. „Das… das … ist … ja… ein Ungeheuer! Ich meine ungeheuerlich! Wer hat das erlaubt? Ich bin der Bürmergeister.. ääh Bürgermeister! Warum weiß ich nichts… äh davon?? Empört! Jawohl, das bin ich!“
Schnell wie ein Wirbelwind hatte sich die Neuigkeit herumgesprochen und nun standen die Einwohner Mittendrins an den Fenstern, auf den Terrassen und in den Straßen und blinzelten ebenso überrascht wie neugierig ins Licht der Sonne, die nun direkt über dem neuen geheimnisvollen Bauwerk auf dem Osthügel stand. Die Leute hatten sich in kleinen Gruppen versammelt und zeigten aufgeregt hinauf zum Hügel während alle wild durcheinander redeten.
Was auch immer es war, das dort oben stand, es sah irgendwie lecker aus. Die Stimme eines kleinen Kindes wagte es zuerst das auszusprechen, was die meisten dachten: „Ein troßer Tuchen, auf dem Hüdel!“ Einer der es gehört hatte rief sogleich: „Die Kleine hat Recht, das ist ein großer Kuchen, auf dem Hügel! Nein, nein, es ist eine… eine.. Riesenschokoladensahnetorte!“.
Wenn etwas ganz Überraschendes geschieht, etwas womit man wirklich überhaupt nicht gerechnet hat, dann kann es passieren, dass die Leute seltsam reagieren. Einige solcher merkwürdigen und im Grunde genommen sinnlosen Reaktionen konnte man auch an diesem Morgen in Mittendrin beobachten. Ein junger Mann zum Beispiel fing an, lauthals zu lachen, ein Lachen, das einige um ihn herum ansteckte. Sie zeigten auf den Hügel und krümmten sich vor Lachen, sie glucksten und kreischten und schnappten nach Luft. Der junge Mann lachte sogar so sehr, dass er sich auf den Boden warf und im Gras wälzte. Andere in seiner Nähe fanden das Lachen gar nicht ansteckend und das Objekt auf dem Hügel offenbar gar nicht amüsant. Ihre Augen wanderten ungläubig, beinahe misstrauisch zwischen den Lachenden und dem Hügel hin und her. Manche Leute bekamen es mit der Angst zu tun. Sie hielten es für möglich, dass Außerirdische gekommen waren und sie entführen oder schlimmstenfalls sogar aufessen wollten. Wieder andere machten sich ernsthafte Sorgen um ihre geistige Gesundheit und meinten, sie seien verrückt geworden, denn das plötzliche Auftauchen einer riesigen Schokoladentorte war einfach zu unglaublich um wirklich geschehen zu können. Jahrelang waren sie Morgen für Morgen aufgestanden in der Gewissheit, Schloss Guglhupf auf dem Westhügel, Fluss Lieselotte in der Mitte und allenfalls ein paar grasende Schafe auf der ansonsten freien Ebene des Osthügels vorzufinden. Nun thronte mitten auf dem Osthügel etwas, das wahrhaftig die Gestalt einer riesigen Schokoladentorte hatte. Sie war rundum verziert mit bunten Kringeln und Kerzen oder etwas, das aussah wie Kerzen. Aus einigen stieg Rauch auf, so als seien es als Kerzen getarnte Schornsteine. Dazwischen befanden sich kleine Sahnetürmchen. Oben drauf, genau in der Mitte, parkte ein im Sonnenlicht glitzernder rosafarbener Hubschrauber auf einer Plattform, bei der es sich auch um einen Keks oder eine herzförmige Waffel hätte handeln können.
„Kneif mich mal, Susie,“ bat der Mittendrinner Schlachtermeister seine Frau. „Nein, Bodo, du träumst nicht, ich sehe es auch“, antwortete Susie. Kurz trafen sich ihre Blicke, um dann gleich wieder mit offenen Mündern hinauf auf den Berg zu schauen, wo sich in diesem Moment etwas bewegte.
An der Seite der Torte öffnete sich eine kleine runde Tür und hinaus spazierte eine kleine Gestalt. Aus der Ferne ließ sich erahnen, dass die Person eher nicht so hoch gewachsen und mit einer wuscheligen roten Haarpracht geschmückt war. Neben der Tortentür lehnte eine Leiter, die auf den Schokoguss der Torte hinaufführte. Diese kletterte der geheimnisvolle Gast flink empor, um gleich darauf in den Hubschrauber zu steigen und senkrecht gen Himmel abzuheben.
Wenn die Leute vorher erstaunt gewesen waren, waren sie nun vollends verblüfft. Alle, aber wirklich alle Augen folgten gebannt dem Flug des Helikopters. Es schien beinahe so, als wüsste der Pilot dies, als spielte er mit der Aufmerksamkeit der Bürger Mittendrins. Er flog hinauf, hinauf, hinauf und verfolgte dort oben einen merkwürdigen Zickzackkurs. Dann begann er zu kreisen, zog Spiralen vor der Sonne, so dass es den hinaufblickenden Zuschauern beinahe schwindelig wurde. Die Hubschrauberspiralen wurden immer größer und das Flugobjekt kam immer näher, seine Kreise ebenso drehend wie die Mittendrinner ihre Köpfe. Bald begann den ersten der Nacken zu schmerzen, während sie mit langen Hälsen und großen Augen in die Luft starrten. Als der Pilot direkt über der Stadt, also direkt über den Köpfen der Bewohner angelangt war, setzte er zur Landung an. Er wollte sein Luftgefährt wohl mitten auf dem Marktplatz landen. Das tat er ebenso schnell, wie er in die Lüfte hinauf gestiegen war. Er sank rapide hinab in Richtung Erde, hinab auf den Marktplatz.
Von oben aus der Luft betrachtet hätte man meinen können, die Menschen seien Eisenspäne, und der Hubschrauber in der Mitte ein großer Magnet. Aus allen Richtungen setzten sie sich in Bewegung zum Marktplatz, der sich im Stadtzentrum an Lieselottes Ufer befand.
