Nicola Nürnberger

Nicola Nürnberger, geboren 1969 in Frankfurt am Main, aufgewachsen in der hessischen Provinz, seit 1991 in Berlin. Studierte Theaterwissenschaft, Soziologie und Germanistik in Erlangen und Berlin. Lebt und arbeitet seit 2006 in Kleinmachnow.


Westschrippe (Roman)


Mittlerer Westen

Frau Schmidt hatte ihren kleinen Laden in einem kleinen, bäuerlichen Dorf irgendwo im Westen, in dem auch ich plötzlich gelandet war, nicht ganz so weit im Westen, eher fast Zonenrandgebiet und nicht zu weit nördlich, aber auch nicht südlich. Der Laden machte was her in dem buckligen Dörflein, das Haus in der Mitte des Dorfes hatte etwas Offizielles, war nicht aus schiefem Fachwerk, wie die meisten anderen Häuser im Ort, sondern war ein roter Klinkerbau, fast wie ein hanseatisches Handelshaus. Die Vorderseite zur Hauptstraße hin war mit grauem Marmor verkleidet (jetzt zweifele ich gerade ernsthaft, dass es sich um echten Marmor gehandelt haben mag, aber die letzten 30 Jahre war ich fest davon überzeugt). Und, er lag an der Haupt-Straße. Die Tür ließ sich, wenn man es schaffte, zu den Öffnungszeiten zu kommen, nach Innen aufschieben und dann klingelte es im Raum hinter dem Laden. Daraufhin kam Frau Schmidt, eine kleine, nicht gerade sympathisch wirkende Frau mit braun gefärbtem Haar, das auf ihrem Kopf zu einem unbeschreiblichen Gebirge aufgetürmt war, nach vorn, wo der Boden ganz klassisch schwarz weiß gefliest war. Sie baute sich, soweit ihr das in ihrem kleinen, in eine Kittelschürze gestopften Körper möglich war, hinter einer Glastheke auf um erwartungsvoll die Wünsche der Eindringlinge zu hören. Obwohl der Laden ganz modern wie ein Mini-Supermarkt aufgebaut war, war es streng verboten, sich selbst zu bedienen. Meine Mutter, die 'Zugezogene', hatte es kurz nach ihrer  Ankunft im Dorf gewagt, den Laden zu betreten um Bananen zu kaufen, die ihr durchs Schaufenster sonnig-gelb entgegen lachten. Auf ihre Bitte nach Bananen hin ging Frau Schmidt wieder nach hinten, um nahezu komplett braune Bananen zu holen und sie auf die Waage zu legen. Als meine Mutter bestimmt anmerkte, dass sie doch lieber die gelben hätte, erklärte ihr Frau Schmidt, dass die braunen Bananen aber zuerst verkauft werden müssten. Meine Mutter hat den Laden danach nicht wieder betreten; sie hat die Geschichte in unserer Familie aber über Jahre hinweg immer wieder erzählt und  hat mir auf diese Weise ein einfaches Verständnis von sozialistischer Marktwirtschaft vermitteln können.

Leben in der Lücke
Wir wohnten also in der Lücke, durch die der Russe nach Europa einmarschieren würde und wodurch dann der Dritte Weltkrieg direkt bei vor der Tür beginnen würde. Um im Ernstfall nichts dem Feind zu hinterlassen, gab es auf den großen Verbindungsstraßen, den neu gebauten Bundesstraßen als Kanaldeckel getarnte Schachte, in welche man dann vor der Flucht Sprengsätze deponieren würde, um dem Russen den Einmarsch zu erschweren.
Meine Mama ist nachts mit dem Auto rumgefahren, und hat mithilfe einer Schablone neon-orangefarbene Totenköpfe auf die von uns „Sprengdeckel“ genannten Schachte gesprüht. Ich glaube, wir haben heute noch Teile der Testsprühungen zuhause im Keller an der Wand. Die Sprengdeckel waren zum Teil in ganz kurvigen Straßen im Spessart, aber auch auf neuen, verkehrswichtigen Brücken in der ganzen Umgebung zu finden. Weil das Besprühen der Deckel ja nicht so ganz legal und auch das nächtliche Rumlaufen auf einer Bundesstraße nicht so ganz ungefährlich war, durften weder meine Schwester noch ich mit, obwohl wir sonst schon mal eine Entschuldigung für die Schule geschrieben bekamen, um im Bonner Hofgarten gegen Pershings zu demonstrieren. Die Sprengdeckel gab es also wirklich in unserer Lücke, dem Fulda GAP, das von den Amerikanern den nicht gerade lieblichen Namen erhalten hatte. Fulda GAP stand Jahrzehnte als Synonym für die vermutete Einmarschrichtung im Falle eines Angriffs durch die Russen und die Auslösung des Dritten Weltkrieges. Für den Raum dieses Fulda GAP, das sich ganz grob zwischen Hanau und Gießen erstreckte, wurden detaillierte Abwehrpläne entwickelt und militärische Einrichtungen geschaffen. In der mittelalterlichen Handelsstadt, in der ich Abitur gemacht habe, befand sich beispielsweise die  größte Panzerwerkstatt Europas. 1977 war in den USA ein Brettspiel mit dem Namen „Fulda GAP“ auf den Markt gekommen, das den Namen „Fulda GAP – The first battle of the next war“ trug, das so realistisch gewesen sein soll, dass es angeblich von US-Offizieren an deren Mannschaften empfohlen worden war, um sich mit der Situation in Osthessen vertraut zu machen. Man nahm an, der Begriff Lücke hatte auch damit zu tun, dass man die Bundesrepublik an ihrer schmalsten Stelle durchtrennen um so den englischen vom amerikanischen Teil zu trennen.
So seltsam bedrohlich dieses Szenario anmutete, fand ich es auch gleichzeitig unglaublich naiv, weil wir doch alle ganz sicher waren, dass der Dritte Weltkrieg allein von den Entscheidern am Frühwarnkontrollschirm durch das Drücken des „roten Knöpfchens“, wie Udo Lindenberg es besungen (?) hatte, ausgelöst werden würde. Ob nun zuerst Pershings oder SS-20 fliegen würden war dabei nahezu unerheblich, und eher eine Frage der politischen Haltung. Zweifellos aber wurden die amerikanischen Waffen bei uns in den fürstlichen Wäldern in Waffendepots gelagert und so war meine Angst vor amerikanischen Waffen ungleich größer. Unsere Beschützer waren in ihrer militärischen Präsenz allgegenwärtig. Nach den großen Herbstmanövern, während derer unzählige Panzer durch die Dörfer fuhren, waren die gepflegten Bordsteinkanten der Hauptstraßen abgehobelt und erinnerten noch lange daran. Stefan, der Bruder meiner Freundin, hatte es mal geschafft, den Amerikanern Konservenkekse abzuluchsen, seltsam, wie zu Luftbrückenzeiten.
Während wir in einem Land aufwuchsen, das schon ein paar Jahrzehnte ohne Krieg gewesen war, wurde in den heimischen Wäldern Krieg vorbereitet und jede klitzekleine Brücke in einem abgelegenen Tal war mit einem Schild versehen, das darüber aufklärte, welche Militärische Fahrzeugklasse die Brücke überqueren dürfe. Ich war mir immer sicher, dass es Schilder mit Geschwindigkeitsangaben für Traktoren wären; wobei mir „100“ auf einem Feldweg schon recht viel vorkam. Nach der Wende wurden die Brücken der neuen Bundesländer nicht mehr beschildert und an den großen westlichen Straßen wurden die Schilder entfernt. An den übrigen Straßen blieben sie stehen und sind heute noch als letzte sichtbare Zeichen des Kalten Krieges zu finden.