Olivia Wenzel: Rauschen Spielen (Kurzgeschichte)
Es ist hell, die Sonne wärmt mir die Arme durch die Strickjacke hindurch, mein Rock ist ein wenig zu lang, wie immer, abgerieben vor allem an den Knien. Es ist so hell, dass es in den Augen sticht, wenn man sie nicht ein bisschen zukneift. Ich gehe los, allein, die Großeltern lasse ich zurück. Milchschaum lutschend sitzen sie auf weißen Plastikstühlen, schälen mit der Gabel nasse Früchte aus der Kuchenglasur. Ich sehe sie nicht mehr, während ich mich entferne. Die gelassen kauenden Menschen auf der Terrasse sind mir langweilig vorgekommen, ich sehe
jetzt niemanden mehr, nur meine glänzenden Schuhe, sich voreinander setzend auf der Wiese, ringsum den grün flimmernden Wald, zu meinen Seiten Wege aus Beton, lang gestreckte Stufen, und ab und zu Schmetterlinge, vielleicht Zitronenfalter. Sie blitzen vorbei an flachen, steinernen Männern mit Stahlhelmen. Meine Augen leuchten, meine Nase läuft wässrig. Die Großeltern achten zwar meist penibel auf mein ordentliches Aussehen, aber jetzt bin ich aus ihrem Blickfeld. Wie aus dem Ei gepellt habe ich zu sein, wenn ich mit ihnen unterwegs bin; darauf legt vor allem die Großmutter wert, und sagt es auch so: wie aus dem Ei gepellt. Es ist ihr nicht peinlich mit mir, aber man soll nicht schlecht über mich denken oder noch schlimmer: reden, gerade jetzt, in der Situation mit der Mutter. Deshalb trage ich Lackschuhe, habe blanke Wangen und einen sauberen Scheitel auf dem Kopf, an dessen Ende zwei geflochtene Zöpfe schwingen.
Ich nehme nicht die Wege, ich gehe quer durch die wild gewachsene Wiese, grinse dabei. Aus meinen Zöpfen lösen sich einzelne Haare, sie streben nach oben und bilden einen leise knisternden Flaum; ich kichere, ich geistere durchs hohe Gras. Der Rotz läuft mir von der Nase zum Mund, ich habe Spaß und kaue schmatzend ein Kaugummi.
Es ist hell und riecht frisch, nach Wiese, Flieder und Sonne. Die Buchen im Wald rauschen, als hätten sie Stimmen. Sonnenstrahlen scheinen auf das sich wiegende Grün, um mich herum die Natur ist heil. Selbst die steinernen Männer scheinen mir zuzulächeln, ihre Gewehre deuten stumm in den Himmel. Es ist ein glücklicher Tag und der Wald oberhalb der Stadt friedlich. Das Zirpen der Grillen klingt verheißungsvoll in meinen Ohren, ich laufe schwungvoll, ohne Hast. Bald wird der Rotz mir in der Furche oberhalb der Lippe trocknen.
Ich spüre Luftzüge an Stirn und Wangen, der Wind weht stärker. Mit den Händen fasse ich in die Halme, liebkose sie im Vorbeigehen und denke an die Mutter. Als sie noch da war, hat sie manchmal gesagt, Ich bin doch kein Goldesel, verdammt. Ich habe mir dann immer einen Esel vorgestellt, der ihr Gesicht hatte, und golden war, fand das lustig. Was sie gemeint hat, habe ich nicht begreifen können, vielleicht sollte es heißen, dass sie nur ein gewöhnlicher Esel war, mit grauem Fell und einzelnen, weißen Stellen, an der Schnauze etwa oder über den Hufen. Ich hätte sie gern gestreichelt, die Mutter als Esel, aber das habe ich nie gesagt. Wenn die Mutter geknurrt hat, Ich bin doch kein Goldesel, verdammt, dann ging es irgendwo in die Luft hinein und nicht zu mir. Es gibt Vieles, das ich nicht verstehe, schlimm ist das nicht.
Der Wind geht stärker, die Gräser wiegen sich in seinem Takt. Plötzlich steigt mir ein Geruch von Verbranntem in die Nase, mischt sich unter den Flieder und beißt. Ich muss niesen. Es ist hell, ich niese laut, dreimal. Es ist so hell, und dann, mit einem Mal, bin ich nicht mehr allein. Ich bin zwei geworden, einfach so, bin ich und sie, bin wir. Wir verstehen uns auf Anhieb, wir wohnen in mir, und laufen weiter, als wären wir immer schon zusammen gelaufen. Wir laufen durch das Gras und halten unsere Hand, manchmal lassen wir einander los. Wir werden schneller, wir rennen ziellos aber vorwärts. Wir beginnen uns zu jagen, sie und ich, wir lachen. Wir sind zwei, und sind noch Kind, sind frei hier oben. Manchmal stoppen wir und entlocken mit unserem Mund den Halmen, die wir zwischen die Daumen pressen, ein warmes Quietschen. Das Gras kitzelt unsere Knöchel und reicht uns bis zur Hüfte, wir rennen und jaulen, ab und zu lassen wir uns fallen, ganz grundlos. Das Gras fängt uns auf, stachelt und ist doch weich, wir toben in der Wiese, die uns ein weiter, fransiger Mantel ist.
Wir halten an. Wir haben ein Kaugummi gekaut bisher und mit Feingefühl und Mühe bringen wir jetzt aus unserem Mund eine große Blase hervor. Die Finger unserer linken Hand umschließen das weißliche Gebilde behutsam und drehen es zu. Wir nehmen uns die Blase aus dem Mund, halten sie vor unsere Brust, um sie anzuschauen, von allen Seiten. Die Abdrücke unserer Zähne am unteren Verschluss, das nasse Glänzen unseres Speichels darüber, die fleckige Milchhaut der Blase. Dann halten wir sie vor unser Gesicht, gegen das Licht, und lassen los. Langsam steigt sie in den Himmel. Als sie davon fliegt, setzen wir uns wieder in Bewegung ohne ihr nachzuschauen, das kommt uns richtig vor.
Auf den Wegen am Rand gehen Menschen. Sie halten Kameras in den Händen, vielleicht auch Butterbrote, sie interessieren uns nicht. Ihre Augen ruhen hinter getönten Sonnenbrillen oder im Schatten beiger, verknitterter Anglerhüte. Sie halten vor kleinen Tafeln und lesen mit viel Ernst, manchmal zieht einer seinen Hut ab und beugt sich näher heran. Eine fremde, gedehnte Sprache sprechen sie und klingen traurig. Wir ziehen an ihnen vorbei, wir gehen einander voran, folgen einander nach. Die Kameramenschen kennen wir ja, die Stadt lebt schließlich von ihnen, das hat zumindest immer die Mutter gesagt. Die Touris bringen das Geld, hat sie gemurmelt, und den Kopf ganz sacht geschüttelt dabei, während ihre Arme gekreuzt auf dem ins Sims gequetschten Kissen lagen und sie aus dem Fenster blickte. Hier oben ist viel Schönheit, sollen diese Leute sie sich ruhig einfangen, denken wir.
Wir rennen wieder und werden schriller, wir kreischen in hohen Tönen, geben uns Befehle in unserer eigenen, harten Sprache, laufen um die Wette. Als uns warm wird, setzen wir uns hin. Da kann uns keiner mehr sehen, die Halme bilden einen Wall um uns, von weit weg könnte man meinen, wir seien verschluckt worden. Die Strickjacke ziehen wir aus und sitzen in unserer Bluse, sie klebt in unseren Achseln. Wir malen mit den Fingern Zeichen auf unseren Rücken, und erkennen sie. Doch wir können uns nicht anfassen dabei, weil unser Körper unter dem Stoff glüht. Wir wollen uns an uns nicht verbrennen, wir wollen keinen Geruch von Verbranntem in der Nase; wir malen und erraten die Zeichen ohne Berührung.
Irgendwann sind wir abgekühlt und stehen auf, rennen wieder los und jaulen in die Sonne. Wir versuchen, das Rauschen der Buchen zu imitieren, den Wind, der sie zum Sprechen bringt, wir fauchen und heulen. Und plötzlich hallen unsere Rufe, wiederholen sich in einiger Entfernung. Wir haben einen besonderen Ort erreicht, wir werden langsamer. Gewölbte Mauern, aus deren Steinritzen Unkraut drängt, stehen vereinzelt. Wir rufen fragender und geben uns selbst Antwort. Die Buchen rauschen lauter, als wollten sie uns zustimmen. Stein auf Stein geschichtet ragt in den Himmel, eine echte Ruine ist das, wir haben eine Ruine entdeckt, jubeln wir, und auch unser Jubel findet ein Echo. Sie erscheint uns magisch, die Ruine, wir werden feurig, setzen aber die Schritte bewusster und ruhiger, schließlich erreichen wir eine große Mulde. Sie ist tief und breit gezogen zugleich, ist mit Gras und violetten Blumen bewachsen, eine hohle, fantastische Halbkugel. Wir stehen an ihrem Rand und zögern, streichen uns die Zöpfe hinter die Schultern und recken unseren Hals, ganz kurz halten wir die Luft an, kauen zugleich auf der Unterlippe. Dann nimmt in uns die Lust überhand: Bahn frei - Kartoffelbrei, schreien wir, stemmen die Fäuste in die Hüfte, reißen dann sofort die Arme nach oben und werfen uns auf die Seite, um den grasüberwucherten Hang hinab zu rollen. Der Boden ist hart, aber tut uns nicht weh, wir spüren ihn deutlich durch den Stoff unseres Rocks. Im Wechsel drückt er gegen unseren Bauch und Rücken. Während wir kullern, verlieren wir das Gefühl für oben und unten, merken wir ein Wirbeln im Kopf; das gefällt uns. Uns packt kein Schwindel, aber etwas Ähnliches, etwas Milderes, das wir sofort wiedererleben wollen, sobald wir unten angelangt und kurz zur Ruhe gekommen sind. Dann liegen wir nämlich für einen Moment, als wäre Winter, als wollten wir mit unserem Körper Engel in den Schnee malen. Ein ganz kurzer, tiefer Moment ist das, wir spüren ein Taumeln, bis wir uns aufrappeln und wieder nach oben stürmen.
Immer wieder rennen wir hinauf, wir keuchen, rufen das Kommando und schmeißen uns jauchzend auf den Boden, um bergab zu rollen. In uns steigt ein unbändiges Gefühl von Glück auf, wir lachen wie irr. Bahn frei - Kartoffelbrei,
aus voller Kehle, und wir erschauern über den Hall zwischen den Steinmauern, unsere eigene Stimme klingt ganz fremd. Wir glauben, die Kameramenschen habe dieser Klang gelähmt. Sie haben sich versammelt, uns zugewandt betrachten sie uns, schweigend. Keiner fotografiert, einer hält sich eine Hand vor den geöffneten Mund, alle stehen reglos. Sie starren uns an, aber uns sind sie egal, wir sehen sie nur dann, wenn wir erneut den oberen Rand erreicht haben. Dann rufen wir unseren Spruch und stürzen uns in die Tiefe, überlassen uns der Erde, noch mal und noch mal. Wir genießen, dass sie uns nicht verstehen können. Sie sehen ratlos aus, einer kratzt sich durch den Hut hindurch am Kopf. Dabei hält er den anderen Arm steif und weggespreizt vom Körper.
Wir sind zwei, es ist hell, so hell, unsere Schreie erfüllen die Ruine. Bis die Großmutter kommt. Ganz plötzlich ist sie da, wir haben sie nicht bemerkt. Ihre Wangen und ihr Hals sind rot, sie atmet schwer. Wir sehen ihr an, dass sie sich schämt. Niemals würde die Großmutter sich in so ein Becken rollen lassen, niemals. Sie packt grob und wortlos unser Handgelenk, zerrt uns weg. Der Weg bis zur Terrasse ist kurz und still. Aus der schönen, helmartigen Dauerwelle der Großmutter hat sich eine Strähne gelöst, die vor ihrem linken Auge hängt. Die Großmutter blinzelt, aber streicht das graue Haar nicht aus den schwarz getuschten Wimpern. Sie wirkt ängstlich und befühlt mit den Fingern, während sie mit uns schimpft, ihre blassen Halsperlen. Der Großvater sitzt mit erstauntem Gesicht, vor ihm auf dem Teller eine matschige Erdbeere und eine Gabel. Die Batterien seines Hörgerätes sind leer, schon als wir am Nachmittag ankamen, hat er nichts mehr hören können. So saßen er und die Großmutter wohl lange Zeit schweigend einander gegenüber. Aber nicht nur dem Großvater, sondern beiden ist wahrscheinlich das Rauschen der Buchen entgangen. Die Großmutter schüttelt den Kopf, sie spricht jetzt von Knochen und Asche, leise und so, dass wir an die Mutter am Fenstersims denken müssen. Seit sie weg ist, benutzen alle ihren Namen viel vorsichtiger, und die Großmutter redet auch vorsichtig, redet in einem Ton jetzt von Knochen in einer Grube, als könnte sie die Worte abnutzen bei zu hartem Gebrauch. Ihre Lippen spannen sich zu schmalen Wülsten, die Stimme ist gesenkt, sie spricht auch langsamer, obwohl da noch Wut ist, das erkennen wir an den einzelnen, roten Flecken, die unter der Perlenkette lodern. Wir hören zu mit fragendem Gesicht und nicken manchmal in Richtung unserer Füße. Wir sagen der Großmutter nicht, welche Kraft in den Gräsern ist und was ich, was wir, von den Buchen gehört haben. Viele Dinge, die ich nicht verstehe. Dinge, die wir nicht erklären können.
Während der Großvater die Rechnung zahlt, und die Großmutter mir mit einem feuchten Tuch um die Nase wischt, werfe ich einen letzten Blick in Richtung der Ruine. Ich glaube, eine kleine Blase über ihr schweben zu sehen, und hoffe, dass sie meinen - dass sie unseren - Atem bald zur Mutter trägt.
Die Autorin:

Am 29.09.1985 in Weimar geboren. Seit 2004 Studentin im Studiengang „Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis“ an der Universität Hildesheim. 2006 Auslandsstudium in Aix-en-Provence/ Marseille. Arbeitet zur Zeit in Hamburg an ihrem Diplomprojekt.
