Petra Mader
Petra Mader, geboren und aufgewachsen in Stuttgart, lebte lange Zeit in Berlin und in der Nähe von Hamburg, wohnt seit 2006 in Jena. Sie ist im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig und hat als freie PR-Journalistin seit 1984 zahlreiche Broschüren vor allem für Auftraggeber aus dem Gesundheitsbereich konzipiert und verfasst. (www.petramader.de). „Fast ein Leben“ ist ihr erster Roman.
Fast ein Leben (Roman)
Meine Oma erzählt nichts. Früher, da habe ich sie nichts gefragt und jetzt hat sie alles vergessen – ihre Kinder, ihre Heimat, ihren Mann. Natürlich kennt sie auch mich nicht mehr.
In meiner Erinnerung ist sie noch ganz die Alte. „Bass uff, der beißt“, höre ich sie sagen und sehe vor mir ihren runden Leib im straffgespannten, dunklen Trägerrock. Dieses Bild erinnert mich an solche aus einem Stück Holz geschnitzten Figuren, denen Arme und Beine fehlen oder deren Hüften wie gequetscht wirken, weil ihr Rumpf zu groß angelegt wurde. Auch meine Figur endet jäh. Sie putzt und wäscht und schimpft. Mit mir, mit meinem Bruder, mit ihren Kindern, während sie in Angst lebt vor dem, was die Leute sagen oder sagen könnten, vor Sünden, Strafen und dem lieben Gott.
Ome dagegen freut sich über meinen Besuch, und als ich ihr sage, dass ich ihre Enkelin bin, möchte sie Kaffee für mich kochen. Sie öffnet den Kühlschrank und schließt ihn wieder. Danach geht sie ins Wohnzimmer und setzt sich auf ihren Stuhl. Ome – so nennen wir meine Oma seit sie uns nicht mehr kennt und berühren schüchtern ihre Schultern, ihre Arme und ihre Hände.
Früher einmal war meine Oma verheiratet. Glaubt man ihrem Bruder Josef, muss sie ihren Mann geliebt haben. Mehr als sie später noch wissen wollte. „Noch em Kriag ond Amerika, do war‘s vorbei“, sagt er. Das habe sie ihm nicht verziehen.
Elisabeth, die jüngste Schwester meiner Oma, schüttelt ihren Kopf: „Wie wenn er dafür etwas gekonnt hätte, ...“
Ihren Mann lernte meine Oma auf dem Cannstatter Volksfest kennen. Fast siebzig Jahre ist das jetzt her und so viel wie später kann sie damals noch nicht geschimpft haben. Aber die Angst vor den Leuten, die wird schon da gewesen sein und allein ist sie keinesfalls zum Wasen gegangen…
I
„Rosa, komm mit, bitte.“ Rosa und Margret lehnten nebeneinander an der Brüstung der König-Karls-Brücke und sahen hinunter zum Wasen. Margret wies mit dem Kopf auf die Karussells, Buden und Bierzelte.
„Volksfest ist doch nur einmal im Jahr.“ Margret nahm die Hände von der Brüstung, richtete sich auf und wandte sich Rosa zu. Wartend, mit federnden Fersen, stand sie jetzt vor ihr.
„Ich weiß nicht“, Rosa sah hinüber zur Fruchtsäule am Ende der Gassen. Beim Vogeljakob würde sie auf keinen Fall noch einmal stehen bleiben. Als ob er nur auf sie gewartet hätte, war er letztes Jahr von seinem Podest gesprungen und auf sie zugeeilt. Dabei schien ein Schwarm Spatzen um seinen Kopf zu flattern, denn aus seinem Mund tschilpte es unaufhörlich.
„Nehmen Sie eine, nein besser zwei – ein Jahr ist lang, junges Fräulein, wenn man auf den Richtigen noch wartet.“ Rosa trug keinen Ring.
„Wissen Sie was? Nehmen Sie drei, und pfeifen Sie auf die Männer.“
Rosa wollte weitergehen und trat einen Schritt zurück.
„Halt, hoppla“, rief der Vogeljakob. „Nicht weglaufen“. Die Leute blieben stehen, bildeten einen Halbkreis hinter Rosa.
Der Vogeljakob schwang seinen Holzhammer. „Mädchen, Dir geb’ ich Privatunterricht. Umsonst!“
Die Umstehenden lachten.
Schließlich hatte Rosa eine „Vogelstimme“ gekauft. Zehn Pfennig! Für ein Stückchen Karton über den ein Blechkrönchen ein Fitzelchen Pergamenthaut spannte.
„Schwabenfräulein“, rief der Vogeljakob ihnen nach, als sie endlich weitergehen konnten, „denk’ daran, was du da an deinen Gaumen pressen wirst, hat schon zwischen Gold gelegen!“
Margret ließ sich zurück gegen das Geländer fallen und betrachtete Rosa von der Seite. Ein Kamm hielt eine Strähne ihres Haars über dem linken Ohr. Unerschütterlich, und dabei hatte Rosa feines, völlig glattes Haar.
„Bitte, tu mir den Gefallen.“ Margret griff nach Rosas Arm.
„Ich weiß nicht.“
„Mir zuliebe.“
„Also gut, von mir aus.“
In den Festzelten entlang der Wirtsbudenstraße wurden die üblichen Lieder gespielt. Auf jedes Lied folgte ein Tusch, auf jeden Tusch das Prosit der Gemütlichkeit. Drinnen stemmten sie die Maßkrüge über die Tische. Prost! Die Steinkrüge hieben gegeneinander. In der darauffolgenden Stille wurden die Krüge zum Mund geführt und die Köpfe in den Nacken gelegt. Geschluckt wurde mit weit offener Gurgel. Als seien sie plötzlich zu schwer geworden, krachten Sekunden später die Krüge auf die Tische. Das nächste Lied wurde angestimmt.
Ohne Mann konnten sie natürlich in keines der Zelte gehen. Aber in die Bodega vielleicht, „wenigstens in den Sakka-Sakka-Eispalast oder wir trinken hier beim Obst-Paule einen Likör. Holunder ist gut oder Schlehen oder Schwarze Träuble.“ Margret blieb vor einer der Buden stehen, die zwischen den Stirnseiten der großen Zelte standen.
„Margret, nein ... “
Aber Margret hatte sich entschieden.
„Zweimal Schwarze Träuble, bitte.“
Heinrich sah Margret und Rosa die Gasse heraufkommen. Seit einer halben Stunde stand er alleine, rauchend an einem der Stehtische beim Obst-Paule. Für die letzten Züge kniff Heinrich die Zigarettenreste zwischen Daumen- und Zeigefingernagel. Die Stummel, die er schließlich zu Boden schnippte, waren kaum fingernagelgroß.
Sein Stubenkamerad Franz und er hatten gemeinsam zum Wasen fahren wollen, aber Franz hatte den ganzen Tag auf dem Rücken gelegen, die Hände auf dem Bauch gefaltet, vorsichtig die frische Luft atmend, die durch das geöffnete Fenster strömte. Mehrere Male sprang Franz auf und hastete mit nach vorne gebeugtem Oberkörper, ein Handtuch vor den Mund pressend zur Toilette. Sein Würgen hörte man bis auf den Flur. Wenn Franz mit geröteten Augen zurück ins Zimmer kam, betupfte er Schläfen und Wangen mit Pitralon und legte sich wieder auf den Rücken. „Der Gustav mit seinem Selbstgebrannten! Das Zeug trink‘ ich nie wieder.“
Nach dem Mittagessen stellte sich Heinrich vor den Spiegel und bürstete sein Haar. „Bürsten, bürsten, immer bürsten, hundert Bürstenstriche jeden Tag“, murmelte er und sah seinen Arm sich heben und senken und die Bürste von Schläfen oder Stirn über den Schädel zum Hinterkopf gleiten. „Bürsten, bürsten, immer bürsten.“
Heinrich sah über seine Schulter im Spiegel hinüber zu Franz. Wie aufgebahrt lag er da. In ein paar Stunden würden die Kameraden, die Ausgang hatten oder ein freies Wochenende, zurückkehren. Die einen prahlend, andere schweigsam – fast alle schlechtgelaunt und aggressiv. Heinrich überkam sein Sonntagsgefühl. In diesem Moment beschloss er, alleine zum Wasen zu fahren.
„Zwei Mädchen in Stellung“, dachte er jetzt „unter diesem Titel könnte man die beiden rahmen.“ Natürlich hatte sich die Kleinere bei der Größeren untergehakt und trugen beide gerade geschnittene Röcke in einer unheiklen Farbe. Kurze, steile Abnäher, an deren Spitzen der Stoff kleine Tütchen warf, hielten diese Röcke in der Taille. Heinrichs Mutter saß ganze Tage und dreiviertel Nächte über ihre Nähmaschine gebeugt und nähte für eine Konfektionsfirma solche Röcke. Das kleinere Mädchen redete. Sie ging an den Tresen.
„Zweimal Schwarze Träuble, bitte.“
Die Größere wirkte ärgerlich.
Margret nahm die Likörgläser vom Tresen und sah sich suchend um.
Heinrich hob sein fast leeres Glas vom Tisch, trat einen Schritt zurück und bot den Mädchen mit einer Handbewegung und einer knappen Verbeugung seinen Tisch an. Als Margret die Gläser abgestellt hatte, trat er mit einem raschen Schritt wieder an den Tisch und stellte sich vor. Die Große sah empört hinaus auf die Gasse.
„Zum Wohl, meine Damen.“ Heinrich war nicht gerne allein und die Kleinere lächelte.
Rosa griff nach ihrem Glas. Sie würden austrinken und weitergehen.
Der Likör schmeckte gut. An der Innenseite des Glases sackte ein wenig der öligen Flüssigkeit langsam zurück in die Spitze des Glases. Selbst wenn ein Glas beim Absetzen leer schien, sammelte sich dort wieder und wieder ein letzter kleiner Rest. An Weihnachten hatte sie früher immer das Glas der Mutter auslecken dürfen. Rosas schob ihre Zunge ins Glas. Ihre Augen wanderten nach innen, als sie ihrer Zunge mit dem Blick zu folgen versuchte, ein fleischfarbenes Dreieck erschien vor ihren Augen. Schielend drehte sie das Glas um ihre Zungenspitze. Erst als sie das Glas vom Mund nahm, bemerkte sie Heinrichs Blick. Er hatte sie beobachtet! Rote, wolkige Flecken erschienen auf ihrem Hals.
„Der scheint gut zu sein. Trinken Sie noch einen mit?“ Heinrich schnippte eine seiner winzigen Kippen zu Boden.
„Nein“, sagte Rosa. Margret hob die Schultern und neigte den Kopf zur Seite.
„Drei Mal Schwarze Träuble“, rief Heinrich zum Tresen hinüber.
Dieses Mal ließ Rosa einen kleinen Rest im Glas. Sie vermied seinen Blick, sah hinaus in die Gasse, als wäre sie bestellt, die Vorbeigehenden zu zählen.
„Nein“, würde sie sagen, zu jedem seiner Vorschläge. Das war offensichtlich. Die kleinere dagegen fragte ihn, wo er stationiert sei und wog ihren Oberkörper leicht im Takt zu der Musik aus den Zelten. Sie hieß Margret, die andere Rosa.
Als Heinrich Margret fragte, ob sie schon an der Fruchtsäule gewesen seien, blieb Rosa unbeweglich. Allmählich verblassten die letzten Flecken Rots auf ihrem Hals.
Sie machten sich auf den Weg ans Ende des Festplatzes, wo die Fruchtsäule, Viehferche und Traktoren an den Ursprung des Volksfestes erinnerten.
„Darf ich Ihnen beiden ein Nägele schießen?“ Auf den Theken der Schießbuden standen große Schalen kurzstieliger Nelken. Das waren die Nägele. Die Frauen trugen sie im Knopfloch. Einen Volltreffer oder insgesamt hundert Punkte musste der Schütze erreichen, um eine dieser Nelken zu bekommen. Eine Frau in männlicher Begleitung zwar, aber ohne Nägele, das war beschämend für beide.
Also traten die Männer an die Schießbuden, ließen sich ein Gewehr geben, beugten ein Knie, legten an, zielten. Einen halben Schritt hinter ihnen standen die Frauen und lächelten tapfer. Zufrieden, dass er sich bemühte für sie. Aber was, wenn er nicht träfe?
Bevor die Männer das Gewehr sinken ließen, hatten sie alle getroffen. Bloß, dass das Nägele manchmal recht teuer wurde.
„Für mich nicht“, sagte die Größere. Sie hieß Rosa. Seine Frage hatte sie immerhin gehört, trotzdem sie weiterhin zur Seite schaute, als habe sie einen steifen Hals und ihre Tasche entschlossen an sich drückte.
„Nur eine also, kommen Sie.“
Der erste Schuss ging daneben. Ohne die Scheibe zu streifen, bohrte sich die kleine Stahlkugel in der Rückwand der Bude. Der zweite Schuss riss einen kleinen Fetzen Papier aus dem oberen Rand der Scheibe.
„Da stimmt was nicht.“ Ärgerlich stieß Heinrich den Kolben des Gewehrs auf die Theke.
Margret kicherte und zog die Schultern höher. Rosa trat einen Schritt weiter in die Gasse hinaus. Heinrich besah sich Kimme und Korn. Sein Gesicht entspannte sich. Er legte das Gewehr auf die Theke und schob es in Richtung des Schaustellers, der ihn, scheinbar mit dem Zurechtrücken der Nelkenschalen beschäftigt, beobachtet hatte. „Gib mir eins, mit dem man zielen kann. Und noch mal drei Schuss.“
Zwei Schüsse später hatte Margret ihr Nägele.
„Was war mit dem Gewehr?“ Es war Rosa, die ihn fragend ansah.
„Das Visier war verstellt, die Kimme wurde mit einer Feile abgesenkt.“
Das war Betrug. Trotzdem hatte er die drei Schüsse bezahlt. Rosa schluckte und sah sich nach Margret um.
Margret fädelte eben die Nelke durch ein Knopfloch ihrer Bluse. Sie stand vor der Bude und hielt den Kopf gesenkt.
Rosa wandte ihren Blick den anderen Buden an der Gasse zu. Wenigstens war es nicht ihr Geld.
„Die drei dicksten Mädchen“, sollten in der Bude schräg gegenüber zu sehen sein. Ernst und gewichtig saßen sie auf dem Plakat vor dem Eingang der Bude nebeneinander. „Elsa, Elvira und Bertha – das siebte neueste Weltwunder.“
Als Kinder glaubten mein Bruder und ich fest an Lionel, den Löwenmenschen. „Halb Mensch, halb Tier“, so hatte Onkel Karl-Heinz es uns erzählt. Er war es auch, der meine Oma manchmal dazu bewegen konnte, Lionels Bild aus der Pralinenschachtel mit den Fotos zu holen. Natürlich gibt es keine Löwenmenschen. Vielleicht haben wir deshalb später nicht mehr nach dem Bild gefragt.
Ich bin ihre Enkelin. Warum also nicht die Tür des Wohnzimmerbüfetts öffnen und die Pralinenschachtel herausnehmen?
„Scho’ recht“, sagt Ome, als ich ihr sage, dass ich mir ihre Fotos ansehen möchte.
Ich finde die Schachtel an ihrem alten Platz im Büffet und stelle sie zwischen uns auf den Tisch. Obenauf liegt noch die braune, knisternde Folie, mit der wir früher Sonnenbrille spielten. Ome sitzt, die Hände im Schoß, bei mir und sieht zu, wie ich die Bilder ausbreite.
Ein Bild der Familie. Das Mädchen links trägt die Schürze mit Blumenmuster. Aber das kann nicht meine Oma sein, mit unzähmbarem, dunklem Haar und weit in die Breite bezogener Nase und Mund.
Die Große, mit dem Kind auf dem Arm – das muss meine Oma sein. Auch der Vater und die Söhne tragen Schürzen, die dünnen Leinenbänder über dem Bauch geknotet, an den Füssen Stiefel mit gebogenen Sohlen und einer langen, eng gesetzten Reihe Haken zum Schnüren.
Das Porträt eines Mannes in einer Uniformjacke, nur die dunklen, rechteckigen Stellen am Jackenkragen und über der Brusttasche lassen erkennen, dass er früher einmal militärische Abzeichen trug. Mein Opa.
Ich lege das Bild vor ihr auf den Tisch.
„Den kenn i scho“, sagt sie und sieht das Bild freundlich interessiert an. „Glaubsch, ‘s liegt mer auf d‘r Zong.“
„Das ist dein Mann. Mit dem warst du verheiratet, Ome“, sage ich.
„Ach so“, entfährt es ihr, „nadierlich!“ Sie schlägt sich gegen die Stirn.
Das Bild von Lionel. Eine abgegriffene Postkarte, ein Druck so offensichtlich falsch in den Farben wie eine Farbkopie. In roten Kniebundhosen posiert Lionel auf einem grünen Kanapee. Die Unterschenkel stecken in weißen Kniestrümpfen und auf den Schuhen prangen silbrig glänzende Schnallen. Lionels Oberkörper ist unbekleidet und mit blonden Locken bedeckt, denen die natrongetränkten Pinselstriche des Retuscheurs deutlich anzusehen sind. Augenbrauen, Kopfhaar und Bart fließen zu einer mächtigen Mähne zusammen, die irgendwo auf seinem Rücken endet.
„Sieh mal, Ome.“
„Des isch d‘r Lionel“, sagt sie ohne Zögern und greift nach der Postkarte. „Des isch fei a echte Fotegrafie“, fügt sie hinzu. und nickt bestätigend mit dem Kopf. Sie wirkt nachdenklich. „Des war a scheener Ma.“
„Hast du den gekannt, Ome?“
Sie sieht sich in ihrem Wohnzimmer um. „Hier dren war i fei scho‘ oft“, sagt sie.
„Gut möglich. Schließlich wohnst du hier seit fast sechzig Jahren.“
„Wer? I?“ Sie ist verunsichert.
„Ja, du. Oder was moinsch du, wer hier wohnt? D‘r Hans-Bär vielleicht?!“
„Wer? Der Hans-Bär?” Ihr Rücken richtet sich auf, sie legt eine Hand auf meinen Unterarm und flüstert mir zu: „Des ka scho sei, dass hier d’r Hans-Bär wohnt.“ Vergnügt lachend lässt sie sich zurück gegen die Stuhllehne fallen.
Rosa interessierte sich nicht für die drei dicksten Mädchen. Ihr war es egal, dass sie zusammen mehr als zwölfhundert Pfund wogen. Niemand hier war wie Lionel, über dessen Arme, Brust, Schultern und Rücken goldgelbe Locken flossen. Selbst seine Stirn, Wangen und Nase waren mit Haaren bedeckt. Lionel, der Löwenmensch, halb Mensch, halb Tier, so stand es auf Plakaten und Postkarten.
Vom Frühjahr bis in den späten Herbst reisten Lionel, Fräulein Louisle, Herr Meerlein und der Riese Jurek mit dem Sedlmair durch das Land. Sogar in Italien waren sie schon gewesen.
Fräulein Louisle, die im Winter manchmal in die Lichtstube kam, hatte es ihnen erzählt. Eines Abends hatte Herr Meerlein Fräulein Louisle begleitet. Er war obwohl kaum größer als sie, sehr kräftig und trug das Fotoalbum für Fräulein Louisle.
Am liebsten ließ sich Fräulein Louisle neben Kirchtürmen fotografieren. Neben einem Turm, den Blick nach oben gerichtet, käme ihre außergewöhnliche Kleinheit am besten zur Geltung, meinte sie. Den Einwand, dass neben Türmen jeder, ja selbst großgewachsene Leute, klein wirke, überhörte sie. Niemand, selbst der Sedlmair nicht, konnte sie dazu bringen, sich neben einen Hund, eine Gans oder ein Kind zu stellen oder sich mit baumelnden Beinen auf einen Stuhl zu setzen, um zu zeigen, wie klein sie war. Nur wenn partout kein Turm zu finden war, durfte der Riese Jurek seine Spezialschuhe anziehen und sich zum Fotografieren neben sie und eine Sehenswürdigkeit ihrer neuen Spielstätte stellen.
Sonntag vor Allerseelen kehrten Lionel und die anderen nach Ebratshausen zurück und bezogen auf dem Weihnachtshof an der Römerstraße Winterquartier. An Allerseelen kamen sie, Lionels Gesicht war an diesem Tag stets frisch rasiert, gemeinsam zur Messe. Sedlmair und der Pfarrer hatten die Frage des Kirchgangs ausführlich erörtert. Normale Menschen waren es keine, ein ständiger Kirchenbesuch schien deshalb unangemessen. Eine Seele hatten sie andererseits sicherlich. Vielleicht steckten in ihnen sogar arme Seelen, die keine Ruhe finden konnten. Deshalb meinte der Pfarrer, sollten sie an Allerseelen zur Kirche kommen. Man werde an diesem Tag, wenn ohnehin aller Seelen gedacht werde, für sie und mit ihnen beten.
Nach der Messe fand der Pfarrer zwanzig Mark im Klingenbeutel. Deshalb schlug er dem Sedlmair vor, er solle mit seiner Truppe am Palmsonntag nochmals zur Messe kommen. Er werde einen Palmen für ihren Wagen weihen.
Rosa Blick hing an den Buden. Sie suchte nun so sehr nach einem bestimmten Bild, dass sie nichts anderes mehr wahrnahm. Fünfzehn, vielleicht nur noch zehn Meter vor ihnen stand ein Neuheitenverkäufer in der Gasse und verkaufte eine „völlig neuartige, zu einhundert Prozent und mehr wirksame Warzensalbe“, deren Rezeptur ihm eine alte Zigeunerin auf dem Sterbebett anvertraut habe. Ein paar Schritte noch und Rosa prallte von hinten gegen den Mann. Heinrich sah es vor sich, wie dieser aus dem Gleichgewicht geriete und stolperte. Selbst wenn sein Bauchladen ihn nicht vollends vornüber zöge, sondern er sich finge, fielen die zur besseren Ansicht höher gestellten Tiegel der Warzensalbe mit Sicherheit zu Boden.
Heinrich dachte an die roten Wolken auf Rosas Hals. Er berührte ihren Arm. „Vorsicht. Vor Ihnen. Suchen Sie etwas Bestimmtes?“
„Nein“, sagte Rosa „nicht direkt.“
Doch Margret wusste, wonach Rosa suchte. Im letzten Jahr hatten sie gemeinsam nach dem Sedlmair und seiner Truppe Ausschau gehalten.
„Einen Löwenmenschen?“
„Ja, halb Mensch, halb Tier.“
„Oben Tier, unten Mensch?“
„Ja.“
„Ach so. Wirklich eine seltsame Krankheit.......“
„Der ist nicht krank, dem geht‘s gut“, Rosa fiel Heinrich ins Wort. Lionel war nicht krank. Rosa sah ihn manchmal auf der Römerstraße spazieren gehen. Hin und wieder blieb er stehen und hob witternd sein Haupt. „Jagdinstinkt“ flüsterten die Leute, die ihn so sahen. Doch Lionel grüßte jeden, wortlos natürlich, aber freundlich.
Heinrich dachte an die kochend heißen Kartoffeln, mit denen sein Bruder Anton und er daheim „Jonglieren“ geübt hatten. Jeder von ihnen nahm dazu zwei große Kartoffeln aus dem Topf. Diese Kartoffeln warfen sie zwischen ihren Händen hin und her, in möglichst hohem Bogen und schnell mussten sie sein, um sich die Hände nicht zu verbrennen. Derjenige, dessen Kartoffeln zuerst auf dem Boden zerschellten, hatte verloren. Immerhin, der Neuheitenverkäufer war unbehelligt geblieben.
