Ruth Loosli: Sieben Tage (Roman)

Tag Eins/ Der sechste Sinn

Ihre Stimme war hoch und dünn und rief fortwährend den gleichen Namen, als könnte sie sich damit die Erinnerung zurückholen. Und der Name war wie ein Vogel, der immer wieder gegen die Fensterscheibe flog ohne zu begreifen, dass er sich wund daran schlug.

Am Anfang ist es finster und sie will die Finsternis zerschlagen mit ihrer geballten Faust. Doch der Arm lässt sich nicht bewegen.
Die Finger lassen sich nicht bewegen.
Sie versucht es mit dem Kopf.
Sie versucht die Spucke zu schlucken, die sich in ihrem Gaumen gesammelt hat. Es geht nicht. Sie versucht nach Hilfe zu rufen, doch der Name, mit dem sie erwacht ist und an den sie sich nicht erinnert, dringt nicht aus ihrer Kehle.
Es war wohl im Traum gewesen, dass ihre Stimme so geklungen hat. Hoch und dünn, wie von einem verletzten Tier.
Und der Name!
Wie war der Name nur?
Es ist noch Nacht, doch eine erste Morgendämmerung scheint durch die Vorhänge zu dringen.
Sie kann sich nicht mehr bewegen! Sie geht innerlich weiter von den Händen zu den Füssen; da unten waren doch Zehen, doch sie spürt sie nicht. Sie versucht nochmals um Hilfe zu rufen, doch mehr als ein Krächzen kommt nicht über ihre Lippen. Statt eines Körpers spürt sie nur Schwere, als wäre sie ein gesunkener Stein, und ein Bewusstsein, das aus dem Körper hinausgeworfen wurde und nun keine Bleibe mehr hat. Ruhig atmen, Josefine, ruhig atmen, sagt sie sich.
Gott schied das Licht von der Finsternis und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht.
Mit dem Atem kommen die Bilder, was seit gestern geschehen ist.

Sie sass im Rollstuhl, diesem verfluchten Möbel.
Ihr Haar war offen. Es gab viele graue Strähnen inmitten der schwarzen Haarpracht. Auf ihr Haar war sie immer stolz gewesen, die dunkle Farbe hatte ihre Haut betont und heute war ihr die Frisur besonders wichtig.
Es war früher Morgen, die andere Pensionärin, mit der sie das Zimmer teilte, schlief noch. Später drehte sie sich ächzend von der einen auf die andere Seite.
Schwester Hilde kam extra für ihr Haar, obwohl sie nicht Dienst hatte.
Guten Morgen, Frau Herbst, haben Sie gut geschlafen?
Josefine nickte. Es war ein ungeduldiges Nicken. Machen Sie vorwärts, schien es zu sagen.
Heute kam sie endlich wieder einmal hinaus aus dem Heim!
Ihr Bruder wird sie abholen.
Schwester Hilde hielt ihr einen Spiegel vors Gesicht und meinte:
Schauen Sie, wie hübsch Sie aussehen.
Josefine hätte dies nie zugegeben, aber heimlich fand sie auch, dass sie doch noch recht aussehe. Für ihr Alter.
Für ihre Krankheit.
Dass die so klammheimlich über sie gekommen war. Oder hatte sie sich doch angemeldet, einige Monate vorher?
Frau Herbst, ihr Bruder ist da.
Gut so, dachte sie und riss sich los aus den nutzlosen Gedanken.
Der Bruder kam auf sie zu, sein Lächeln, das sie an ihm so liebte, liess sein Gesicht warm und lebendig werden. Hallo Josefine, sagte er und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Josefine hob grüssend die Hand, als sie an den vereinzelten Pensionärinnen, die schon im Gang anzutreffen waren, vorbei geschoben wurde. Adieu, ihr Guten, ich fahre nun in die Ferien, lachte sie der einen und anderen zu. Vom Gang ging es direkt in den Lift hinein. Er war uralt, die Türen waren angerostet, aber er funktionierte. Josefine hielt die Tasche mit den wichtigsten persönlichen Sachen auf den Knien und freute sich diebisch, dass sie aus diesem Areal wegkam. Sie wurde über das Brücklein geschoben, das über den Teich führte. Drollige geschnitzte Bären klammerten sich am Brückengeländer fest. Diese Bären schaute sie immer gerne an. Auch am Teich zu sitzen bereitete ihr Vergnügen, sie durfte nur nicht daran denken, wie eintönig ihr Leben geworden war, wie sinnlos: Am Teich sitzen und Enten beobachten. Zudem konnte sie nicht mal selber mit dem Rollstuhl in den Lift. Einmal hatte sie es versucht und man hatte mit ihr gesprochen wie mit einem kleinen Kind: Frau Herbst, das ist viel zu gefährlich für Sie. Innerlich hatte sie geschnaubt: Paah – gefährlich!
Hinaus nun.
Auf dem Parkplatz stand das Auto. Robert fuhr mit dem Rollstuhl neben die Vordertür, öffnete sie und schob das Gefährt noch näher heran. Nun kam der schwierige Teil.
Zuerst wurde sie von den kräftigen Armen des Bruders auf die Beine gestellt, den linken, gesunden Arm hatte sie um seinen kräftigen Hals gelegt, dann musste sie sich mit dem Hinterteil voran auf den Sitz plumpsen lassen – die Beine wurden ihr nachgeschoben. Josefine schämte sich jedes Mal, wenn sie in ein Auto einsteigen sollte und sie nur wenig mithelfen konnte.

Robert klappte den Rollstuhl zusammen und versorgte ihn im Heck.
Los ging’s auf die Autobahn. In die Berge!
Sie liebte ihr Land, die kleine Schweiz, wo man in einem Tag vom Flachland in die Berge kam und auch wieder zurück, wenn es sein musste.
Aber heute musste es nicht sein. Sie würde eine ganze Woche bei ihrem Bruder und seiner Frau wohnen, alles war organisiert mit einer Pflegerin für die Abend -und Morgenstunden und viel mehr brauchte es nicht.
Nach einem gemütlichen Abend brachte Hannah sie ins Gästezimmer. Die Pflegerin von der Spitex half ihr ins Nachthemd und ins frisch bezogene Bett. Der Bruder kam nochmals bei ihr vorbei und sie fühlte sich in die Jahre der Kindheit zurück versetzt – Gute Nacht, sagte er zu ihr und legte einen Moment lang seine Hand auf die ihre.
Gute Nacht, antwortete sie glücklich. Endlich war sie angekommen.
Josefine schloss die Augen, sie musste selten lange auf den Schlaf warten.
Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag.

Nun liegt Josefine da und kann es nicht fassen, dass sie sich nicht mehr bewegen kann, dass sie nicht einmal rufen kann, dass die gute Nacht eine so schlechte geworden ist. Sie beginnt mit dem Gott ihrer Kindheit zu reden, sagt ihm, dass das unfair sei, gerade jetzt in ihren Körper eingesperrt zu werden. Gibt ihm zu verstehen, dass sie ja doch nie recht habe glauben können und jetzt solle er zeigen, ob es ihn gebe.
Josefine weiss, dass dieses Selbstgespräch sinnlos ist, aber die Verzweiflung treibt dazu, zwanghaft verstehen zu wollen.
Nach scheinbar endlosen Stunden wird kurz an die Tür geklopft und Robert tritt ein.
Der Morgen
In seine Augen tritt ein Erschrecken, das für Josefine unerträglich ist, sie schliesst die Augen und öffnet sie gleich wieder.
 Josefine, was ist passiert! Hannah, komm schnell, ruft er zur geöffneten Tür und in seiner Stimme ist Panik hörbar.
Er kniet sich vor das Bett, nimmt die Hand von Josefine und bleibt einen Moment lang so knien.
Hannah, die gelernte Krankenschwester, erkennt die Situation auf den ersten Blick und ruft die Ambulanz.
Josefine erstarrt. Die Ambulanz.
Sie will bei Robert bleiben.
Sie will hier nicht weg.
Sie hat sich so sehr auf diese Tage gefreut!
Auf einen Wintereinbruch gehofft, einen kleinen vielleicht nur, einen kleinen zarten ersten Schnee Anfang Oktober. Oder dann letzte wärmende Sonnenstrahlen auf ihren Spazierfahrten.
Die Ambulanz.
Josefine kann sich nicht bewegen, sie kann nicht protestieren. Aber die Qual, die aus ihren Augen spricht, spiegelt sich in den Augen von Robert. Er nimmt sich einen Stuhl an ihr Bett, hält ihre Hand und beginnt sachte zu sprechen.
Josefine, du hast wieder einen Schlaganfall gehabt. Ach Josefine, dass dies gerade jetzt geschehen muss! Und er spricht zu ihr wie zu einem kleinen Kind. Sie möchte ihm sagen, schweig, kein Wort mag ich hören, es ist zu spät, alles ist zu spät.
Dieser Körper ist mir so fremd wie ein liegengelassener Koffer, schweig, schweig!
Sie will schreien, doch es ist wie eine dünne Spur Sägemehl; bloss ein kläglicher Ton  ist zu hören.
Robert scheint die Hilflosigkeit seiner Schwester nicht länger zu ertragen, er steht auf und sagt, warte, ich komme gleich wieder. Er zündet sich zur Beruhigung eine Zigarette an, denkt Josefine. Robert, mein Bruder, geh nicht weg.
Ihre Wut auf das Schicksal lässt sie beinahe ersticken und wieder muss sie sich gut zureden, atmen, Josefine, atmen.
Sie hört ein Auto auf den Platz fahren, es wird die Ambulanz sein.
Josefine schliesst resigniert die Augen und öffnet sie nicht mehr, bis sie auf die Bahre gebettet ist. Robert steht da, mit hängenden Armen, und Hannah packt die wenigen Dinge, die sie gestern ausgepackt haben, wieder ein. Sie will etwas zu tun haben, denkt Josefine und schämt sich ihres Hasses.
Ruhig wird die Bahre ins Innere des Autos geschoben, Robert sagt, ich fahre mit und gibt seiner Frau einen Kuss. Telefonier der Familie, sagt er noch, ehe die Tür geschlossen wird.
Das nächstgelegene Spital liegt nur einige Dörfer weiter vorn im Tal.
Robert hält ihre Hand und lässt sie während der nächsten Minuten nicht mehr los. Josefine hält die Augen geschlossen und wünscht sich, dass diese Fahrt kein Ende nehmen möge, eine Hand in der anderen.
Doch sie sind schneller angekommen als Josefine lieb ist.
Robert löst ihre Hand aus der seinen und sie sieht, wie er sie sorgsam zurück auf die Decke legt. Der Platz, wo sie ihre Hand sieht, muss etwa ihre Körpermitte sein.
Josefine gerät wieder in Panik. Was, wenn ihr Körper diesmal gelähmt bleibt?
Wenn sich ihr Kopf nicht mehr erholt? Die Aerzte haben ihr schon vor zwei Jahren erklärt, dass eine Hirnblutung Zerstörungen verursacht, die nicht wieder gut zu machen sind. Dass die Befehle, die ihre Nerven dem Bewegungsapparat melden, nicht mehr weitergeleitet werden.
Josefine hat keine Zeit mehr, darüber nachzudenken.
Sie wird vom Ambulanzauto in die Notfallaufnahme gerollt, wo man sie einen Moment lang liegen lässt. Auch Robert bleibt nicht neben ihr, Josefine sieht aus dem rechten Auge, dass er mit einer weiss gekleideten Person spricht, sein Gesicht ist ihr zugewandt, als wollte er sie im Blickwinkel behalten.
Josefine, du musst hier bleiben, bis wir wissen, wo du hin kannst. Du möchtest vielleicht lieber zurück in deine Region. Wir besprechen das noch.
Robert spricht zu ihr, als wäre sie schon nicht mehr anwesend, er scheint ebenso verwirrt wie sie, will es sich aber nicht anmerken lassen. Josefine möchte ihm sagen, mach dir keine Sorgen, ich komme schon wieder hoch, es ist nur mein Körper, der nicht will, aber ich kann noch denken.
Das müsste ein masslos dunkler Himmel sein!
Josefine kommt in ein 6er Zimmer. Sie hat vor zwei Jahren ihre Halbprivatversicherung gekündigt, weil die Versicherungsprämien dauernd steigen, das hat sie damals gesagt.
Deshalb muss sie die Mehrbettzimmer ertragen, seit sie krank geworden ist, und ein Spitalaufenthalt nötig war.
Das hat sie nun davon.
Ein Leben lang hat sie gespart, mit jedem Franken gehaushaltet und sie hat es gut gemacht. Ihre zwei Kinder praktisch allein über die Runden gebracht.
Aber die Krankenversicherung aufs Minimum kündigen! Das wäre nun wirklich nicht nötig gewesen.
Sie liegt da, die Augen geschlossen.
Robert hat sich verabschiedet. Gesagt, er komme morgen wieder.
Da hat sie ihn so lange angeschaut, dass es ihm offensichtlich unangenehm wurde.
Ich gehe jetzt, Josefine, hat er gesagt.
Nun liegt sie da.


                    ***

Josefine wollte hüpfen. Josefine war ein Mädchen von sechs Jahren, wissbegierig und voll Leben. Ihre Beine warf sie in die Luft und die Zöpfe flogen. Heute durfte sie das erste mal in die Schule! Sie freute sich unbändig, es musste etwas unglaublich Wichtiges sein, dass es ihr Vorstellungsvermögen sprengte. Seit Tagen und Nächten bereitete sie sich auf diesen Moment vor: Sie lief mit erhobenem Kopf den Weg hinauf, achtete nicht auf den blühenden Löwenzahn, den lockenden Ruf der Vögel, die das Mädchen in die Schule begleiteten. Sie, Josefine, war für einmal der wichtigste Mensch im ganzen Dorfe.
Josefine versuchte, den gemessenen Schritt der Mutter nachzuahmen, doch ihre Beine wollten nicht. Sie wollten hüpfen, rennen, schnell, schnell, der Feldweg war steil und lang.
Die Hand der Mutter hielt Josefine fest. Mutter wollte die Beine des Mädchens zähmen. Bald waren sie oben, die Mutter musste einen Moment verschnaufen. Josefine wurde ungeduldig: Komm Mutter, wir müssen gehen! Ja, ja, lachte diese, wir haben genug Zeit.
Beim Schulhaus waren alle neuen Erstklässler versammelt, es waren elf. Die meisten kannte sie mit Namen, nur diesen Jungen mit der roten Mütze nicht, der musste von weiter her kommen und das Mädchen dort hatte sie auch noch nie gesehen.
Schon läutete die Glocke. Nun war es Josefine, die sich näher an die Mutter drückte und ihre Hand nicht loslassen wollte. Die Lehrerin hatte die Namenstafeln auf die Pulte gestellt, die Kinder durften schauen, ob sie ihren eigenen herausfanden und sich dort hinsetzen. Der Stuhl war gross, die Rückenlehne hart. Josefine merkte es nicht. Aufmerksam hörte sie, wie die Lehrerin alle begrüsste. Und dann durften die Mütter gehen. Mutter bleib noch ein wenig, wollte Josefine rufen, aber schon war sie weg. Sie musste doch zuhause arbeiten, Vater wartete auf sie, er wollte die Felder bestellen.
Josefine bekam eine Schiefertafel. Josefine bekam einen Griffel, einen grünen mit scharfer Spitze oben. Die Lehrerin schrieb ein grosses A an die Wandtafel.
Sie hielt den Griffel fest in der Hand, als wollte sie ihn nie wieder loslassen. Das war ihr Werkzeug, das gehörte niemandem sonst. Nicht der älteren Schwester und dem jüngeren Bruder sowieso nicht! Josefine merkte nicht, wie die Stunden vorbeigingen. In den Pausen spielte sie mit den anderen, aber in Gedanken war sie bei der Tafel und dem grünen Griffel. Der Griffel roch so besonders, ein bisschen nach Holz, aber auch nach Stein, fand sie.
Die Schulglocke läutete den Mittag ein und die Kinder machten sich auf den Heimweg. Josefine lief einige Meter mit den anderen Kindern, dann war sie allein auf dem Feldweg, der sie nun hinunter führte. Josefine blieb stehen und nahm sorgfältig die Lesefibel aus ihrem Schulsack. Stolz und beinahe zärtlich drückte sie diese an sich. Sie wird nun lesen lernen! Das A hatten sie heute gelernt und den M – AAAMMM, buchstabierte sie. Heute war ein Wunder geschehen, da war sie sich ganz sicher. Von heute an wird sie sich vorantasten, hineinspazieren in die Welt der Buchstaben und der Zeichen. Sie wird sich die Welt erklären, wenn die Finger sich vorwärts bewegen, ein Buchstabe nach dem andern und der Finger gleitet an ihnen entlang und verbindet sie – viel schöner noch als Schuhe binden, was sie auch gelernt hatte oder stricken. Sie verband A und M und lauschte dem Klang, den es daraus gab. Den schönsten Klang, den sie bisher vernommen hatte, denn er würde ihr weitere Geheimnisse preisgeben, sie wusste das. Josefine begann zu summen, zu singen, sie liess ihre Stimme fliegen wie ein farbiges Band. Schon war sie nahe am kleinen Bauernhof, den ihre Eltern bewirtschafteten. Josefine verstummte. Sie sah die Mutter beim Brunnen stehen und nach ihr rufen: Josefine, wir wollen essen, beeil dich!
Josefine nahm ihre Stimme zurück und das Glück verkroch sich in ihre Bauchhöhle. Dort konnte das Glück warten, sie würde es wieder hervor holen.
Ich komme Mutter, ich bin schon da, schrie Josefine, und liess sich in Mutters Arme fallen. Pass auf, du ungestümes Mädchen, schalt die Mutter. Hilf mir das Wasser hinein tragen und zieh deine schöne Schürze aus! Die Stimme der Mutter klang halb belustigt, halb verärgert.
Josefine ging  in die obere Kammer und zog die alte fleckige Schürze an. Den Schulsack legte sie auf das Bett, mit der Hand strich sie nochmals über das abgenutzte Leder, das so viel Kostbares enthielt: Ihre Lesefibel. Josefine wusste, dass sie heute kaum noch dazu kommen würde, in die Lesefibel zu schauen, es war ein prächtiger Frühlingstag und heute musste gesät werden. Josefine würde mithelfen müssen, wo es sie gerade brauchte.
Auf dem Tisch stand schon die dampfende Suppenschüssel. Das Brot war in dicke Scheiben geschnitten, ein Rest Käse lag auf einem Teller, der war für Vater bestimmt.


                        ***

Josefine muss eingenickt sein und erwacht nun aus ihren Erinnerungsbildern. Der Magen revoltiert.
 Sie hat seit gestern Abend nichts mehr zu Essen bekommen. Ein dünner Schlauch führt in ihre Kehle, sie wird wohl mit einer Flüssigkeit ernährt. Der Käse auf dem Tisch ihrer Kindheitserinnerungen hat ein Verlangen nach Essen wachgerufen, nach den einfachen Köstlichkeiten ihres Alltages, meinetwegen die Kost des Pflegeheimes, denkt Josefine, alles ist besser als nichts mehr schmecken zu können. Sie möchte mit der Zunge über ihre Zähne fahren, um nachzuprüfen, ob sie einen Belag haben, doch die Zunge lässt sich nicht bewegen, wie ein dicker Klumpen liegt sie in ihrem Mund. Sie möchte die Spucke schlucken, die sich in ihrer Mundhöhle angesammelt hat, doch das kann sie nicht. Josefine ist schlecht. Sie schliesst die Augen.

Die Autorin:

Ruth Loosli, geboren 1959 in Aarberg/ Seeland, Schweiz, lebt in Winterthur. Ausbildung zur Primarlehrerin. Sie ist Mutter von drei erwachsenen Kindern. Veröffentlichung in Anthologien und Literaturzeitschriften (z.B. in "Entwürfe" und der Poesieagenda "Orte", "ausserdem", München). Im Juni 2009 erschien ihr Gedichtband "Aber die Häuser stehen noch"

www.ruthloosli.ch