Simone Adams: Zwei Tage Zürich (Roman)
Das Telefon. Der Anrufbeantworter; Stimmen, die sich ungefragt ausbreiten, erst ihre eigene, vom Band, und dann: Bruno. Warum gibt er nicht auf? Warum ruft er schon wieder an?
Sie hält still im Bett, atmet so flach wie möglich. Als ob er es hören könnte, wenn sie sich bewegt. Wie früher, beim Versteckspielen, wenn sie auf den Moment gewartet hatte, an dem er sie entdecken würde: Aufgeregt, ängstlich und gleichzeitig ungeduldig. Dabei hat Bruno nie viel Ausdauer gehabt beim Suchen, er hat sie immer nur gefunden, wenn sie es ihm leicht gemacht hatte.
Sie macht es ihm nicht mehr leicht, im Gegenteil. Es ist beinahe eine Genugtuung, zu hören, wie er in den Raum hineinspricht, sich vortastet, weil er nicht weiß, nicht wissen kann, wo sie ist. Zögernd spricht er, und doch so, als hätte er seine Sätze in Gedanken schon lange vorformuliert.
Ein Klicken. Der langgezogene Piepton, das Ende der Aufzeichnung.
Das satte Geräusch, mit dem die Regentropfen auf der Fensterbank aufprallen und zerplatzen – wohltuend gleichmäßig; und doch hat jeder Tropfen seinen eigenen Ton. Es trommelt und pocht. Der Raum ist ein Klangkörper, und Lea liegt mitten darin.
Sie schließt die Augen, kühl ist es im Zimmer, nur unter den Decken ist es warm. Das Bett ist eine Insel, oder eher ein Boot, es könnte mit ihr davontreiben.
Doch der Boden wird nass, das Holz quillt auf. Sie muss aufstehen. Geht ins Bad, nimmt ein Handtuch, wischt Dielen und Fensterbank trocken; nimmt noch ein größeres, um den Boden damit abzudecken. Um das Fenster nicht schließen zu müssen. Jetzt, wo es endlich nicht mehr schneit, sondern regnet.
In the morning, when I wake up – auf dem Weg in die Küche fällt ihr das Lied wieder ein. Ihre erste Gruppe im Kindergarten; Vorlesen für die Kleinen, Spiele auf Englisch für die Vorschüler; lange hatten sie es geübt: Brush my teeth, wash my face – wie eifrig sie dabei die passenden Gesten mitgemacht hatten; eat my bread, drink my coffee – an dieser Stelle immer die spannende Pause, die sie alle so liebten. And go back to bed.
Was für ein Kreischen und Gelächter, sie schrieen vor Freude. Die Vorstellung begeisterte sie: Zurück ins Bett, statt um sieben Uhr dreißig, wenn es draußen noch nicht einmal richtig hell war, die Jacke an den Pinguin- oder Löwenhaken zu hängen und der Mutter einen Abschiedskuss zu geben.
Lea geht mit dem Kaffee zurück ins Schlafzimmer. Back to bed.
Sie pustet sacht in die Tasse, so dass der Milchschaum einen hellbraunen See freigibt. Drumherum türmen sich Berge.
–
Eine der frühesten Erinnerungen an Bruno, Lea ist drei, vier Jahre alt: Er schreit und schreit. Sie schaut in den Kinderwagen, ein hochroter Kopf, ein Beben und Zittern bis in die Ärmchen und Hände, ein einziger flammender Schrei, der nicht aufhört, es scheint den kleinen Körper fast zu zersprengen. Der Bruno, den Lea auf dem Sofa im Arm hat halten dürfen, der Bruno, mit dem Mama sie fotografiert hat, ist nicht mehr da. Sie wagt es nicht, ihn zu berühren.
Zögernd geht sie in die Küche, bleibt hinter der Mutter stehen, die mit harten, schnellen Bewegungen Möhren abschabt. Lea zupft an ihrem Ärmel, sagt leise: Mama... – Mama lässt das Messer ins Spülbecken fallen, wäscht sich die Hände, wischt sie an ihrer Schürze trocken, sagt: Ja, ich komm ja schon. – Sie zieht die Schürze aus und geht hinüber zu Bruno.
Er liegt über ihrer Schulter, beruhigt sich allmählich. Dann bäumt sich der kleine Körper noch einmal auf. Eine milchige, sauer riechende Spur läuft der Mutter über die rosa und violetten Blüten auf ihrer weißen Bluse, sie seufzt und legt Bruno zurück in den Wagen. Lea, schau mal nach ihm, sagt sie, ich wasch das gleich aus. – Er liegt da, mit einem Mal bleich. Lea hält ihm einen Finger hin, den er, ohne sie anzuschauen, ergreift und ganz fest hält. Noch immer zieht er stoßweise, schluchzend die Luft ein und lässt sie mit schwerem Ausatmen wieder los. Den Kopf zur Seite gewandt, hält und hält er ihren Finger. Lea angelt mit der freien Hand das Bärenbuch aus dem Bücherregal und setzt sich, ohne dass Bruno den Finger loslassen muss.
Der kleine Bär will Astronaut sein. Der kleine Bär baut sich eine Rakete. Er wünscht sich, zum Mond und noch weiter zu fliegen, aber die Bärenmutter sagt: Das kann man nicht wünschen, kleiner Bär. Das Buch kennt Lea auswendig. Es ärgert sie, dass die runde, behäbige Bärenmutter bei allem sagt: Das kann man nicht wünschen, kleiner Bär. Warum kann man das nicht wünschen? Kann man sich nicht verdammt noch mal wünschen, was immer man will?
–
Ganz schön früh hat er angerufen. Vielleicht hat Anette ihn ja dazu gebracht; Bruno ist nie besonders energisch gewesen. Vielleicht fühlt sich Anette, als gute Ehefrau und Mutter, auch noch zuständig für seine Familie –
Lea steht nun doch wieder auf, geht zum Schrank, zieht die kleine Schachtel aus dem obersten Fach.
And go back to bed.
Briefe, Postkarten. Das Hochzeitsfoto, klassisch: Bruno im dunkelgrauen Anzug, Anette, mit Blüten im Haar, im rüschenbesetzten Kleid. Er, den Arm um sie gelegt, drückt ihr einen Kuss auf die Wange. Sie strahlt, die Hände überm schon etwas gewölbten Bauch.
Dann die Geburtsanzeige: Das winzige Gesicht, die Augen, noch geschlossen, geblendet vom sogenannten Licht der Welt. Im Hintergrund viel Plüsch und Frottee. Neben dem Bild, in Anettes Handschrift: „Wir, die glücklichen Eltern“ – von Bruno nur eine Unterschrift.
Wie alt ist der Kleine jetzt? Schon fünf?
Muss wohl so sein; es sind fünfeinhalb Jahre, seit sie Bruno zuletzt gesehen hat. Nach ihrem Klassentreffen. Sie hatte es hören können, am Telefon, wie sehr er sich freute – und es sich trotzdem wohl nie verkneifen konnte, dieses: Klar hab ich Zeit – wenn du schon mal nach Hause kommst – nach Hause? Was soll das, bitteschön sein? Die Siedlung, wo niemand mehr wohnt, den sie kennt? Die Mietshäuser, jetzt alle Eigenheime; die alte, grau-weiße Reihe längst aufgebrochen, überall Vorbauten, Anbauten, Überbauten –
Was ist das, Bruno, zuhause? Habt ihr es dort, im Neubaugebiet am Sonnenhang, mit Leon und dem zweiten, das schon unterwegs ist, ist das euer Zuhause? Schön, es sei euch gegönnt. Leas Zuhause ist dieses Bett, dieser Kiefernholzschrank, der Schreibtisch, der morgens und abends auch Esstisch ist; die Küchenzeile, die drin war und drin bleiben wird, egal, wer hier wohnt – das Leben ist leichter so, und sie braucht nichts weiter als jetzt eine zweite Tasse Kaffee.
–
Lea ist sieben, doch sie wünscht sich, älter zu sein, größer zu sein. Woanders zu sein. Am liebsten verkriecht sie sich unter den Kissen und der grauen Wolldecke auf dem Sofa, doch die Decke ist dick und schwer, so dass sie darunter kaum Luft bekommt. Etwas stimmt nicht, etwas ist falsch, seit Bruno im Haus ist – etwas ist anders, als es sein sollte. Es hat zu tun mit Mamas tiefrotem Nagellack. Mit ihrem großen, geschminkten Mund. Dem Kleid mit den riesigen Klatschmohnblüten darauf. Mit dem Schweiß, den man durch Mamas Lavendelparfum hindurch riechen kann, mit ihrem zu lauten Lachen. Mit der goldenen Puderdose in ihrer Handtasche, mit den kleinen Wäscheteilen in ihrem Schrank, die nicht weiß und glatt sind wie Leas Hemdchen, sondern schwarz, dunkelrot, seidenweich, knisternd – Drahtbügel sind darin eingenäht.
Tante Ruth schimpft, sie sagt, es sei maßlos, wie viel Mama einkaufe, Fleisch und Trauben und Käse, kiloweise. Und wie leichtfertig Mama Verträge an der Haustüre unterschreibe, Zeitschriften abonniere, einen Perserteppich hat sie bestellt und eine monströse Teppichreinigungsmaschine dazu, die auf dem Perserteppich herumklopft und -hopst wie ein wild gewordener Presslufthammer.
Tante Ruth sagt, Mama soll froh sein, dass Papa immer noch da ist, was Lea gar nicht begreift, denn Papa ist kaum noch zuhause.
Tante Ruth und Mama schauen beide rüber zu Bruno, der auf dem Boden sitzt, und beide schauen dann wieder weg, als läge all das, was falsch ist in diesem Haus, in Brunos Gesicht – in seinen Augen, die konzentriert auf das Bärenbuch schauen, das Lea ihm so oft vorgelesen hat, und auf seinen Lippen, die er bei seinen Leseversuchen stumm mitbewegt.
Lea im roten Badeanzug mit den weißen Rüschen an den Trägern. Bruno in hellblauer Badehose, unter seiner selbstgebauten Dusche, dem schwarz-gelben Wasserschlauch, den er an den untersten Ast des Kirschbaumes gebunden hat. Der Schlauch, der sich mit einer wilden Bewegung aus den Seilen herauswindet, der Gießkannenaufsatz, der auf den matschigen Boden fliegt, als Bruno den Wasserhahn aufdreht. Das platte, überschwemmte Gras. – Bruno, der Mutters alten roten Geldbeutel an einen durchsichtigen Nylonfaden bindet, ihn auf dem Gehweg platziert und die Schnur durch das Gebüsch verlegt. Der den Geldbeutel, sobald man sich danach bückt, hochspringen und vor den Händen des Finders davonhüpfen lässt. Bruno, der stundenlang dort in der Hecke wartet, auf jemanden, der den alten Trick noch nicht kennt.
Der metallisch bittere Geruch des Geldstücks, das Bruno den ganzen Nachmittag lang in der schwitzenden Hand hält, bis das helle energische Bimmeln die endlose Langeweile unterbricht und er losrennt, um als erster da zu sein, vor der aufgeklappten Theke des Eiswagens.
Lea dagegen, schon richtig groß, wie sie ruhig und langsam über die Straße geht, weil sie weiß, dass genug Eis da ist für alle, Lea, die weiter hinten ansteht, nicht wie Bruno da vorn im Gedränge, Haut an Haut mit den anderen Kindern. Bruno, der sich dann doch zu ihr durchschiebt, nach hinten, und beinahe zu weinen anfängt, weil er vergessen hat, was er bestellen wollte, weil er so ein Monsterwort wie Stracciatella nicht aussprechen, sich nicht merken kann.
Bruno, der schließlich sein Eis in der Hand hält und unglücklich schaut, als er sieht, was Lea genommen hat.
Bruno, dem Papa am Tisch sagt, dass er langsam und anständig essen soll, dem aber gleich darauf die Kartoffel, die er aufspießen will, vom Teller springt, so dass seine Hand in der Soße landet,
Papa, der Bruno vom Stuhl reißt, ihn vor die Spüle zerrt, seine Finger unters Wasser hält, Papa, der Bruno plötzlich fallen lässt, ihn anbrüllt und auf ihn einschlägt, die Mutter, die schreit: Hör auf! – erst als er wirklich aufhört, sieht Lea die nassen Hosenbeine, sieht, dass Bruno vor Angst in die Hose gepinkelt und Papa dabei nass gemacht hat.
Lea, die Bruno trösten will, Papa, der sagt: Nein, Lea, lass ihn! – und Bruno hinauf in sein Zimmer schickt.
Papa, den Lea in solchen Momenten hasst. Obwohl sie gerade noch zeigen wollte, dass sie viel sauberer essen kann als Bruno.
Papa, der mit ihr auf die Kirmes geht und aufs Karussell. Dieses große, laute, bunte Karussell, das aussieht wie eine Krake, an jedem Krakenarm eine Gondel. Die Gondeln drehen sich und die Krakenarme drehen sich und dann auch die Erde und die Lichter und die Menschen in den anderen Gondeln, die lachen mit zurückgeworfenen Köpfen, Lea brüllt, laut und schrill, sie will raus, ihr ist schlecht und sie weint.
Papa, der sie festhält, beruhigen will, Lea hatte doch selbst auf das Karussell gewollt, hatte gejammert, gebettelt, bitte, Papa, ich hab auch bestimmt keine Angst, bitte, bitte! – Sie hat ja nicht wissen können, wie das ist, wenn sich alles dreht, innen und außen, die Gondel hin- und herschwankt, der Boden endlos weit weg ist, man kann nicht hinunter, es hört nicht mehr auf, Papa hat es vorher gesagt, wenn man drin ist, kann man nicht raus, wenn man oben ist, ist man oben. Sie will raus!
Plötzlich hört die Musik auf.
Papa hat etwas nach unten gerufen. Und wie auf ein Zauberwort hin bewegen die Krakenarme sich langsam nach unten, drehen sich noch einmal am rotbemalten Trittbrett entlang, vorbei an der Kasse. Und dann steht die Gondel still, schwankt nur noch ein wenig, als Papa aussteigt mit ihr. Lea schwankt auch.
Papa hat Bruno geschlagen. Für Lea hat er das Karussell angehalten.
–
Nur Kinderfotots, kein einziges aus den letzten Jahren. Postkarten, Briefe, verteilt über die Bettdecke – als hätten sie nie in diese kleine Schachtel gepasst.
Lea stellt die Tasse ab und fischt das verknitterte, cremeweisse Blatt aus dem Stapel heraus: Die Einladung zum Klassentreffen damals; von wegen „Zwangloses Beisammensein“. Zeigen, Erzählen und Sehen, was man in diesen zehn Jahren seit dem Abi erreicht hatte; im Beruf und in der Liebe. Die meisten waren verheiratet, manche schon wieder geschieden. Lächeln und sagen: Nein, ich lebe allein. Nach ihm Ausschau halten, ohne dass jemand es merkt, ohne den Kopf zu drehen. Reden und zuhören; hören, ob seine Stimme im Raum ist.
Er kam. David war da. Und saß dann den ganzen Abend woanders. Als sie endlich nebeneinander standen und eine Zigarette rauchten, draußen, vor der Tür, war es schon kurz nach Mitternacht. Seine Haare hell, halblang, so wie früher; sein Gesicht war schmal, sein Mund, scharf konturiert, wie gezeichnet. David, wie sie ihn kannte, sein wie immer etwas spöttischer Blick –
Damals, nach der mündlichen Prüfung, hatte David gesagt: Du machst doch nicht Abitur, um Erzieherin zu werden?
Doch, genau das hatte sie getan.
Und da standen sie nun, zehn Jahre später, vor der Tür der Hellinger Höhe, wo früher jede goldene Hochzeit und jede heilige Kommunion gefeiert wurde; Lea, viel zu dünn angezogen für die Kälte des späten Abends, in einem Kleid, das ihr plötzlich albern vorkam, von einem Bein auf das andere tretend; eine Erzieherin, die erklärte, erzählte, redete; nicht damit aufhören konnte: Wie schön ihre Arbeit sei. Wie wichtig. Wie anspruchsvoll –
Er könne mit kleinen Kindern ja nicht so viel anfangen.
Sie musste sich räuspern, bevor sie ihm antworten konnte.
Jedem das Seine. Sie könne sich auch nicht vorstellen, in der Werbung Geld zu verdienen, wie Bruno.
David hatte den Unterton nicht gehört – oder nicht hören wollen –, er warf seine Kippe auf den Boden, drückte sie mit einer schnellen, drehenden Bewegung der Schuhspitze aus und fragte leichthin:
Wie geht´s ihm denn so?
Und wie lange sie bleibe. Man könne sich doch, am nächsten Tag, im Café Krämer, wie früher –
Sie hatte ihn falsch verstanden. Er hatte gemeint: Zu dritt, mit Bruno.
–
Bruno klettert nie über die Leiter aufs Hochbett, er hangelt sich an den Seiten, an den Pfosten hoch, schnell und geschickt. Oben ist sein Reich, ihres ist unten. Oben: Bilder von Dinosauriern, Flugechsen, Riesenschildkröten. Unten, über Leas Kopfkissen, ein Poster mit Sonnenuntergang in der Wüste.
Eines Nachts hört sie, wie er herunterklettert, hört seine nackten Füße auf dem Boden und wie er nach nebenan zu den Eltern schleicht. Sie hört Papas verärgertes Brummen, und dann, als sie fast wieder schläft, ein paar zischende Worte. Mama. Dann wird es wieder still. Doch plötzlich ist Licht im Elternschlafzimmer. Lea steht auf, steht im Türrahmen – Mama und Papa stehen jeder auf einer Seite des Bettes. Sätze fliegen hin und her, Bruno liegt noch immer dazwischen, jetzt setzt er sich auf, er blinzelt und schaut von einem zum andern. Lea will ihn zu sich rufen und kann nicht, Mama weint immer lauter, sie reißt das Fenster auf, sie will nicht mehr, schreit sie, sie kann nicht mehr, ihre Beine hängen draußen, in einer schwarzen und kalten, unendlichen Tiefe, Papa zieht sie aus dem Fensterrahmen, mit einem Griff und einem Schlag ins Gesicht, Lea hört die Fersen dumpf auf das Holz der Bettkante schlagen, als er Mama aufs Bett wirft. Mama steht wieder auf, weint noch immer. Sie zieht Lea und Bruno mit sich in den Flur, wirft Lea die Jacke übers Nachthemd und stellt Bruno im Schlafanzug in die gelben Gummistiefel. Sie laufen im Dunkeln über die Straße.
Kurz darauf liegen Lea und Bruno im Bett von Tante Ruth. Die Nachttischlampe darf anbleiben. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hält Lea wieder Brunos Hand, damit er einschlafen kann.
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Was, wenn sie David alleine getroffen hätte? Wenn Bruno sich nicht hätte freinehmen können? Wenn es nicht gerade Ende Oktober gewesen wäre; das Café Krämer dekoriert mit Kürbissen und Gespenstern, alles in Schwarz und grellem Orange?
Wenn sie nicht darüber gesprochen hätten, dass inzwischen alle Welt Halloween feiert; Halloween, importiert, wie so vieles, aus Amerika; und dass es das in ihrer Kindheit nicht gegeben habe; St. Martin, ja, mit Brezeln, Laternen, St. Martin auf einem Pferd und im roten Mantel, den der Heilige mit einem einzigen Hieb seines Schwertes in zwei Hälften teilte, mit einem schnellen, gekonnten, schwungvollen Hieb – Bruno war immer beeindruckt gewesen als Kind.
Hast du das nicht gewusst, Bruno?, hatte David gelacht und gesagt: Hast du nicht gewusst, dass der Mantel einen Klettverschluss hatte; der gute Mann hat ihn jedes Jahr geteilt und hinterher wieder zusammengesetzt!
Was, wenn Bruno nicht, plötzlich ganz ernst, den Keramikkürbis aus dem Efeu gepflückt, ihn neben die Kaffeetassen gestellt und gesagt hätte, nein, dass er das nicht gewusst habe. Dass er als Kind vieles nicht gewusst habe; dass es so leicht sei, Kinder zu täuschen, weil sie das Ganze nicht durchschauten, gar nicht durchschauen könnten, weil sie immer von unten nach oben sehen müssten zu den Erwachsenen, die dadurch riesig wirkten, unangreifbar, unfehlbar;
was, wenn er nicht dieses Plastikgespenst aus dem Gesteck gezogen, es zwischen seinen Fingern hin- und hergedreht, wenn er nicht wieder von seinem Vater angefangen hätte und dass er, Bruno, in einer einzigen Täuschung, einer einzigen Lüge aufgewachsen sei;
wenn er nicht gesagt hätte, dass er, im Gegensatz zu ihr, zu Lea, seiner Halbschwester – er musste es auch noch aussprechen, „Halbschwester“, furchtbar klang es – dass er nichts über seinen Vater wisse; dass er seinen eigenen, leiblichen Vater nie gesehen, nicht einmal ein Foto von ihm habe;
was, wenn David nicht die ganze Zeit dazu genickt und schließlich gesagt hätte: Halloween, Bruno, das ist ein Zeichen! Du musst dir dieses alte Gespenst endlich anschauen!
Später hatte David nicht mehr „du“, sondern „wir“ gesagt; wir werden ihn schon finden! Als wäre das alles ein großes Abenteuer, das er von da an zu planen begann.
Und wenn sein Vater nicht will?
Dann zwingen wir ihn eben dazu!
David hatte dann die Sache mit Zürich herausgefunden; und nur deshalb hat Bruno seinen Vater überhaupt ein einziges Mal in seinem Leben gesehen. Vielleicht ist es ja wichtig für Bruno gewesen; aber jetzt wird sie endgültig aufstehen, duschen gehen, die Fotos, Briefe, das ganze Papier fällt zu Boden –
David hatte es ihr erklärt, nicht Bruno; David hatte gesagt, es sei wichtig, zu wissen, woher man kommt, damit man herausfinden könne, wohin man gehen will oder soll im Leben; es sei wichtig für Bruno, seinen Vater zu treffen, ihn einmal zu sehen;
ja, vielleicht war es wichtig für Bruno, aber wenn er noch einmal anruft – wenn sie ans Telefon gehen, wenn sie mit ihm reden würde, dann würde sie sagen müssen:
Ich frage mich, seit über fünf Jahren frage ich mich jeden Tag, ob David noch leben würde, wenn wir uns mehr um ihn als um dieses Gespenst, deinen Vater, gekümmert hätten.
Die Autorin:
Simone Regina Adams, geboren 1967 im Saarland, arbeitete über fünfzehn Jahre als Lehrbeauftragte sowie als Psychotherapeutin in eigener Praxis in Freiburg im Breisgau und in der Schweiz. Für den Debütroman "Nashornvögel" (2009 erschienen) und für den Folgeroman erhielt sie Stipendien des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg. Inzwischen arbeitet sie am dritten Roman und studiert im Zweitstudium Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Literaturwissenschaft.
