Stephanie Drescher: Orientierungslos (Krimi)
Jemand wollte wissen, wo sie gestern war. Sie erinnerte sich nicht. Blickte an die weiße Wand gegenüber und konnte keinen klaren Gedanken einfangen.
Jemand wartete auf Antworten.
„Ja, Ja, ich überlege ja schon. Einen Moment noch. Lassen Sie mir noch ein bisschen Zeit. Nur noch ein bisschen Zeit.“
Sie lehnte sich in dem Stuhl zurück. Er hinterließ ein fröstelndes Gefühl. Ein Stück ihrer Oberschenkel klebte an dem billigen Aluminium. Ihre Hände spielten mit dem roten Gummiband, das jemand auf dem Tisch vergessen haben musste und mit dem sie nun versuchte, ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. Verdammt, sie erinnerte sich einfach nicht. Es konnte doch nicht so schwer sein ihren gestrigen Tag zu rekonstruieren, aber in ihrem Kopf war nur Leere. Sie brauchte einen Anhaltspunkt, einen winzigen Denkanstoss. Doch niemand war da, der ihn geben konnte.
„Was ist jetzt, Frau von Sauten? Erzählen Sie mir was Sie gestern gemacht haben?“
Jetzt haben sie mich, dachte sie. Jetzt hocke ich in der Falle.
Sie saß in dem kahlen Raum. Schweißperlen rannen ihr den Rücken runter. Sie musste sich eine Ausrede ausdenken, eine Geschichte erfinden, irgendwie Orientierung erlangen in der Leere in ihrem Kopf.
Sie war morgens aufgestanden wie immer, hatte sich unter die Dusche gestellt, Frühstück im Stehen, den Bus gerade noch erwischt und trotzdem war sie ein wenig zu spät im Büro erschienen. Sie hatte keine festen Arbeitszeiten. Jeder Tag verlief anders, das brachte ihr Beruf mit sich. Aber trotzdem hatte sie diese stille Routine entwickelt. Frühstück zuhause, so viel Zeit nahm sie sich immer und die Zeitung, die wollte sie wenigstens einmal durchgeblättert haben.
Sie ratterte die Sätze nur so runter, ohne dem Mann, der ihr gegenüber saß ins Gesicht zu sehen. Sie hatte Angst den Faden zu verlieren, nur wenn sie schnell alles aufzählte, konnte ihre Erinnerung nicht ins Stocken geraten.
„Ich bin um kurz vor sieben Uhr aufgestanden. Habe geduscht, einen Kaffee getrunken, die Zeitung hoch geholt, durchgeblättert und den Bus in die Redaktion genommen.“
Sie hielt inne, grübelte einen Moment nur, aus Furcht unglaubwürdig zu erscheinen. Jeder Satz konnte eine Lüge sein.
Der Mann schaute sie mit ausdruckslosen Augen an. Er strahlte eine kühle Professionalität aus. In seinem Gesicht sah sie kaum eine Regung. Er hatte sich als Kriminalkommissar Tim Sander vorgestellt. Aber warum saß sie hier? Warum wurde sie von einem Kriminalkommissar verhört, der unangenehm nach kaltem Rauch roch? Ganz offensichtlich nicht zum Spaß, das war ihr nach und nach klar geworden. Es musste an dem Raum liegen, der kahl und unwohnlich war. Und an dem Tonfall, mit dem der Kommissar mit ihr sprach.
„Und nach der Arbeit? Wo waren sie nach der Arbeit?“, unterbrach der Mann ihren Gedankengang.
„Nach der Arbeit?“, wiederholte sie, um Zeit zu gewinnen.
„Ich bin direkt nach hause gefahren. Habe den Bus um 20:18h genommen.“ Ihre Hände spannten das Gummiband, sie merkte es nicht.
„Und nachdem Sie zuhause angekommen waren, wie ging ihr Abend weiter?“, der Mann sprach mit Nachdruck.
Wieder breitete sich Leere in ihrem Kopf aus. Kein Moment an dem sie sich festhalten konnte. Keine Begebenheit der Orientierung.
„Ich war sehr müde und bin bald schlafen gegangen.“ Das passierte oft nach einem anstrengenden Tag. Sie legte sich ins Bett, um zu lesen und Ruhe zu finden.
Sie wusste nicht, warum sie in diesem Raum saß, auf diesem unbequemen Stuhl, gegenüber diesem Mann, den sie noch nie gesehen hatte. Wo war sie? Wo war ihre Handtasche, ihr Schal, den sie aus der Schweiz mitgebracht hatte? Wurde sie gegen ihren Willen festgehalten? Durfte sie telefonieren? Und wenn ja, wen sollte sie anrufen? Verzweifelt suchte sie nach einem Hinweis, einem Bild in ihrem Kopf. Es wollte nichts kommen.
„Frau van Sauten, wir haben Sie mit einer Waffe in ihrer linken Hand im Grunewald aufgegriffen. Um es genauer zu definieren: mit einer Mauser C96. Sie saßen neben einer nackten Frau, deren Gesicht von mehreren Schüssen vollkommen zerstört ist. Und sie wollen mir tatsächlich erzählen, sie erinnern sich an nichts?“ Julia van Sauten hatte keine Ahnung. Sie wusste noch nicht einmal, was eine Mauser C96 war.
*
Hauptkommissar Tim Sander hatte schlecht geschlafen. In der Nacht, als das Telefon ihn weckte, war er zusätzlich mit einer nicht unerheblichen Migräne aufgestanden. Er ahnte wie dieser Tag werden würde. In der Küche kochte er sich einen starken Kaffee, das half manchmal gegen den stechenden Schmerz in seiner Schläfe, bevor ihn seine Kollegin Lisa Stockmann abgeholt hatte.
Sie waren raus in den Grunewald gefahren. Ein Pärchen, das von einer Party kam hatte die 110 gewählt und ins Telefon geschrien, dass eine Frau mit einer Pistole bewaffnet durch den Wald torkele. Als sie dort ankamen trafen sie auf zwei Kollegen vom Abschnitt 43, die die Frau überwältigt hatten, aber die die Situation sichtlich überforderte. Die Frau kauerte auf dem Waldboden. Sie hatte sich mit Händen und Füßen gewehrt aufzustehen und sich in den Polizeiwagen zu setzen. Sie war verwirrt und blutig an den Händen, ihr schmutziger Mantel hing über ihren Schultern. Neben ihr lag die Leiche einer Frau, die bis zur Unkenntlichkeit entstellt war. Jemand hatte offenbar ihr Gesicht zerschossen. Tim Sander erkannte die junge, zitternde Frau nicht sofort. Erst als er ihre stechend blauen Augen sah, dämmerte ihm, wen er vor sich hatte. Julia van Sauten, eine stadtbekannte Journalistin. Aber was viel mehr Brisanz besaß, sie war die Tochter von Richter van Sauten. Der Richter war eine Persönlichkeit und eine Institution in der Stadt. Er hatte manches harte Urteil gefällt, aber die Familie war sehr beliebt. Ehrenwert, wie sich das so schön nannte.
Tim Sander graute vor dieser Tatsache, denn er wusste, dass sie automatisch Schwierigkeiten mit sich brachte. Julia van Sauten saß einfach so da und umklammerte eine Pistole, eine Mauser C96.
In Sanders linker Schläfe verstärkte sich der Schmerz, war zu einem Hämmern übergegangen. Er kannte Julia van Sauten von Presseterminen, las manchmal ihre Kolumne in der Berliner Zeitung. Sie war eine schöne und intelligente Frau. Das ließ sich jetzt allerdings nur erahnen. Sie hatten sie nach Tempelhof ins Landeskriminalamt gebracht. Zwei Stunden hatte er sie verhört und sich dann von Ludwig Heiden ablösen lassen. Doch sie beide konnten nichts aus der verwirrten Frau herausbekommen.
*
Auf dem Flur kam ihm Lisa Stockmann entgegen. Die Kriminlakommissarin kannte ihren Chef seit zehn Jahren. Sie war in seine Truppe gekommen, nachdem sie einige Jahre bei der Drogenfahndung gearbeitet hatte. Lisa war eine seiner brilliantesten Ermittlerinnen.
„Warum gehst du nicht ans Telefon, Tim? Wir treffen uns gleich um 7:30 Uhr bei Eva im Büro zu einer Lagebesprechung. Hast du sie eigentlich angerufen. Sie sitzt seit einer halben Stunde oben und schaut Heiden bei seinem Verhör zu.“ Eva Brolin war die Chefin des LKA 1. Der Abteilung des Landeskriminalamtes, das sich mit den Delikten am Menschen befasste, wie es in der Amtssprache hieß.
Sander schaffte es nicht mehr zu antworten und rannte Richtung Toilette. Er musste sich übergeben. Meistens ging es danach besser. Sander schaute in den Spiegel, fühlte sich müde und kraftlos, dabei hatte die Woche erst begonnen.
Keine Chance. Seit heute Nacht existierte eine neue Zeitrechnung. Sie mussten einen Mord aufklären, in den Richter van Sautens Tochter verwickelt war.
In seinem Büro wartete Lisa Stockmann auf ihn.
„Migräne?“, fragte sie.
„Mmh, hat jemand schon die Mauser überprüft?“
„Klar! Sie ist nicht registriert.“
„Ehrlich gesagt hätte mich das auch gewundert.“
„Sie ist ziemlich durcheinander, erinnert sich angeblich an nichts. Kennst du sie persönlich?“
„Von Presseterminen.“
Lisa Stockmann schwieg. Und beobachtete ihn. Wartete auf eine erste Einschätzung. Doch die kam nicht.
„Komm lass uns schauen, was die Chefin von uns will und van Sauten eine Verschnaufpause gönnen. Hat sich irgendjemand eigentlich um Frühstück gekümmert?“
Seine Kollegin schüttelte den Kopf . „Ich sage Martha Bescheid. Sie müsste gleich auftauchen.“ Martha war die gute Seele der Abteilung. Sekretärin, Empfangsdame und oft einfach nur Zuhörerin. Ihr entging nichts. Keine Stimmung, keine Krise, kein Knistern. Und gleichzeitig schaffte sie es, nichts zu sehr an sich herankommen zu lassen. In ihrem Job eine kluge Eigenschaft.
Lisa Stockmann und Tim Sander gingen in das Untersuchungszimmer. Sander beobachtete Julia van Sauten eine Weile durch die verspiegelte Scheibe. Sie sah irgendwie verloren aus, die Selbstsicherheit, die er an ihr oft bewundert hatte, war verschwunden. Er sah eine ratlose Frau mit leerem Blick. In dem Moment, als Sander das Verhörzimmer betrat kippte Julia van Sauten bewusstlos von dem Stuhl, auf dem sie die letzten fünf Stunden gesessen hatte.
*
Tim Sander rannte in das Untersuchungszimmer. Heiden hockte schon bei Julia van Sauten auf dem Fußboden und schlug ihr sanft auf die Wangen. Sie rührte sich nicht.
„Sie ist mir einfach vom Stuhl gekippt, ohne Vorwarnung,“ sagte Heiden.
„Ich habe es von draußen beobachtet.“
„Ich glaube wir brauchen einen Krankenwagen“, sagte der Kommissar zu Lisa Stockmann gewandt.
Zwanzig Minuten später brachten zwei Sanitäter Julia van Sauten in das Urbankrankenhaus in Kreuzberg. Ihr Kreislauf war zusammengebrochen. Totale Erschöpfung.
„Was hast du sie zuletzt gefragt, bevor sie vom Stuhl kippte, Ludwig?“
„Ich wollte wissen, wie sie in den Wald gekommen war. Ihr Wagen steht vor ihrer Wohnung in Mitte. Und sie wird die Strecke in den Grunewald bestimmt nicht zu Fuß gelaufen sein. Dann habe ich nur noch den Knall gehört, wie sie auf den Boden fiel.“
„Welchen Eindruck hattest du überhaupt von ihr?“
„Vollkommen durch den Wind. Sie starrte die ganze Zeit ins Leere. So als sei sie ferngesteuert .“
Sanders Telefon klingelte.
*
Über Nacht hatte der Regen eingesetzt und er hörte die nächsten zehn Stunden nicht auf. Die Stadt tauchte in ein dunkles Grau und machte sie hässlich. Sie stöhnte unter der Stimmung und mit ihr die Menschen, die hier lebten. So schön Berlin war, wenn der Sommer sich in ihr niederließ, sich in jeder winzigen Ecke zeigte, umso aufdringlicher wurde ihre Zerrissenheit, ihre Morbidität, wenn dunkle Wolken über sie hereinbrachen.
Die Autorin:
Stephanie Drescher, geboren 1969 in Ibbenbüren. Magisterstudium Amerikanistik & Romanistik/Französisch an der Universität in Osnabrück & Lausanne. Volontariat bei ProSieben & N24 zur Fernsehjournalistin in München & Berlin. Seit 2003 TV-Redakteurin und Autorin für SPIEGEL TV in Berlin.
