Susanne Becker
Susanne Becker, geboren 1964, Studium der Philosophie in Köln, Beschäftigungen beim WDR (Organisation von CIVIS Hörfunk- und Fernsehpreis), SFB und seit 2004 im Seminar für Waldorfpädagogik Berlin (Organisation und Bibliothek), seit 2000 immer wieder kleinere Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften.
Am besten, wir schweigen (Roman)
Prolog
Nathan
Ich habe ein Haus. Aber es ist keines, das mit Steinen gebaut ist.
Ich habe nur das Haus in meinen Gedanken und Träumen, das stetig in mir wächst.
Zunächst war es ein einziger Raum zu ebener Erde, mit einer Tür und einem Fenster vorne und auch hinten, zum Garten hin, dem großen, mit vielen alten Bäumen geschmückten.
In diesem einen Raum, der mein Haus ursprünglich war, spielte ich meine Geige, las meine geliebten Bücher und brauchte ansonsten nichts. Ich war glücklich und hätte immer so weiter leben können.
Doch dann kam Herr Hitler und griff mich an. Er griff nicht mich persönlich oder gar alleine an, er griff uns alle persönlich an, uns alle, die wir uns menschliche Menschen nennen.
Aus purem Trotz änderte ich all meine Pläne und Prioritäten und wurde vom Geiger, der alleine vor sich hinspielte, zu jemandem, der sich wehren will.
Nein, das ist Angeberei, denn Trotz war es nicht. Angesichts dessen, was geschah, war es eine Notwendigkeit, der sich nicht ausweichen ließ. Allzu gerne wäre ich ausgewichen.
Aus einem kleinen Häuschen, würdig einer schmucken Gartenkolonie am Stadtrand, wurde also eine prächtige Villa mit vielen Zimmern, die sich über mehrere Etagen verteilten. Denn ich benötige viel Platz.
In dieser Villa beherberge ich die Verfolgten und tröste die Ängstlichen. Ich biete all denen Zuflucht, die sie benötigen in diesen beängstigenden Zeiten.
Unter der Villa befindet sich ein Keller, in welchem ich Vorräte aufbewahre und Kohlen. Aber es gibt dort auch einen einzelnen abgeschotteten Raum, den ich verschließen kann und der nur ein kleines vergittertes Fensterchen gerade über der Erde hat. Öffnen kann man das Fensterchen nicht.
Die Wände, die Decke, der Boden des Raums bestehen aus nichts als nacktem Stein und darin sitzt der feine Herr Hitler mit kahl geschorenem Schädel in einem Hemdchen und einem Höschen. Er sieht aus, als trüge er einen schmuddeligen Schlafanzug. Dunkel und kalt halte ich es dort, auch im Sommer. Er soll zittern, der schmucke Herr Hitler, vor Kälte und vor Angst gleichermaßen.
Gut fühlt es sich nicht an, ihn unter mir zu wissen, aber immerhin kann er nicht mehr einfach hinaus. Ich habe ihn eingesperrt. Und er bekommt nichts außer Wasser und Brot.
Ich will, dass er leidet.
Während er leidet, spiele ich die Geige für meine Gäste und manchmal lese ich ihnen vor. Sie mögen Hesse und Kästner, aber auch Franz Werfels „Die vierzig Tage des Musa Dagh“.
1. Kapitel
Nachdem er gehört hatte, wie seine Mutter auf leisen Sohlen aus der Wohnung geschlichen war, wälzte Arnold sich schwerfällig aus den Kissen. Der Tag war trübe und nasskalt und er wäre am liebsten im Bett geblieben.
Der Regen tropfte gleichmäßig gegen die Scheibe. Ein filigranes Muster aus rinnenden Wasserperlen ließ die Welt traumhaft erscheinen.
In die Schule musste er an diesem Tage nicht. Es gab irgendeine wichtige Besprechung der Lehrer, vermutlich wieder wegen der jüdischen Kinder, von denen es bei ihnen in der einen oder anderen Klasse welche gab. Von heute auf morgen waren sie ein Problem geworden. Früher hatte nur sein Vater kein gutes Haar an ihnen gelassen. Wieder würde es neue Regeln und Gesetze geben. Er hatte den Überblick schon lange verloren. Zur Schule ging er nicht gerne. Das war auch vorher so gewesen. Seitdem der Ton härter geworden war, ging er aber nicht einfach nur ungern dorthin, sondern lag abends lange wach, machte sich Gedanken über den nächsten Tag und am Morgen plagten ihn häufig Magenschmerzen. Er verabscheute es, wenn andere in seiner Gegenwart offen schikaniert wurden. Dies war aber nun die Regel. Tagtäglich musste er mit ansehen, wie ihr Klassenlehrer und einige der Mitschüler den einzigen Juden in ihrer Klasse, Samuel Roth, quälten.
Trau keinem Fuchs auf grüner Heid!
Und keinem Jud bei seinem Eid!
So ein lahmes Grinsen hatte er sich zugelegt. Es bemächtigte sich seiner Gesichtszüge in diesen unangenehmen Momenten, in denen der Lehrer den Juden am Ohr nach vorne zerrte.
Er hatte Samuel Roth dabei das halbe Ohrläppchen abgerissen letzte Woche. Er blutete wie ein Schwein. „Besudel nicht den Boden, du jüdisches Ferkel“, und mit einem regelrechten Tritt hatte der Lehrer Samuel nach draußen befördert, wo er einen Lappen und Scheuerzeug zum Saubermachen besorgen sollte. Die Klasse hatte gegrölt vor Begeisterung. Er nicht, er hatte dieses Grinsen aufgesetzt. Es wäre einfacher gewesen, mitzugrölen, aber er konnte sich nicht dazu bringen. Es ging nicht. Er wollte. Sein Gesicht blieb starr. Innen drin war ein Aufruhr gewesen. Das Blut war derart schnell durch seine Adern gerast, dass er dachte, jeder müsse sehen, wie es floss. Es war ein Gemisch aus Gefühlen gewesen, die er alle nicht hatte fühlen wollen. Gott, wie sehr hatte ihn sein Lehrer angeekelt an diesem Tag, weil man mit einem anderen Menschen nicht so umging. Aber auch Samuel hatte ihn angeekelt, weil er alles mit sich hatte machen lassen. Er hatte kaum hinschauen können, so peinlich war ihm die ganze Situation gewesen.
Seit diesem Vorfall hatte er Samuel nie wieder angeschaut, obwohl er den stillen Jungen, der sich wie er am meisten für Literatur interessierte, bis dahin gemocht hatte. Aber die Peinlichkeit, er hielt sie nicht aus und ein Teil von ihm wollte sie auch Samuel nicht zumuten. Also setzte er sein Grinsen auf. Hätten manche Lehrer oder auch Mitschüler sein Unwohlsein hinter der Fassade bemerkt, er wäre als nächster an der Reihe gewesen. Entweder lauerten einem die HJ Typen draußen auf, oder ein besonders scharfer Lehrer holte einen vor die Klasse. Es war schwer, der Demütigung zu entgehen. Also ging es darum, sein Innenleben möglichst geschickt zu verbergen.
Der Lehrer war früher ein ganz harmloser gewesen, so ein weicher, irgendwie biegsamer Mensch. Er hatte sich manchmal gar nicht durchsetzen können gegen die besonders frechen Kerle in der Klasse. Plötzlich riss der den Arm steil nach oben und sein „Heil Hitler“ ging einem durch Mark und Bein. Früher waren die schwächeren Schüler sogar manchmal bei ihm zuhause eingeladen gewesen. Er hatte ihnen geholfen, ihnen ohne jede Gegenleistung Nachhilfe gegeben. An besonderen Feiertagen, Hitlers Geburtstag und so, kam er plötzlich in seiner ordengeschmückten Uniform aus dem WK I zur Schule.
Dagegen der Mathematiklehrer, der wirklich immer ein scharfer Hund gewesen war und keinen Scherz ungestraft durchgehen ließ, der ließ den Arm schlaff in der Luft baumeln und nuschelte den Gruß, der alles mögliche hätte heißen können, vielleicht auch hieß, man verstand ihn ja kaum. Eine Uniform besaß er nicht. Er hatte ihn schon einmal mit Samuel sprechen sehen, vertraulich hatte es ausgesehen, hinter der großen Linde auf dem Schulhof.
Arnold hatte nichts gegen die Nazis an sich und die Uniformen gefielen ihm sogar. In seinen Tagträumen sah er sich in einer solchen durch die Trierer Innenstadt flanieren und alle warfen ihm bewundernde Blicke zu. Er fand nur ihr brutales und lautes Verhalten beängstigend.
Er war auch zuhause nicht gern.
Denn zu wenig war dieses Zuhause das, was er sich ausmalte in seinen Träumen, die er dann gleich wieder vor sich selbst als kindlich denunzierte, weil er sie mit den wertenden Augen des abwesenden Vaters betrachtete.
Der Vater spielte in seinen Träumen eine prominente Rolle. Er war das Familienoberhaupt einer großen und glücklichen Sippe. In seinen Träumen hatte Arnold viele Geschwister, Brüder und Schwestern, ältere und jüngere gleichermaßen, war er in deren Reihe eingebettet. Sie spielten den Eltern gemeinsam Streiche, die Jungen schliefen zu viert in einem Raum, erzählten sich abends im Bett Gruselgeschichten und verteidigten sich gegenseitig vor den Schimpftiraden der Eltern, sie waren Geschwister, die zusammenhielten wie Pech und Schwefel.
Die Wahrheit sah anders aus. Da lebte er allein mit seiner Mutter und der Vater hatte eine Familie, zu der er nicht gehörte. Interessiert an ihm und seinem Innenleben war der Vater nicht und auch niemals gewesen. Bei seiner Mutter war sein Innenleben gefragt und das tat wohl, einerseits, andererseits gab es auch eine sehr genaue Vorstellung davon, wie es in seinem Inneren auszusehen habe. Diese Vorstellung hatte wenig mit dem zu tun, was Arnold für sich wollte. Seine Mutter wünschte von ihm, dass er den für sie idealen Mann verkörperte. Er sollte das Gegenteil von seinem harten und brutalen Vater sein. Es war schwer, sie zu enttäuschen. Ihr weh zu tun, tat ihm weh. Also versuchte er, so gut es ihm gelang, sich ihren Vorstellungen anzupassen, solange er in ihrer Nähe war. Aber tief drinnen wusste er längst, dass er dem Ideal der Mutter nicht entsprach. Er spürte deutlich die Dunkelheit in sich lodern, die dem Bösen, dem Gefährlichen, dem Teuflischen zuneigte, das seine Mutter zutiefst ablehnte. Im tiefsten Inneren wusste er, dass er zu seinem Vater, nach dem ihn eine ewige Sehnsucht quälte, gehörte.
