Susanne Schedel: Wer soll das denn anziehen bitteschön (Erzählung)

Mein Vater redete immer mal wieder über Karolina, meistens abends. Einmal waren wir dabei auf der Terrasse und grillten, meine Eltern, mein Bruder Tommy und ich. Ich muss elf gewesen sein. Das Wasser im Schwimmbecken war eingelassen und Gras schwamm darin, wie viele kleine Nadeln sah das aus. Die meterhohe Hecke um unseren Garten war in der Dämmerung noch dunkler als sonst, eine Mauer aus Eibe.
      Karolina war die jüngste von zehn. 1928 hatte sie ihren Eltern verkündet, sie wolle Ordensfrau werden. Da war sie siebzehn gewesen. Die Eltern, die mit aller Kraft eine Weberei betrieben, hatten darauf hin zwei Wochen lang nicht mehr mit ihr gesprochen. "Aber Karolina hat alle weich gekocht", erzählte mein Vater und stocherte in der Glut. "Das konnte sie. Leute weich kochen". Mein Vater war Karolinas Neffe. "Sie durfte ins Kloster", redete er weiter, "aber sie sollte einen Beruf lernen". Die Bestimmtheit, mit der er die Steaks wendete, ließ erkennen, dass er das für richtig hielt. Ich wartete auf die Bratwürste „Sie wollte Musiklehrerin werden“, sagte mein Vater. Weil Karolina ins Kloster gehen und damit versorgt sein würde, durfte sie Musik studieren, während ihre Schwestern Buchhaltung oder Sekretärin oder Köchin lernten. Weil sie aber Musik studieren würde, was zumindest so etwas Ähnliches wie ein Beruf war, durfte sie überhaupt erst ins Kloster. Dieser schräge Handel, den Karolina durchgesetzt hatte, gefiel mir außerordentlich. Die Hitze der Kohlen drang an meine Wangen und als mir mein Vater die erste fertige Wurst auf den Teller legte, fühlte ich, verstohlen, Stolz auf eine Frau, die ich kaum kannte.  
      
Bevor wir in die Stadt zogen, in der mein Vater seinen Maschinenhandel gründete, hatte ich Karolina nur zwei- oder dreimal gesehen. Sie war ein ferner Planet, dessen Bahn sich mit unserer selten kreuzte. Sie war die weiße Kerze, die beiseite stand auf dem Geschenktisch meiner Erstkommunion. Mein Kinderblick streifte diese erste Gabe von Karolina nur beiläufig, während ich mit meinen Cousins spielte und mit dem Angorahasen, den ich bekommen hatte. Er roch nach Tier, süß und warm, und ich ließ ihn an diesem Tag nicht von meinem Schoß.  Nach dem Umzug wohnten wir jedoch nur noch eine Autostunde von dem Kloster entfernt, in dem Karolina lebte. „Wir müssen unbedingt mal wieder hinfahren“, sagte meine Mutter manchmal. Ganz plötzlich fiel ihr das ein, wenn sie den Tisch deckte oder meine schief geknöpfte Jacke richtete. Natürlich kam immer etwas dazwischen. Entweder hielt ein neuer Auftrag meinen Vater in Atem oder das Wetter war zu schlecht. Aber irgendwann fuhren wir dann doch, meistens im Sommer.
      Sobald wir den Ort hinter uns ließen, zu dem das Kloster der Postleitzahl nach gehörte, sahen wir es auf einer Anhöhe liegen, hellblau und groß wie ein Schloss. Wir fuhren die Allee hinauf und durch den geschwungenen Torbogen. Der Hof dahinter hätte ein Park sein können, wenn da Gras gewesen wäre statt dem Pflaster. Rechts, wo die Fahrräder in der Sonne blinkten, lag der Trakt der Internatsschülerinnen. Fast hundert Mädchen lernten hier Hauswirtschaft und Karolina bildete sie nebenbei zu erstaunlichen Chorsängerinnen aus. Durch die rosettenförmigen Öffnungen der Klostermauer sahen wir kleine, grau gekleidete Wesen auf den flimmernden Feldern arbeiten und in den Stallungen stampften die Tiere.
      Von der Sommerhitze spürte man nichts in den Klostergängen. Hinter den Steinmauern war es so kühl, dass meine Mutter Tommy seinen Donald-Duck-Pullover überzog. Wir spazierten mit Karolina durch die Gänge, die Sonne zeichnete Muster auf die Fliesen. Mein Bruder rannte in seinen kleinen Sandalen auf und ab und sang und kreischte, weil es so schön hallte. Mit offenem Mund schaute er an die Decke, zu den Fresken, als könnte er dort sein Echo sehen. Die Schwestern, die uns entgegenkamen, lächelten ihm nach. Während sie in seinem Anblick versanken, hakte ich mich bei Karolina ein. Sie lächelte und fasste meine Hand, die auf ihrem Arm lag. Ihre Finger waren glatt und vorne ein wenig spitz, fast wie Krabbenbeine, und immer griffen sie nach etwas. Nach dem Rosenkranz, der von ihrem Gürtel baumelte, nach den Orgeltasten oder wie jetzt nach meiner Hand. Damals ging ich ihr nur bis zur Schulter. Sie war fast siebzig, doch sie lachte hell, fast mädchenhaft.
      Auch unser Haus war groß, aber es war so voll. Pastellfarbene Teppiche schluckten alle Geräusche. Bodenvasen standen herum und ein riesiger Steinway, obwohl bei uns nur mein Vater Klavier spielen konnte, und das nicht einmal besonders gut. Wenn Geschäftsfreunde mit ihren Ehefrauen zum Essen kamen, spielte er, bis dahin durfte ich manchmal aufbleiben. Dann seufzten die Ehefrauen, die Männer steckten sich Zigarillos an und meine Mutter zankte hinter der Küchentür mit der Frau vom Partyservice.  
      Hier, in den Gängen des Klosters, war nur der Hall, die Leere und die kühle Luft, in der nichts stand und in der doch etwas um die Steine strich, etwas, das man nicht sah. Einmal zeigte uns Karolina zwei völlig zerwurmte Heiligenstatuen aus Holz. Sie hatten sie auf dem Dachboden gefunden, niemand hatte von ihnen gewusst. Jetzt standen die gesichtslosen Figuren zur Behandlung in einer Ecke des Gangs. Der Boden war mit Planen bedeckt und es roch nach Lack. "Riemenschneider", sagte Karolina, lächelte mich an und wir sahen beide meinen Eltern zu, wie sie die Heiligen höflich von allen Seiten betrachteten. Für mich sahen die Figuren, zerfressen wie sie waren, wie der Termitenbau aus, der im Biologiebuch abgebildet war.  
      Um vier tranken wir Kaffee in einem Erkerzimmer an einem großen runden Tisch. Mit meinen Kinderfüßen brauchte ich fünfzehn knarrende Schritte von der Tür über das Parkett bis zu diesem Tisch. Es gab Rhabarberkuchen, faserig und sauer, und Törtchen mit Beeren und Streuseln. Manchmal saß die Oberin des Klosters dabei. Wie viele der Schwestern hatte sie ein Gesicht wie eine Kirchenbank, Züge wie geschnitzt, aber ohne Farbe, ohne Kissen. Sie schenkte meinem Bruder und mir Versteinerungen und violette Kristalle, die sie aus einem Holzkistchen nahm. Durch die offenen Fenster kam warmer Wind und wir sahen weit über das sommerfarbene, flirrende Land, über die Felder bis hin zum alten Brunnenhaus. In diesem Brunnenhaus lebte Marianna. Marianna half den Schwestern bei ihrer Landwirtschaft, mehr wusste ich zu dieser Zeit nicht von ihr. Manchmal spazierten wir zu ihr hinunter, wenn das Kaffeetrinken vorbei war, oder wir gingen in die Klosterkirche, weil mein Vater mit Karolina vierhändig auf der Orgel spielen wollte. Wir anderen saßen dann unten und hörten zu in den kühlen Bänken.
      Ich glaube, diese Sommertage waren der Grund, warum ich mit dreizehn einen Marienaltar in mein Zimmer baute. Ich hatte das Gefühl zu ersticken und wusste nicht woran. Vielleicht ist das so mit dreizehn. Ich stellte Kerzenleuchter auf und drapierte Rosenkränze. Einen davon hatte mir Karolina geschenkt. Eine Lichterkette hing über allem und in der Mitte thronte eine Marienstatue aus Gips. Es gab einen Devotionalienladen in der Stadt, der solche Dinge verkaufte. Kerzen und Gebetbücher aller Art, Weihwasserbehälter aus Zinn und auf billiges Holz gezogene Kopien russischer Ikonen. Ich gab mein ganzes Taschengeld dort aus. Silvia, ein Mädchen aus der Parallelklasse, machte das auch. Wir gingen zusammen Kerzen kaufen, saßen vor ihrem oder meinem Altar, beteten Rosenkränze und fühlten uns vom Rest der Welt unverstanden.
      Nach zwei Monaten fingen meine Eltern an, sich Sorgen zu machen. Sie schickten mich in die Katholische Jugend, um meiner neuen Religiosität einen Rahmen zu geben. Ich war zweimal dort. Beim ersten Mal sangen wir zur Gitarre des Gruppenleiters Jesuslieder mit poppigen Melodien, an bestimmten Stellen wurde geklatscht. Ich klatschte auch. Zwei Wochen später wanderten wir zu einer Wallfahrtskirche und abends gab es ein Lagerfeuer. Ein Großteil der Gruppe verschwand paarweise in den Wiesen. Da ich die anderen, die dageblieben waren, noch nicht wirklich kannte, schaute ich schweigend ins Feuer. Einer der Gruppenleiter sah es, kam heran und setzte sich neben mich. Er erzählte mir, sein Seelenverwandter sei der heilige Franziskus und er schriebe gerade ein Theaterstück über ihn, das würden wir aufführen an Fronleichnam und am Pfarrfest, aber die anderen wüssten davon noch nichts und nur mir würde er das jetzt verraten. Dabei rückte er so nahe an mich heran, dass ich seine knochige Schulter spüren konnte. Ich bin daraufhin nicht mehr hingegangen. Mir graute davor, in einem Stück über den heiligen Franziskus mitspielen zu müssen. Auch meinen Altar baute ich nach und nach wieder ab.
      Ich hätte gerne an all das geglaubt. Meine Eltern schafften das ja auch irgendwie. Kirchen, vor allem die alten, ließen mich still werden mit ihrem kühlen Geruch aus Stein und Kerzen. Aber ich musste mich damit zufrieden geben, den Duft einzuatmen und mit den Fingerkuppen über die Holzbänke zu streichen, hin und her zwischen den glatten und den rauen Flächen. Manchmal warf ich ein schepperndes Geldstück in eine Dose und zündete eine Kerze an für Tommy, wenn er wieder in die Klinik musste wegen seiner Leukämie und wenn statt seiner wieder der Schatten mit am Esstisch saß.
    Lag Tommy in einem dieser Krankenhausbetten, lag auch alles andere und atmete nur flach. Wir warteten auf Blutwerte, saßen die Nächte wach und hofften, dass die neue Therapie anschlug. Wenn sich Erfolg abzeichnete, Tommy irgendwann nach Hause kam und wächsern und müde, aber mit einem Lächeln wieder seinen Platz am Esstisch einnahm, dann konnten auch meine Eltern und ich uns aufsetzen, uns aufrichten und wieder ein Stück gehen. Wenn die Werte schlecht waren, zog eine Kraft, die aus dem Inneren der Erde zu kommen schien, alles ab, was an Leben in uns war, und ließ uns als blutleere, stiere Hüllen zurück.
    Manchmal fühlte ich mich betrogen von den Sommertagen im Kloster. Jemand hatte sie mir weggenommen und hinter Glas gestellt. Deshalb fing ich an einem stürmischen Samstag im Oktober an, mich mit den alten Ägyptern und ihren Hieroglyphen zu beschäftigen. Ich kaufte ein Buch und brachte mir bei, die Schriftzeichen zu lesen. Die Zeichen standen für etwas, das ich wissen durfte, aber nicht glauben musste. Vor allem gefiel mir die Vorstellung, dass das menschliche Herz auf einer Waage gewogen wird nach dem Tod, mit einer Feder in der anderen Schale. Vor dem Badezimmerspiegel schnitt ich mir eine Kleopatrafrisur und malte mir jeden Morgen mit Kajal die Augen schwarz. Einige Mädchen in der Schule machten es mir nach, aber es sah nicht gut aus bei ihnen. 

Meine Mutter hatte immer viel genäht. Sie musste das nicht, sie hätte ihre Kleider in den teuersten Geschäften der Stadt kaufen können, aber sie mochte es und außerdem hatte sie eine schwierige Figur. Wenn sie in ihrem Nähzimmer zuschnitt, kürzte oder änderte, saß ich neben ihrem Stuhl. Ich sammelte die abgeschnittenen Fädchen, die wie frisch geschlüpft und freigelassen im Umkreis der Nähmaschine auf dem Boden lagen. Ich wühlte in den Plastikkästen mit den Knöpfen und spielte mit  den glänzenden Wäldern der Nadeln auf den handtellergroßen Kissen. In der Kommode stapelten sich Bettbezüge mit Monogrammen und Klöppelspitzen, überall standen Kartons mit Stoffresten. Breite gewebte Bordüren waren darin, aus Brokat und mit Glassteinen. Unter einem anderen Deckel krochen Nesselstoffe hervor und es gab eine Kiste mit zerschnittenen Abendkleidern, die die Schwägerinnen nicht mehr wollten. Manchmal saßen meine Mutter und ich auch auf dem Boden, nahmen einen der Kartons in die Mitte und hoben die Stoffe heraus, einen nach dem anderen. Meine Mutter erzählte mir, wo sie herkamen und faltete dabei die Bahnen immer weiter auf, bis sie sie gerade noch mit ihren nach rechts und links ausgestreckten Armen halten konnte.
    Ich nähte auch. Am Anfang waren es Puppenkleider, unförmige Schläuche mit Löchern für Arme und Hals, die nach zwei Tagen ausfransten. Mit fünfzehn schneiderte ich mir dann glänzende Oberteile mit Nieten und fädelte dazu Ketten aus Schrauben und Muttern. Außerdem rasierte ich mir den Nacken, mein Freund war 23 und ich schwänzte die Schule. "Und dir mein Fräulein würde es auch nicht schaden, mal eine Autorität anzuerkennen“, brüllte mein Vater, als es herauskam. "Genau“, krähte mein bleicher Bruder und fragte im gleichen Moment, was das denn sei, eine Autorität. 
      Als mir die Nietenoberteile ein halbes Jahr später nicht mehr gefielen, zog ich eine Schlaghose vom Flohmarkt an und setzte einen großen, schwarzen Hut auf. "So rennst du nicht aus dem Haus", sagte meine Mutter, als sie mich sah. "Du machst dich ja lächerlich. Uns alle machst du lächerlich“. In ihrer Stimme war so etwas wie Hass. Das machte es mir schwer, aus der Tür zu gehen, aber ich ging trotzdem. Wenn mich jemand anstarrte, wurde mir heiß im Gesicht, doch ich ging weiter, jede Faser meines Körpers spürend in einem Schmerz, der mich gleichzeitig auf unwiderrufliche Weise klärte. Mit Nele, die zu dieser Zeit meine beste Freundin war, zog ich über Wochen hinweg durch die Kaufhäuser. Wir drapierten uns teure Stoffe um die Schultern und probierten Ballkleider. Vor den Verkäuferinnen taten wir so, als bräuchten wir eines für den Tanzkurs und wir lachten uns kaputt, wenn sie es glaubten. Wenn ich sah, wie sich die Stoffe und Formen zu uns verhielten, wenn ich sah, welche Menschen sie aus uns hervorholten, vergaß ich alles andere. Die Krägen, die Knöpfe, die Muster reihten sich zu Sätzen über das, was in der Luft lag, was um uns war. Sätze einer Sprache, die ich mit dem ganzen Körper verstand.

(...) (Auszug)

Die Autorin:

Susanne Schedel, Jg. 1973, Dissertation über W.G. Sebald, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte an der Universität des Saarlandes. Seit Dezember 2007 Referentin der Hans-Boeckler-Stiftung in Düsseldorf.

Veröffentlichungen: Lyrik und Kurzprosa in Anthologien und Zeitschriften (z.B. Muschelhaufen, Passauer Pegasus, Saarbrücker Hefte) und auf SR 2 sowie den Erzählband "Schattenräume" (Göttingen: Hainholz Verlag 2000). Außerdem journalistische Veröffentlichungen in Tageszeitungen und literaturwissenschaftliche Publikationen (u.a. bei Reclam).

Preise / Stipendien, u.a.: Stipendiatin beim Klagenfurter Literaturkurs, Bayerischer Staatsförderpreis für Literatur (für den Erzählband Schattenräume), Regler Literaturförderpreis.