Thomas Dörschel: Krümel zu Elefanten (Kurzgeschichte)
Ein Brotkrümel war in Svenjas Tee gefallen. Gisbert hatte sich aus dem Brotkorb bedient. Er hatte sich über den Tisch hinweg eine Scheibe Brot gegriffen und sie sich auf den Teller gelegt. Ein Krümel war dabei mitten auf dem Weg, direkt über Svenjas Teetasse, heruntergefallen.
Der Krümel wäre eigentlich auf Svenjas Teller gelandet. Er wäre schnurstracksgerade der Erdanziehung gefolgt, hätte Gisbert nicht im selben Moment, mit einem hörbaren Geräusch, ausgeatmet. Wäre der Krümel auf Svenjas Teller gefallen, wäre alles okay gewesen. Aber der Krümel war in ihren Tee gefallen und nichts war okay.
Svenja hatte genau gesehen, wie der Krümel zu fallen begann und plötzlich eine Biegung nach links machte und auf dem Teewasser liegen blieb. Im selben Moment hatte sich die Flamme der Kerze auf dem Tisch ebenfalls nach links bewegt. Die Flamme richtete sich wieder auf, Gisbert schmierte sich sein Brot mit Butter und Marmelade. Alles war wie immer. Nur in beziehungsweise auf dem Tee von Svenja schwamm jetzt ein Brotkrümel wie ein Schiff in fremdem Hoheitsgebiet. Svenja war sauer.
Dass Gisbert sein Brot so nah an Svenjas Teetasse vorbeibalancierte konnte sie ihm noch verzeihen. Auch, dass er so leichtsinnig und vor allem durch den Mund und nicht durch die Nase - Schnupfen hin oder her - ausgeatmet hatte. Aber dass Gisbert unachtsam war, dass er den Krümel nicht bemerkt hatte und ihn also nicht wieder aus dem Tee fischte, das war zuviel. Svenja nahm die Tasse, ging zur Spüle und schüttete den Tee in den Ausguss. Sie wollte nicht mit ansehen, wie sich der Krümel voll Teewasser sog und auf den Grund der Tasse sank. Zu lange gezogen, sagte sie und setzte sich wieder an den Tisch.
Gisbert sprach morgens nie viel. Meistens sagte er nur, was er gerade benötigte. Er sagte: die Butter. Oder er sagte: das Messer. Bis vor kurzem hatte Gisbert eine Zeitung abonniert gehabt. Seitdem er die Zeitung abbestellt hatte, waren die Gespräche am Morgen noch spärlicher geworden. Zuvor hatte er immerhin noch einzelne Nachrichten kommentiert. Er hatte gesagt: Die U3 fährt wieder. Oder: Die haben immer noch nicht genug Geld fürs Stadtschloss zusammen.
Svenja hatte sich an die Stille gewöhnt und unternahm inzwischen nicht einmal mehr den Versuch, ein Gespräch zu beginnen. Jetzt saß sie am Tisch ohne Tee. Sie biss in ihr Nutellabrötchen. Der Saft war alle. Gisbert hatte einkaufen sollen. Auch der Saft stand auf dem Zettel, den Svenja ihm dafür geschrieben hatte und der noch immer auf der Anrichte im Flur lag. Gisbert hatte den Zettel vergessen, als er am Tag zuvor das Haus verlassen hatte.
Also kein Tee und kein Saft. Svenja mochte Kaffee nicht. Erst recht nicht Cappuccino aus der Tüte. Im Schrank standen drei unangebrochene Pakete. Geschenke ihrer Tante. Svenja hatte einmal, zu Besuch bei ihrer Tante, einen solchen Kaffee getrunken, ausgetrunken. Seitdem legte ihr die Tante zu jedem Geburtstagsgeschenk ein Paket Tütencappuccino dazu.
Gisbert trank Filterkaffee zum Frühstück. Er tauchte die Brotscheiben mit süßem Belag hinein. Er hatte also nichts gegen Brotkrümel im Kaffee. Aber Svenja mochte keine Brotkrümel in ihrem Tee. Das wusste Gisbert eigentlich, denn über das Eintauchen von Brot und Brötchen in Kaffee oder Tee hatten sie sich ausgiebig unterhalten, als sie noch miteinander redeten, am Frühstückstisch.
Svenja nahm sich noch etwas mehr Nutella. Das Brötchen war trocken, es war vom Vortag. Auch ihre Beziehung war vom Vortag, dachte sie. Eigentlich sogar vom Vor-Vortag. Gisbert und sie waren nun schon zum dritten Mal zusammen. Brutto drei Jahre, sagte er immer, wenn er gefragt wurde. Aber im Grunde waren sie nur Ein- und ein Dreivierteljahr zusammen. Bei jedem Comeback hatten sie in ihrer Wohnung aus getrennten Zimmern wieder gemeinsame gemacht, die Möbel umgeräumt und sich ein neues gemeinsames Hobby gesucht. Jetzt gingen sie zusammen Badminton spielen, jeden Donnerstagabend. Ihr gefiel das, besonders wenn Freunde mitgingen. Dann spielte Gisbert nicht so ehrgeizig und bestand nicht darauf, sofort danach nach Hause zu fahren. Überhaupt wurde Gisbert dann immer richtig großzügig. Hatte er verloren, sagte er, der Verlierer zahlt die erste Runde. Wenn er gewann, sollte der Gewinner zahlen. Das hatte sich schon etabliert, und Svenja war in diesen Momenten ganz stolz auf Gisbert.
Gisbert schmierte sich inzwischen das nächste Brot. Er konnte jetzt krümeln, soviel er wollte. Es stand kein Tee mehr auf dem Tisch, auch kein Saft. Es standen nur ein Nutellaglas, ein Marmeladenglas, ein Päckchen Frischkäse und ein Teller mit einer letzten Scheibe Wurst auf dem Tisch. Alles andere stand auf dem Einkaufszettel.
Svenja kaute an ihrem Brötchen. Hätte Gisbert zu ihr gesehen, so wäre ihm aufgefallen, dass Svenja mit rotem Kopf am Tisch saß. Sie versuchte, ihren Blick auf den Teller zu richten. Sie versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie wütend sie war. Innerlich schnürte es ihr den Hals zusammen. Ihre Füße zitterten. Gisbert konnte so ein Arschloch sein! Wie er die Marmelade auf dem Brot verteilte. Er drehte den ganzen Teller, um kein Stückchen Brot auszulassen. Dann tauchte er das Brot in den Kaffee. Erdbeerstücke rutschten herunter und versanken. Kaffee tropfte vom Brot, als er es wieder herauszog, tropfte auf den Tisch und auf Gisberts Teller. Auch aus Gisberts Mund tropfte es. Die Tropfen fielen neben andere Tropfen. Viele kleine Tropfen, verbunden durch Tropfenkanäle. Svenja dachte an die Landkarte der Mecklenburger Seenplatte. Ihren ersten gemeinsamen Urlaub hatten sie dort verbracht. Drei Tage Kanu fahren und der erste Streit. Ganz leise war er gewesen, sie hatten sich einfach angeschwiegen.
Gisbert tauchte das Brot wieder in den Kaffee. Svenja fand den Anblick scheußlich, doch neu war er ihr nicht. Nach dem Marmeladenbrot würde das Wurstbrot kommen. Auch das kannte sie schon. Erst das Süße, dann das Deftige. Eklig, dachte sie oft. In letzter Zeit immer öfter. Das Wurstbrot war eine Tradition. Kein Frühstück ohne das abschließende Wurstbrot.
Svenja kaute an ihrem letzten Bissen Nutellabrötchen und starrte wieder auf ihren Teller. Darauf fiel nun eine Brotscheibe. Wie aus dem Nichts hatte ihr Gisbert Brot auf den Teller gelegt. Svenja schaute auf. Gisbert nickte lächelnd. Was soll das, dachte Svenja. Hätte er nicht wenigstens fragen können? Hatte er überhaupt in Erwägung gezogen, dass sie satt sein könnte? Sie wusste nicht, ob sie die Geste als Aufmerksamkeit oder als Beleidigung verstehen sollte. Eine Entschuldigung konnte es nicht sein. Eine Entschuldigung wäre es gewesen, ihr einen neuen Tee aufzusetzen. Einfach so, ohne zu fragen. Er hatte sich aber nicht entschuldigt, er hatte ihr nur eine weitere Scheibe Brot gereicht. Svenja tauchte ihre Messerspitze in die Butterdose. Auch Gisbert hatte sich seine letzte Scheibe Brot genommen. Gleichzeitig legten beide das Fundament für ihren jeweiligen Belag. Svenjas Blick wanderte zwischen ihrer und Gisberts Brotscheibe hin und her. Hatte sich Gisbert einen Vorteil verschafft, so beschleunigte sie ihr Tempo. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, dass sie seiner Technik unterlegen war. Stoisch und mit jahrelanger Übung drehte er den Teller mit der linken Hand, so dass die rechte nicht mehr machen musste, als das Messer hauchdünn über das Brot zu halten. Aber jetzt nicht aufgeben, dachte Svenja. Sie beeilte sich immer mehr. Der Verlierer zahlt die erste Runde.
Und als Gisbert fertig war und dazu ansetzte, sich die einzige Scheibe Wurst zu nehmen, seine Traditionswurst, den krönenden Abschluss eines jeden Frühstücks, den deftigen Genuss nach all der süßen Marmelade, die ihm einen rosaroten, klebrigen Tag versprechen wollte, da ließ Svenja ihr Messer fallen und griff blitzartig nach der Wurst, nach der Cervelatwurst, die sie hasste seit Kindheitstagen und unter anderen Umständen ganz bestimmt niemals gegessen hätte. Sie steckte sich die Wurst zusammen mit dem Brot in den Mund, alles auf einmal, stopfte alles hinein, so dass sie Mühe hatte, Wurst und Brot zwischen ihren Backen und die Lippen geschlossen zu halten. Mit diesem Hamstergesicht, das sich weder zum Lachen noch für einen ernsten Blick eignete, sah sie Gisbert an, der mit offenem Mund und großen Augen zu verstehen versuchte, was gerade passiert war.
So saßen sie beide eine ganze Weile da und warteten auf eine Reaktion des anderen. Und als Gisbert irgendwann aufgab und erst zu lächeln und dann zu lachen begann, da konnte auch Svenja ihr Lachen nicht mehr unterdrücken, und es fielen ihr klumpige Stücke Brot und Wurst auf ihr T-Shirt und ihre Hose. Gisbert half ihr, das Essen aus dem vollgestopften Mund zu bekommen und reichte ihr sogar seine Hand, in die sie die Reste ausspuckte. Er gab ihr einen Kuss, und Svenja räumte den Tisch allein ab, denn Gisbert musste zur Arbeit.
Der Autor:
Thomas Dörschel, 1977 in Großenhain (Sachsen) geboren, studierte Publizistik, Deutsche Philologie und Musikwissenschaft. Von 1999 bis 2010 Songwriter und Musiker in der Band Virginia Jetzt!. Schreibt Kurzgeschichten und lebt und arbeitet als freiberuflicher Musiker und Songwriter in Berlin.
