Ulrike Kotzina: Staudamm (Roman)

1. Kapitel

Tante Tilda war vor fünfundzwanzig Jahren verschwunden, irgendwann im November, kurz vor meiner Geburt. Sie hatte angeblich kein Gepäckstück dabei gehabt, nur ihre Handtasche mit den üblichen Utensilien, die man in Frauenhandtaschen vermutet: Geldbörse, Taschentücher, Lippenstift, Puder, und ein Sparbuch, von dem meine Mutter wusste und das in der Folge nicht aufzufinden war. Sie soll ihren Mantel aus Rauleder getragen haben, ein verschossenes rotes Ding vom Kirchen-Flohmarkt, einen Schal aus lila Wolle und eine fliederfarbene Haube, die ihr von Großmutter geschenkt worden war. Dazu trug sie Jeans und sandfarbene Lederstiefel; die Art ihrer Oberbekleidung war ungewiss. Mutter behauptete, es sei das Flanellhemd gewesen, das Tilda an kalten Tagen gern trug und das ihr über den Jeans bis an die Knie herunter reichte, Tante Dora wollte Tilda am Vorabend noch in der hellblauen Strickweste aus Peru gesehen haben.
   Ihre Wohnung soll ausgesehen haben wie immer: Der Kleiderständer im Vorzimmer mit Schals und Mänteln behängt, als hätte sie ununterbrochen Besuch, die Kommode mit Briefen und Büchern belegt, die Tilda wohl irgendwann zu lesen beabsichtigte, der Wandspiegel beklebt mit einer Unzahl von Zetteln, auf denen in Tildas geschwungener Handschrift Notizen und Buchzitate geschrieben waren. Am Küchentisch standen noch eine leere Flasche Rotwein, daneben zwei Gläser, zur Hälfte gefüllt, zwei Teller mit Resten einer größeren Mahlzeit, die Tilda oder ihr Gast wohl selbst zubereitet hatte und die wie der Rotwein beschlagnahmt wurde. Die cremeweiße Wäsche des breiten Art-Deco-Betts war beidseitig aufgeschlagen und eindeutig benutzt, genau wie die Nachtkästchen, auf denen Wassergläser standen, eine abgebrannte Kerze auf Tildas Seite, ein Feuerzeug, ein Chrysanthemenzweig in einem Bierglas auf der anderen. Im Bad soll ein goldener Bandring gelegen sein, unter Handtüchern, einem Hemdchen, einem Socken aus Schafwolle, wie zufällig hingeworfen auf die schlichten weißen Fliesen, aber nicht von der Ringgröße Tildas, wie man erfuhr.
   
   
   Man redete viel über Tante Tilda, als hätte ihr unangekündigtes Verschwinden die Dorfbewohner an die eigene Phantasie erinnert, mit der sie die Gestalt und das Wesen von Tilda veränderten, färbten, verzauberten, zerstörten. Musste man erst abhanden kommen, musste man, ohne eine Spur zu hinterlassen, aus ungeklärter Ursache aufbrechen, fortgehen, damit man zu einem Mythos wurde?
   Was hatte ich als Kind nicht über Tilda gehört? Hatte mich der Bäcker nicht irgendwann gefragt, wie Mutter und Vater mit dem Verlust zurechtkämen, während ich in die riesige Glasscheibe gestarrt hatte, hinter der sich der Semmelteig in Sekundenschnelle hob? Hatte er nicht schweigend aus dem Fenster gesehen, in den Himmel, die frostige Vorfrühlingsluft, wo am Hausdach gegenüber ein paar Tauben gesessen waren, von denen die mittlere plötzlich aufgeflogen war? Hatten seine Augen nicht merkwürdig geschimmert, als betrachte er etwas in einer anderen Welt, das ich aus meiner Perspektive nicht erkennen konnte? Und war nicht fast zeitgleich seine Gattin erschienen, von hinten aus der Backstube mit mürrischen Schritten, die den Bäcker wieder zurückholten in den aufgeheizten Verkaufsraum, während ich die paar Münzen in meiner Handfläche betrachtet und angestrengt zusammengezählt hatte, wie viele es waren? Ich hatte ihm selbstverständlich keine Antwort gegeben, denn ich wusste nicht, was Mutter oder Vater dachten. Mutter sagte manchmal ein paar Sätze über Tilda, die sich anhörten wie die Worte, die sie über Großvater sagte und die sie so hinwarf, als werfe sie etwas fort: einen abgenagten Apfel, eine Handvoll frischer Zweige, die sie regelmäßig im Frühjahr von der Eibenhecke schnitt. „… hätte deine Tante Tilda dazu gesagt“ endeten Mutters beiläufige Sätze, und dann warf sie einen Blick auf Vater, der im Lehnstuhl saß, der las, etwas notierte oder sich erhob und in sein Zimmer ging, um sich bereit zu machen für eine Sitzung im Gemeindeamt. Aber hatte Vater jemals aufgesehen, Mutter in die Augen, die ihre Schwester ins Spiel brachte, die Tilda, indem sie deren Namen aussprach, ins Wohnzimmer holte, in die Gegenwart hob, obwohl seit deren Verschwinden so viel Zeit vergangen war?
   Und was hatte Frau Baumann im Klassenzimmer gesagt, als sie über meine Schulter, über mein Heft gebeugt stand? Hatte sie mir nicht übers Haar gestrichen und Worte der Ermutigung, der Anteilnahme hören lassen mit ihrer öligen Unterrichtsstimme, mit der sie auch Rechnen und Lesen prüfte? Hatte sie, nah an meinem Hals, meiner Schläfe nicht irgendetwas Tropfendes, Honigsüßes fallen lassen, als ginge mich das Verschwinden von Tilda etwas an? Und waren nicht auch Worte wie Tod und Trauer vorgekommen, die mich nicht nur gewundert, sondern auch zum Lachen gebracht hatten, worauf sich Frau Baumann von meinem Hals wieder entfernt und mich gleich darauf vom Lehrerpult aus angesehen hatte mit bohrendem Blick und geschürzten Lippen, die sich beleidigt geöffnet hatten, um mich das kleine Einmaleins abzufragen?  
   „… hätte deiner Tante bestimmt gut gefallen“, hatte auch Macke gesagt, der im Gemeinderat saß, und wiederum war da etwas Leises, Verträumtes, selbst in den kühlen Augen von Macke, dessen Sohlen auf unserem Esszimmerparkett zu trommeln begannen, als wollten sie sich in den Boden bohren wie hartnäckige kleine Presslufthammer. Sah Mutter nicht unwillig von ihrem Teller auf, warf sie nicht einen Blick auf die nervösen Füße Mackes, die augenblicklich still hielten und sich sittsam übereinander legten? Hatte nicht neuerlich die Stimmung umgeschlagen, war mit dem Aussprechen des Namens meiner Tante nicht etwas geschehen, das die Zustände veränderte, das die Befindlichkeit aller Anwesenden beeinflusste und diktierte? Oder war überhaupt nichts – bildete ich mir bloß ein, etwas zu sehen, etwas zu hören, das es in Wirklichkeit nicht zu sehen, nicht zu hören gab? Aber ich sah doch genau, dass Mackes Löffel zitterte, während er versuchte, die Suppenreste einzusammeln, ich hörte doch deutlich das vibrierende Schweigen, das wuchs und sich türmte nach Mackes Satz. Ich sah den gesenkten Blick meiner Mutter, sah, wie sie stur in ihren Teller schaute und damit alle anderen: Macke, Vater, Dora, Joe und Hilde zwang, ebenfalls still in ihre Teller zu schauen. Erst als Vater den Kopf hob und den Hauptgang orderte – ein Befehl, eine Anweisung, die Mutter galt – und Mutter aufsprang und in die Küche lief, begannen sie wieder, miteinander zu reden. Brachte Macke dann ein politisches Thema auf, das Vater fast dankbar entgegennahm und weiterspann? Unterhielten sich Dora und Hilde links außen über den Tanzball, den die Freiwillige Feuerwehr gab? Der Schreck war nicht gänzlich aus Mutters Zügen verschwunden, als sie das Speisezimmer wieder betrat, ihre Finger krallten sich ungesund heftig um die Glasschüssel, in der das Sonntagshuhn lag und die ihr beim Abstellen aus den Händen rutschte, um Vaters Bierglas zum Kippen zu bringen und gerade noch an der Tischkante stehen zu bleiben. Ich sah, wie alle aufsprangen mit Ausnahme von Dora, wie einer nach dem Glas griff, der nächste nach dem Tischtuch, wie Vater sich das Bier von der Hose wischte und Mutter einen Blick zuwarf, der alles trübte: das feierliche Gelb der Forsythien vor dem Haus, die Blüten des frisch gepflanzten Zierapfels im Vorgarten, selbst das Glänzen der Grashalme und Lärchennadeln im Aprilföhn, der vom Toten Gebirge herüber wehte. Ich sah Mutter neuerlich in die Küche eilen und mit Schwamm und Geschirrtuch ins Esszimmer zurückkommen, mit denen sie die Hose meines Vaters säuberte, der wiederholt auf den Umstand hinwies, dass dies seine beste Hose sei. Ich sah Macke ebenfalls Vaters Blicke bemerken, sah, wie er Mutter und Vater betrachtete, als gäbe es etwas aus deren Mienen herauszulesen, das im Augenblick noch halb im Verborgenen lag, das sich durch aufmerksames Hinsehen aber zeigte und das Macke keinesfalls entgehen durfte. Und dann sah ich Dora, die mich beobachtete, wie Macke Mutter und Vater beobachtete – Tante Dora, deren wache braune Augen auf mich gerichtet waren, als gäbe es an mir eine Entdeckung zu machen, die ungleich wichtiger war als alle anderen Dinge, die sich an diesem Tag im Esszimmer ereigneten.
   
   
   Sie redeten über Tilda genau wie über Erik. Über Erik aber sprachen sie hinter vorgehaltener Hand. Sie drehten sich weg, wenn sie mich kommen sahen, kehrten mir den Rücken oder wechselten das Thema, als gelte es, mir eine Wahrheit zu verschweigen, die nicht an Kinderohren kommen durfte. Doch etwas über das Schicksal von Erik zu erfahren war ebenso leicht wie über das Verschwinden von Tilda, wenn man aufpasste und zuhörte, ohne sich allzu sehr zu wundern, wenn man in Kirchenbänken sitzen blieb, nachdem die Heilige Messe zu Ende war, wenn man bei Hochzeiten an Fenstern stand, an denen auch die Bäuerinnen vom Sulm- und Anger-Hof standen, wenn man vor dem Schulgebäude noch ein paar Minuten wartete, sobald man Lenis und Anatols Mütter aus ihren Geländewägen steigen sah, und sich unbemerkt am Schultor duckte und lauschte.
   Also wusste ich auch über Erik Bescheid, dessen Ring unter Tildas Handtüchern, Hemdchen und Socken wohl so etwas wie ein Verlobungsring gewesen war und der als Mechaniker gearbeitet hatte, bevor er im Haus seiner Eltern gefunden wurde – tot, wie ich mehrheitlich sagen hörte.
   Ob vorstellbar sei, sich die Pulsadern zu öffnen, hatte zum Beispiel Frau Baumann gefragt, auf der Schultoilette oben im ersten Stock, während ich noch in einer der drei Kabinen gesessen war, die, wie ich gleich darauf erschrocken bemerkte, versehentlich nicht richtig abgesperrt war.
   „Um Himmels willen – nein“, hatte Frau Loidl geantwortet und den Wasserhahn betätigt und gleich wieder abgestellt.
   „Aber Erik konnte es …“, hatte Frau Baumann begonnen und war nahezu zeitgleich von Frau Loidl unterbrochen worden mit irgendwelchen Bedenken über verspätete Kinder, die möglicherweise noch auf der Toilette säßen und hören könnten, was sie gerade sprächen.
   „Es ist niemand hier“, hatte Frau Baumann entgegnet und anschließend eine unvermittelte Pause gelassen, in der sie wohl nochmals die Schlösser untersucht und gesehen hatte, dass alle Türen offen waren. „Erik ist heute vor acht Jahren gestorben, ein ausgezeichneter Schüler, ich erinnere mich genau.“
   „Wie Erik an Tilda gehangen sein muss …“
   „Und dann ist er so labil und öffnet sich die Pulsadern und verteilt literweise Blut am Parkettboden im Schlafzimmer.“
   „Welches Schlafzimmer?“ hatte Frau Loidl gefragt in einer deutlich veränderten Tonlage, die sich um einige Nuancen hob, genau wie im Unterricht, wenn sie Ludwig prüfte, der die zehn Gebote noch immer nicht beherrschte und mit haarsträubender Langsamkeit Falsches vor sich hersagte.
   „Das Schlafzimmer seiner Eltern, wussten Sie das nicht?“ belehrte Frau Baumann und drückte auf die Klinke.
   „Nein, wie schrecklich“, entgegnete Frau Loidl heiser, und dann hörte ich bloß noch ihre verklingenden Schritte und die knarrende Behäbigkeit der Tür, die ins Schloss fiel.
   
   
   Tante Tilda war verschwunden, und Erik war tot. Und Dora hatte sich auch vor wenigen Jahren schon ausgiebig über den Umstand gewundert, dass es keinen Hinweis von Erik gegeben hatte, warum er sich die Pulsadern geöffnet hatte. Aus welchem Grund hatte er keinen Abschiedsbrief geschrieben, in dem er die ganze Geschichte erklärte?
   „Er war Mechaniker“, hatte Vater entgegnet, draußen auf der Terrasse an jenem Spätsommernachmittag.
   „Und was ändert das?“
   „Mechaniker, Dora! Er reparierte Autos.“
   „Und?“
   Mein Vater hatte die Augen verdreht, als wären Doras Fragen und Doras „Und?“ zu einfältig, um ausführlich behandelt zu werden.
   „Mechaniker, meine Liebe, schreiben nicht“, hatte er kurz darauf dennoch erwidert, während Dora ihre Tasse an die Lippen geführt und die Augen zusammengekniffen hatte, als blende sie die Sonne. Sie hatte dann nach einem der Kekse gegriffen, die Mutter am Vormittag gebacken hatte, während Mutter die Hemden und Socken meines Vaters auf die Leine zwischen Ahorn und Apfelbaum hängte. Sie hatte verstohlen an der Schokoladenglasur geleckt, was nur ich, niemand anderer, gesehen hatte, und anschließend den Mürbteig mit Mandelkrokant auf einmal im Mund verschwinden lassen. Dann war sie sich mehrmals durch die Haare gefahren, die rostrot und wild von ihrem Kopf abstanden, ganz anders als die zahmen Haare meiner Mutter, die sie stets zu einem straffen Zopf geflochten trug, der ihr bis weit unter die Schultern über den Rücken hing. An jenem Tag hatte ich an Tilda denken müssen, von der es ein Schwarz-Weiß-Foto im Vorzimmer gab, das sie kurz vor ihrem Verschwinden mit Mutter und Dora zeigte: eine schlanke junge Frau in Bluse und kurzen Hosen, das Haar lang und offen, ganz dunkel, wohl schwarz, die Lippen zu einem Lächeln nach oben gezogen, das echt und unsagbar einnehmend wirkte. Sie sah mit diesem Lächeln zu Dora und Mutter, von denen nur Dora das Lächeln erwiderte, während Mutter charmant in die Kamera schaute und die Rechte energisch in die Hüfte stemmte. Auf dem Foto trug Mutter ein knielanges Dirndl, dazu Kniestrümpfe und Lackschuhe mit schmalen Riemen, die noch immer in einem ihrer Schuhschränke standen, die sie Woche für Woche zur Gänze leerte, um alles sehr sorgfältig und ausführlich zu putzen. Tildas Lächeln betonte ein fransiger Strohhut, dessen Krempe, in Stirn und Augen gezogen, die unzähligen Sommersprossen nicht verdeckte, sondern hervorhob, genau wie die helle Regenbogenhaut, die sie, wie mir schien, von Großmutter geerbt hatte. Sie hatte den Arm um Mutter gelegt, die sich irgendwie wegdrehte, als ertrage sie zu diesem oder zu allen Zeitpunkten die Berührung, die Nähe ihrer Schwester nicht. War in die Augen, in die Züge von Tante Tilda eine Trübung, ein Kummer hineinzuphantasieren, der mit einer Enttäuschung, vielleicht Mutters Abwendung, oder mit irgendetwas Anderem zusammenhing, von dem ich zu jenem Zeitpunkt nichts wusste? Hatte vielleicht alles mit Erik zu tun, der, wie ich die Leute sagen gehört hatte, sich kurz vor seinem Tod mit dem Gedanken trug, Tilda zu verlassen und eine andere zu heiraten? Oder mit der Mühe, die ihr die Prüfungen bereiteten, die für die Matura abzulegen waren, die sie in der Abendschule nachholen wollte und für die sie eine ganze Menge lernen musste, neben ihrer Arbeit als Stubenmädchen beim Stieger-Wirt, der sie einspannte, wo es ging und einen Hungerlohn zahlte? Die drei Schwestern auf dem Foto standen oben auf der Hochalm, die ihnen Großvater zu gleichen Teilen vermachte, man erkannte weiter hinten das bewirtschaftete Blockhaus, in dem eine Sennerin Dienst versah: die Geranien in einem der Tröge am Fenster, ein Längsstück der Holztür in jahrhundertealtem Schwarz.
   Ob Dora an jenem Nachmittag den Faden wieder aufgenommen und Vater eine Antwort bekommen hatte auf seine Behauptung, dass Mechaniker nicht schrieben? Vielleicht hatte sie nur unwillig den Kopf geschüttelt und gleich darauf ein weiteres Stück Keks verzehrt, weil mit Vater ohnehin nicht zu reden war über die Unterschiede, die er zwischen Menschen machte und die Tante Dora beileibe nicht sah. Vielleicht hatte sie ihn betrachtet, während er ruhig seine Zeitung las, bevor er zurück an die Arbeit musste, während er Notizen machte in ein kleines schwarzes Büchlein, das lose beschrieben vor ihm auf dem Tisch lag. Während er, als griffe er nach etwas sehr Heiklem, etwas, vor dem man Ehrfurcht haben musste, mit abgespreizten Fingern seine Brille ergriff, sie aufsetzte, sie zurechtrückte, gegen den Nasenrücken drückte und den Zeigefinger minutenlang nicht von der Nase entfernte, wie um die Gläser vorm Herabgleiten zu schützen. Was mochte Dora in jenem Augenblick gedacht haben? Dass sie Vater auch in diesem Jahr ihre Stimme nicht geben würde, und schon gar nicht der Partei, der er angehörte, weil er angekündigt hatte, den Staudamm bauen zu lassen, den eine wie Dora ganz bestimmt nicht unterstützen konnte? Dass sie und keine ihrer Freunde und Bekannten ihn und seine Partei je wählen würden, auch wenn er ihre Schwester Marie geheiratet und mittlerweile seit mehreren Jahren Bürgermeister war, genau genommen seit dem Verschwinden von Tilda? Dass Tildas Verschwinden wohl keinen Einfluss darauf gehabt hatte, dass die Dorfbewohner sich damals für ihn entschieden hatten und in weiterer Folge nicht von ihm abgekommen waren, dass möglicherweise aber doch ein Zusammenhang bestand? Denn Vater hatte, wie mir Dora erzählte, nach Tildas Verschwinden für mehr Sicherheit plädiert und angeregt, eine Gendarmeriewache einrichten zu lassen, um nicht ausschließlich von jener in Bad Aussee abzuhängen, wo sich das nächste Revier befand, und darüber hinaus dem alten Bürgermeister vorgeworfen, eine Teilschuld zu tragen an der Verschleppung der Ermittlungen, die man rund um Tilda und Erik anstellte.
   Vielleicht hatte Dora, während sie Vater betrachtete, der mit schwarzem Mont-Blanc-Kuli immer noch schrieb, auch an Mutter gedacht, die ihn geheiratet hatte. Die mit fleißigen Fingern an den Himbeerstauden zupfte, die ein fahlgelbes Pulver in die Erde streute, die die Harke nahm und alles miteinander vermischte, die jetzt inne hielt, die Handschuhe abstreifte und sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn rieb. Die den Korb mit den Himbeerblättern hochhob und fort trug, hinunter zu den Eiben, die hoch aufgerichtet standen, als wüssten sie genau, dass sie dem Sichtschutz dienten, dem Fernhalten der Sonne und der Blicke der Nachbarn, die gern etwas Ungehöriges über den Bürgermeister erfahren hätten. Irgendwann würde Mutter die roten Beeren sammeln und weiß Gott welche Elixiere aus ihnen kochen, genau wie aus den Zwetschken, Himbeeren und Malven, dem Hibiskus, den Brennnesseln, dem Fingerkraut. Sie würde am Herd in der Küche stehen und nicht nur die täglichen Mahlzeiten bereiten, speziell für Vater, der anspruchsvoll war, sondern mit Messern und Töpfen hantieren, in denen geschnittene Rossminze dünstete, Schwarzkümmel, Beinwell, Engelwurz, Steinklee. Sie würde zum Zubereiten ihrer Kräuterchutneys, ihrer Salben und Säfte, Schnäpse und Gewürze das Dirndl ablegen, das sie jeden Tag trug, weil sie die Gattin des Bürgermeisters war, und in T-Shirt und Leinenrock hacken und mörsern. Aus dem Zopf würden sich lichtbraune Strähnen lösen, die ihr lose und leicht und ganz plötzlich verspielt in Augen und Nacken hängen würden und die ihre eilfertigen Finger nicht, wie sonst, ergreifen, glätten und ordnen würden. Ihre Wangen, ihr Hals würden sich erhitzen und röten, obwohl ihre Haut sonst weiß, fast fahl war, sie würde hin und wieder einen schnelleren Schritt tun, zur Abwasch, zum Geschirrschrank, zum Regal mit dem Rezeptbuch, vielleicht sogar eine ausgelassene Schrittkombination wie zum Walzer, zur Polka, zum langsamen Foxtrott, den sie früher so gerne mit Vater getanzt hatte.
   Aber lief sie nicht eben von der Südseite her schon wieder herauf auf die untere Wiese, deren Halme mit einem Mal der Nordwind durchfuhr, vorbei an der Blutbuche, den Rosen, den Lärchen, die der Sturm jetzt beinahe unverschämt zauste? Kam sie nicht eben am Ginster vorbei, an den beiden Tamerisken mit eiligen Schritten, weil Vater ihr irgendetwas zugerufen hatte? Und hob Dora nicht ihren Oberkörper, den Kopf und sah ihr entgegen mit dem üblichen Unwillen, mit gehobener Braue, die ahnen ließen, dass Dora niemals, niemals verstehen würde, dass eine Frau alles aufgab und abbrach, wie Mutter alles aufgegeben und abgebrochen hatte, damit mein Vater sie heiraten könne, und wie sie in diesem Augenblick alles aufgab und abbrach, bloß weil er nach ihr gerufen hatte? Hilde, die unten am Gartenzaun gestanden war und mit der meine Mutter gesprochen hatte, während sie Mulch an den Blauregen breitete, drehte sich um und verschwand hinter den Blüten, Joe, der den beiden gewunken hatte und im Anmarsch vom Schuppen größer und größer geworden war, machte kehrt und ging wieder zum Schuppen zurück, während Mutter schon die Steinplatten zur Terrasse überquerte und ins Haus ging, um Vaters Weste zu holen.
   Dora hatte sich fröstelnd die Jacke über die Schultern gezogen und zu mir herübergesehen, als müsse sie mich schützen. Ob sie damals schon beschlossen hatte, nach Tilda zu suchen und mich anzustecken mit der Neugier am Verbleib ihrer Schwester? Ob sie lediglich ihre Arbeit als Shiatsu-Masseurin, der Versuch, sich als Fotografin selbständig zu machen, gehindert hatte, etwas mehr, als sie schon wusste, über Tilda herauszufinden? Sie hatte wohl bloß diesen Auslöser benötigt, der uns schließlich so unvermittelt auf Tildas Fährte führte und den sie mir ganz unerwartet unter die Nase hielt, zu ungeduldig, um mich mündlich darauf vorzubereiten.

Die Autorin:

Ulrike Kotzina, geboren 1970 in Wien, war u.a. Redakteurin beim ORF, und ist derzeit selbständig mit einem Geschäft für antiken Schmuck. Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien (u. a. Wespennest, Lichtungen, Erostepost). 1999: Teilnehmerin beim Open-Mike-Wettbewerb, 2000: Stipendiatin beim Bachmann-Preis. 2004: 3. Preis beim Literaturwettbewerb der Akademie Graz ("Etwas, das fehlt"), 2009: Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich für das bisherige erzählerische Werk ("Unterirdisch", "Der Apfelbaum, "Licht und Schatten", "Mit der Zeit" u. a.), 2010: Literaturpreis der Ernst-und-Rosa-von-Dombrowski-Stiftung ("Klaras Porträt")