Ute Weber: Aprikosen (Kurzgeschichte)

 

Der Mann hinter dem Vorhang starb, ich aber zählte die Löcher in den Deckenpaneelen. Siebzehn quer, fünfunddreißig längs. Graue Deckenpaneele, zwölf Stück bis zum Vorhang. Sie hatten gesagt, dass keine Hoffnung mehr sei. Seine Lunge verpilzt, sein Körper in Auflösung. Es mache keinen Sinn, weitere Maßnahmen zu ergreifen, Angehörige sollten benachrichtigt werden.
Der Vorhang war hellgrau mit weißen Streifen, er trennte die beiden Behandlungseinheiten im Raum. Ich hoffte, dass der Vorhang die Pilzsporen davon abhalten konnte, in meinen gelähmten Körper einzudringen. Ich hoffte, dass der alte Mann bald sterben würde, damit sie ihn und die Pilze fortbrächten.
Sie hatten meine Spritze vergessen. Ich zählte die Löcher ein letztes Mal, dann schob ich die Klammer vom Finger, der Alarm fiepte. Normalerweise brauche hier keiner eine Klingel, hatte die Stationsärztin gesagt. Ihr Blick über den Rand der Brille, eine Augenbraue hochgezogen.
Schwester Hedda mit der Igelfrisur kam an mein Bett. Sie legte die Hand auf mein schweißnasses Laken und sah mich fragend an.
„Einmal wenden und einschläfern bitte.“
Als sie lachte, sah ich die Metallkugel auf ihrer Zunge glänzen.
„Eigentlich müsstest du mal wieder ein frisches Laken bekommen, Melly, aber das geht jetzt gerade schlecht.“
Sie deutete mit dem Kinn in Richtung Vorhang, fasste mich an Schulter und Hüfte, drehte mein Fleisch in Rückenlage. Das reglose Fleisch. Ich schrie nicht, ihr zuliebe. Schwester Hedda konnte die Kissen unter meinen Kniekehlen so knuffen, dass sie stundenlang die Form hielten.
Dann schoss sie den Schmerz ab. Erst spürte ich nur ein Ziehen im Oberschenkel rings um die Einstichstelle, danach hoben meine Beine ab, der Rumpf, der Rest, auf die Zuckerwatte Insel Wolke. Der gestreifte Vorhang flatterte im Wind, der Chefarzt salutierte, an seiner blauen Kapitänsuniform fehlte ein Knopf, was für ein Käptn, er schleuderte sein goldenes Stethoskop auf die Stationsärztin, es flog wie ein Bumerang zu ihm zurück und durchtrennte das Kabel, an dem er von der Decke baumelte. Ich winkte und segelte ins Nichts.
Der Schmerz wachte als erster wieder auf. Die Ärzte hinter dem Vorhang waren still, als würden alle den Atem anhalten in professioneller Beklommenheit.
Tropfen, Pumpen, Piepen, immer langsamer, immer lauter. Immer leiser der Rest. Kein Todeskampf, kein letzter Atemzug mit großer Geste. In Zeitlupe verloschen, die Stimmgabel vibrierte und klang aus.
Sie hatten einen Paravent zwischen mein Bett und den Rest der Welt gestellt. Schlurfende Schritte, kein Schluchzen, wer sollte bei einem alten Mann schluchzen, Worte, gemurmelte Satzfetzen, nicht länger leiden, an einem besseren Ort, Zeit.
Als die letzten Angehörigen des alten Mannes gegangen waren, war es längst sechzehn Uhr vorbei, Besuchszeit auf der Neurointensiv. Die Schwestern machten sich hinter dem Paravent zu schaffen, der Tote wurde weggebracht, das Pilzvernichtungskommando räumte ab, warf weg, desinfizierte.
„Wir sind bald fertig, Ihr Besuch kann gleich zu Ihnen“, sagte die Stationsschwester. Ihr blonder Pferdeschwanz wippte, als sie wieder hinter der Trennwand verschwand. Ich drückte den Knopf der Fernbedienung, das Kopfteil des Bettes hob sich mit einem Surren. Wenn Jessie hereinkäme, ich wollte sie nicht leichenflach erwarten. Erst recht nicht anderen Besuch, falls, jemals.
„Hey Kleines, du siehst ja frisch aus wie der junge Morgen.“ Meine Schwester zwängte sich an der Kante des Paravents vorbei. Sie strich mir über das fettige Haar. Jessie hatte eine Plastiktüte mitgebracht und begann deren Inhalt auf dem Rand des Bettes auszubreiten.
„Hier, ein MP3-Player.“
Ich würde Musik hören können, nachts wenn ich alleine wach lag. Wenn meine Augen abgeklebt waren, damit sie nicht austrockneten.
„Aber jetzt kommt das Beste, Schwesterchen, dein Shampoo mit Aprikosenduft, Handtuch, Fön, ich werde dir heute die Haare waschen.“
„Geht das denn mit dem ZVK?“ Ich wollte nicht an das Loch, nicht an diesen Schlauch denken, der neben dem Schlüsselbein in meinem Körper verschwand. Wenn ich nicht daran dachte, dann war er nicht da und es konnte sich nichts entzünden.
„Klar geht das, Melly.“
Jessie setzte sich auf den Stuhl, der neben dem Kopfende meines Bettes stand. Ich sah aus den Augenwinkeln, dass sie die Anzeigen auf den Geräten überprüfte, Sauerstoffsättigung noch in Ordnung. Das wusste ich auch so, es ging schwer, aber ich atmete.
„Heute ist ein Scheißtag, Jessie, der alte Mann mit dem Pilz ist vorhin gestorben.“
Ich heulte ein bisschen, obwohl ich nicht traurig war, ein warmes Gefühl wie in die Hose Pinkeln. Was ich gar nicht gekonnt hätte, wegen des Blasenkatheders. Die Schwestern lobten mich, wenn viel goldener Saft im Beutel war. Heute war wirklich Scheißtag, aber erst später mit Schwester Hedda. Alle vier Tage, Abführmittel, Einlauf und dann Pressen Pressen, Scheißekindchen gebären, trotz der kaputten Nerven am Darm.
Ein stämmiger Pfleger schob den Paravent zur Seite und räumte ihn weg. Es waren keine guten Nächte, wenn er Dienst hatte. Seine Pranken eigneten sich für Möbeltransporte, nicht für mein rohes Fleisch.
Schwester Hedda schob eine Art Servierwagen herein, auf dem ein gelbes Planschbecken stand, in Babygröße.
„So, ich stell das Bett ein bisschen flacher, dann ziehen wir Dich nach oben, dass die Haare über den Rand hängen, ist schon gut, wir sind ganz vorsichtig.“
Als das warme Wasser über meine Kopfhaut lief, bekam ich feuchte Augen, so schön fühlte sich das an. Im Raum gegenüber gingen mal wieder alle Alarmpieper gleichzeitig los, Schwester Hedda musste rennen.
Jessie steckte mit beiden Händen im Aprikosenschaum und knetete meine Kopfhaut. So wie früher, als ich klein war und sie größer, nachdem Mutter nicht mehr da war. Ich dümpelte in einer Seifenblase aus Erinnerungen, orange weichsamtig süß. Die Blase platzte, als der Chefarzt und sein Gefolge in den Raum marschierten. Es war nicht die übliche Zeit für die Visite. Die Unterärzte nahmen ihre Positionen ein und Haltung an. Der Käptn überragte alle, obwohl er der Stationsärztin nur bis zur Schulter reichte.
„Aha, die Damen, Schönheitspflege, fein fein, ein gutes Zeichen. Wir hatten doch neulich über die Plateauphase von GBS gesprochen. Sie wissen Bescheid über den Zustand ihrer Nerven, die Autoimmunreaktion?“
Ich nickte, Jessie hatte alles gegoogelt, GBS, Guillain-Barré-Syndrom, sie sagte, das müsse eigentlich Ganz-Blöde-Scheißlähmung heißen. Hoffentlich würde der Chefarzt mich nicht wieder in den Folterkeller zum elektrischen Nervenmessen bringen lassen.
„Fein fein, also Plateauphase, genau da befinden Sie sich jetzt, die Lähmungen gehen zurück, die Nerven heilen von selbst, es wird keine Intubation nötig sein, morgen kommen Sie auf Normalstation. Und in ein paar Wochen sind Sie wie neu.“
Er tätschelte das Kissen unter meinem linken Bein und machte auf dem Absatz kehrt. Das Gefolge nickte und verschwand in seinem Windschatten. Schwester Hedda lehnte grinsend im Türrahmen. „Na?“
Ich streckte den Daumen nach oben. „Geht aber schon schnell jetzt, oder?“ Meine Stimme klang nach Absprung ohne Fallschirm.
„Ach nee, wir brauchen nur das Bett. Ich komme dann später noch mal vorbei von wegen Schietern.“ Schwester Hedda zwinkerte und ging.
„Das musst du Vater sagen, Jessie. Vielleicht kommt er. Wenn ich jetzt wieder. Was meinst du?“
Sie begann die Melodie von Happy Birthday zu summen, dann sang sie, Marmelade im Schuh, Aprikose in der Hose, Happy Birthday to you.
Als Jessie mit meinen Haaren fertig war, musste sie gehen, die Besuchszeit war zu Ende. Ich begann wieder die Löcher in den Deckenpaneelen zu zählen. Zwischen Loch elf und zwölf klebte ein Flöckchen Aprikosenschaum.






Die Autorin:

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Ute Weber, geboren 1967 in Nördlingen. Studium der Biologie und Promotion (Biochemie) in Würzburg. Lebt mit ihrer Familie in Bad Vilbel bei Frankfurt. Schreibt Kurzgeschichten, Twitter-Prosa (@UteWeber) und arbeitet an ihrem ersten Roman.