Barbara Ellermeier

Lust auf eine Zeitreise? Dr. Barbara Ellermeier arbeitet als Tourguide in die Vergangenheit. Sie ist Historikerin und Archäologin, und ihre Aufgabe ist es, aktuelle Forschungsergebnisse in spannende Geschichten zu verwandeln. Die Trägerin des Martha-Saalfeld-Förderpreises lebt am Mittelrhein. Im April 2012 erscheint ihre Biografie über Hans Scholl bei Hoffmann und Campe. Mehr unter http://www.zeitreise-buecher.de.

Das Geheimnis von Cluny


Cluny in Burgund, Sommer 1940
Der, den sie treffen sollte, hieß Armand. Wie er weiter hieß und ob das überhaupt sein richtiger Name war, wusste Thérèse Bréal nicht. Noch vor Sonnenaufgang musste sie in der Kirchenruine sein, bevor die verfluchten Deutschen ihre Luftangriffe fortsetzen würden.
Morgens um vier alleine durch Cluny zu laufen, machte ihr nichts aus. Sie schlief ohnehin schlecht, seitdem Krieg war. Das höllisch laute Pfeifen der Sturzkampfbomber verfolgte sie auch nachts.
Thérèse bog in die Rue Lamartine ein und ging den kleinen Anstieg zum Tor hinauf, durch das man früher die Abtei betreten hatte. Im Halbdunkel konnte sie den mächtigen Glockenturm erahnen, der einst die größte Kirches der Christenheit geschmückt hatte, prächtiger als jene in Rom. Es schien, als wollte er sich zum Himmel recken und sich bei Gott beschweren, dass sein Kloster abgerissen worden war. Beinahe dreißig Jahre hatten Händler und Spekulanten für die Demontage dieses riesigen Gotteshauses gebraucht: Stein um Stein, Säule um Säule war verschwunden. „Verkauf von Materialien aller Art zum angemessenen Preis...“. Thérèse kannte die alte Urkunde, die das Schicksal von Cluny besiegelt hatte.
Heute lag Dunst über dem kümmerlichen Überrest der Kirche. Die Ruinen waren mit Gras überwuchert. Wo einmal das südliche Querhaus begonnen hatte, befand sich nun ein Bauzaun. Sie zählte bis zum fünften und sechsten Brett ab und stemmte sich dagegen. Genau wie Claude gesagt hatte, gaben die grob gezimmerten Planken nach. Durch diese Lücke schlüpfte Thérèse, bevor sie sie so leise wie möglich hinter sich schloss.
Hinter dem Zaun begann eine Wildnis. Im Halbdunkel stolperte sie mehr über Steine als dass sie lief, blieb immer wieder in Dornenzweigen hängen. Und der Weg war weit, durch das ganze ehemalige Langhaus, das über 180 Meter maß. Wirklich die größte Kirche der Christenheit! Cluny und seine Extreme, wunderte sich Thérèse grimmig. 215 Psalmen täglich betete damals jeder Mönch, der hier gelebt hatte; nicht 37, wie die Benediktsregel es vorschlug. Und die Armen bekamen nicht nur Brot, sondern auch Geld und einen Handkuss. Ihr würde ein Stück Brot genügen.

Mit den Augen suchte sie das Innere des Querhauses ab, wo ein Stück des Daches erhalten war. Da hinten lehnte der Mann, in einem schwarzen Anzug. Wie alt er wohl war, fünfzig oder sechzig? Aber in diesen Wochen nach dem deutschen Angriff wirkten alle älter. Er sah Thérèse und lächelte. Für einen Moment wirkte er jungenhaft und unbeschwert. Wann hatte sie zuletzt so gelächelt? Der Mann, den sie Armand nennen sollte, kam ohne Umschweife zur Sache. Schon mit dem ersten Händedruck sagte er: „Ich war mir nicht sicher, ob wir Sie gebrauchen können, Mademoiselle.“
„Aber Monsieur!“, entfuhr es ihr. Dafür hatte sie sich nicht von Paris durchgeschlagen, hierher in die Provinz. Durch völlig verwüstete Dörfer, die nur noch Trümmerhaufen waren. Hunderte, Tausende von Flüchtlingen hatte sie gesehen, die auf den Wegen nach Süden zogen wie sie. Sie war nicht vor Panzern und Fallschirmjägern geflohen, hatte sich durch Straßensperren gekämpft, um sich jetzt wegschicken zu lassen wie ein kleines Mädchen.
Thérèse Bréal wollte sich aufrichten, damit sie wieder wirkte wie die Person, die sie noch vor wenigen Wochen gewesen war. Aber dann spürte sie, wie ihr die Beine schwach wurden. Es war Tage her, dass sie zuletzt ordentlich gegessen hatte. Und mehr als einmal musste sie sich mitten auf der Chaussee erbrechen angesichts grässlich stinkender Pferdekadaver. Wegen gefallener Soldaten, die niemand begrub.
Erst jetzt merkte sie, wie erschöpft sie war. Denkbar der ungünstigste Zeitpunkt, um das herauszufinden, schalt sie sich. Gut, mit dieser zerknitterten Kleidung, mochte sie tatsächlich wirken wie eine Zigeunerin, die man einfach wegschicken konnte. Neben Armand in dem schwarzen Zwirn kam sie sich noch schäbiger vor. Aber sie wollte, sie musste doch etwas tun!
„Bitte, lassen Sie mich mitarbeiten“, flüsterte sie und es ärgerte sie, dass ihre Stimme dabei brach. Verzweifelt wollte sie nicht erscheinen. Sie versuchte, bestimmter zu klingen. „Ich war Historikerin. Aufsätze für Zeitschriften habe ich verfasst.“ Es schien ihr hundert Jahre her zu sein. „Ich kann gut formulieren, Flugblätter aufsetzen. Briefe. Irgendetwas.“ Sie zögerte, weil der Mann auf keinen ihrer Vorschläge einging. „Vielleicht mit der Maschine schreiben?“, versuchte Thérèse es erneut, während ihr das Schreien der Mutter nicht aus dem Kopf ging.
Armand zog einen Brief aus dem Ärmel seines Jacketts. Hellgrün leuchteten darauf vier Briefmarken mit dem Porträt Adolf Hitlers, das konnte Thérèse im Dämmerlicht erkennen. Vier Köpfe. Acht Augen, die wie gebannt in dieselbe Richtung blickten. Nach links. Der starrt nach Westen, zu uns nach Frankreich, dachte Thérèse unwillkürlich.
„Claude Monthelon hat mir von Ihrer Doktorarbeit erzählt. Über die Handschriften des Klosters Cluny“, sagte Armand unvermittelt. „Mademoiselle Bréal, könnten Sie sich vorstellen, wieder über Cluny zu forschen?“
„Wie... wie meinen Sie?“
„Seien wir ehrlich“, begann Armand, nur um sich selbst zu unterbrechen: „Gehen wir ein Stück?“ Er machte eine einladende Geste, als ob er sie in seinen Salon bitten würde. Sie liefen bis zur Chapelle Saint-Martial, einer der unzähligen Seitenkapellen innerhalb der großen Klosterkirche. Wurden hier nicht früher die Äbte begraben? Thérèse konnte sich nicht mehr genau erinnern. In den Mauervorsprüngen schliefen die Tauben, die Köpfe unter ihre Flügel geschoben. Es war totenstill. Erst jetzt sprach Armand weiter. „Lange wird sich unser Land nicht mehr verteidigen können. Die Deutschen marschieren schon auf den Champs-Élysées. Vielleicht erobern sie übermorgen Cluny, wer weiß?“
Thérèse nickte. Sie hatte selbst gesehen, wie die Soldaten in ihrer Stadt eingerückt waren. Oberst Meier, der Kommandant des Sturmregiments ‚Adolf Hitler’, hatte die sofortige Lieferung von 2400 kg Brot verlangt, außerdem 650 kg Wurst, 290 kg Butter, 8 kg Tee, 25 kg Kaffee, 290 Liter Rum und 23.000 Päckchen Zigaretten. Zusätzlich wollten sie zwanzig Geiseln, vorzugsweise Beamte. Staatsdiener wie ihr Vater. Als die Mutter, laut brüllend vor Verzweiflung, Einspruch erhoben hatte, war sie kurzerhand erschossen worden. „Man wird sie zurückschlagen...“, widersprach Thérèse halbherzig.
„Unsinn.“ Armand lächelte ihren Einwand fort. „Unser Vaterland steht vor einer Niederlage. Die Deutschen werden Frankreich besetzen, wie schon das Sudetenland, Belgien und Holland. Zuerst katalogisieren sie alles, und dann plündern sie uns systematisch aus.“
„Aber was kann ich dagegen tun?“
„Haben Sie von der Besetzung Hollands gehört?“, fragte der Mann zurück. „Dort schleppen die Deutschen gerade alles fort, was sich lohnt. Rohstoffe, Nahrungsmittel, Edelmetalle. Männer und Frauen als billige Arbeitskräfte. Und dann die Kunst.“
Armand hielt immer noch den Brief in seinen Händen, gab ihn ihr aber nicht. „Es ist ein grandios eingefädelter Kunstraub, Mademoiselle. Wir stehen am Beginn der größten organisierten Raub-Aktion, die Europa je gesehen hat.“
„Woher wollen Sie das wissen?“ Die Behauptungen erschienen Thérèse derart unglaublich; gleichzeitig traute sie dies den Deutschen ohne Zweifel zu.
„Ein Bild von Vermeer soll sogar bei Hitler im Schlafzimmer hängen.“ Armands Stimme klang bitter. „Und der dicke Göring kauft wie ein Besessener! Gemälde, Teppiche, Statuen, Möbel... Die Genossen machen nach, was die Parteibonzen ihnen vormachen. Sie kaufen, beschlagnahmen, erpressen. Sogar mit jüdischen Kunsthändlern verhandeln die boches, wenn es sich lohnt.“

„Sagen Sie mir endlich, was ich tun kann“, brachte Thérèse mühsam hervor. Lange würde sie sich nicht mehr auf den Beinen halten können.
„Bald kommt jemand nach Cluny, ein Sonderbeauftragter der Deutschen. Kunstgegenstände soll er aufspüren. Natürlich geht es ihm nur um die Wissenschaft, das wird er jedenfalls vorgeben.“ Armand zeigte Thérèse einige Briefbögen, die er nun endlich aus dem Umschlag zog. „Hier steht alles, was wir wissen. Es ist nicht viel. Aber eines ist sicher: Er tritt nicht als Zivilist auf, sondern in Uniform. Damit macht er Druck auf die Autoritäten.“ Armand sah sie eindringlich an. „Frankreichs Kunstschätze müssen in Frankreich bleiben. Unbedingt! Helfen Sie uns dabei?“
Thérèse lehnte sich gegen die Kirchenmauer, und es war ihr egal, dass ihr der Kalkstein lauter weiße Abdrücke auf den Mantel malen würde. „Ich werde diesen Mann aufspüren. Und ihn umbringen“, versicherte sie, „wenn Sie es wünschen.“ Mein Land braucht mich, und ich werde tun, was nötig ist, redete sie sich selbst gut zu. Zum Glück hatte ihre Stimme nicht wieder so gezittert.
„Viele Männer und Frauen sind bereit, gegen die Deutschen zu kämpfen“, erwiderte Armand, indem er erneut sein Jungenlächeln zeigte. Sorgsam schob er die Blätter zurück in das hauchfeine Papier des Umschlags, so dass sie darin ganz verschwanden.
„Aber wir müssen Zeit gewinnen, um uns zu formieren. Beschränken wir uns momentan darauf, diesen ‚Sonderbeauftragten‘ zu stören, wo wir nur können.“ Er hielt Thérèse den Brief mit den Hitlermarken entgegen. „Und Sie werden ihn irreleiten.“