Judith Pfeifer: "Neuschwabenland" (Erzählung, Auszug)


Prolog

 

Wie oft hast du im letzten halben Jahr gedacht wie Scheiße es hier ist?
Wie oft hast du im letzten halben Jahr ans Weggehen gedacht?
Wie oft hast du im letzten halben Jahr resigniert?
Es spitzt sich wieder zu.

 


Ich habe einen Freund, aber liebe V. Ich möchte, dass V mich (zurück)liebt, aber er liebt mich nicht. Ich habe einen Vater, der trinkt. Ich möchte, dass mein Vater aufhört, sich zu betrinken, aber er sagt, es sei nicht meine Sache. Ich habe eine Mutter in Kanada. Ich möchte ein gutes Verhältnis zu meiner Mutter haben, aber sie ist nicht an mir interessiert. Ich möchte eine gute Enkeltochter sein, aber meine Großmutter ist traumatisiert und mein Großvater (ist) tot. Ich möchte verreisen, aber muss meine Diplomarbeit schreiben. Ich möchte dieses Land verlassen, aber weiß nicht, wohin. Ich möchte erfolgreich sein, aber bin es nicht.

 


1

Katrin mag keine Menschen, die extreme Positionen einnehmen. Sei ein Mensch, sei kein Deutscher, sagen sie in Rumänien, sagte ihr deutscher Freund Jan, als sie ihn kennen lernte. Hier fährt einer mit dem Motorrad, und schießt auf Verkehrsschilder. Auf der Insel sind sie alle zerschossen. Wie auf Korsika. Hier auf Kefalonia fährt einer und ballert durch die Gegend. Wenn Katrin ballern würde, würde sie wie verrückt ballern. Doch wenn sie am Meer die Wellen beobachtet, will sie nicht ballern. Fährt einer durch die Nacht, und schießt durch die Gegend (Luft).

 

- Quelqu’un fait nuit blanche. Es hat Vollmond, hört sie die Nachbarn durch die Zeltwand auf Französisch. So, als ob es normal wäre, das Knattern und das Ballern. Schritte knirschen am Kiesweg, der zum Meer führt.

 

- Magst du Porno?
- Warum?
- Einfach so.
- Geht so.
- Magst du mich?
- Klar. Warum?

 

Sie reden, als ob keiner sie verstünde, weil sie im Ausland sind, und Katrin hört zu. Sie beobachtet Deutsche, Griechen, Italiener, wie sie streiten, wer den Abwasch macht, wie man das Zelt abbaut.

- Stai calmo!
- Io sono calmo, ma tu stai calma!

 

Katrin hört wie sie Sex machen, durch die Zeltwände hindurch, leise, heimlich, verstohlen, genauso wie damals vor fünfzehn Jahren ihre Mutter.
Ich kann keine Souvlaki mehr sehen“, sagte Katrin, als ihre Mutter mit Yannis kam. Ihre Mutter wollte mit Yannis in Kanada ein neues Leben beginnen.

 

- Gehst du mit? fragte sie Katrin.
Katrin wollte nicht.
- Dann eben nicht.

 

Ihre Mutter flog in ein neues Leben. Und Katrin blieb in Wien.

 

Das Jahr darauf fuhr sie mit Tante Dani in Omas honiggelbem Lada nach Spanien. Oma hatte den Lada, das Ex-Auto der Ehefrau des damaligen Bundeskanzlers, gebraucht gekauft, mitsamt ausgeleierten Gurten und Automatikschaltung. Katrin musste sich trotz der kaputten Gurte anschnallen. Acht Jahre nach dem Spanienurlaub und zwei Jahre nach dem Tod des Bundeskanzlers erfuhren sie, dass es das Ex-Auto der Ex-Frau des Ex-Bundeskanzlers gewesen war, denn der Bundeskanzler a. D. hatte eine Geliebte gehabt, auch wenn er verheiratet geblieben war. Damals waren fast alle verheiratet geblieben, auch Opa und Oma.

 

Alle Männer haben Geliebte, sagte Tante Dani, als sie von der Geliebten des Bundeskanzlers in der Zeitung las.

 

- Alle Frauen auch?
- Alle Frauen auch.

 

Wenn Katrin nachts den Schlüsselbund ihres Vaters klirren hörte, stellte sie sich schlafend. Samstagmorgens ließ sie ihn ausschlafen. Sonntagmorgens nahm er sie mit zum Frühshoppen, für Katrin gab es Pizza Margherita und Kräuterlimonade, bis Katrin sagte, sie wolle nicht mehr mitkommen. Danach war sie an den Wochenenden bei Oma.

 

- Sag nicht Bolldogge zu ihr, sagt ihre Cousine, wenn sie über Opas Freundin sprechen.
Ist ja nur Spaß, antwortet Katrin dann.

 

Sie sitzt in der Hocke am Strand, dunkelgrauschwarz das Meer vor ihr. So muss sich der Bundeskanzler gefühlt haben, Katrin hat einen Mann, und liebt einen anderen. Wenn Katrin ein Verkehrschild wäre, wäre sie jetzt von Kugeln durchsiebt und tot. So wie diese eine entfernte Großcousine aus Tirol, die hochschwanger von einem Stier aufgespießt worden war. Katrin hat Angst vor Blut am Hochzeitskleid, vor geplatzten Fruchtblasen in öffentlichen Verkehrsmitteln und Angst vor von Stieren aufgespießten Schwangeren. Katrin weiß, sie wird Jan verlassen, weil sie in V verliebt ist, auch wenn sie im Moment glücklich ist wegen der vielen Wellen um sie.

 

Gegenüber, dort, wo aus der Ferne kleine Lichter flimmern, war Lord Byron mit sechsunddreißig Jahren für die Freiheit gestorben, im prohellenistischen Kampf, an Malaria. Jetzt singen sie seine Worte in der griechischen Nationalhymne. Poesie muss stechen. Poesie kann zurückfeuern. Ein Stich für Mama. Ein Stich für Papa. Ein Stich für Jan. Dann ist nur noch sie da. Ein Stich für Katrin. Weg sind sie. In ihrem hellenistischen Freiheitskampf auf Kelafonia sticht Katrin die Luft löchrig.

Dabei passt doch alles, sagt sie dem Meer. Nichts passt. Bald wird Jan aufwachen und Katrin überreden versuchen, frisches Brot vom Minimarket zu holen.

 


2

 

Eine Woche nachdem sie aus Griechenland zurück ist, steht Katrin am Milchregal, hält ein Jogurt in der Hand, als jemand - Hallo Katrin sagt. V ist plötzlich da, weil sie an ihn denkt. Weil er auch an sie dachte, denkt sie.

 

- Hi, sagt Katrin, und behält das Zitronenjogurt in der Hand. Es kühlt ihre Handflächen. Ihre Hände wärmen das Jogurt.
- Wie geht's, fragt er.
- Gut, sagt sie, und dir?
Gut, sagt er.
Gut, sagt er.
- Morgen habe ich Geburtstag, sagt sie.
- Alles Gute, sagt er.
- Man soll besser direkt am Geburtstag gratulieren oder danach.
- Ja?
- Ja.
- Dann nicht.

 

Sie will nicht aufdringlich sein. Nur ja nicht aufdringlich sein. Sie hatte V vor mehr als fünf Jahren auf einer Party kennen gelernt, über zehn Ecken, über Freunde. Seit über vier Jahren fühlt sie nun dieses Kribbeln, wenn sie ihn sieht. Sie weiß nicht was sie sagen soll.

 

- Und was tut sich bei dir? fragt sie.
- Arbeite viel.
- Das ist gut, sagt sie und lächelt.
- Finde ich auch.
- Ich muss dann weiter, sagt sie und beißt sich auf die Unterlippe.
- Na dann, sagt er, auf bald vielleicht.
Sie stellt das Jogurt zurück, nimmt sich ein neues, kühleres.
- So wird das nie etwas werden, sagen die Freundinnen.
Sie sagen, sie solle ihn doch fragen, ob er mir ihr etwas trinken gehen wolle, etwas Alkoholisches. Dann wüsste sie woran sie sei.
- Das hat keinen Stil, sagt Katrin dann.
- Männer werden gerne erobert, alle werden gerne erobert, sagen die Freundinnen.
- Manche nicht, sagt Katrin dann.

 

V möchte nicht erobert werden, da ist sie sicher. Und aus der Sache mit dem Deutschen kann gar nichts werden, denn sie ist bereits verliebt: in V. Wenn sie sich von V verabschiedet, denkt sie, dass das mit der großen Liebe nichts wird, bis sie V wieder trifft, im Supermarkt, auf dem Weg in die Arbeit, vor der Videothek, in dem einen Lokal am Eck, in das sie oft vergeblich geht, bis sie ihn wieder vergisst, bis sie ihn wieder trifft, bis sie sich verabschiedet und denkt, dass das mit der großen Liebe nichts wird.

 

Abends liegt Katrin im Bett und rettet die Welt. Das Glück muss kommen, denkt sie, weil ja ohnehin so viel davon da ist. Wie es wohl sein wird, das Glück.

 

- Welche Farbe hat das Glück, fragt Jan, er liegt neben ihr, stützt sich auf seinem rechten Ellenbogen ab.
- Nicht gelb und schwarz, sagt Katrin und streicht die k. & k. Bettwäsche aus Satin, die sie so hässlich findet, glatt.
- Ich habe sie genommen wegen des Bieneneffekts, hatte Jan gesagt.
- Gefällt sie dir, hatte er gefragt.
- Mmh, hatte Katrin ihm geantwortet, zu kaiserlich.
- Du hast kaiserliche Patina auf deiner Retina, schwarz-gelb gespiegelt, sagt Jan nun.
- Unterm Kaiser war zuletzt alles tot, sagt sie.
- Du bist so negativ, sagt er, du bist so schön.

Ihre Augen sind braungrün. Schwarz-gelb gespiegelt.

 

Die Autorin:

geb. 1975, lebt in Wien, Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin, Texterin und Sängerin der Band maronif, schreibt Lyrics und Lyrik, Prosa, Essayistisches, Theaterstücke. 1995 New York-Aufenthalt. Absolventin der Leondinger Akademie für Literatur 2007/08. Bruno Kreisky Anerkennungspreis für das politische Buch 2002. Zweiter Platz beim FM4-Protest-Songcontest 2006 mit "subversiv". Veröffentlichungen in Zeitschriften (z.b. kolik, DUM, the gap) und Anthologien. Autorenstipendium der Stadt Wien 2009. Zuletzt erschien: sehnsucht: südsee, Wien, 2008.